Talentmanagement Für große Sprünge bestens geeignet

Unternehmen buhlen um die besten Talente. Wer die hellsten Köpfe für sich gewinnt, hat einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil - glauben zumindest viele Arbeitgeber. Aber was macht ein Talent aus?

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert

Für große Sprünge bestens geeignet

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Foto: adrenalinapura/Fotolia.com

Dass zu viel Ehrgeiz bisweilen schadet, musste William schon mit 13 Jahren feststellen. Im Schulkurs hatte er einen Stundenplan programmiert, doch dabei stürzte das Computerterminal ab. William kassierte einen Tadel, entmutigen ließ er sich nicht.

Ein Jahr später gründete William eine Firma, die Software für Verkehrszählungen verkaufte. Schon im ersten Geschäftsjahr nahm er damit 20.000 Dollar ein.

Heute ist William "Bill" Gates einer der reichsten Männer der Welt.

Kleine Auftritte auf der Bühne

David Christian Bongartz begann seine Karriere ebenfalls im Alter von 13. Der gebürtige Aachener spielte damals seine ersten CDs ein und erhielt einen Plattenvertrag. Mit 19 verschwand er zwar einige Jahre von der Bühne, über kleine Auftritte spielte er sich zurück.

Heute ist David Garrett einer der erfolgreichsten Geiger Deutschlands.

Früh angefangen

Auch David Seth Kotkin war schon früh erfolgreich. Der Elfjährige besserte sich sein Taschengeld einst mit Auftritten als "Davino, der Zauberjunge" auf. Heute kennt ihn die Welt unter seinem Künstlernamen David Copperfield.

Geschäftsmann hier, Musiker da, Entertainer dort. So unterschiedlich die Geschichten von Gates, Garrett und Copperfield auch sind, eines haben sie gemeinsam: Alle zeigten ihr Potenzial bereits in jungen Jahren.

Vor allem deshalb, weil sie viel Talent hatten.


Ursprünglich stammt der Begriff vom griechischen Wort "talanton" ab, was so viel heißt wie "Waage" oder "Gewicht". Im Neuen Testament ist die Rede von einem "anvertrauten Gut".

Talent ist eine Gabe, die man entweder hat oder eben nicht. Aber stimmt das überhaupt?

Keine Frage, echte Talente sind rar, immer schon. Doch erst in den vergangenen Jahren sind sie auch zu einem Wettbewerbsfaktor geworden, befeuert durch den viel zitierten demographischen Wandel.

Herausforderung für Personaler

Der Engpass an guten Nachwuchskräften ist die größte Herausforderung für Personaler, ergab vor wenigen Monaten eine Umfrage der Studnitz Management Consultants unter 160 Personalverantwortlichen.

Vielleicht liegt es ohnehin in der Natur des Menschen, dass er Dinge gerne vorhersagen würde. Umso faszinierender ist die Frage, was außergewöhnliche Talente ausmacht.

Lassen sich die zukünftigen Leistungen eines Menschen prognostizieren? Gibt es gar messbare Eigenschaften oder Erfolgsindikatoren?

Potenzial für Großtaten und Geniestreiche

Antworten auf diese Fragen suchen Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten. Einer der ersten Talentforscher war der ungarische Psychologe Géza Révész. Er begleitete für seine Studie im Jahr 1925 ein musikalisches Genie namens Erwin Nyiregyhazi.
Der konnte mit drei Jahren Melodien nachsingen, mit vier Jahren Klavier spielen und komponieren.

In den Fünfzigerjahren wiederum studierte der US-Ökonom Nathan Leites die Gemeinsamkeiten von Nachwuchsgenies in der damaligen Sowjetunion. Alle konnten sich zumindest über einen langen Zeitraum konzentrieren.

Damit deutete Leites an, was seine Nachfolger inzwischen bestätigen konnten. Zwar hat noch niemand einen sicheren Erfolgsfaktor gefunden. Aber immerhin: Erste Indizien gibt es.


Eines lieferte im Jahr 2007 die Psychologin Sabrina Trapmann, die damals an der Universität Hohenheim arbeitete. Für ihre Untersuchung wertete sie alle europäischen Studien aus, die sich dem Zusammenhang zwischen Schulnoten und Hochschulexamen gewidmet hatten.

Das Ergebnis: Die Abiturnote war die verlässlichste Aussage für den Studienerfolg. Wer ein gutes Abitur gemacht hatte, schnitt im Examen ebenfalls überdurchschnittlich gut ab.

