Thinktanks Kreativ-Labore für Pioniere und Fantasten

Die kalifornische Singularity University bringt High-Tech-Gründer und lernwillige Manager zusammen. In diesem Kreativ-Labor entstehen ungewöhnliche Ideen für das Geschäft von morgen.

Britta Weddeling | , aktualisiert

Kreativ-Labore für Pioniere und Fantasten

Foto: Jakub Jirsák / fotolia.com

Radikal vereinfachen will Alejandro Tocigl die Krebsdiagnose: Geht es nach dem Gründer von Miroculus in San Francisco soll sich sein neues Früherkennungsverfahren erstmals außerhalb von medizinischen Einrichtungen einsetzen lassen – für unter hundert Dollar pro Test und mit jeweils nur einem einzigen Tropfen Blut des Patienten.
 
Sein neues Analysegerät spürt darin bestimmte Krebsarten anhand von MicroRNA auf. Diese Moleküle gelten als einer der frühen Indikatoren für die Erkrankung. Bewährt sich Tocigls Idee, könnte das die Heilungschancen für Patienten deutlich verbessern und die Kosten für das Gesundheitssystem erheblich senken. Bisherige Verfahren zur Frühdiagnose von Krebs sind schmerzhaft und aufwendig. Das Gerät zur klassischen MicroRNA-Analyse kostet um die 35.000 Dollar, jeder Test Hunderte weitere Dollar.

Mischung aus VHS und Start-up-Inkubator

Auf seinen revolutionären Ansatz brachte Tocigl ein Besuch der Singularity Universität (SingularityU) im kalifornischen Mountain View. Die ungewöhnliche US-Einrichtung ist eine Mischung aus Volkshochschule für innovationsbegeisterte Manager und Start-up-Inkubator für ungewöhnliche Zukunftsideen aus dem High-Tech-Bereich. Der Clou der Privatinstitution: Beide Gruppen werden nicht separiert voneinander geschult und betreut, sondern treffen aufeinander, um sich auszutauschen. Und so neue Kontakte und Ideen zu entwickeln, von denen im Idealfall beide Seiten profitieren.

So kam auch Jungunternehmer Tocigl darauf, ein bewährtes Geschäftsmodell aus der Kosmetikindustrie auf die Medizintechnik anzuwenden. Wie beim guten alten Nassrasierer will Tocigl sein Geld künftig nicht mit dem Apparat selbst verdienen, sondern mit seinen austauschbaren Teilen. In seinem Labor stapeln sich inzwischen die dunkelgrünen, wechselbaren und mit Elektroden bestückten Pipettierplatten, die zur Blutanalyse in das hellblaue Diagnosegerät "Miriam" geschoben werden.

Unternehmertalent Tocigl sagt: "Die Singularity war entscheidend für unseren Erfolg. Nirgendwo sonst hätte ich so schnell die richtigen Partner für eine Gründung und die richtigen Mentoren für die wirtschaftliche Umsetzung der Idee getroffen."

Die Singularity University residiert auf dem berühmten Gelände namens "Moffet Federal Air Field", kurz: Moffet Field, einem vier Quadratkilometer großen Areal, auf dem früher die amerikanische Luftwaffe operierte und auf dem noch heute die Raumfahrtbehörde NASA ansässig ist.

Namhafte Unterstützer

Hier konnte der in Chile geborene Tocigl, gemeinsam mit der griechischen Molekularbiologin Fay Christodoulou und Jorge Soto, Big-Data-Spezialist aus Mexiko, in nur acht Wochen den ersten Prototyp entwickeln. Auch wichtige internationale Institutionen überzeugte er bereits von der neuen Idee: Zu den wissenschaftlichen Miroculus-Unterstützern zählen das European Molecular Biology Lab in Heidelberg und das National Institute of Health (NIH), die wichtigste Behörde für biomedizinische Forschung in den USA.

Seien es die Heilung von Krebs oder die Kolonialisierung des Mars – die Singularity University will die großen Herausforderungen der Menschheit meistern - und bringt dazu findige Gründer mit Managern etablierter Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammen. Keineswegs uneigennützig, wie Mitbegründer Peter Diamandis, selbst Multi-Unternehmer, sagt: "Die größten Probleme sind die größten Geschäftschancen. Der beste Weg, ein Milliardär zu werden, ist es, einer Milliarde Menschen zu helfen." Jetzt präsentiert die amerikanische Ideenschmiede ihre Philosophie erstmals auch in Deutschland. Am 20. und 21. April soll der "SingularityU Germany Summit" das Konzept Interessenten auf dem Messegelände am Berliner Funkturm vorstellen. Ein Magnet für Technikpioniere und  -fantasten gleichermaßen.

Mensch-Maschine-Synthese

"Singularity" – der Name der 2008 gegründeten Institution stammt von Mitgründer Ray Kurzweil. Der 68-jährige Google-Chefingenieur glaubt, dass Computer und Menschen langfristig miteinander verschmelzen. Diese Mensch-Maschine-Synthese könnte im Jahr 2045 darin gipfeln, dass der Mensch sein Gehirn mit allen persönlichen Gefühlen, Erfahrungen und Erinnerungen komplett in einen Computerspeicher lädt und somit unsterblich würde. Diesen Zustand nennt Kurzweil "Singularity". Was zu Deutsch etwa so viel wie "Einzigartigkeit" bedeutet.

