Tagebuch Teil 2: Die Einführungswochen und der Autumn Term

Das MBA-Programm startete mit einer Führung durch die Schule, einschließlich Computer Lab und Library, gefolgt von einem zwanglosen ‚Get-together'. Jeder Student erhielt einen Laptop von Toshiba - nicht gerade ein High-end-Gerät (schon gar nicht für einen Informatiker...) aber ganz OK, um damit Reports zu schreiben und Präsentationen zu halten, und mit CD-Brenner ausgestattet.

Alfred Dietel | , aktualisiert

Sonst gab es in der ersten Woche nicht viel zu tun, abgesehen von dem bürokratischen Kleinkrieg mit den Banken: Ich musste ein Konto einrichten, um die fällige Zahlung der Studiengebühren anzuweisen; allerdings verweigerte man mir als ‚overseas student' die Kreditkarte. Überhaupt sollte man sich sehr schnell um ein Konto und eine ‚Switch-Card' (wie eine EC-Karte) bemühen, denn es dauert eine Weile, bis die Banken diese zur freien Verfügung stellen. Außerdem kann man sich auch bereits um ein Darlehen kümmern, falls man eine Finanzierungslücke hat; HSBC hat hier wirklich gute Konditionen zu bieten.

Nach dieser eher administrativen Woche hatten wir einen Auffrischungskurs in Mathematik und vor allem Statistik, der uns einen kleinen Vorgeschmack auf die kommenden Semester gab. Kein Grund zur Beunruhigung, gutes Abiturniveau reicht völlig. Trotzdem tut der Auffrischungskurs gut, da man so auch die englischen Fachtermini kennen lernt. Die zweite Woche war etwas anstrengender für mich: Financial Accounting. In einer Woche Crashkurs bekommt man die komplette Buchführung vermittelt, natürlich gespickt mit jeder Menge Hausaufgaben. Dem, der keine Ahnung vom Thema hat, sei angeraten, sich schon vorher etwas fit dafür zu machen: Gerade für Naturwissenschaftler waren es teilweise böhmische Dörfer - und das auch noch in Englisch.

Ganz übel waren die Humanisten unter uns dran - kaum mathematische Vorbildung, und dazu noch nie was von einem ‚balance sheet' oder einem ‚profit-and-loss account´ gehört. Gott sei Dank gab es jede Menge Kommilitonen, welche schon einschlägige Berufserfahrung im Finanzwesen mitbrachten und daher weiterhelfen konnten. Übrigens waren diese beiden Einführungswochen für uns noch freiwillig. Ab dem nächsten Jahrgang sollen sie Teil des Pflichtprogramms werden, was auch sinnvoll ist: In diesen Wochen frischt man sein Englisch auf und knüpft die ersten Kontakte mit seinen Mitstudenten.

Nun zum absoluten Highlight der Einführungswochen: dem ‚Outdoor Training' in Brathay. Diese Ortschaft liegt im 'Lake District', und das ist sicherlich einer der landschaftlich schönsten Gegenden in England, mit kleinen Bergen und Seen, die zum Wandern einladen. Das durften wir denn auch tun: In der Mathematikwoche hatten wir einen sogenannten ‚Bellbin-Test' gemacht, auf Basis dessen wir in Gruppen von ca. 10 Leuten eingeteilt wurden. Dabei werden nach der Belbin-Mthode neun Teamrollen unterschieden:

- 3 action-oriented roles - Shaper, Implementer, Completer Finisher
- 3 people-oriented roles - Co-ordinator, Teamworker, Resource Investigator
- 3 cerebral roles - Plant, Monitor Evaluator, Specialist.

Jedes Teammitglied hat seine spezifischen Stärken und füllt eine oder mehrere Rollen aus. In unserem Fall gehörten zum Team zwei Coordinators und zwei Shapers, was unweigerlich zu Kompetenzgerangel führte. (Allerdings erfuhren wir erst am letzten Tag des Outdoor-Trips erfahren, dass die beiden so eingestuft worden waren.)