Biss ist karrierefördernd

Hohes Potenzial zeigt sich zudem an gewissen Charaktereigenschaften. Der Psychologieprofessor Heinz Schuler von der Universität Hohenheim wertete einst 58 Forschungsarbeiten aus den vergangenen 30 Jahren aus. Und fand heraus: Besonders talentierte Menschen sind neugierig, offen für neue Erlebnisse und gewissenhaft.

Nervosität und geringe Stressresistenz hingegen sind Gift für die Karriere. Solche Charaktere sind schneller unzufrieden, geben rascher auf – und scheitern.

Die Psychologieprofessorin Angela Duckworth von der Universität von Pennsylvania hat noch eine weitere karrierefördernde Eigenschaft ausfindig gemacht: Biss, englisch "grit". Duckworth versteht darunter die mentale Ausdauer, Ziele langfristig zu verfolgen.

Wie wichtig ist Intelligenz?

Für eine Untersuchung besuchte sie knapp 300 Finalisten eines Wettbewerbs, bei dem Schüler Fremdwörter buchstabieren müssen. Zuvor analysierte Duckworth, wie viel Biss die Kinder im Alter von 7 bis 15 Jahren hatten und ließ sie einen Intelligenztest absolvieren.

Und dabei stellte sie fest: Kinder mit viel Biss übten länger – und schnitten im Wettbewerb besser ab.

Mehr noch: Durchhaltevermögen war sogar wichtiger als die Intelligenz.


Aber reicht das Potenzial für Großtaten und Geniestreiche schon aus, um einmal Erfolg zu haben? Ganz im Gegenteil. Denn solche Stereotypen können sich durchaus rächen.

Zu diesem Ergebnis kam im vergangenen Jahr Andrei Cimpian, Psychologe an der Universität von Illinois in Urbana-Champaign. In seiner Studie legte er 48 vier- und fünfjährigen Kindern ein Blatt Papier mit verschiedenen geometrischen Formen vor, Rechtecke, Kreise, Dreiecke und Sterne. In deren Mitte sollten die Kinder nun einen Kreis malen, ohne die Ränder zu berühren.

Vorab teilte Cimpian die Kleinen in zwei Gruppen. Der einen Hälfte sagte er: "Jungen (oder Mädchen) sind in diesem Spiel wirklich gut!" Die andere Hälfte bekam zu hören: "Es gibt da genau einen Jungen (oder ein Mädchen), der in diesem Spiel wirklich gut ist."

Individuelle Exzellenz als Reizfaktor

Die eine Hälfte wurde also mit einem Klischee konfrontiert. Sie ging davon aus, dass Jungen oder Mädchen sich in diesem Spiel generell gut schlugen. Die andere Hälfte wurde auf individuelle Exzellenz gepolt. Und dieser Unterschied beeinflusste die Leistungsfähigkeit im Mal-Spiel erheblich.

Kinder, die glaubten, dass der Erfolg vom Geschlecht abhing, schlugen sich schlechter. Selbst dann, wenn die Klischees etwas Positives vermittelten.

Mit Rückschlägen klarkommen

Für ein weiteres Experiment ließ Cimpian 144 Kinder noch schwierigere Aufgaben lösen. Der Clou: Bei manchen gab es keine Lösung. Damit wollte der Psychologe herausfinden, wie die Kleinen auf Hindernisse und Rückschläge reagierten.Wieder zeigte sich der negative Effekt der Stereotypen: Kinder, die an Klischees glaubten, schnitten am schlechtesten ab. Allein die Vorstellung eines naturgegebenen Talents schmälerte ihre Leistung.

Die Erkenntnis der Studie lässt sich auch auf Erwachsene übertragen. Selbst gut gemeinte Aussagen erreichen mitunter das Gegenteil. Dann nämlich, wenn der Glaube an Talent die Leistungsfähigkeit schmälert. Oder, wie es die legendäre US-Psychologin Carol Dweck von der Stanford-Universität einst ausdrückte: Menschen müssen wissen, dass sie Kontrolle über ihr eigenes Handeln haben – sonst stürzt das Selbstbild beim ersten Misserfolg in sich zusammen.

"Nutze die Talente, die Du hast", sagte einst der amerikanische Schriftsteller Henry van Dyke. "Die Wälder wären still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen." Mit anderen Worten: Es ist schön, ein Talent zu besitzen – es zu nutzen, aber etwas anderes.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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