Studentenleben Studentenzimmer für lau

In vielen Unistädten herrscht akute Wohnungsnot. Dafür gibt es nun eine spezielle Lösung. Studienanfänger bekommen bei Senioren ein Zimmer und helfen dafür im Haushalt. Lesen Sie hier, wie der Alltag in der außergewöhnlichen WG abläuft.

Johanna Kutsche | , aktualisiert

München, in der Nähe des Tierparks. In der frühabendlichen Dunkelheit sind nicht mehr sehr viele Menschen auf der Straße. Der kleine Lebensmittelladen an der Ecke sieht verlassen aus. Aus einem fünfstöckigen, schon etwas angejahrten Reihenhaus treten ein Mann und eine Frau, sie führen ihren Hund aus. Hier wohnen auch Gisela Hössler, 80, und Katharina, 20. In einer Wohnung.

Eine Win-Win-Situation

Wenn Studenten wegen Studiengebühren und steigender Kosten immer stärker knapsen müssen, wenn immer mehr alte Leute einsam und allein in ihrer Wohnung leben, warum dann nicht beide zusammenbringen? Genau diese Frage hat sich in München der Verein "Wohnraum für Hilfe" gestellt und organisiert eine unübliche Liaison: Die Studienanfänger bekommen für wenig, teilweise sogar gar kein Geld eine Unterkunft, die Senioren bekommen Gesellschaft und Hilfe bei der Hausarbeit. Neudeutsch würde man das wohl eine Win-Win-Situation nennen. Für den Verein ist es ein Projekt der Generationenverständigung. In vielen anderen deutschen Städten gibt es aufgrund des knappen studentischen Wohnraums inzwischen ähnliche Projekte. Ungewöhnliche Freundschaften entstehen beim Zusammenwohnen, aber auch Konflikte.

"Ich habe gemerkt, dass ich alleine nicht mehr so klarkomme", sagt Gisela Hössler. Über zwei Jahre trug sie den Gedanken an das Projekt im Kopf, bis sie tatsächlich beim Verein anfragte. Katharina dagegen wollte sich nicht der Tortur der WG-Castings unterziehen: "Jedes Wochenende von der Schwäbischen Alb nach München fahren und sich Wohnungen anschauen, das wäre überhaupt nicht gegangen." Ein Link des Studentenwerks brachte sie auf die Seite des Vereins, wenig später hatte sie die Kontaktdaten der an Osteoporose erkrankten Gisela Hössler.

Und so haben die beiden telefoniert und Mails hin- und hergeschrieben. Im September ist Katharina bei der alten Dame eingezogen. Auf Gisela Hösslers altem schwarzen Klavier stehen nun Shampooflaschen, eine Haarspülung, Schminkzeug und Partybilder. Die Dame mit den Locken und der schnittigen Brille und die kleine junge Frau mit dem blonden Dutt müssen sich noch aneinander gewöhnen. Sie tasten sich vorsichtig an die Mitbewohnerin heran.

Die Studenten helfen im Haushalt und wohnen dafür gratis

"Neulich waren ein paar Freundinnen von mir da, denen habe ich die Katharina natürlich auch vorgestellt. Und die haben Fragen gestellt, das hätte ich mich gar nicht getraut", sagt Gisela Hössler lachend. Sie wollten wissen, wie lange Katharina schon mit ihrem Freund zusammen ist. Und was der dazu sagt, dass sie nun so weit weg in München studiert. Auf den Mund gefallen ist Gisela Hössler überhaupt nicht. Aber bei Katharina, da ist sie vorsichtig. Sie will sie nicht langweilen. Mit ihrem Hobby Kartenspielen etwa: "Nicht Katharinas Sache, leider."

Die praktischen Fragen des Alltags sind geklärt. Katharina putzt einmal die Woche die Wohnung, sie bezieht die Betten und übernimmt den Haushalt. Nur das Einkaufen lässt sich Gisela Hössler nicht nehmen. "Ich gehe immer mit dem Rucksack los und klingele, wenn ich zurück bin." Katharina trägt dann den Rucksack in den vierten Stock. Die Standardverträge des Vereins "Wohnraum für Hilfe", der als eine Art Mittler zwischen den Senioren und den Studenten auftritt, sehen vor, dass die Studenten alle möglichen Aufgaben im Haushalt übernehmen und dafür nur eine kleine Beteiligung an den Nebenkosten zahlen. Katharina wohnt kostenfrei. Gisela Hössler war es zu umständlich, auszurechnen, wer wie viel Wasser und Strom verbraucht.

