Tim Renner "Wer exzellent sein will, muss leiden"

Musikmanager Tim Renner über Ideen und Ideale im Beruf, Karriere aus dem Bauch heraus und die großen Chancen der Kreativwirtschaft. Renner legte in den 90ern eine Blitzkarriere in der Musikindustrie hin und gilt seitdem als Sprachrohr der deutschen Musikbranche.

Vasco Boenisch | , aktualisiert

Wenn man sich Ihre Karriereschritte bis 2001 zum Vorstandschef von Universal Deutschland so anschaut: Studiumsabbrecher, freier Journalist, Topmanager – ist so was heute noch denkbar?
Ich glaube, schon. Das Schöne an der Musikwirtschaft ist ja, dass es keine klaren Karrierewege gibt. Durch die Krise der Branche sind zwar viele BWLer zum Zug gekommen, deren Karriere über das Controlling lief, aber Kreativität zählt noch immer.

Es scheint, als hätten Sie Ihre Karriere immer aus dem Bauch heraus verfolgt.
Der Studiumsabbruch war überlegt. Das Germanistikstudium hatte zwar den Vorteil unglaublich attraktiver Studentinnen, aber auch genau den Nachteil, dass viele unglaublich attraktive Studentinnen Germanistik studierten, weil sie nicht wussten, was sie sonst studieren sollten. Als die dann im Proseminar schon an der Frage scheiterten, was ein Dativ sei, war mir klar, dass der universitäre Weg – der mich weiter an die Journalistenschule, weiter in einen großen Verlag und dort vielleicht in gute Jobs gebracht hätte – nicht mein Weg sein konnte. Dann lieber weiter als „ungelernter“ Journalist arbeiten und etwas Großes abliefern, etwa ein Buch. Das war quasi Kalkül.

Aber auch mit der Buch-Idee haben Sie dann gebrochen.
Und das war wirklich eine Bauchentscheidung. Bei meiner Undercoverrecherche übte ich in der Musikindustrie einen Job aus und ging darin immer mehr auf, sodass ich dann richtig bei Polydor einstieg, Element of Crime unter Vertrag nahm und Philip Boa und meinen ersten Charterfolg landete.

Wie wichtig ist es, nur das zu machen, was man wirklich will?
Wahnsinnig wichtig. Das ist der große Unterschied zwischen gut sein und exzellent sein. Ohne mir im Nachhinein das Zeugnis der Exzellenz ausstellen zu wollen. (lacht)

Was meinen Sie mit dieser Unterscheidung?
Man kann sehr erfolgreich sein und das mit sehr großem Spaß, wenn man eine Sache macht, die einen emotional sehr berührt. Mit viel Mühe und Nachlesen könnte ich vielleicht auch gut als Biophysiker arbeiten, aber ich hätte immer das Gefühl einer Belastung. Und wenn ich etwas belastet mache, mache ich es nicht gut. – Meine Familie fand meinen Entschluss damals natürlich völligen Wahnsinn. Aber ich habe so ein besseres und erfolgreicheres Leben gehabt.

Nicht jeder ist der Typ für solche Bauchentscheidungen.
Ich glaube, jeder hat in sich die Leidenschaft und kann einen solchen Schritt gehen. Man muss natürlich die Sache finden, in der diese Leidenschaft steckt.

Und wie findet man sie?
Das sind zwei Prozesse. Einerseits muss man Sachen, die einen wirklich interessieren, durchziehen. Bei mir waren es offensichtlich Musik und Kommunikation. Die Gefahr besteht allerdings im Verzetteln. Ich habe als Jugendlicher zeitgleich eine Band gemanagt, selbst eine Band gehabt, Radio gemacht, ein Fanmagazin herausgegeben, für den Hamburger Senat Videomagazine gedreht... Da macht man schnell so viel, dass man alles nicht mehr gut machen kann. Also: Erst auf sein Herz hören, aber dann strategisch und sehr selektiv vorgehen.

