Studium Spielend studieren in Trier

Maic Masuch bildet in Trier Entwickler für Videospiele aus. Das Bachelor-Studium "Digitale Medien und Spiele" ist aber keine Daddelei, sondern harte Arbeit.

Tim Farin, Christian Parth | , aktualisiert

Maic Masuch schreitet zum ersten Abschlag. Er stellt seine Füße parallel auf, nimmt Maß, holt aus - und drischt den Ball in die Blätter eines emporragenden Baumes. "Golfen ist eigentlich gar nicht mein Hobby", sagt er. Er übt aber trotzdem weiter. Wieder und wieder probt er den perfekten Schlag. Schließlich schwingt er für die Wissenschaft. Der 42-Jährige mit dem hellen Hemd unter dem Wollpullover steht in einem Labor, hinter vergitterten Fenstern, vor einer rostbraunen Couch und schaut auf einen Breitbildfernseher. Sein Schläger ist die Fernbedienung einer Wii-Konsole, und Masuch testet die neue Golf-Simulation "Tiger Woods 09". Seine Erkenntnisse will er später den Studenten vermitteln. "Vom Spielverhalten her macht Golf auf der Wii einfach sehr viel Sinn", sagt er. Masuch ist ein Pionier. Als ordentlicher Professor verantwortet er seit Beginn des Wintersemesters den ersten Studiengang an einer öffentlichen Hochschule in Deutschland, der Absolventen gezielt auf die Entwicklung von Computerspielen vorbereitet. 20 Studierende haben die Zulassung für den Bachelor "Digitale Medien und Spiele" bekommen, darunter drei Frauen - etwas mehr als sonst in der Informatik üblich. Wenn man Masuch nach seinen Freiheiten bei der Konzeption des Studiengangs fragt, lacht er. Und er sagt: "Sie waren enorm, denn es gab in diesem Bereich sehr wenige Vorarbeiten und Strukturen." Zwar wächst gerade eine Generation von Professoren heran, die eine Affinität zu Videospielen hat.

Doch Masuch musste viele Grundlagen selbst schaffen. Vor zehn Jahren organisierte er, damals noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Informatik an der Uni Magdeburg, mit einem Kollegen ein Seminar zum Thema Computerspiele. Sein Doktorvater war begeistert, förderte Masuchs Karriere und verhalf ihm zu seiner Juniorprofessur. In diesem Jahr kam der Ruf von der Fachhochschule Trier. In dem Dachgeschoss eines schmucklosen Nachkriegsbaus entsteht gerade das Spielelabor mit allem, was für das Studium nötig ist: Auf einem Regal stehen die Konsolen Xbox 360, Wii und PS3, dazu ein Stereosystem und der HD-Bildschirm, daneben mehrere PCs und Monitore. In einem anderen Regal lagern Spiele aller Genres, Zeitschriften und Fachlektüre. Das Labor ist der Traum eines jeden Teenagers.

Die anderen Dozenten hingegen waren erstmal irritiert. "Es ist immer wieder passiert, dass Kollegen skeptisch waren, schon weil sie zu Hause zwei Kinder haben, die den ganzen Tag nur vor dem Bildschirm hängen und deren Schulnoten in den Keller gehen." Masuchs Fach ist nah dran an der Populär- und Konsumkultur. Da rümpfen ältere Kollegen schon mal die Nase. In den USA sieht das anders aus. An der University of Southern California in Los Angeles beispielsweise gehören Spiele längst zum Curriculum der Computerwissenschaften. Das ist auch notwendig, denn der Bedarf nach akademisch geschliffenen Entwicklern wächst rasant. Der Markt ist keine Nischenbranche mehr. 25 Milliarden Euro setzen die Hersteller nach Schätzungen weltweit um, sie haben das einstige Flaggschiff der Unterhaltungsindustrie, das Kino, abgehängt. Und dann sind da die enormen Herausforderungen, die in der Entwicklung eben dieser Blockbuster stecken. "Mit relativ begrenzter Hardware müssen in Echtzeit hochkomplexe Prozesse simuliert werden", sagt Masuch. Nur: "Bisher gibt es in Deutschland zu wenig Ausbildungsmöglichkeiten an den Universitäten und Hochschulen", sagt Volker Pinsdorf, der fürs Recruiting zuständige Manager bei Electronic Arts (EA) Deutschland.

