Studiengänge Titelchaos und kein Ende

Die Mehrheit der Manager durchblickt die vielen Spezialisierungen in den neuen Studiengängen und die Abschlussflut an den Hochschulen nicht mehr. Obwohl viele Firmenlenker am Altbewährten hängen, kontern sie mit eigenen Studiengängen.

Stefani Hergert | , aktualisiert

"Ein Dipl.-Ing. vor dem Namen ist wie ein Stern auf der Haube: ein Markenzeichen für höchste Qualität", findet Daimler-Chef Dieter Zetsche. Er selbst hat einst das Elektrotechnik-Studium als Diplom-Ingenieur vollendet und gratuliert dem Abschluss daher auch gerne zum 111. Geburtstag. "Auf eine gute Zukunft", enden seine Glückwünsche in einer Festschrift aus dem Oktober dieses Jahres.

Doch die hat der Abschluss hierzulande nicht. Das Diplom sollte an den Hochschulen schon Geschichte sein - begraben mit dem Magister und Staatsexamen. Weggefegt von Amerikanern, die sich Bachelor und Master nennen - Hochschulabschlüsse, die in ganz Europa Einzug halten. Eigentlich.

Die neuen Abschlüsse stiften laut einer exklusiven Umfrage von Handelsblatt und dem Verband "Die Führungskräfte" vor allem Verwirrung. 84 Prozent der Manager in der Befragung blicken daher sehnsüchtig zurück und wünschen sich - wie auch so mancher Hochschulchef - den Diplom-Ingenieur zurück. Wer stattdessen in die Zukunft schaut, entgeht dem Chaos, indem er die Absolventen in eigenen Studiengängen selbst heranzieht.

Die neuen Abschlüsse sind untrennbar mit der italienischen Stadt Bologna verwoben. Hier erklärten 29 europäische Länder vor elf Jahren, dass sie bis 2010 ihre Hochschulabschlüsse vergleichbar machen wollen. Entschieden hat man sich für ein zweistufiges System, mit Bachelor und Master. Ersterer soll den Studenten den Berufseinstieg ermöglichen, letzterer dann die Fächer wissenschaftlich vertiefen. Dafür mussten die alten Abschlüsse weichen.

Wo Theorie und Wirklichkeit auseinanderklaffen

Soweit die Theorie. Das Jahr 2010 neigt sich dem Ende und nicht nur in Deutschland ist die Umstellung noch nicht beendet, steht alt noch immer neben neu. Dabei würden die neuen Abschlüsse allein schon genug Verwirrung stiften. Einige Beispiele: Was haben Bachelor of Arts in Betriebswirtschaft, Bachelor of Science in General Management, Bachelor of Arts in Business Administration oder Bachelor of Science in Global Management gemeinsam? Die Vergangenheit - früher hießen sie meist schlicht Diplom-Betriebswirtschaftslehre. Bei den Masterprogrammen sieht es nicht besser aus. 

Hinzu kommt: Die Unterscheidung zwischen Universität und Fachhochschule gibt es so nicht mehr. Prangte früher der Diplomtitel samt ungeliebtem Kürzel FH auf den Lebensläufen der Fachhochschul-Absolventen, steht dort heute nur noch Bachelor oder Master. Und da viele Fachhochschulen nun schlicht University heißen, weil der Begriff im Gegensatz zur deutschen Universität nicht geschützt ist, müssen die Firmenvertreter noch genauerhinschauen. Kein Wunder, dass viele Unternehmer und Manager da nicht mehr durchblicken.

Der Verband "Die Führungskräfte" und das Handelsblatt haben genauer nachgefragt. Mehr als 500 Führungskräfte der deutschen Wirtschaft, vom Geschäftsführer oder Vorstand bis zum Abteilungsleiter, haben geantwortet. Die Momentaufnahme zeigt eines ganz deutlich: Die neuen Abschlüsse verwirren - fast 60 Prozent der Manager sagten das. Gerade einmal die Hälfte glaubt, dass sie den Unterschied zwischen all den Abschlüssen kennt. "Den Verantwortlichen in den Unternehmen fehlt im Bachelor-Master-Wirrwarr die Orientierung", sagt Ilhan Akkus, Geschäftsführer des Verbandes. Viele könnten die neuen Abschlüsse nicht richtig einschätzen und zuordnen.

Selbst ein Experte wie Hans Weber, der sich mit seiner Personalberatung Weber Consulting auf techniklastige Branchen wie Maschinenbau und Automobilindustrie spezialisiert hat, sagt: "Die neuen Abschlüsse sind unüberschaubar, da tun auch wir uns schwer. Die Studiengänge sind zu breit gefächert und die Unternehmen haben einen zu geringen Kenntnisstand." Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen hält dagegen: "Beim Jogurt freuen wir uns auch über die Auswahl zwischen 70 verschiedenen Sorten. Warum sollen wir dann in der Wissensgesellschaft keine Auswahl haben? Der Wettbewerb der Qualifikationen ist sinnvoll."

