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Steigende Immigrationslust Verlockendes Deutschland

Deutschland bedeutet für viele Wohlstand. Ärzte, Elektriker oder Künstler – neun Menschen erzählen, warum sie künftig in Deutschland leben wollen.

Alexander Busch, Maxim Kreev, Philipp Mattheis, Silviu Mihai und Mathias Peer | , aktualisiert

Verlockendes Deutschland

Einwanderer1

Foto: Kzenon/Fotolia.com

Miklós Barna, 27, Film- und Fotowissenschaftler aus Ungarn

"Als ich kurz vor dem Abitur beschloss, eine Karriere in den Medien anzustreben, schien es so, als ob uns in Ungarn eine wunderbare Zukunft erwarten würde. Ungarn war gerade der EU beigetreten Doch kurz danach war schnell Schluss mit lustig. Und seitdem Viktor Orbán an die Macht kam, geht in den ungarischen Medien nichts mehr. Die berüchtigten Mediengesetze führten zwar keine Zensur ein, doch die überwiegende Mehrheit der Journalisten, Regisseure und Künstler passen schon sehr gut auf und überlegen dreimal, bevor sie etwas sagen. Langsam reicht es.

Deshalb habe ich beschlossen, zumindest für eine Weile eine Pause zu nehmen. Das sehe ich viel mehr als normale Arbeitsmobilität als klassische Auswanderung. Es ist eine Art Transitetappe. Und dafür ist Berlin, mit seiner Kunst- und Medienszene, ideal. Außerdem lässt es sich in Berlin billiger leben als in Budapest, wenn man eine Arbeit – jede Arbeit – hat."


Valentin Dombrovski, 29, Unternehmer aus Moskau

"Ich ziehe wegen meiner Arbeit bald nach Deutschland. Vor drei Jahren gründete ich ein Start-up, mit dem ich den Verkauf von Eintrittskarten, Reisetickets und Hotelbuchungen in einem Service bündeln wollte. Im vergangenen Jahr sind dann Partner aus Deutschland eingestiegen und wollten, dass ich in München für sie arbeite. Mir passte das wunderbar. Mein Projekt war sowieso als Grundlage gedacht, um irgendwann ins Ausland zu ziehen.

Deutschland kenne ich vor allem aus Erzählungen von Freunden und von meinen Geschäftspartnern. In meinen Augen ist es in erster Linie ein Land mit klaren Regeln. Das Gesetz steht über allem.

Bei uns in Russland wird oft über Stabilität gesprochen, dabei ist das alles ein großes Fake. Du weißt im Endeffekt nicht, was dich morgen erwartet, ob nicht vielleicht noch irgendwas verboten wird. In Deutschland ist das bestimmt anders. Das Land entwickelt sich stetig weiter, alles ist geregelt. Das mag zwar für jemanden langweilig erscheinen, aber die Spielregeln sind klar.

Dazu kommt noch die Lebensqualität. Ich merke in letzter Zeit, wie schlecht die Umwelt hier in Moskau ist. Ich und meine Frau denken langsam an Familie, und in Moskau kann ich mir das schlecht vorstellen.

Einen günstigen Kredit für eine eigene Wohnung bekommt man hierzulande nicht, anders als in Deutschland. Von guter Medizin und Ausbildung ganz zu schweigen. Deutschland scheint mir ein sehr komfortabler Ort zu sein. Zudem ist man mitten in Europa und kann schnell und günstig überall hinreisen.

Deutschland ist ideal fürs Geschäft.

Zumal kleine Unternehmen dort, anders als in Russland, gefördert werden. Freunde erzählten mir, dass es in Deutschland Familienunternehmen gibt, die schon seit über einem Jahrhundert existieren, das hat mir sehr imponiert. Zudem hängen deutsche Unternehmen nicht so sehr von der politischen Situation ab, wie in Russland. Wegen der Krim drohen uns jetzt Sanktionen. So etwas gibt es in Deutschland nicht. In Russland ist Kritik an den Machthabern zunehmend unerwünscht. Das gefällt mir nicht. Für Unternehmer ist negatives Feedback sehr wichtig, ansonsten scheitert man früher oder später. Das Gleiche gilt auch für den Staat."