Wenn man nur macht, was man will, verdient man womöglich nicht viel Geld.
Richtig, aber die Gefahr besteht auch bei einem normalen Brot-und-Butter-Job, auch der kann schnell kippen. Mein Ansatz wäre immer: Man wird Dinge, die einen ernähren, dort finden, wo man große Leidenschaften hat. Eventuell muss man Nebenjobs eingehen. Aber ich glaube, das größte Potenzial liegt darin, seine Ideen zu verwirklichen und den Leidenschaftsweg zu gehen. Man könnte quasi sagen: Wer exzellent oder kreativ sein will, muss leiden.

Und trotzdem muss man immer wieder Kompromisse eingehen. Wie war das bei Ihnen?
Das marktwirtschaftliche Denken als Universal-Chef fand ich gar nicht problematisch. Für mich war es mehr die Entkopplung vom kreativen Prozess, von der Szene, auch von kreativ orientierten Mitarbeitern. Plötzlich war ich zuständig für alle musikalischen Aktivitäten eines Konzerns, und meine Mitarbeiter waren nur noch die Chefs der einzelnen Labels, der Finanzabteilung und der Rechtsabteilung. Ich musste die Fusion der zwei Konzernteile Universal und Polygram lenken, und wäre nie im Leben darauf gekommen, dass das so funktioniert, dass mir freundliche, frische Uni-Absolventen von Boston Consulting gegenüber sitzen und mir erklären, dass 650 Mitarbeiter Polygram und 130 Mitarbeiter Universal in der Addition 500 zu ergeben haben. Da war ich fassungslos. Das war für mich der Punkt, an dem ich mich durch die Karriere von den Ideen und Idealen entfernte, ob derer ich eigentlich da war.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über Tim Renners größte Flops, seinen Streit bei Universal und wie er sich eine neue Existenz aufbaute.

Man liest immer nur von den Musikern, die Sie entdeckt haben. Gab es auch Flops?
Klar doch. Ich habe etwa gleich zu Beginn meiner Karriere eine deutliche Fehlentscheidung getroffen, die Band hieß Kamerata, Synthie-Poper aus Berlin, die so schön in die gerade entstehende Depeche-Mode-Lücke passten. Die fand ich nicht gut, die fand ich kommerziell. Es ist mir dann wahnsinnig schwer gefallen, mit der Band zu arbeiten, weil ich mich innerlich so wenig identifizieren konnte. Die gleichen Handgriffe, die mir für Element of Crime oder Philipp Boa leicht von der Hand gingen, die Extrastunden im Büro, waren plötzlich eine Qual. Und entsprechend war ich weniger erfolgreich, ich habe eine Marketingkampagne gemacht, die nicht zu der Band passte. Da dachte ich: Ein Job in der Musikwirtschaft ist immer ein heißer Stuhl; also wenn man ihn mir vor die Tür stellen sollte, bitte nicht wegen Kamerata, einer Band, die ich nicht meinen besten Freunden vorspielen würde. Wenn, dann nur wegen etwas, wo ich sagen könnte: Hört euch das an, deshalb habe ich meinen Job verloren, das war es wert.

So ähnlich kam es ja dann auch. 2004 verließen Sie Universal wegen inhaltlicher Differenzen. Sind Sie gegangen – oder gegangen worden?
Genau dazwischen. Ich hatte ein Budget für 2004 durchgesetzt, um meine Pläne für ein Downloadportal zu verfolgen und nationale Künstler zu fördern. Das war im September 2003 abgesegnet worden, im Dezember aber sagte mein Chef, es täte ihm wahnsinnig leid, doch meine New-Media-Mittel seien gestrichen und bei meinen nationalen Künstlern müssten 52-prozentige Etateinsparungen erfolgen. Da habe ich kurz nachgedacht und dann gesagt: „Sorry, das macht keinen Sinn. Nur über meine Leiche.“ Darauf lautete die Antwort: „Dann bist du jetzt tot.“

Klingt ja wie High Noon.
Man hat ein paar Sekunden Zeit zu überlegen, unterwirft man sich jetzt, dann wird aber alles noch viel schlimmer. Oder ist das wirklich der Punkt, an dem Grenzen überschritten werden, weshalb man sich trennen sollte. Rückblickend war es richtig, dass jeder bei seiner Position blieb. Ich hätte meinen Job unter den Bedingungen sicher nicht gut gemacht, denn ich hätte mich noch weiter von dem entfernt, was ich über Leidenschaft und Exzellenz gesagt habe.

