Studieren in Indien Prestigeobjekt neben Slums und streunenden Hunden

Ein Auslandssemester ist für die meisten Studierenden heute ein Muss. Erstens macht es sich gut im Lebenslauf, zweitens bringt es Erfahrungen, die auch für die persönliche und spätere berufliche Entwicklung wichtig sind. Hier der Bericht eines Studierenden aus Indien...

Christian Klemenz | , aktualisiert


Christian Klemenz vor dem Campus des IIM Ahmedabad   
Begrüßung wie ein Versprechen

Der BWL-Student Christian Klemenz aus Kulmbach, der an der Handelshochschule Leipzig studiert, ist gerade von seinem Auslandssemester am Indian Institute of Management Ahmedabad in Indien wiedergekommen. Zuvor war er bereits in China. Für karriere.de hat der 23-Jährige seine Erlebnisse und Eindrücke in den beiden Ländern zusammengefasst:

Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, als ich 2007 erstmalig für ein Praktikum nach China kam und von Shanghais internationalem Flughafen in Pudong im Taxi stadteinwärts fuhr. Die fünfspurige Stadtautobahn war nagelneu und beidseitig von angelegten Hecken gesäumt. Der Transrapid rauschte mit über 400 km/h vorbei und bereits von weitem erkannte man die Wolkenkratzersilhoutte von Shanghais Finanzdistrikt.

Die Begrüßung in Chinas Tor zur Welt war wie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass hier an der Zukunft gebaut wird. Als es mich dann ein Jahr später für einen Studienaufenthalt in Peking erneut nach China zog, entwickelte Asien bereits eine gewisse vertraute Nähe. Als sich während meines anschließenden Masterstudiums an der Handelshochschule Leipzig (HHL) erneut die Chance bot, ein Auslandssemester zu absolvieren, kam mir daher direkt Indien als Zielland in den Sinn.

Denn China und Indien vereinen gemeinsam nicht nur ein Drittel der Weltbevölkerung auf sich, sondern beide Länder stehen beinahe sinnbildlich für den Aufstieg der einst wenig beachteten Riesenvölker zu global bedeutenden Supermächten, an denen zukünftig kein Weg mehr vorbei gehen wird. In unserer westlichen Wahrnehmung befinden sich beide Milliardenvölker allzu oft auf dem Sprung zu hochentwickelten Industrienationen, und wir messen beiden einen vergleichbaren Entwicklungsstand bei.

Reinkarnationserfahrungen?

So dachte auch ich und erwartete daher aufgrund meiner vorangegangen Chinaaufenthalte nicht viel fundamental Neues in Indien. Ich rechnete mit vielen Parallelen. Doch die ersten Überraschungen ließen nicht lange auf sich warten. Bereits beim Umsteigen am Flughafen in Delhi wurde ich von einem indischen Mitreisenden in der für Inder so typisch offenherzigen Art direkt mit tiefgründigen Fragen konfrontiert.

Beschränkte sich mein erster Kontakt mit einem Einheimischen in China damals noch auf einen wortkargen und ziemlich anteilnahmslosen Taxifahrer, so wollte dieser sinnsuchende Mittdreißiger nach einem sporadischen "Wie heißt du?" und "Wo kommst du her?" auch schon von mir wissen, ob ich denn Reinkarnationserfahrungen hätte. Die Unterschiede hätten kaum größer sein können.

Schließlich an meinem Zielort in Ahmedabad angekommen, wimmelte es vor dem etwas schäbigem Flughafen von streunenden Hunden, und der erste Slum befand sich quasi direkt neben dem Terminal. Die Fahrt vom Flughafen zum Campus meiner Universität glich einem Hindernislauf, bei dem es darum ging, den größten Schlaglöchern und den auf der Straße liegenden Kühen auszuweichen.

Indien zeigt einem direkt sein ungeschminktes Gesicht. Wo China in vielen Bereichen bereits ist, muss Indien erst noch die Aufbauarbeit leisten. An der chinesischen Ostküste verbindet demnächst eine Hochgeschwindigkeitsstrecke Peking mit Shanghai auf einer Strecke von 1300 Kilometern in vier Stunden. Die mit 1400 Kilometern vergleichbar lange Strecke von Delhi nach Mumbai bewältigt einer der schnelleren indischen Züge ohne die üblichen Verspätungen  in rund 22 Stunden.

Was im autokratischen China innerhalb kürzester Zeit realisiert wird, scheitert in Indien oft schon in der Entstehung an überbordender Bürokratie. Der höchste Wolkenkratzer, die längste Brücke, der größte Flughafen. Prestigeprojekte wie in China sucht man in Indien vergebens. Indiens Aufstieg ist weniger pompös und nicht so leicht zu entdecken.


Christian Klemenz vor dem Campus des IIM Ahmedabad
Die "selektivste" Business-School der Welt

Auf den ersten Blick schon gleich gar nicht. Doch wie China leistet sich auch Indien staatliche Eliteinstitutionen, so wie meine Alma Mater auf Zeit: das Indian Institute of Management Ahmedabad, kurz IIM-A. Die Einrichtung gilt als die Kaderschmiede der indischen Wirtschaft und hat in Indien einen Ruf wie ein Donnerhall. Mit einer Studienplatz zu Bewerberquote von 1:600 gilt sie zu Recht als die wohl selektivste Business School der Welt.

