Studienkredite Die Schulden der Studenten

In den USA haben die Schulden aus Studienkrediten erstmals die Kreditkartenschulden der Amerikaner übertroffen. Platzt in Amerika als Nächstes die Bildungsblase?

Carola Sonnet | , aktualisiert


Foto: imageworld24/Pixelio.de

Studiengebühren um 440 Prozent gestiegen
 
Rund eine Billion Dollar Schulden haben alle Studenten und Absolventen in den USA. Seit 1986 sind die Studiengebühren im Schnitt um etwa 440 Prozent gestiegen.
 
Caesar Maasry hat vier Jahre an der Universität Pennsylvania studiert, einen Doppelabschluss in Wirtschaft und Internationalen Beziehungen gemacht, dafür jedes Jahr mehrere Stipendien von insgesamt 10.000 Dollar (7.700 Euro) erhalten, nebenbei in Teilzeit gearbeitet, um die restlichen Gebühren zu bezahlen und musste trotzdem noch Kredite aufnehmen.

"Mit 60.000 Dollar Schulden habe ich meinen Abschluss gemacht.Eine unglaublich hohe Summe", sagt der Goldman-Sachs-Analyst, der in Hongkong lebt und arbeitet.

Kein Ausgleich ohne hohes Gehalt

Er fühlte sich von den Schulden unter Druck gesetzt und nahm einen Job an der Wall Street an. "Wegen der hohen Gehälter sind sie die einzigen Arbeitgeber, mit denen ich die Kredite innerhalb von ein paar Jahren abbezahlen konnte", sagt Maasry.

Er hatte Glück, einen gut bezahlten Job zu finden. Viele seiner Kommilitonen können davon momentan nur träumen.


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Abstottern ist Pflicht

Mit durchschnittlich 23.000 Dollar (17.800 Euro) Schulden verlassen Absolventen die amerikanischen Hochschulen, 32.000 Dollar (25.000 Euro) kostet das vierjährige Studium im Schnitt an einer staatlichen Universität, 83.000 Dollar (64.000 Euro) an einer Privatuni.

Doch weil die Absolventen keine gut bezahlten Jobs mehr finden, kann schon jetzt jeder vierte seine Kredite nicht pünktlich begleichen. Neun Prozent derer, die die Gebühren nach dem Abschluss abstottern, können ihre Raten irgendwann gar nicht mehr bezahlen.

Nach Informationen des College Board, der amerikanischen Bildungsorganisation, die auch den Standardaufnahmetest für Hochschulbewerber verantwortet, haben sich die Schulden aus dem Studium in den vergangenen zehn Jahren glatt verdoppelt. Inzwischen übersteigen sie sogar die Kreditkartenschulden der Amerikaner.

Überbewertete Ausbildung

Die College-Ausbildung in den USA sei überteuert und überbewertet, sagte Großinvestor Peter Thiel im vergangenen Jahr – so wie das vorher bei den Internetunternehmen und bei den Immobilien gewesen sei.

"Die Bildungsblase platzt als nächste", prophezeite er. Und damit ist er nicht allein.


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Programmierter Kollaps

"Das ist das Vorspiel für einen Zusammenbruch", sagt David Frum, konservativer Autor und Kommentator. Selbst Pförtner und Parkplatzaufseher haben heute College-Abschlüsse.

Hoffnungslos überqualifiziert, aber verzweifelt auf der Suche nach einem Einkommen, nehmen Absolventen alles an - auch Aushilfsjobs. So wie Eileen Boyte.

Die 31-Jährige hat sich 18.000 Dollar geliehen, um ihren Master machen zu können. Noch sieben Jahre tilgt sie ihre Schulden, bis sie bei null anfangen kann: "Nach meinem ersten College-Abschluss in Psychologie musste ich weiter als Sekretärin arbeiten, weil mich niemand einstellte", sagt sie.
 
Master als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit

Es war die Zeit der Wirtschaftskrise, sie arbeitete bei einer Investmentfirma, um sich über Wasser zu halten – und jobbte nebenbei als Sozialarbeiterin, wovon sie aber in Kalifornien niemals ihren Lebensunterhalt hätte bestreiten können. Dann ging sie zurück an die Uni.

So wie viele junge Amerikaner, die den Master als einzigen Ausweg sehen, der Arbeitslosigkeit zu entgehen und nicht wieder bei ihren Eltern einziehen zu müssen.


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Kein amerikanischer Traum für Absolventen

Bis zu 250.000 Dollar Gebühren müssen Studenten an den teuersten Hochschulen für ein vierjähriges Studium zahlen. Doch selbst, wer einen Abschluss an Elite-Universitäten wie Stanford oder Harvard gemacht hat, findet damit in den USA nicht mehr sofort einen Job – zumindest nicht in seinem Fachgebiet.

37 Millionen registrierte Schuldner, die Studienkredite abbezahlen, gibt es in den USA. Erstmals haben am 8. Mai 2012 sogar die reinen Studienschulden, ohne Zinsen, die Ein-Billion-Dollar-Grenze geknackt. Die wenigsten Absolventen schaffen es, die Gebühren für ihre Ausbildung vor dem 30. Geburtstag abzustottern, und das obwohl sie meist schon mit Anfang 20 ihren Abschluss machen.

Lange Tilgungszeiten

Ein Drittel der Schuldner ist zwischen 30 und 39 Jahre alt, ein weiteres Drittel noch älter. Es ist das Alter, in dem sich die Generationen vor ihnen ein Haus gekauft und eine Familie gegründet haben.

Für viele der heutigen Absolventen ist das in weite Ferne gerückt.