Marina Preyssat, 18, Studentin aus Frankreich

"Am 1. Oktober geht es nach Deutschland. Ich bin schon sehr gespannt. Immerhin bin ich wegen meines Faibles für Deutschland extra von meinem Heimatort Aix-en-Provence in Südfrankreich nach Lothringen an das deutsch-französische Hochschulinstitut für Technik und Wirtschaft in Metz gewechselt. Wenn mir das nun die Möglichkeit eines Studienjahrs in Saarbrücken eröffnet, so hoffe ich, dass ich dort Karriere machen und mir ein Leben aufbauen kann.

Für mich ist Deutschland nicht nur der Inbegriff eines wirtschaftlich prosperierenden Landes. Ich finde auch, dass Deutschland kulturell und landschaftlich sehr reich ist. Was das Arbeitsleben angeht, habe ich diese Vorstellung von Teamgeist und Arbeit in Gruppen, die für mich gleichbedeutend mit Erfolg sind."

Thossaporn Saensawatt, 26, Jurastudent aus Bangkok

"Deutschland-Fan bin ich seit 2002: Ich war 14 Jahre alt. Es war Sommer und die Fußball-WM in Japan und Südkorea. Deutschland schoss sich bis ins Finale gegen Brasilien.

Bei den Deutschen gab es keine Stars wie Ronaldo. Die Mannschaft war stark, weil alle Spieler gemeinsam auf den Erfolg hingearbeitet haben. Das hat mir imponiert.

In der Wissenschaft ist das ähnlich: Es gibt kein Harvard, Cambridge oder Oxford. Aber ein dichtes Netz an hervorragenden Hochschulen, die Deutschland einzigartig machen. Wenn meine Freunde erzählen, dass sie in Amerika studiert haben, lautet die erste Frage immer: 'An welcher Universität?' Anders ist das, wenn man sagen kann: 'Ich habe in Deutschland studiert.' Das reicht als Qualitätsnachweis.

Ich werde in den kommenden Jahren an der Universität Passau über die Grundprinzipien des Grundgesetzes promovieren. Ich glaube, dass Deutschland eine der besten Verfassungsordnungen der Welt hat. In meiner Heimat Thailand wird die Verfassung oft missbraucht.

Ich war bereits in Deutschland. Einmal war ich mit einer thailändischen Studentengruppe unterwegs. Wir besuchten die Frankfurter Uni und waren mit der Assistentin eines Professors verabredet. Wie das in Thailand üblich ist, kamen wir zehn Minuten zu spät. Die Gastgeberin war verärgert. Sie sagte: 'Das geht so nicht, ihr müsst pünktlich sein.' So direkt würde in Thailand nie jemand Kritik üben. In Thailand geht man Konflikten aus dem Weg. In Deutschland ist man ehrlicher. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber ich glaube, es ist unter dem Strich besser. Ein Höhepunkt steht für mich schon fest: Public Viewing bei der Fußball-WM. Dieses Mal klappt es vielleicht gegen Brasilien."

Maria Marta, 48, und Claudio Zollinger, 52, Ärzte aus Salvador/Bahia

"Die Idee, nach Deutschland zu ziehen, ist konkreter geworden, je älter unsere beiden Söhne wurden. Wir wollen ihnen ein anderes Gesellschaftsmodell zeigen. In Brasilien wachsen die Kinder in einer anarchischen Gesellschaft auf. Konsum ist König, das überdrehte Chaos der Alltag. Wir sehnen uns nach Deutschland, wo wir nach unseren Kurzbesuchen den Eindruck haben, dass die Jugendlichen noch viel unschuldiger sind, ruhiger aufwachsen können als in Brasilien.