Sind Sie ein Idealist?
In meinem Wortverständnis: nein. Ich bin niemand, der schon glücklich ist, wenn er nur mit seinem Ideal zu tun hat, auch wenn es vielleicht nicht funktioniert. Ich bin ein Idealist, der ergebnisgetrieben ist.

Aber wie schwer sind solche Entscheidungen: Ideale vs. berufliche Existenz?
Auch wenn es wehtut, eine Sache, die man 17 Jahre lang mit aufgebaut hat, zu verlassen, tut es wohl noch stärker weh, im Beruf gegen seine eigenen Ideale anzutreten. Da ist es wesentlich einfacher, Sachen neu aufzubauen, die den eigenen Idealen entsprechen.

Sie waren natürlich finanziell gut abgepolstert.
Es war eine sehr luxuriöse Situation, in der ich über meine Existenz entschieden habe, das stimmt. Wäre mir das gleiche einige Jahre früher passiert mit Familie und Ernährungsverantwortung, dann hätte ich die Zähne zusammen gebissen und nicht gekündigt. Aber ich hätte gedacht: Okay, von diesem Moment an suche ich mir jetzt einen anderen Job.

Hatten Sie damals nicht schon Familie?
Meine Frau arbeitet auch, und ich habe nie einen übermäßig teuren Lebensstil gepflegt. Der einzige Luxus den ich mir leiste, ist zu reisen. Ich bin auch als Universal-Chef Fahrrad gefahren und habe bis heute keinen Führerschein.

War Ihre anschließende Weltreise Ausdruck eines Ausstiegswillens?
Es war vor allem ein ewig gehegter Traum. Es ging aber auch darum, mich zu sammeln, herauszufinden, wo es eigentlich hingehen sollte. Die Versuchung war zu sagen: Na gut, wenn nicht für Universal, dann mache ich es eben für X oder Y. Obwohl ich von der Logik her sofort wieder in die gleiche Situation gekommen wäre. Das wäre ein großer Fehler gewesen.

Sie haben dann ja tatsächlich relativ neu angefangen und mit Motor Entertainment Ihr voriges Plattenlabel zu einem umfassenden Firmennetzwerk ausgebaut. Worin unterscheidet sich Ihr Berufsleben jetzt?
Ich beschäftige mich nicht mehr damit, irgendwelche Reportings abzufordern, gegenzulesen oder selbst zu schreiben. Mein Leben ist mehr vom Tun denn vom Darüberberichten geprägt. Gegenstände, mit denen ich mich beschäftige, suche ich mir selbst aus. Und Geschwindigkeiten in der Entwicklung kann ich selbst steuern – zusammen mit meiner Frau gehören mir 75 Prozent des Unternehmens. Wenn ich länger Urlaub machen will, dann mache ich länger Urlaub.

Das klingt privilegierter als die Arbeit als Top-CEO.
Was hilft dir ein hohes fünfstelliges Monatsgehalt, wenn du keine Freizeit mehr erlebst, nur weil dein Leben daraus besteht, Zahlen zu wälzen; dich mit Sachen rum zu schlagen, auf die du keine Lust hast; oder abends mit internationalen Künstlern essen zu gehen, die dir inhaltlich am Arsch vorbei gehen?!

Lesen Sie auf der nächsten Seite Tim Renners Tipps zum Aufbau eines eigenen Firmennetzwerks gibt, seine Einschätzungen zur derzeitigen Wirtschaftspolitik und zu den Potenzialen der Kreativwirtschaft.

Welche Qualifikationen braucht man, um ein solches Firmennetzwerk aufzubauen?
Man braucht die Fähigkeit – es sei denn, man ist stinkreich –, die Finanzierung aufzutreiben, also das Vorhaben gegenüber Finanziers darstellen zu können. Man braucht ferner die Qualifikation, starke Mitspieler an sich zu binden, denn allein würde man sich aufreiben oder zu langsam sein. Und man braucht eine gewisse Neugierde, weil einem sonst schnell langweilig wird.

