Studieren mit Behinderung: Noch viele Hürden auf dem Weg zu einer "Hochschule für alle"

Studieren mit Behinderung Noch viele Hürden auf dem Weg zu einer "Hochschule für alle"

Studierende mit chronischer Krankheit oder Behinderung haben aufgrund ihrer Beeinträchtigungen Probleme, ihr Studium in der vorgegebenen Zeit und entsprechend den formalen Vorgaben durchzuführen. Erstmals hat jetzt das Deutsche Studentenwerk (DSW) untersuchen lassen, wo die Schwierigkeiten liegen und welche Hürden auf dem Weg zu einer "Hochschule für alle" noch zu überwinden sind.

Adriana Cardozo, Anne Koschik | , aktualisiert


Foto: SVLuma/ Fotolia.com

Verzicht auf Nachteilsausgleiche

Sie sind hörbehindert oder blind, sitzen im Rollstuhl, haben einen Herzfehler, leiden an Legasthenie oder unter OP-Folgeschäden: Das sind nur wenige Beispiele für körperliche Gebrechen, mit denen immerhin rund 180.000 Studierende versuchen, ihren Weg zum Bachelor- oder Masterabschluss zu bewältigen.

Wie die vom Bundesministerium für Forschung und Bildung finanzierte Studie des DSW feststellt, geben rund 44 Prozent dieser Studierenden mit Handicap ihre Beeinträchtigung nicht einmal preis und verzichten dadurch auf die ihnen gesetzlich zustehenden Nachteilsausgleiche.

Das hat vielerlei Gründe: Manche wollen keine Sonderbehandlung, andere haben Angst vor Stigmatisierung, wieder andere wissen schlicht nicht, dass sie anspruchsberechtigt sind. Dabei wirken sich ihre Beeinträchtigungen oft sehr stark auf ihr Studium aus: Besonders die zeitlichen Vorgaben der Studien- und Prüfungsordnung machen rund 70 Prozent der Betroffenen zu schaffen.

Studienvorgaben kaum zu erfüllen

Mit den organisatorischen Vorgaben haben 61 Prozent zu kämpfen und 63 Prozent tun sich schwer, die Lehr- und Prüfungssituationen zu bewältigen. Knapp ein Fünftel der Betroffenen hat Probleme, Praktika zu absolvieren oder an Exkursionen teilzunehmen.
 
Zusätzliche "Stolpersteine" sind oft baulicher Natur: So sind die Einrichtungen der Hochschulen häufig nicht barrierefrei erreichbar, es mangelt an guter Akustik, Beleuchtung und Belüftung sowie an Ruheräumen. Auch die Ausleihbedingungen in den Unibibliotheken sind oft nicht angepasst, nur selten gibt es Unterstützungs- und Begleitangebote wie Texte in gesprochener Form, Vorlesekräfte oder Gebärdesprachendolmetscher.


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Nicht zuletzt dadurch entstehen beeinträchtigungsbedingte Zusatzkosten, die auch die finanzielle Situation der Studierenden mit Handicap ungünstig beeinflussen. Die wenigsten beziehen entsprechende Sozialleistungen, sondern nutzen die gleichen Finanzierungsquellen wie Studierende ohne Beeinträchtigungen, hauptsächlich also Familienunterhalt und Bafög.

Für immerhin 15 Prozent der Betroffenen bleibt damit der Lebensunterhalt unzureichend gedeckt. Chancengleichheit sieht anders aus.

Dabei ist in Deutschland bereits 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten, die zuvor von der EU ratifiziert wurde. Ihr Ziel ist es, behinderte Menschen bei allen gesellschaftlichen Aktivitäten nicht nur zu integrieren, sondern zu inkludieren – also miteinzuschließen. Speziell für das "inklusive Bildungssystem" bedeutet das, dass in allen Ländern noch "enorme strukturelle Anstrengungen auf allen Handlungsebenen erforderlich sind", wie der Monitoring-Bericht des Deutschen Instituts für Menschenrechte feststellt.

Anpassung der Studienordnungen

Wie sich aus der Studie ergibt, ist es an der Zeit, Hochschulangebote so zu gestalten, dass beeinträchtigte Studierende sie auch ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen können. Zudem müssten die Verantwortlichen für Studium und Lehre ermuntert werden, "die Bedürfnisse dieser Studierenden in ihrem Wirken zu berücksichtigen", betont Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Das ist bitter nötig: Denn wie die DSW-Studie zeigt, wurden von 27 Prozent der Anträge auf Nachteilsausgleich ein Viertel allein deswegen abgelehnt, weil Lehrende nicht bereit sind, ihre Lehrroutinen zu ändern, weil Nachteilsausgleiche als nicht vereinbar mit der Studienordnung angesehen werden oder die Beeinträchtigung nicht als Grund akzeptiert wird. Das muss sich ändern.


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Nur so werden sich neben Studierenden mit Körper- und Sinnesbeeinträchtigung auch chronisch-somatisch oder psychisch kranke Studierende, Legastheniker oder Studierende mit Teilleistungsstörungen öffnen und die Beratungen nutzen, die Hochschulen und Studentenwerken jetzt schon anbieten.
 
Deren Existenz muss jedoch besser kommuniziert und weiter ausgebaut werden. "Es geht darum, allen Studierenden mit gesundheitlichen Beeinträchtigung gerecht zu werden", sagt DSW-Präsident Dieter Timmermann.

Von "Sonderbehandlung" könne keine Rede sein, vielmehr kämen dann die sogenannten "Nachteilsausgleiche im Studium und bei Prüfungen" zum Tragen, die in den Hochschulgesetzen der Länder geregelt sind.

Behindertenquote als Option

Einen weiteren Ansatz bietet das "Bündnis barrierefreies Studium" mit seiner Forderung, eine Quote für behinderte Studierende einzuführen, wie dies bereits bei den Beschäftigungsquoten der Fall ist.

Vor dem Hintergrund fehlender Studienplätze sollte vorab ein Anteil von fünf Prozent der Studienplätze für behinderte Studierende reserviert sein.


Die Studie "beeinträchtigt studieren", an der sich 16.000 betroffene Studierende beteiligt haben, hat das Institut für Höhere Studien Wien (IHS) im Auftrag des DSW durchgeführt. Neben dem BMBF, das für die Finanzierung aufgekommen ist, hat auch die Hochschulrektorenkonferenz diese Sondererhebung unterstützt.

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