Tattoos und Piercings Karrierekiller Körperschmuck?

Tattoos und Piercings sind en vogue. Der Blick in unterschiedliche Branchen zeigt: Die Aufgeschlossenheit der Chefs wächst.

Sara Zinnecker | , aktualisiert

Karrierekiller Körperschmuck?

Foto: ninared/Fotolia.com

Rolf Buchholz hat ein besonderes Hobby: 453 Piercings und zahlreiche Tätowierungen schmücken jede Stelle seines Körpers. Dafür steht er im Guinnessbuch der Rekorde. Doch ist Buchholz weder Matrose, Türsteher oder Rockmusiker – wie es das Vorurteil erwarten ließe; der 54-Jährige arbeitet als IT-Fachmann bei der Deutschen Telekom. "Der Körperschmuck war für mich im Arbeitsleben nie ein Problem", sagt Buchholz. Im Gegenteil. Kollegen und Vorgesetzte haben seine Transformation zum wandelnden Ganzkörpertattoo mit Metallapplikationen in den letzten 13 Jahren verfolgt.

So extrem wie Rolf Buchholz betreibt Ilanit Mizrachi ihren Körperkult nicht. Doch hat auch sie beide Beine, Arme und auch Finger mit bunten Ornamenten überzogen. Verstecken unmöglich. Ihrer Karriere hat die Auffälligkeit nicht geschadet: Seit zehn Jahren ist die 39-jährige Modedesignerin beim Sporthersteller Adidas mitverantwortlich für die Kinderkollektion. Auch Mizrachis berufliches Umfeld reagierte positiv. So ist sie längst nicht die Einzige, die in ihrer Abteilung Tattoo trägt: "Im Adidas-Designer-Team hat jeder ein Tattoo, und wir zeigen das auch", sagt sie.

Jugendaffine Branchen stehen zum Körperschmuck

Die Deutschen, sie werden freizügiger. Kein Grillfest, kein Discobesuch, an dem nicht das ein oder andere Tattoo auf Schulter oder Nacken zu sehen ist. Sichtbare Tattoos und Piercings sind aber auch am Arbeitsplatz keine Seltenheit mehr - zumindest was ausgewählte Berufsfelder angeht.

Karrierecoach Gerhard Winkler beobachtet, dass Tattoos und Piercings in einigen Branchen sogar an Relevanz zunehmen. "Das Phänomen wird über jugendaffine, der Modernität und dem Zeitgeist verpflichtete Industrien wie Sport, Mode und Medien zum generellen Trend." Auffälliger Körperschmuck gilt hier als ästhetisch und cool, ist Ausdruck von Persönlichkeit und Selbstbewusstsein.

Sogar Frauen, die extrem im Rampenlicht stehen und für die Körperschmuck früher tabu war, verstecken ihn heute nicht mehr. Promis – von Topmodel Heidi Klum über Hollywood-Diva Angelina Jolie bis hin zur einstigen First Lady Deutschlands, Bettina Wulff, – machen es vor. Wer tätowiert und erfolgreich sein will, muss im Zweifel nur das richtige Arbeitsumfeld finden.

So wie Wirtschaftsinformatikerin Daniela Hagen. Als Expertin für Regeltreue ist die 34-Jährige auf dem Arbeitsmarkt begehrt. Doch nach nur sechs Monaten in einer Privatbank war ihr klar: "Da passe ich nicht rein." Die Ornamente, die sie sich auf den Rücken und die Schultern hatte stechen lassen, und die englischen Worte für "Wut, Sehnsucht, Liebe" auf ihrem Unterarm wollte sie nicht länger verhüllen. So wechselte Hagen den Arbeitsplatz und sorgt nun bei einem Kölner Dienstleister für E-Commerce dafür, dass die Gesetze eingehalten werden. Im Bewerbungsgespräch habe man ihr Tattoo am Rücken durchscheinen sehen. Doch statt darauf einzugehen, stellten die zukünftigen Chefs nur Fachfragen.

Diese Branchen finden Körperschmuck hässlich

Offenheit dominiert in einigen Branchen, in anderen kann Körperschmuck noch immer zum Karrierekiller werden: "Ich würde einem Studenten, der bei einem deutschen Mittelständler, einem Großunternehmen oder in einer international ausgerichteten Organisation nach oben kommen möchte, energisch davon abraten, sichtbare Hautzeichen zu tragen," sagt Karrierecoach Winkler.

Denn Tattoos und Piercings seien Statements, die ihre Bedeutung erst durch den Betrachter bekommen – und der richtet sich im Zweifel weiter nach dem Gewohnten.

"Befürchtungen und Ängste spielen eine Rolle", meint auch Inessa Kulich. Für den Personaldienstleister Robert Half vermittelt sie seit Jahren Fach- und Führungskräfte im Finanzdienstleistungssektor. Kulich vermutet, dass Tattoos oder Piercings im beruflichen Umfeld noch oft gleichgesetzt würden mit mangelnder Seriosität und Zielorientierung. "Im Kundenkontakt und teils auch intern muss allzu offensichtlicher Körperschmuck abgedeckt werden", sagt Kulich.

Beim ersten Vorstellungsgespräch würde sie jedem Bewerber mit auffälligem Körperschmuck raten, diesen abzunehmen oder zu verhüllen. Generell gelte für die Finanzdienstleister: lieber überkorrekt als zu leger.

Arbeitsrecht und Wertewandel

Ob ein tätowierter oder gepiercter qualifizierter Bewerber eingestellt wird, hängt vom Chef ab. "Ist ein privater Arbeitgeber der Meinung, dass ein sichtbares Tattoo nicht zur Unternehmensphilosophie passt, und stellt er deswegen jemanden nicht ein, handelt er nicht per se rechtswidrig. Üblicherweise wird der Bewerber den Ablehnungsgrund aber nicht erfahren", sagt Marco Ferme, Arbeitsrechtler bei der Kanzlei Beiten Burkhardt.

Allerdings vermutet Karrierecoach Winkler, dass sich Unternehmen bald noch mehr öffnen müssen: "Der sich verschärfende Personalmangel verlangt geradezu, dass Vorgesetzte auch gegenüber offensichtlich tätowierten oder gepiercten Bewerbern aufgeschlossener werden." Allzu gewagt erscheint Winklers Prognose nicht, wie erneut ein Beispiel der Deutschen Telekom zeigt: Erst vor kurzem hatte dort ein IT-Designer, der Tätowieren als Hobby betreibt, seinen Chef unter der Nadel.

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