Wie man liest, sind Sie auch Ratgeber führender SPD-Politiker, früher von Gerhard Schröder, heute von Klaus Wowereit. Was können die von Ihnen lernen?
Ich weiß nicht, ob die überhaupt etwas von mir lernen können, und ich würde mich auch nicht als deren „Berater“ bezeichnen. Ich kann bestenfalls eine andere Position spiegeln, wenn einer mich danach fragt. Zum Beispiel: Man muss den Mut zur Veränderung haben, wenn Prozesse zum Stillstand kommen, sonst schädigt man das, wofür man angetreten ist. Es macht keinen Sinn, aus reinem Populismus heraus – das wäre der politische Vergleich – Sachen zu machen, an die man nicht glaubt. Umgekehrt muss man auch bestimmte Schnitte machen können und sagen: „Dafür stehe ich ein, das ziehen wir jetzt durch – oder wählt mich ab.“ Und dann auch in Kauf nehmen, dass man im Zweifelsfall abgewählt wird.

Das klingt sehr nach Agenda 2010.
Die Agenda 2010 war in diesem Sinne mutig und konsequent. Man konnte nicht verantworten, einfach noch ein bisschen Wohlfühlpolitik zu machen. Das wäre damals fatal gewesen. Ich glaube, da hätten sich die agierenden Personen nicht mehr ins Gesicht schauen können. Insofern finde ich es auch gefährlich, wenn man sich schon zu solch schwierigen Einschnitten durchgerungen hat, dass andere später die Reformen nicht weiter oder gar zurückdrehen wollen, obwohl sie sich schon als richtig erwiesen haben. In diesem Sinne spreche ich besonders einem Oskar Lafontaine jede Form von Verantwortungsbewusstsein ab.

Gibt es wirtschaftspolitische Entscheidungen, die Ihrer Ansicht nach falsch laufen?
Ich finde all jene Diskussionen absurd, die verzweifelt versuchen, alte Systeme zu retten. Ein schönes Beispiel: die Debatte um die Pendlerpauschale. Die Idee einer Mobilitätssubvention in Zeiten rückläufiger fossiler Ressourcen, in Zeiten einer anstehenden CO2-Katastrophe ist völlig absurd und politisch unverantwortlich.

Aber Mobilität lautet doch das Gebot der Stunde.
Mobilität heißt für mich aber, wirklich beweglich zu sein. Es gibt eine hohe Beweglichkeit von Gedanken durch das Internet, die nicht darauf basiert, dass ich etwas körperlich von A nach B schaffe. Und es gibt Formen von Arbeit, die nicht mehr bedeuten, dass Leute riesige Strecken zurücklegen müssen, um ihre Arbeit verrichten zu können. Mobilität bedeutet auch eher, für einen Job mal umzuziehen. Die Pendlerpauschale fördert ja auch nicht wirkliche Mobilität in Form von Dienstreisen, sondern nur, dass Leute möglichst weit entfernt vom Arbeitsplatz wohnen. Das zu fördern, finde ich abwegig.

Sie sprachen ja bereits von Jobs, die aus Ideen erwachsen. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida hat für solche Berufe den Begriff „Creative Class“ geprägt. Ist das die Zukunft der Arbeitswelt?
Bei Richard Florida ist der Begriff sehr weit gefasst und beinhaltet auch Ärzte oder Rechtsanwälte. Seine Aussage ist aber dennoch richtig: Den Wettbewerb auf dem Welt- und Arbeitsmarkt können wir als teurere Produktionsregionen nur überleben, indem wir Mehrwert aus dem schöpfen, was wir vorher als Bildung gesät haben.

Und wie steht es um die deutsche Ceative Class?
Ich spreche lieber von den Creative Industries, also der Kreativwirtschaft, zu der wirklich nur die Hersteller und Distributoren medialer oder künstlerischer Produkte gehören. Diese Branche erreicht in Deutschland Größenordnungen, die größer sind als die gesamte Automobilindustrie inklusive Zulieferer. Aber weil sie so kleinteilig ist, hat sie eine viel schlechtere Lobby. Wir reden hier über Betriebe, die laut Kreativwirtschaftsbericht Berlin im Schnitt 3,2 Mitarbeiter haben. Folglich wurde die Branche in ihrer eigentlichen Stärke und Relevanz für die Volkswirtschaft lange Zeit übersehen.