Und die letzten Diplom-Studenten? Sind gar nicht so allein, wenn sie sich einmal umschauen. Noch immer gibt es 2600 Studiengänge, die nicht mit Bachelor oder Master abschließen - auch, weil viele Professoren sich mit Bologna noch immer nicht angefreundet haben. Von "Micky-Maus-Abschlüssen" spricht beispielsweise Walter Krämer, Statistikprofessor an der TU Dortmund. Und da Hochschulrecht Ländersache ist, müssen sie das in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen auch nicht zwingend. Einheitlich sieht anders aus.

Neue Diplom-Studiengänge

So rühmt sich etwa die Universität Greifswald damit, dass man ganz im Norden der Republik noch immer den Diplom-Kaufmann erwerben kann. Und die TU Dresden hat gerade einen neuen InformatikStudiengang aufgelegt, mit dem Diplom-Abschluss.

Das macht das Chaos komplett. Der Verbund der führenden technischen Universitäten hat sich entschieden, den geschätzten Diplom-Ingenieur nicht aussterben zu lassen. So zelebrierte man nicht nur den 111. Geburtstag, sondern fordert, dass der Titel als Marke bestehen bleibt, so wie es auch in Österreich möglich ist. Erst der Bachelor, dann das weiterführende Studium - daran wollen die Unis zwar festhalten. Doch am Ende soll auf dem Zeugnis ihrer Studenten auch der Diplom-Ingenieur prangen dürfen. Ohne eine Änderung der Hochschulgesetze ist das aber nicht drin.

"Die Titeldiskussion hat zu extremer Verunsicherung geführt", heißt es beim Branchenverband VDI. Und doch bekommt die Forderung Rückendeckung aus der Wirtschaft. "Die Tatsache, dass sich in unserer Umfrage 84 Prozent für die Wiedereinführung des Titels Diplom-Ingenieur aussprechen, spricht Bände", sagt Akkus vom Führungskräfte-Verband. Fast sieben von zehn glauben nämlich, dass er für weniger Verwirrung sorgen würde. Kaum verwunderlich, dass sechs von zehn auch lieber einen Diplom-Ingenieur statt eines Absolventen mit dem Master-Titel einstellen würden. Überraschend ist: Ob die Manager in einer kleinen Firma oder im Großunternehmen arbeiten, spielt dabei keine Rolle.

Duales Studium als Ausweg für die Großunternehmen

Dabei ist der Blick zurück nur eine Möglichkeit, dem Chaos Herr zu werden. Viele Unternehmen gehen aber einen anderen Weg: Sie bilden die Bachelor-Absolventen in Kooperation mit einer Hochschule einfach selbst aus. Der Student ist beim Unternehmen angestellt, bekommt sein Salär und wechselt drei Jahre lang alle paar Monate zwischen Hörsaal und Büro. Duales Studium nennt sich das, in Ländern wie Baden-Württemberg hat das Tradition.

Das Pendel-Studium boomt. Mehr als 700 solcher Angebote gibt es in Deutschland, 50.000 Studenten sind in diesen eingeschrieben. Vor allem die Großkonzerne, die Bachelor-Absolventen schon in einer Initiative aus dem Jahr 2004 besonders willkommen heißen wollten, setzen darauf. Das hat Christian Scholz, Professor der Universität des Saarlandes festgestellt.

Unternehmen wie die Deutsche Telekom, die mit einigen gezielten, berufsbegleitenden Angeboten aufwarten, zählen dazu. Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger fordert schon lange: "Die Wirtschaft muss zum Co-Produzenten von Bildung werden, nicht Konsument bleiben." Für beide Seiten hat das Vorteile: Die Firmen bilden passgenau für ihren Bedarf aus, die Studenten haben quasi eine Übernahmegarantie. Kritiker bemängeln, dass sie so stark auf ein Unternehmen "zugeschnitten" sind, dass ein Wechsel nur schwer möglich ist.

Die Frage ist nur, ob das bei den vielen neuen spezialisierten Studiengängen mit den tollen Abschlüssen nicht ganz genau so ist.

DURCHBLICK VERSCHAFFEN

Grundsatz In Deutschland enden die neuen Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor und Master - so steht es in den meisten Landeshochschulgesetzen. Ausnahmen haben beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen.

Vielfalt Je nach Fachrichtung tragen die Titel Bachelor und Master noch einen Zusatz. In den Wirtschaftsfächern stehen "Arts" und "Science" zur Auswahl, in den Ingenieurfächern "Engineering" oder "Science", in Jura nur "Laws". Was der Zusatz bedeutet, wissen selbst die Erfinder oft nicht, es gibt keine Richtlinien. Beispiele: "Arts" soll für eine eher geisteswissenschaftliche, "Science" für eine eher naturwissenschaftliche Ausrichtung stehen. Doch die Grenze ist fließend, der Zusatz dient vor allem der Profilbildung der Hochschule.

Hilfe Um zu wissen, was die Studenten wirklich gelernt haben, lohnt ein Blick in das Diploma Supplement - ein Zusatz zum Zeugnis, in dem die Kurse aufgelistet sind.

Lesen Sie mehr über die Rückkehr des Dipl.-Ing.  

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...