Studienalltag beim MBA Mit Jobs gepfeffertes Steak

Raus aus dem Job, rein in den Hörsaal: In nur einem Jahr das Rüstzeug fürs Management lernen — das versprechen MBA-Programme. Wir haben eine Studentin in den ersten Wochen begleitet.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Mit Jobs gepfeffertes Steak

Foto: Kesu/Fotolia.com

Wenn nur die Zeit nicht wäre. Ayca Tunc soll mit fünf Kommilitonen ein paar Dinge in Ordnung bringen. In eine Ordnung. Klingt simpel, ist es aber nicht. Wer weiß schon aufs Jahr genau, wann Zahnimplantat, Roboter, Barcode, gefrorenes Essen oder weiche Kontaktlinsen und einige andere Errungenschaften der Menschheit erfunden wurden?

Die Studenten haben nur eine halbe Stunde für die 16 Dinge – und müssen sich erst einmal einigen, wie sie die Aufgabe angehen sollen. Hier sitzen schließlich nicht irgendwelche Studenten zusammen – sondern selbstbewusste angehende Manager aus Indien, Russland, China, Thailand und Deutschland. Und die müssen erst einmal lernen, im Team mit Gleichrangigen zu arbeiten.

Sie sitzen im Master of Business Administration (MBA), jenem praxisnahen Managementstudium, das weltweit als Königsweg in die Topetagen der Wirtschaft gilt. Mit dieser Aussicht werben Managementhochschulen zumindest beim Führungsnachwuchs von morgen für das meist mehrere Zehntausend Euro teure Studium. Es verspricht nicht weniger, als jungen Menschen das Rüstzeug für Führungsaufgaben an die Hand zu geben und die Türen zu einem Netzwerk zu öffnen, das sie ihr gesamtes Berufsleben lang begleiten soll. Wir waren in den ersten Wochen auf dem Düsseldorfer Campus der WHU – Otto Beisheim School of Management dabei.

Das Selbst-Studium

Am Beginn des Einjahresprogramms steht, den eigenen Führungsstil zu entdecken –  schließlich soll der MBA ja auch Persönlichkeitsentwicklung sein. "Es ist interessant zu sehen, wie sehr wir hier über uns selbst reflektieren", sagt die 25-jährige Tunc. Über die Werte, die in ihrem Leben und als Führungskraft wichtig sind, über die Frage, ob Chefs immer cholerisch sein müssen und ob man ein guter Chef sein kann, ohne "Leute zu verletzen".

Die Kurse am Anfang des Programms sind nur ein Teil der Führungsausbildung, im Herbst geht es weiter.  Den letzten Tag in dieser ersten Woche bestreitet MBA-Direktor und Professor Jürgen Weigand. Er will seinen neuen Studenten erst einmal grundsätzlich beibringen, was Führen eigentlich bedeutet. Dafür müssen die Studenten Ordnung in die Reihe von Dingen bringen.

Als einer von Tuncs Mitstudenten sein Smartphone zückt, protestiert die Gruppe – mit Erfolg. Das Handy verschwindet wieder in der Hosentasche, die Gruppenkontrolle funktioniert. Während in den anderen Räumen immer mal wieder gescherzt und gelacht wird, arbeitet Tuncs Gruppe recht sachlich. Hier treffen völlig unterschiedliche Charaktere aufeinander. "Manchmal denke ich mir, wie viel schneller es ginge, die Aufgabe allein zu lösen", sagt Tunc.

WHU-Professor Jürgen Weigand kennt diese Reaktionen. "Einen persönlichen Führungsstil zu entwickeln heißt auch bereit zu sein, sich in eine Gruppe Gleichrangiger zu integrieren", sagt er. Die erste Lektion lautet also, den anderen zuzuhören – vor allem jenen, die anderer Meinung sind. Für einige der selbstbewussten Studenten ist schon das eine echte Herausforderung. Genau deshalb sind die Teams bewusst bunt zusammengewürfelt: Asiaten und Europäer, Ärzte, Biologen, Betriebswirte und Ingenieure, Jüngere und Erfahrenere. 

Zurück im Hörsaal gleichen die Teams ihre Ergebnisse ab – und merken, dass die Gruppe fast immer näher an der Realität ist als die Schätzungen jedes Einzelnen. Das ist Lektion zwei: Im Team sind die Ergebnisse besser. "Ab jetzt vertrauen sich die Studenten in ihren Gruppen", sagt Weigand. Das ist wichtig, weil sie in den kommenden zwölf Monaten im Prinzip nie alleine arbeiten werden – von den Prüfungen einmal abgesehen.

Von neun Uhr morgens bis in den späten Nachmittag hinein sind täglich Vorlesungen. Die Anwesenheit wird überprüft – bei gerade einmal 41 Studenten im Jahrgang ein überschaubarer Aufwand. Der Hörsaal gleicht einem Theater, in U-Form sitzen die Studenten um den zentral positionierten Professor. Es ist eine Art Frage-und-Antwort-Spiel, das Dozent und Studenten hier jeden Tag aufführen.