Auch sonst geht es recht unkompliziert zu in dieser Wohngemeinschaft. Besuche vom Freund können in den üblichen Studenten-WGs ein Reizthema sein, hier nicht. "Ich habe nur gesagt, ein Wochenende im Monat möchte ich für mich allein haben", sagt Gisela Hössler. Katharina fährt dann nach Hause, auf die Schwäbische Alb. Sie hat ihr Fachhochschulstudium der Pflege gerade erst aufgenommen und besucht ihre alten Freunde gerne. Von ihnen findet es keiner komisch oder uncool, dass sie bei einer alten Dame wohnt: "Das sind eh nicht so die, die in Rumpel-WGs wohnen", sagt sie. "Viele studieren auch mit mir Pflege, die finden den Kontakt zu älteren Menschen ganz selbstverständlich."

Gelebte Generationenverständigung

Brigitte Tauer vom Verein "Wohnraum für Hilfe" kennt ganz andere Fälle. "Einige Senioren erwarten zu viel. Zum Beispiel den ganzen Tag Gesellschaft." Begehrt sind Medizinstudenten oder Azubis der Altenpflege. Gerade die Angehörigen der alten Leute schielen auf eine billige Pflegekraft. In einem Internetforum schimpft ein Medizinstudent: "Der Typ wollte mir sogar verbieten fernzusehen. Ich habe gekocht, ihn gewaschen und gepflegt. Irgendwann reicht es."

Jörn Behrends hat in Tübingen studiert und fand das Projekt anfangs faszinierend: "Ich fand das toll, so gelebte Generationenverständigung. Und in Tübingen ein preiswertes Zimmer zu bekommen, ist auch nicht einfach." Als das Zusammenleben mit dem Senior immer schwieriger und die Erwartungen immer höher wurden, kündigte der heute 28-Jährige den Vertrag.

Es ist eben doch eine Zweckbeziehung. Seit zehn Jahren existiert das Projekt in München, bundesweit haben sich seitdem viele Nachahmer gefunden, sagt Brigitte Tauer: "Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und die ganzen kleineren Universitätsstädte zum Beispiel. Nur in Berlin ist das Projekt wieder eingeschlafen." Kein Wunder, die Mieten dort sind niedrig genug.

In München oder in den vielen anderen teuren Städten im Süden und Westen, funktioniert das Modell. "Das Problem sind eher die Senioren", sagt Brigitte Tauer. Viele Senioren seien ängstlich oder hätten schlicht keine Lust, sich nach Jahren des Alleinlebens noch einmal auf jemanden anderes einzustellen. Gisela Hössler kann das gut verstehen: "Man muss schon offen dafür sein, sonst funktioniert das nicht."

So langsam bricht das Eis

Fast jeden Tag sitzt die 80-Jährige an ihrem Laptop, einem weißen Macbook, und liest ihre Mails. "Ich möchte doch mit der Welt verbunden bleiben", meint sie. Früher hat sie als Lehrerin einer Sonderschule für Ausländer gearbeitet, die letzten Jahre als Ehrenamtliche Asylbewerber in einem Heim betreut. Überall in der Wohnung sind Erinnerungen verstreut. Eine Satteldecke aus Mauretanien, eine afrikanische Maske. "Man muss reisen, so lange man's noch kann", sagt Gisela Hössler dazu nur. Wenn es beim Hochladen der Urlaubsbilder Probleme gibt, ruft sie Katharina zu Hilfe. "Apfel und Tab müssen Sie drücken, Frau Hössler."

"Manchmal hilft mir da auch der Nachbar", sagt Frau Hössler. Katharinas Augen strahlen: "Der neue? Der sah wirklich nett aus." - "Der doch nicht. Außerdem, Sie haben doch einen Freund", sagt Gisela Hössler und droht mit dem erhobenen Zeigefinger. Lange wird es bestimmt nicht mehr dauern, bis das Eis bricht und die beiden das Siezen aufgeben.

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