Welche Potenziale bietet die Kreativwirtschaft denn?
Das entscheidende Potenzial liegt darin, Ideen zu entwickeln, mit denen man auf dem Weltmarkt agieren kann. In der Musikindustrie bricht beispielsweise gerade die starre Konzentration auf angloamerikanische Produktionen auf. Nun ist Tokio Hotel nicht meine Lieblingsband, aber dass eine deutsche Gruppe plötzlich den MTV Newcomer Award gewinnt, das wäre früher nicht möglich gewesen, weil die ersten Schritte – nämlich die Verbreitung über das Internet – nicht möglich waren. Das heißt, wir haben mittlerweile eine andere Kommunikations- und Vertriebsbasis für Ideen. Wir haben einen globalen Markt, und den können wir aus allen Nischen bedienen und das ziemlich schnell. Das macht die Kreativindustrie so interessant. Sie hat die gesamten Effekte der Digitalisierung schon durchgemacht hat, und ihr eröffnen sich im Zusammenspiel aus Digitalisierung und Globalisierung völlig neue Marktchancen.

Bietet die Kreativwirtschaft auch Chancen für Leute, die nicht kreativ sind?
Die Kreativwirtschaft braucht Leute mit kreativem Verständnis, aber nicht nur Kreative. Auch wir haben einen Chefbuchhalter, der ein kreatives Verständnis hat, aber hoffentlich nicht allzu kreativ ist. Managementassistenten müssen Kreative aushalten und hinter deren Chaos wieder Strukturen und Ordnung schaffen. Kreativwirtschaft heißt Umgang mit Kreativen und mit kreativen Gütern, das heißt nicht unbedingt eine überbordende eigene Kreativität. Im Gegenteil: Kreatives Verständnis bei einer gewissen Strukturiertheit ist teilweise sogar wichtiger, als total kreativ zu sein.

Lesen Sie auf der letzten Seite Tim Renners Bewertung der Hochschulen in Sachen Kreativwirtschaft, seine Vorschläge für eine bessere soziale Absicherung von Freiberuflern und ob Musik für ihn eher Inspiration oder Frustkiller ist.

Wie gut sind die Hochschulen auf diesen Wandel der Arbeitswelt vorbereitet?
Die Hochschulen haben sich in Deutschland sehr lange schwer getan, überhaupt wirtschaftsbezogen auszubilden. Diesbezüglich haben sie in den letzen Jahren bedeutend dazugelernt. Nun auch noch einen schnellen Wandel, den die Wirtschaft in Teilen vollzieht, zu verstehen, in Programme umzusetzen und zu lehren, ist viel verlangt, aber man muss es von den Hochschulen im Interesse der Lernenden und der Volkswirtschaft verlangen.

Im Moment ruft man ja eher nach Ingenieuren als nach Kreativen.
Alles, was zu den Geisteswissenschaften gehört, wurde gesellschaftlich lange als l’art pour l’art angesehen. Und noch heute gibt es Vorwürfe, etwa der Berliner Regierende Bürgermeister täte zu wenig für klassische Industrieansiedlungen – das ist doch völlig absurd. Wir laufen immer noch der Chimäre hinterher, wir könnten mit unseren Lohnstückkosten in der industriellen Produktion mit Territorien wie Pakistan oder Indien konkurrieren. Das ist sogar möglich, aber dann müssen wir auch mit den Sozialstandards von Pakistan und Indien leben wollen. Ich will das nicht. Insofern kommt es auf ein anderes, moderneres Industrieverständnis an, auch an den Hochschulen.

Was raten Sie einem Absolventen, der in der Kreativwirtschaft arbeiten möchte?
Der erste Schritt wäre: Geh dorthin, wo deine finanzielle Belastung gering und deine persönliche Freiheit groß ist und wo du die meisten anderen Kreativen findest. Das heißt für Deutsche: Geh nach Berlin. Und sonst: Engagiere dich in einigen wenigen Punkten, die deiner größten Leidenschaft entsprechen, und tue das konsequent. Warte nicht darauf, dass Sachen auf dich zukommen, sondern schaffe sie selbst. Nutze den Vorteil, der dir in der digitalen Welt gegeben ist, dass sich Produktion, Distribution und Kommunikation demokratisiert haben, also nicht mehr die Welt kosten. Mach die ersten Schritte alleine und sieh dann zu, dass du dich aus dem Selbstbewusstsein des eigenen Erschaffenen mit den großen Firmen auseinandersetzt. Das wäre ein guter Weg.