Kaum in Brathay angekommen, mussten wir uns in Rettungswesten zwängen und zu jeweils fünft mit Ruderbooten raus auf einen großen See. Dort mussten wir Ziele anrudern und gewisse Merkmale prüfen, immer mit der Vorgabe, zu einem bestimmten Zeitpunkt zurück am Ufer zu sein. Und was passiert natürlich dann bei einer Gruppe von engagierten MBAlern? Viel zu große Erwartungen, die Ziele wurden zwar angerudert - allerdings hat keines der Boote in der vorgegebenen Zeit das Ufer erreicht, und somit mussten fast alle Gruppen ihre Bonuspunkte, die sie mit dem Erreichen der Ziele errungen hatten, wieder abgeben... Das war eine interessante Lektion in Sachen Vorab-Planung und realistische Selbsteinschätzung.

 Auch bei den anderen Übungen machten wir sehr interessante Erfahrungen, vor allem die, sich auf seine Teamkollegen verlassen zu müssen. Beispielsweise wurde zwischen drei Bäumen in 12 Metern Höhe ein Drahtseil in Form eines V gespannt, auf dem man sich - gegenseitig abgestützt - so lange wie möglich auf den immer weiter auseinander laufenden Schenkeln des V vorwärts bewegen musste. Ein anderes Mal war auf einem etwa 1 cm breiten und 25 Meter langen Mauersims eine ganze Gruppe zur gegenüber liegenden Seite zu bringen, wobei eine andere Gruppe den Weg kreuzt. Und dergleichen mehr. Brathay diente vor allem dazu, den Teamgeist zu stärken und die eigenen Stärken und Schwächen (wie auch die der Teamkollegen) kennen zu lernen. Für manchen ergab sich dabei Überraschendes - im Positiven wie auch im Negativen...

Am letzten Tag des Outdoor Trainings gab es einen Competition Day, bei dem wir unsere Teamfähigkeit im Wettbewerb mit den anderen Teams unter Beweis stellen konnten. Außerdem bekamen wir individuelles Feedback von unseren Coaches, das für die Zukunft im MBA-Programm sicherlich noch sehr hilfreich sein wird.

Der Autumn Term

Am Montag, dem 30.9.2002, war es dann soweit: Wir hatten die erste offizielle Unterrichtsstunde - und man beglückte uns gleich zu Beginn mit Financial Accounting. Der zweite Paukenschlag, Statistik, folgte am selben Tag. Financial Accounting ist womöglich einer der wichtigsten Kurse - zusammen mit Managament Accounting und Corporate Finance im zweiten Term -, deshalb sollte man von Anfang an viel Zeit dafür investieren, da später Vieles auf diese Kurse aufbaut.

Am Montagnachmittag finden Tutorials statt, das sind Kleingruppen von 6 bis 8 Studenten, die über einzelne Themen aus den Studienfächern und das Design der Fallstudien diskutieren. Von der ersten Stunde an mussten wir hierbei einen Fall vor der Gruppe darstellen. Das hieß, dass jeder bis Weihnachten mindestens zwei Fälle abzuarbeiten hatte, welche in der Runde kritisch hinterfragt wurden. Dabei kam es auch schon mal zu hitzigen Diskussionen, denn da viele MBSler mehr als fünf Jahre Berufserfahrung aufzuweisen haben, war meistens mindestens einer dabei, der schon im gleichen Industriesektor schon gearbeitet hatte und die anonymisierten Firmen wiedererkannte.

Dienstags steht Economics, Organisational Behaviour und Marketing auf dem Stundenplan. Prof. Swann wurde letztes Jahr mit dem Teaching Award ausgezeichnet, und das merkt man auch: Bei ihm Volkswirtschaft zu hören macht einfach Spaß. Mitten im Term mussten wir eine Hausarbeit (5000 Wörter) zum Thema 'price discrimination' schreiben - sehr interessant, wie oft man eigentlich das gleiche Produkt zu einem Vielfachen des Normalpreises angeboten bekommt (z.B. Flugtickets oder Abonnements). In Organisational Behaviour lernt man vieles über Führungsstile, Motivation von Mitarbeitern oder auch politische Probleme in Firmen.

