Studentenjobs Wenn Arbeiten gut für die Note ist

Wer viel jobbt hat weniger Zeit zum lernen. Weit gefehlt. Oft nutzt der Nebenjob sogar. Manche haben gleich mehrere Jobs. Wirtschaftsgrößen wie Bayer-Boss Marijn Dekkers machen es vor.

Bert Losse, Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Wenn Arbeiten gut für die Note ist

Foto: contrastwerkstatt / fotolia.com

Große Sprünge kann man als Student meistens nicht machen. Das Budget ist schmal, vor allem wenn das Studium mit dem Auszug von zu Hause verbunden ist oder sich die Eltern eine üppige monatliche Überweisung an den Nachwuchs nicht leisten können. Schätzungsweise jeder zweite deutsche Student jobbt daher mindestens eine Stunde pro Woche, rund 18 Prozent müssen (oder wollen) parallel zum Studium mehr als zehn Stunden pro Woche arbeiten.

Bei der Suche nach einem Nebenjob sind Studenten nur in einer Hinsicht wählerisch: Das Geld muss stimmen. Das zeigt eine Umfrage des Personaldienstleisters univativ unter mehr als 1.000 Studenten und Studentinnen. "Der spätere Karriereweg spielt bei der Jobauswahl keine nennenswerte Rolle – Hauptsache, die Bezahlung stimmt", bestätigt univativ-Geschäftsführer Olaf Kempin. Bei 55 Prozent der Nebenjobber gibt es deshalb nur einen geringen beziehungsweise gar keinen Zusammenhang zwischen Job und Studium, so das Ergebnis einer Erhebung des deutschen Studentenwerks.
Tipps für den optimalen Nebenjob gibt es hier. Taxifahrer Sinn, Tennislehrer Dekkers

Für Monika Sieverding vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg ist die vermeintlich mangelnde Weitsicht kein Grund zur Besorgnis: "Das war früher auch nicht anders." Prominente Beispiele dafür gibt es einige: So hat Hans Werner Sinn, Noch-Chef des ifo Instituts, sein VWL-Studium unter anderem mit Taxifahren finanziert und auch andere gestandene Wirtschaftsgrößen haben zu Studentenzeiten mit ganz anderen Dingen Geld verdient, als in ihrem späteren Berufsleben. Der amtierende Bayer-Chef Marijn Dekkers beispielsweise finanzierte sein Chemiestudium als Tennislehrer.

Auch hier waren die Gründe für den Nebenjob, der so gar nichts mit Chemie zu tun hatte, ganz pragmatischer Natur: Dekkers war ein guter Tennisspieler und der Job gut bezahlt. Sieverding: "Man studiert erst einmal auf ein nahes Ziel hin – Bachelor, Master oder Diplom – und versucht, das möglichst gut zu erreichen." Um dabei nicht zu verhungern, braucht es nun mal ein Einkommen.

Bei den heutigen Studierenden stehen übrigens die klassischen Nebenjobs hoch im Kurs: Kellner, Kassier oder Verkäufer im Einzelhandel sowie Aushilfe im Büro.

Das Problem: Wer nach der Vorlesung noch einen kompletten Arbeitstag bei Rewe an der Kasse vor sich hat und dann noch jedes Wochenende in einer Bar bedient, gerät schnell unter Druck.

Eine Studie der Technikerkrankenkasse ist zu dem Ergebnis gelangt, dass etwa ein Fünftel der deutschen Studenten psychisch krank sind. Den Grund sehen die Studienautoren im zunehmenden Stress, dem Studierende ausgesetzt sind oder den sie sich selber machen. Und einer der Stressoren sei die Doppelbelastung durch Studium und Arbeiten.

Finanzielle Probleme sind ein weiterer Stressfaktor – nicht arbeiten und sich nur auf die elterliche Geldspritze verlassen, ist also auch keine Lösung.

Jobben auf Kosten der Uni-Leistung?

Gar nicht mal so selten werfen die potenziellen Akademiker deshalb das Handtuch: Deutschlandweit geben 28 Prozent der Bachelor-Studenten vorzeitig auf. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Geht das Jobben – von Sinn und Dekkers vielleicht einmal abgesehen – zu Lasten der akademischen Leistung?

Dieser Frage ist die Ökonomin Maresa Sprietmsa vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für eine Studie nachgegangen. Grundlage der Arbeit sind Datensätze des Nationalen Bildungspanels (NEPS), ein Forschungsprojekt an der Universität Bamberg. In einer repräsentativen Umfrage hatten rund 10.000 Studenten in den Jahren 2007 bis 2010 Auskunft über die Art und den Umfang ihrer Nebenjobs, ihre Bildungsbiografie und akademische Leistung gegeben. Ökonomin Sprietsma verglich nun die Noten von rund 1.500 Studenten mit und ohne Studentenjob anderthalb Jahre nach Studienbeginn.

Das Ergebnis: Es gibt laut Studie "keinen Beleg dafür, dass Studentenjobs die akademische Leistung beeinträchtigen." Dies gelte "selbst dann, wenn die Arbeit mehr als zehn Stunden pro Woche in Anspruch nimmt." Wobei freilich auch die schulische Vorbildung eine Rolle spielen dürfte: Jobbende Studenten konnten laut Studie im Schnitt "bedeutend bessere Abiturnoten" als Kommilitonen ohne Nebenerwerb vorweisen. Trotzdem: Wenn der Nebenerwerb einen Bezug zum Studienfach hat, sind die Leistungen im Schnitt sogar besser. Denn wo sollte man besser lernen, als in der Praxis?

Wer als BWL-Student bei einer Wirtschaftsprüfung jobben kann, sieht dort, was die auswendig gelernten Formeln und Managementgrundsätze in der Wirklichkeit bewirken und auch das Gelernte aus Technik des Betrieblichen Rechnungswesens lässt sich in der Buchhaltung eines Unternehmens am lebenden Objekt anwenden. Selbst angehende Juristen können als Aushilfen etwas für Studium und das spätere Berufsleben lernen – wenn statt zu kellnern in der Personalabteilung eines kleinen Unternehmens aushelfen.

Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen

Bei den klassischen Nebenjobs – kellnern, kassieren, bedienen – lernt man dagegen eher den Umgang mit Menschen – das hilft zwar nicht bei der Abschlussarbeit, aber im Leben sind diese soft skills Gold wert. Finden im Übrigen auch die Arbeitgeber. Wer mit seinem Nebenjob gleich den Berufseinstieg vorbereiten möchte, sollte versuchen, einen der begehrten Stellen als Werkstudent oder studentische Hilfskraft zu ergattern. Das ist zwar nicht unbedingt lukrativer, als die Stelle im Eiscafé, hat aber diverse Vorteile:

  • die Jobs sind mindestens auf ein halbes Jahr – wenn nicht gleich das ganze Studium ausgelegt und bieten so eine gewisse Sicherheit

  • manche Firmen bevorzugen Absolventen ein, die schon während des Studiums bei ihnen gearbeitet haben

  • wer als Hiwi seines Professors an Forschungsprojekten und Büchern mitgearbeitet hat, lernt Leute kennen


Und Vitamin B ist bei der Stellenvergabe das A und O wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt. Demnach kommen 29 Prozent aller Neueinstellungen über persönliche Kontakte zustande. Aber selbst wenn der Nebenjob nicht der große Türöffner sein sollte und das Studium nicht mit Magna cum laude abgeschlossen wird, hat man zumindest etwas gewonnen: Praxiserfahrung und die Erkenntnis, es auch ohne Mami und Papi zu schaffen. Und das ist doch auch schon mal was wert.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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