Die Trierer Absolventen sollen alle Facetten dieser Industrie kennenlernen: die klassische Informatik mit ihren Programmiersprachen und Algorithmen, künstliche Intelligenz, die Visualisierung, aber auch das Entwerfen von Geschichten und Handlungen, die den Spieler fesseln. Die Teilnehmer müssen in Projektarbeit alle Stationen einer Entwicklung durchlaufen, von der ersten Idee bis zum fertigen Prototypen mit Grafik und Sound. Die Arbeit ist interdisziplinär ausgerichtet, denn Spiele sind komplex und entstehen nur in Teamarbeit. Wer allein tüftelt, kommt nicht weiter. Es gibt Storywriter, Designer, Programmierer und vieles mehr. "Natürlich lernen die Absolventen hier auch, wie man solche Projekte managt", sagt Masuch. Das sei Teil ihres späteren Berufs und treffe die Wünsche der Industrie: "Mehr gut ausgebildete Fachkräfte aus den angewandten Wissenschaften könnten auch die Entwicklung der Branche im Lande vorantreiben", sagt EA-Manager Pinsdorf. Das Trierer Studium bezeichnet Maic Masuch selbstbewusst als "Meilenstein". Bislang bieten private Institutionen - gegen erhebliche Gebühren - berufsbezogene Studiengänge an. An den öffentlichen Hochschulen Deutschlands hingegen bleibt die Ausrichtung der Informatik bei den bisherigen Konzepten. Da gibt es nur vereinzelte Module, in denen sich die Studenten mit Spielen auseinandersetzen. "Die Diskussion um Ballerspiele geht auch an den Unis nicht vorbei, selbst unter Kollegen gelten Spiele als hoch suspekt."

Eine Veranstaltung für Freaks, die einzig mit ihrem enzyklopädischen Wissen und ihrer Begeisterung glänzen, wird das neue Studium aber nicht sein. "Wer intensiv spielt, dem fehlt oft die kritische Distanz", erklärt Masuch. Er will den Studenten beibringen, durch das Spielen den Blick für die Produkte und Prozesse zu schärfen, statt sich vom Endgegner den Verstand rauben zu lassen. Das passiert noch zu häufig. In den Seminaren schwärmen die Studenten von den Spielen und verheddern sich in kleinsten Details. Davon müssten sie sich lösen, sagt Masuch. "Das ist ähnlich wie beim Film. Ein guter Kritiker weiß noch längst nicht, wie man etwas gut macht - da muss man eben etwas Abstand haben." Professionell und wissenschaftlich sollen zum Beispiel auch die Präsentationen seiner Studenten sein: In Zweiergruppen stellen sie Spiele vor, einer bedient die Technik, einer hält den Vortrag. Computer- und Videospiele mögen, aber nicht vergöttern - das ist eine der Qualifikationen, die Studenten mitbringen sollten. Dazu müssen sie genug Engagement haben, um ein Projekt auch mal nächtelang durchzuziehen, sehr gut Englisch sprechen und mathematisch begabt sein. Das Studium, sagt Masuch, sei keine Daddelei. Manchmal erfordere es sogar eine Engelsgeduld.

Früher war er selbst ein Fan. "Ich habe die Nächte durchgezockt." Er schwärmt von dem Piratenabenteuer "Monkey Island" und dem Ego-Shooter "Half-Life 2", und wenn er neue Spiele bekommt, ist seine Freude immer noch groß. Inzwischen schafft er es aber kaum noch, sich mehr als eine Stunde pro Tag zum Daddeln vor den Rechner zu setzen. Dafür lassen ihm die Arbeit und auch seine zwei Kinder zu wenig Zeit. "Meistens lasse ich inzwischen meine Studierenden spielen und bin dann an den Analysen interessiert." Um trotzdem möglichst nah an der Szene dran zu sein, setzt der Professor zusätzlich auf eine enge Verzahnung mit der Wirtschaft. Spiele aus dem vergangenen Jahr könne er seinem anspruchsvollen Publikum nicht als Studienmaterial vorlegen - also besucht er regelmäßig die Branchenmessen, wie etwa die jährliche Games Convention in Leipzig. Und er pflegt seine Beziehungen zu den großen Studios. "Das macht es leichter, Absolventen unterzubringen", erklärt er. Gefragt seien seine Studenten ohnehin. Die meisten, so glaubt er, werden einen Job haben, bevor sie mit dem Studium fertig sind.

Der Bachelor "Digitale Medien und Spiele" ist das erste Studium an einer öffentlichen deutschen Hochschule, in dem Studenten gebührenfrei zu Spiele-Entwicklern ausgebildet werden. www.fh-trier.de
An der Macromedia Fachhochschule der Medien kann man den Bachelor in Game Design an den Standorten München, Stuttgart und Köln machen. Die Semestergebühr liegt bei 3975 Euro. Günstiger ist der Studiengang an der Mediadesign Hochschule, die in Berlin, Düsseldorf und München vertreten ist. Kosten: 799 Euro pro Monat. www.macromedia-fachhochschule.de; www.mediadesign.de
An der SRH Fachhochschule in Heidelberg kann man im Bachelor-Studiengang Informatik den Studienschwerpunkt Game Design wählen. Monatlich kostet das Studium 520 Euro. www.fh-heidelberg.de

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