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Gebührenspirale dreht sich weiter nach oben

Seit 1986 sind die Studiengebühren laut der Denkfabrik National Center for Public Policy and Higher Education im Schnitt um 440 Prozent gestiegen, fast doppelt so schnell wie die teure amerikanische Krankenversicherung. Zudem strichen Staat und generöse Spender ihre Überweisungen zusammen.

"Die Gebühren werden weiter steigen", ist sich Rich Lyons, Dekan der Wirtschaftsfakultät der Berkeley-Universität in Kalifornien sicher.

"Zumindest an den Unis, die es sich leisten können, weil sie so viele Bewerber haben." Ein Uni-Abschluss kostet also immer mehr, bringt aber immer weniger.

Hungerlohn für Akademiker

Der Stundenlohn sank in den letzten zehn Jahren um elf Prozent. Auf Stellen für Bürohilfskräfte für die man nur einen Schulabschluss bräuchte, bewerben sich mittlerweile Master-Absolventen - und arbeiten dann für zehn Dollar die Stunde.

Kaum jemand hat einen genauen Einblick in die Finanzsituation der Absolventen, die Höhe der Studienkredite musste die New Yorker Notenbank 2011 gar drastisch anheben.


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Kreditkarten katapultieren Studis ins Minus

Verschärft wird die Situation durch die zahlreichen Kreditkarten, mit denen die Studenten sich weiter ins Minus katapultieren: 2008 hatten 84 Prozent der College-Studenten mindestens eine Kreditkarte. Der durchschnittliche Student hat nach Informationen der größten Studienkreditbank Sallie Mae jedoch mehr als vier Kreditkarten.

Und jeder fünfte Student hatte darauf schon im Jahr 2009 zwischen 3.000 und 7.000 Dollar Schulden angesammelt.

Nur im Gegensatz zu Kreditkartenschulden bleiben die Forderungen aus Studienkrediten selbst bei einer Privatinsolvenz bestehen.

Harte Bedingungen

Das ist in den USA besonders hart, weil die Kreditgeschichte bei jeder Wohnung, die man mieten oder kaufen möchte, bei jeder Kreditkarte, die man beantragt und jedem Handyvertrag, den man unterschreibt, abgefragt wird.

Es geht immer darum, wie schnell man in der Vergangenheit seine Kredite abbezahlt hat. Wer das nicht zügig konnte, hat ein Problem – Studienkredite sind da keine Ausnahme.


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Entweder teure Top-Uni und Super-Job...

"Das wird gravierende ökonomische und gesellschaftliche Folgen haben", sagt Rohit Chopra, Ombudsmann für Studiengebühren des staatlichen Consumer Financial Protection Bureau – so etwas wie eine Verbraucherzentrale in Finanzfragen.

"Hier gibt es auf einmal wieder einen Markt, der too big to fail ist", sagt der Finanzexperte.

Die größte Gefahr geht dabei nicht einmal von den Absolventen der Topunis aus, die auch die höchsten Studiengebühren gezahlt haben. Denn die finden dank des exzellenten Rufs ihrer Hochschule schneller als andere einen Job.

...oder billiges Online-Studium und lange Jobsuche

Wer aber an einer privaten Bildungseinrichtung studiert hat, die damit Geld verdient, zahlt zwar vergleichsweise weniger, sucht dafür aber länger nach einem Job. Das Modell der sogenannten "for-profit schools" ist damit arg ins Wanken geraten. 

Deshalb entscheiden sich immer mehr junge Amerikaner für ein Onlinestudium, das weniger kostet.


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Kellnern fürs Studium

An der größten gewinnorientierten Hochschule, der Universität in Phoenix, studieren schon heute 300.000 Studenten online. Weil sie zu Hause wohnen und ihre Jobs behalten, müssen sie weniger Schulden machen und werden die schneller wieder los.

Studenten wie Sophia Brody. "Nach der Highschool habe ich zehn Jahre lang als Kellnerin gearbeitet, um mir ein Studium leisten zu können", sagt die 31-Jährige, die in Cambria, einem kleinen Ort in Kalifornien lebt. Sie studierte online an der California Southern University - für insgesamt 12.000 Dollar. In den USA ist das ein Schnäppchen.

"Ich habe so viel Geld für Benzin gespart, konnte mir die Vorlesungen anhören, wenn ich Zeit hatte und immer Kontakt zu meinen Professoren per E-Mail aufnehmen", sagt sie. "Man muss nur sehr diszipliniert sein", sagt Brody.

Bildung heißt Aufstieg

Denn wer das Studium abbricht, hat es noch schwerer: Viermal so viele Abbrecher können ihre Kredite irgendwann gar nicht mehr bezahlen verglichen mit denen, die durchgehalten haben. Fast jeder dritte Studienkreditnehmer, der sich 2003 online oder offline am College eingeschrieben hat, brach das Studium ab. 

Trotz der hohen Schulden und miserablen Jobsituation erwarten die amerikanischen Bildungsstatistiker, dass die Zahl der Studenten bis 2018 um zwölf Prozent steigt. Bildung gilt in den USA noch immer als Aufstiegschance. Ein Hochschulabschluss führt in die Mittel- und Oberschicht - oder geradewegs in das Zentrum einer neuen Blase.


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Gebühren

Zwei Bundesländer, Bayern und Niedersachsen, verlangen in Deutschland noch Studiengebühren.

Finanzierung
Nur fünf Prozent der deutschen Studenten haben einen Studienkredit aufgenommen. 96.000 Studienkredite hat die Bank KfW seit 2006 vergeben, in Höhe von durchschnittlich 400 Euro im Monat. 87 Prozent der Studenten werden von ihren Eltern unterstützt, im Schnitt mit 445 Euro im Monat. Zwei von drei jobben neben dem Studium, 30 Prozent bekommen Bafög.

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