Studium Generale Reifezeit

Jura, Medizin oder doch lieber etwas mit Sprachen? Abiturienten haben die Qual der Wahl – und vielen fällt es schwer, direkt nach der Schule eine Entscheidung zu treffen. Deshalb bieten immer mehr Hochschulen ein "Studium Generale" zur Orientierung an. Ein Überblick.

Katja Stricker | , aktualisiert

Reifezeit

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Foto: Marco2811/Fotolia.com

Welches Fach passt zu mir? Diese Frage lässt viele Abiturienten schier verzweifeln. Kein Wunder, stehen doch hierzulande mehr als 9500 Studiengänge zur Auswahl.

Gerade wer in der Schule mehr als ein Lieblingsfach hatte, tut sich mit der Entscheidung schwer. Erst recht, wenn man durch die frühere Einschulung und G8 beim Schulabschluss gerade mal 17 oder 18 Jahre alt ist.

Hier kommt die Lösung für Unentschlossene: Zahlreiche Hochschulen und Kollege bieten ein meist einjährigen Orientierungsstudium – auch "Studium Generale" genannt – an.

Reinschnuppern und entscheiden

Das Besondere: Die Studenten haben die einmalige Chance, parallel in unterschiedlichste Fachrichtungen reinzuschnuppern – und letztlich zu sehen, wo die ganz persönlichen Talente und Vorlieben schlummern.

"Ein tolles Angebot, das ich mir eigentlich für alle Studienanfänger wünschen würde, denn ein Studium Generale schafft eine breite Grundlage", sagt Rolf Lachmann. Er ist Berufsberater für Abiturienten bei der Arbeitsagentur Köln. "Und die oft sehr jungen Abiturienten haben noch ein weiteres Jahr Zeit, um zu reifen – fachlich, aber auch persönlich."

Kostenpflichtig, aber sinnvoll

Weiterer Vorteil: Beim Studium Generale erlernen die Studenten, wissenschaftlich zu arbeiten. "Denn das kommt im eng getakteten Bachelor-Studium oft zu kurz", bemängelt Berufsberater Lachmann. Im günstigsten Fall lassen sich sogar schon erfolgreiche Prüfungen für ein späteres Bachelorstudium anrechnen.

Einziger Wermutstropfen: Ein Orientierungsstudium ist nicht immer billig, wenn es nämlich von einer privaten Bildungseinrichtung angeboten wird. So kostet zum Beispiel die Teilnahme am Leibniz-Kolleg in Tübingen 4700 Euro inklusive Unterkunft und Nebenkosten; für das Orientierungsjahr am Salem Kolleg in Überlingen fallen sogar 24.000 Euro an, allerdings inklusive Unterkunft, Verpflegung, Outdoor-Trainings und Studienreise.

Oft gibt es aber auch Stipendien. Und wer sich durch das Orientierungsjahr ein abgebrochenes Studium erspart, für den lohnt sich ein Reifejahr auf jeden Fall.




Schwerpunkte:


Mix aus wissenschaftsorientierten und künstlerisch-praktischen Angebot. Zur Auswahl stehen drei Studienschwerpunkte: Kunst/Design, Geistes-/Gesellschaftswissenschaften und Natur-/Angewandte Ingenieurwissenschaften. Außerdem werden Fremdsprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch sowie Einführungen in grundlegende Techniken und Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens angeboten.

Besonderheiten:
Seit 2013 bietet die Volkshochschule Ulm bis zu 60 Plätze pro Jahr an. Es gibt die Möglichkeit, ein Zimmer mit Vollverpflegung für 416 Euro pro Monat im Brauer-Internat zu mieten.

Bewerbungsverfahren:
Lebenslauf, Motivationsschreiben und Bewerbungsgespräch; Bewerbungen werden bis Ende April für den Start im Herbst angenommen.

Dauer:
Oktober bis Juli

Kosten/Stipendien:
2750 Euro ohne Unterkunft; es werden vier Vollstipendien und zwei Teilstipendien vergeben. 

Schwerpunkte:
Mehr als 100 Lehrveranstaltungen stehen zur Auswahl – aus den Bereichen Philosophie, Geschichte, Soziologie, Kunst-, Kultur-, Literatur- und Musikwissenschaften sowie in den praktischen Künsten: Musik, Literatur, Bildende und Darstellende Kunst, Darstellende Kunst.

Besonderheiten:
Praktiker aus Kultur, Politik und Wirtschaft vermitteln einen Einblick in die Berufspraxis dieser Fächer. In kleinen Tutorengruppen wird zudem gelernt, wie „Studieren“ geht, wie Hausarbeiten geschrieben und Referate gehalten werden. Alle Angebote der Uni Witten/Herdecke können genutzt werden. Erworbene Leistungsnachweise können anerkannt werden.

Dauer:
zwei Semester mit Start im Oktober

Bewerbungsverfahren:
Online direkt bei der Uni Witten/Herdecke mit Lebenslauf und Motivationsschreiben; später findet ein persönliches Auswahlgespräch vor Ort statt. Es werden 25 Plätze pro Jahr vergeben.