Das absolute Highlight am Dienstag aber ist Marketing mit Gordon Mandry - dem wohl besten Professor hier in Großbritannien. Seine Unterrichtsmethoden erinnern zwar etwas an die Bundeswehr (wer mehr als 5 Minuten zu spät kommt, fliegt raus; wer kurzzeitig einschläft, da er wieder mal die Nacht durchgearbeitet hat, wird unsanft geweckt und nach draußen befördert), und man glaubt gar nicht, wie schnell eine ganze Klasse ruhig sein kann, sobald der Professor den Raum betritt - so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Auf der anderen Seite habe ich noch nie so viel von zwei Unterrichtsstunden mitnehmen können wie bei ihm, und das ging jedem so, er kennt die Marketingszene wie seine Westentasche. Wer nicht mitarbeitet im Unterricht, der wird so lange mit bohrenden Fragen bombardiert, bis er sich beim nächsten Mal freiwillig vorbereitet und alle Cases liest. Eine harte Schule, aber sehr effektive Wissensvermittlung.

Mittwoch gab es dann zur Abwechslung wieder Financial Accounting (natürlich mussten wir dafür immer Hausaufgaben machen, welche dann im Kurs abgefragt wurden), außerdem Management Information Systems, eine Informatikvorlesung mit Schwerpunkt vor allem auf der gehobenen Anwenderebene (wie z.B. SAP oder Information Retrieval Systems). Am Nachmittag stand dann Personal Development auf dem Plan - darauf werde ich in einem eigen Beitrag detaillierter eingehen.

Donnerstag markiert den offiziellen letzten Tag in der Woche. Auf dem Stundenplan steht Organisational Design - also welche Unternehmensstrukturen für welche Ziele am besten geeignet scheinen, wobei die unterschiedlichen Interessensgruppen in den Firmen mit einzubeziehen sind. Economics und Marketing runden den Tag ab. Freitags ist "unterrichtsfrei" - oder besser gesagt: Fremdsprachentag. Jeder Student kann sich entsprechend fortbilden, dieses Jahr wurden mehr als 10 Sprachen angeboten. Ich habe mich mit Spanisch angefreundet.

In jedem Fach muss man pro Term ein bis zwei Präsentationen halten und meistens noch eine längere Hausarbeit schreiben, und für fast jede Stunde hat man einen Case vorzubereiten, wofür man schon mal einige hundert (!!) Seiten lesen muss... kurz: Man kommt ganz schön ins Schwitzen. So lernt man sehr schnell zu priorisieren, und manches überfliegt man dann einfach nur. Oft würde man sich etwas mehr Zeit wünschen, um auch alles im Detail zu verstehen, doch darum geht es hier nicht unbedingt - die immense Workload hat System und ist wohl typisch für die meisten MBA-Kurse, um Stress-Situationen der Arbeitswelt abzubilden.. Wochenenden oder Abende zum Bummeln und Genießen gibt es kaum.

Noch kurz zur Examenswoche: In einer Wochen werden alle Fächer in jeweils 3-stündigen Klausuren abgefragt - das war schon eine große Umstellung vom Deutschen System! Allerdings hilft man sich hier gegenseitig, es werden 'study groups' gebildet, in denen man gemeinsam lernt, oder man verteilt Zusammenfassungen von Büchern und Mitschriften von Vorlesungen. Im Schnitt kommt man während der Woche auf 2 bis 3 Stunden Schlaf pro Nacht, danach ist man total ausgepowert. Beim ersten "Heimaturlaub" über Weihnachten habe ich erst mal einen ganzen Tag lang geschlafen...

Und wer nun gedacht hatte, dass die Weihnachtspause den Namen auch verdient hätte, der wurde eines Besseren belehrt: Es mussten wieder Essays geschrieben werden - Abgabe am 6.1.2003 um 9 Uhr...

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