Dementsprechend stolz sind die dortigen Studenten auf ihren Studienplatz und dementsprechend groß ist ihr Ansehen im Land. Einer meiner indischen Kommilitonen erzählte mir unlängst, dass ihn in seiner Heimatstadt  seitdem er am IIM-A studiert  nun quasi jeder kennt, da viel in lokalen Medien über ihn berichtet wurde und zu seinem Studienbeginn in der ganzen Stadt Plakate aufgehängt wurden.

Die Stadt, aus der er kommt, heißt Jaipur in Rajasthan und hat mit über 3,5 Millionen Bewohnern in etwa so viel Einwohner wie Berlin. In Indien gelten andere Maßstäbe. In jeglicher Hinsicht. Ahmedabad ist mit geschätzten fünf Millionen Einwohnern gerade mal die sechstgrößte Stadt Indiens. Der Bundesstaat Gujarat dessen wirtschaftliche Zentrum Ahmedabad ist hat mit 50 Millionen Einwohnern eine größere Bevölkerung als Spanien.

Voll kultureller Vielfalt

Indien ist ein Land der Superlative. Über 200 anerkannte Volksstämme sprechen mehr als 20 verschiedene Sprachen und meine indischen Kommilitonen sind ein Spiegelbild dieser Vielfalt. Tamilen aus dem Süden, Bengalen aus dem Osten oder Sikhs aus dem Norden des Landes. Die kulturelle Verschiedenheit innerhalb des Landes lässt sich ohne Weiteres mit der kulturellen Vielfalt Europas vergleichen.

Dies führte auch dazu, dass die vorherrschende Sprache am IIM-A sowie an den meisten anderen Universitäten des Landes Englisch ist. Überraschenderweise sprechen alle meine indischen Kommilitonen auch abseits der Vorlesungsräume nahezu ausschließlich Englisch bzw. Hinglisch, eine Mischung aus Hindi und Englisch.

Doch die vielleicht größte Überraschung für meine europäischen Austauschkollegen und mich stellte wohl die Tatsache dar, dass Gujarat Indiens einziger "trockener" Bundesstaat ist. Für Inder ist Alkohol in ganz Gujarat streng verboten. Für Ausländer besteht jedoch die Möglichkeit, nach Beantragung einer speziellen Ausnahmegenehmigung begrenzte Mengen an alkoholischen Getränken in einem staatlich kontrollierten Spirituosenladen zu beziehen.

So kam es dann auch, dass der Großteil meiner deutschen, französischen und skandinavischen Mitstudenten keine Mühen scheute und bereits kurz nach der Ankunft eine Lizenz beantragte. Auf Wein und Bier wollten die meisten auch in der Ferne nicht verzichten. Soviel Heimat muss sein.

Anlaufstellen für Auslandssemester finden Sie hier:
www.karriere.de/studium/ab-ins-ausland-10299/2/

Delhi

Das Humayun-Mausoleum in Delhi ist eine der Unesco-Weltkulturerbestätten in der indischen Hauptstadt.

Bibliothek

Wenn die Gruppenarbeit mal wieder bis spät in die Nacht dauert, legen sich die indischen Studenten mitunter auch mal zum Schlafen für ein paar Stunden auf die Tische in der Bibliothek.

Goa

Die ehemalige portugiesische Kolonie Goa zieht neben vermehrt indischen Urlaubern aus den Großstädten noch immer Sinn suchende Aussteiger aus dem Westen an die Strände des kleinsten indischen Bundesstaates.

Hindu-Fest

Bei einem der zahlreichen Feste auf dem Campus wie hier bei dem Hindufest Ganesha Chaturthi  machten die indischen Studenten bei der gebräuchlichen Bemalung auch nicht vor dem Austauschstudenten Christian Klemenz Halt.

Mumbai

Das Gateway of India ist Wahrzeichen der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai. Bauten aus der britischen Kolonialzeit wie dieser prägen bis heute das Stadtbild der bedeutenden Hafenstadt.

Varanasi I

Die heilige Hindu-Stadt Varanasi am Ganges ist für Hindus das ersehnte Ziel ihrer letzten Reise. Rund um die Uhr werden am Ufer des Flusses Leichen verbrannt und deren Asche in den Ganges gestreut.

Varanasi II
 
Nur wenige Meter flussabwärts baden angereiste Pilger im Wasser des als heilig geltenden Flusses.

Palitana

Palitana im Süden Gujarats ist eine der bedeutendsten Pilgerstätten für die Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Jain. Knapp 4000 Stufen sind zu besteigen, um die großflächige Tempelanlage auf dem Gipfel eines Hügels zu erreichen.

Taj Mahal

Kein Indien-Besuch ohne den Taj Mahal. Das im 17. Jahrhundert erbaute Mausoleum ist wohl das bekannteste Bauwerk des Subkontinentes.

 

Indian Institute of Management – Haupteingang

Der weitläufige Campus des IIM Ahmedabad ist mit einer großen Mauer umgeben und durch mehrere bewachte Eingänge zugänglich. Inmitten des typisch indischen Verkehrschaos stellt der Campus eine grüne Oase in Ahmedabad dar.


Alle Fotos: Privat

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