Kosten:
200 Euro pro Monat; NRW-Semesterticket im Preis enthalten. 



Schwerpunkte:

Von Mathematik, Astronomie und Medizin über Philosophie, Theologie und Jura bis zu Archtektur und Politik – das Fächerangebot ist sehr breit und umfasst natur-, geistes-, rechts- und sozialwissenschaftlichen Seminare. Dazu gibt es künstlerische Arbeitsgruppen in Fotografie, Theater oder Creative Writing.

Besonderheiten:
Das Kolleg wurde bereits 1948 gegründet. Jährlich starten rund 50 Abiturienten. Sie studieren und lernen nicht nur ein Jahr gemeinsam, sondern leben, schlafen und kochen auch unter einem Dach.

Bewerbungsverfahren:
Die Auswahl beginnt jeweils im November für das folgende Jahr; Interessenten reichen Lebenslauf, eine mehrseitige Darstellung von schulischen, wissenschaftlichen und musischen Interessen sowie Hobbies und Motivationsschreiben ein. Kandidaten der engeren Wahl müssen noch ein Auswahlgespräch absolvieren.

Dauer:
Oktober bis Juli

Kosten/Stipendien:
4700 Euro, setzen sich aus 2500 Euro Hörgeldpauschale sowie 2200 Euro für Unterkunft/Nebenkosten zusammen. Auf besonderen Antrag sind Nachlässe beim Hörgeld bis zu 100 Prozent möglich.

Schwerpunkte:

 
liegen auf den so genannten MINT-Fächer – sprich Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften – mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit. Zudem lernen die Studenten in Projektlaboren die praktischen Seiten von Fächern wie Chemie, Technischer Umweltschutz, Wissenschaftliches Programmieren, Robotik sowie Kreativität und Technik kennen. Weitere Fächer: wissenschaftliches Arbeiten, Schreiben und Präsentieren, Technik-Geschichte und Bio-Ethik.

Besonderheiten:
Das Angebot der Technischen Universität Berlin ist zum Wintersemester 2012 gestartet; die Teilnehmer besuchen reguläre Lehrveranstaltungen der verschiedenen MINT-Fächer, werden aber durch spezielle Orientierungsveranstaltungen unterstützt. Erbrachte Leistungen können für ein späteres Studium anerkannt werden.

Dauer:
zwei Semester mit Start im Oktober

Bewerbungsverfahren:
Das Orientierungsstudium ist nicht zulassungsbeschränkt, das heißt, jeder mit Abitur, kann sich ohne vorherige Bewerbung bis 1. Oktober des jeweiligen Jahres an der TU Berlin einschreiben.

Kosten:
Es fallen keine Studiengebühren, sondern nur die regulären Semestergebühren der TU Berlin an.


Schwerpunkte:


Einführung in wichtige Themen aus den Natur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften; daneben werden begleitende Veranstaltungen zur Berufsorientierung, Persönlichkeitsbildung und Bewerbungscoaching sowie ein Outdoor-Leadership-Training im Gebirge angeboten.

Besonderheiten:
Der Ableger des renommierten Elite-Internats Schloss Salem ist erst im Oktober 2012 gestartet. Aktuell leben und lernen bis zu 24 Teilnehmer zusammen auf dem Campusgelände direkt am Bodensee. Breites Sport- und Freizeitangebot inkl. eigenem Segelhafen.

Bewerbungsverfahren:
Lebenslauf und Motivationsschreiben der Bewerber werden fortlaufend entgegen genommen. Es folgt ein Auswahlgespräch.

Dauer:
September bis Juli

Kosten/Stipendien:
24.000 Euro inkl. Unterkunft, Verpflegung, Outdoor-Trainings und Studienreise; Stipendien sind möglich.

Schwerpunkte:

Naturwissenschaftliche und technische Studienfächer. Im Rahmen von Vorlesungen, Übungen, Praktika und Seminaren erweitern die Studenten ihr Grundwissen in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Ergänzend: Einführung in Methoden wissenschaftlichen Arbeitens und Fremdsprachenkurse.

Besonderheiten:
Die Technische Universität München bietet das Studium Naturale seit 2010 an; Studienort ist das Wissenschaftszentrum Weihenstephan. Erworbene Prüfungsleistungen können für das spätere Bachelor-Studium angerechnet werden.

Dauer:
zwei Semester mit Start im Oktober

Bewerbungsverfahren:
Onlinebewerbung vom 15. Mai bis 15. Juli möglich. Das Studienprogramm ist für alle Bewerber offen, die über eine Hochschulzugangsberechtigung mit einem Notendurchschnitt von 2,5 und besser verfügen. Falls die Anzahl der Bewerber die Anzahl 106 zur Verfügung stehenden Studienplätze übersteigt, wird der Zugang durch Losverfahren geregelt.

Kosten:
keine Studiengebühren, es fallen nur die regulären Semestergebühren der TU München an. 

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