Die Branche lebt von Freiberuflern?
Die klassische Jobdefinition greift in vielen Kreativbereichen nicht mehr. Bei Motor Entertainment arbeiten gerade mal 16 Festangestellte, aber rings herum schwirren jede Menge Freiberufler, sodass wir vielleicht auf 50 regelmäßige Mitarbeiter kommen. Ich habe hier durchaus viele Freie, die ich gern binden würde, die sich aber nicht binden wollen, weil sie nicht glauben, dass sie dadurch größere Sicherheiten haben, sondern nur geringere Freiheiten, noch andere Jobs nebenher zu machen.

Aber das ist für die Unternehmen ja auch billiger.
Ja und nein. Man könnte sagen, man sparte sich die Sozialabgaben; aber ein guter freier Mitarbeiter wird mir beim Honorar mehr abverlangen, um da eine Kompensation zu erhalten. Problematischer ist es bei Berufsanfängern oder Leuten in austauschbaren Positionen, da wird in der Branche sicher gern Personal eingespart. Da sehe ich auch politisch eine riesige Gefahr.

Welche?
Es entsteht eine Art Kreativitätsprekariat, für das unsere sozialen Sicherungssysteme kaum greifen. Gute Nacht, wenn da einige von meinen Freunden richtig krank oder alt werden! Da läuft unser System große Gefahr, dass ein Teil der Gesellschaft, der für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr entscheidend werden kann, sich außerhalb seiner Sozialsysteme bewegt. Die Politik hat dafür noch keine Antwort.

Haben Sie eine?
Ich bin ein großer Freund von Ideen, wie sie zum Teil in Skandinavien praktiziert werden. Dort wird nicht unterschieden, ob jemand fest angestellt ist oder nicht, sondern auf jede Einnahme werden Abgaben für die Sozialversicherungen erhoben. Das wäre auch das bessere System für uns, weil es stärker dem aktuellen Stand der Beschäftigung entspräche.

Letzte Frage an einen, dessen Berufsleben aus Musik besteht: Ist Musik eher Inspiration oder Frustkiller?
Musik ist für mich eher Inspiration, wobei ich Frust durchaus inspirierend finde. Zur Kreativität gehört ja, dass man auch der Destruktion etwas abgewinnen kann. Wenn sich Sachen verschieben, verhärten oder gar zusammenbrechen – was auch Frustration erzeugen kann –, entsteht dadurch immer auch Aufbruch.

Aber wann drehen Sie das Radio lauter?
Das Radio wird dann doch lauter gedreht, wenn es mir gut geht.

Selfmademan Tim Renner:
Seine erste Band, in der er spielte, hieß Quälende Geräusche. Seine erste Band, die er unter Vertrag nahm, Element of Crime. Tim Renner, 44, legte in den 90ern eine Blitzkarriere in der Musikindustrie hin und gilt seitdem als Sprachrohr der deutschen Musikbranche. Nachdem er sein Germanistikstudium abgebrochen hatte, stieg er 1986 bei Polydor ein und übernahm drei Jahre später die Leitung der Polydor Progressive Music. 1994 gründete er die Plattenfirma Motor Music, mit denen er Bands wie Tocotronic oder Absolute Beginner aufbaute. Als Polygram mit Universal fusionierte, stieg Renner 1998 zum Präsidenten, später auch Vorstandschef von Universal Music Deutschland auf. Er arbeitete mit Stars wie Eminem, U2 und Pavarotti, förderte aber auch weiter nationale Künstler. 2003 ernannte ihn das Weltwirtschaftsforum zu einem von hundert Managern der Zukunft. 2004 verließ er Universal im Streit. Seitdem kümmert er sich um den Ausbau seines Firmennetzwerks Motor Entertainment, zu dem zwei Radiosender in Berlin und Stuttgart, eine Management- und eine Tourneeagentur, ein Musikverlag sowie ein IPTV-Sender gehören. Mit Ehefrau und zwei Töchtern lebt er in Berlin.

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