Klingt zu abgedreht, um wahr zu werden? Genau diese Vorbehalte wollen Kurzweil und Diamandis mit ihrer Bildungsstätte der anderen Art überwinden. Groß zu denken und manchmal auch zu spinnen, das gehört zur Ideologie von Silicon Valley, allen voran von Google, das immer wieder mit Investitionen in sogenannte Moonshots von sich reden macht, wie firmenintern Projekte mit hohem Risiko und eher unklarem Ausgang genannt werden. Alphabet-Chef Larry Page gehört zu den wichtigsten Singularity-Förderern.

Seine Firma hat das gesamte Moffett Field seit kurzem gemietet und will im berühmten Hangar One – die größte freistehende Stahlstruktur der Welt – offenbar seine Drohnentechnologie testen.

"Alte Denkmodelle funktionieren nicht mehr"

"In Sachen Fortschritt denken viele Wirtschaftsführer immer noch zu chronologisch, von Anach Bnach C", sagt Pascal Finette, der das Singularity-Start-up-Lab leitet. Früher arbeitete er selbst bei Technikfirmen wie Ebay, Mozilla und Google, heute berät er Gründer wie Alejandro Tocigl, die bei Singularity landen, um aus Ideen Geschäftsmodelle und Prototypen zu entwickeln und sie finanzstarken Partnern zu präsentieren.

"Im Zeitalter der Digitalisierung funktioniert das alte Denkmodell nicht mehr, denn der Wandel vollzieht sich explosionsartig", ist Finette überzeugt. Die Chefs von morgen lehrt der Manager deshalb "exponentielles Denken", außerhalb der gewohnten Raster. "Wir leisten uns einen gewissen Größenwahnsinn. Aber ohne den wäre die Menschheit heute immer noch nicht auf dem Mond."

Für die jungen Gründer ist die Teilnahme am Start-up-Sommerprogramm kostenlos, sofern ihre Idee überzeugt. Wer allerdings nur die nächste coole Foto-App entwickeln oder schnelles Geld machen will, scheitert hier. Die jährlich rund 80 Teilnehmer der Gratis-Gründer-Starthilfe wohnen für acht Wochen direkt auf Moffett Field. Da, wo früher die Astronauten schliefen. Das inspiriert offenbar zu mehr.

Viele der Absolventen haben mit Unterstützung ihrer Mentoren, die sie bei Fragen zu Geschäftsmodell, Personal und technischer Entwicklung beraten, bereits Geschichte geschrieben. Das Start-up Made in Space etwa brachte in einer Rakete von Elon Musks Raumfahrtfirma SpaceX gemeinsam mit der NASA erfolgreich den ersten 3D-Drucker für die Produktion in Schwerelosigkeit zur Weltraumstation ISS.

Nach dem wissenschaftlichen Durchbruch, der weltweit für Schlagzeilen sorgte, arbeitet das Team nun an einem millionenschweren Folgeauftrag. Es hat gemeinsam mit der NASA den Roboterarm "Archinaut" entwickelt, der mit einem 3D-Drucker hergestellt werden und als Fertigungsroboter im Weltraum eingesetzt werden soll.

Erfolgsbeispiele
 
"Wir bringen solche Start-ups mit Großunternehmen zusammen", sagt Finette. "Wir glauben, dass Innovation funktioniert, wenn beide Welten zusammenarbeiten. Wir sehen uns als Vermittler." Ein weiteres Erfolgsbeispiel für diesen Ansatz ist die Kooperation von Fellow Robot mit dem amerikanischen Kaufhaus-Riesen Lowe's, das den Kommunikationsroboter NAVii in seinen Filialen zur individuellen Betreuung der Kunden einsetzt.
 
Die Partner aus der Industrie, zu denen auch der deutsche Pharmakonzern Bayer oder Getränkemulti Coca-Cola gehören, sponsern das Sommerprogramm für die Gründer. Weitere Einnahmen erhält der US-Thinktank aus dem einwöchigen Fortbildungsprogramm für Führungskräfte, das pro Person 12 000 Dollar kostet und in Kooperation mit Google und der Unternehmensberatung Deloitte durchgeführt wird. Es soll Manager darüber informieren, mit welchen Innovationen in den kommenden Jahren zu rechnen ist und wie sie diese zum Vorteil für ihre eigenen Geschäfte einsetzen können.

Singularity-Prinzip auch hierzulande anwendbar?

Aber lässt sich das Singularity-Prinzip nun so ohne weiteres auf Deutschlands Gründerszene übertragen? Stefan Balzer, der die Konferenz in Berlin organisiert, ist davon fest überzeugt. "Wir wollen die Denkmuster in deutschen Unternehmen verändern, zu mehr Risikobereitschaft und großen Ideen motivieren. Wir denken, das ist das, was Deutschland jetzt dringend braucht."

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