Investition in Zeit und Geld 

Interaktiv nennen es die Managementhochschulen, weil die Studenten nicht nur als Zuhörer gefordert sind, sondern mitdenken und mitreden sollen. Sieben so verbrachte Stunden schlauchen. Doch während normale Studenten jetzt nach Hause gehen, beginnt für die MBAler die zweite Hälfte des Arbeitstags. Auch Tunc sitzt abends oft noch mit ihrem Team zusammen, liest und analysiert Fallstudien, schreibt Arbeiten dazu, erstellt Präsentationen.

Sie wusste, worauf sie sich einlässt. Die Frankfurterin mit türkischen Wurzeln hat nach ihrem Bachelor in internationaler Betriebswirtschaft drei Jahre in einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet. "Mir war klar, dass nach dem Bachelor noch etwas kommen musste", sagt sie.

Ein klassisches Masterprogramm in BWL aber kam nicht infrage. "Mit Studenten ohne jegliche Berufserfahrung im Hörsaal zu sitzen konnte ich mir nicht mehr vorstellen", sagt Tunc. Der 35 000 Euro teure MBA ist eine Rieseninvestition, für die sie an ihr Erspartes geht. Langfristig, da ist sie sicher, zahle er sich aber aus.

Wenige Wochen später, die BWL-Kurse haben begonnen. Rechnungswesen steht auf dem Programm. Es geht darum, nach welcher Methode eine Immobilienfirma ihre Gebäude und Grundstücke bilanziert und welchen Einfluss das auf den Cash-Flow hat, es geht um die Bilanzierung von Leasinggeschäften und die Frage, wann Forschungs- und Entwicklungskosten die Gewinn- und Verlustrechnung beeinflussen und wann nicht.

Für Tunc viel Bekanntes, einige ihrer Kommilitonen aber tun sich schwer. Es ist die letzte Vorlesung vor der Prüfung. Als der Professor die Modalitäten durchgeht, wird es hektisch im Saal. Zwar dürfen die Studenten ihre Materialien mit in die Prüfung nehmen – es wird ihnen nur nicht viel helfen. Sie werden schlicht nicht die Zeit haben, bei fünf oder sieben Minuten Zeit je Frage.

"Wir erwarten, dass bei keinem die Zeit reichen wird", sagt Thorsten Sellhorn, der den Kurs gibt. Tunc weiß aus den ersten Prüfungen, die sie zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich hat: "Solch einen Zeitdruck habe ich noch nie erlebt." Aber das Studium hat auch angenehmere Seiten. Nach der Vorlesung laden die Klassensprecher zum Grillabend – mit einem internationalen Beratungsunternehmen.

Uni unterstützt die Jobsuche

Solche Veranstaltungen sind gute Gelegenheiten, Kontakte zu Unternehmen zu knüpfen. Und die gibt es reichlich. Die Jobsuche ist fester Teil des Programms. Manager kommen zu Gastvorträgen auf den Campus und Personaler zu Karriereveranstaltungen, in Seminaren werden zudem die Lebensläufe auf Vordermann gebracht. Wie schnell die Studenten nach dem Abschluss einen Job finden und wie viel sie dann verdienen, interessiert auch die Macher der wichtigsten Rankings.

Und auf die schauen eigentlich alle. Mittlerweile ist es halb sechs. Tunc trifft sich mit ihrem Team zur Lagebesprechung. Es geht um die Fallstudie, die sie gemeinsam für den Finanzierungskurs bearbeiten sollen. Erst einmal müssen sie aber aus acht, die zur Auswahl stehen, eine finden, die ihnen gefällt. Nur drei aus dem Team haben alle gelesen und schlagen eine vor. Das Team hat gelernt, Zeit und Kräfte einzuteilen, die Teamarbeit effektiver zu machen.

Die Entscheidung ist dieses Mal schnell gefällt. Sie einigen sich darauf, den Fall am übernächsten Abend gemeinsam zu bearbeiten. Zur Sicherheit halten sich alle aber noch einen weiteren Abend frei. Die Fallstudien, sie sind das Kernstück eines guten MBA-Programms. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir nahezu täglich Fallstudien bearbeiten", sagt Tunc. Das wird sich in den nächsten Monaten wohl auch nicht ändern.

In den in Europa meist einjährigen, in den USA zweijährigen MBA-Studiengängen stehen Teildisziplinen der Betriebswirtschaft wie Finanzierung, Strategie, Marketing, Personal, Rechnungslegung, Vertrieb und Kurse zum Unternehmertum sowie Volkswirtschaft auf dem Programm. Hinzu kommen Seminare und Trainings zum Führungsverhalten und immer öfter auch interdisziplinäre Kurse in Politik, Geschichte oder Soziologie, damit die angehenden Manager das "große Ganze" verstehen.

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