Die Kinder können in Deutschland länger Kinder bleiben. In Brasilien schminken und kleiden sich 15-jährige Mädchen schon wie Filmstars und schicken Fotos herum von sich im Bikini. Der ganze Alltag ist übersexualisiert hier in Brasilien. Jugendliche agieren hier schon in der Pubertät wie Erwachsene. Wir schätzen an Deutschland die verlässlichen Regeln. Die Ernsthaftigkeit, mit der dort Dinge behandelt werden: Vom Sport bis zur Tierhaltung und Umweltschutz, alles ist wohldurchdacht organisiert. Es ist letztendlich eine gesellschaftliche Reife, die Deutschland für uns attraktiv macht."

Maho Mizoguchi, 32, Journalistin aus Tokio



"Am liebsten wäre ich nach Brasilien ausgewandert. Das Land entwickelt sich rasant, und ich liebe seinen Kampftanz Capueira. Aber jetzt habe ich einen Deutschen geheiratet und ziehe zu ihm nach Deutschland. Mein Mann und ich haben lange überlegt, ob er nicht in Japan leben und arbeiten sollte. Ich habe hier einen guten Job als Zeitschriftenredakteurin. Aber mein Mann studiert neben der Arbeit und kann nicht weg. Daher werde ich ab Mai mit ihm in München leben und als freie Journalistin für japanische Medien arbeiten.

Meistens sprechen wir Englisch. Aber er kann ein bisschen Japanisch, und ich habe für das Ehegatten-Visum etwas Deutsch gelernt. Das werde ich fortsetzen. Deutsch finde ich nicht so schwer. Da gibt es viele Wortänderungen, aber die Aussprache ist für Japaner einfach. Ich finde, die Deutschen sind uns ziemlich ähnlich: Höflich, zurückhaltend, ernsthaft und pünktlich, außer der Bahn. Die Deutschen arbeiten hart, aber machen sehr lange Urlaub. Die Männer helfen im Haushalt und die Frauen wirken sehr stark. Ein Freund in Hamburg hat mich gewarnt, dass Ausländer es oft schwer haben. Aber ist das nicht überall so?"

Mark Kessel, New York

"Ich möchte nicht nach Deutschland auswandern. Aber ich möchte nach Berlin auswandern. Es ist nicht so, dass ich etwas gegen andere Städte oder das Land hätte. Ich kenne auch die deutsche Provinz und halte sie für reizvoll. Aber ich hätte Angst, dass ich als Ausländer dort nicht klarkomme. Berlin ist anders: So viele Menschen aus allen Himmelsrichtungen, so viel Kreativität, und sie alle haben sich auf Englisch als Sprache geeinigt. Berlin ist das New York Europas. Besser noch – Berlin ist das, was New York vor zwei Jahrzehnten war. Eine kreative Hochburg.

Mein Plan, nach Deutschland zu gehen, reifte seit Langem. Ich habe früher schon in Berlin gelebt, in den verschiedensten Stadtteilen, hatte damals dreimal pro Woche Deutschunterricht, und ich habe in Deutschland und in New York viele deutsche Freunde. Sie sind wie das Klischee: ernsthaft, pünktlich, qualitätsorientiert. Ich schätze diese Eigenschaften sehr. Auch haben die Deutschen einen trockenen, klugen Humor, wie man ihn in den USA kaum findet. Deutschland fördert Künstler großzügig, hat dabei ein gutes Gespür für Qualität und hat Verständnis für Künstler, die keine Verkäufer sein wollen. Die Deutschen sehen immer die Nachteile Berlins, die schwache Wirtschaft etwa, und wissen gar nicht, dass man sich in den Künstlerszenen von New York oder London einig ist: Berlin is the place to be."

Liang Song, 38, hat vor kurzem einen Antrag auf Einbürgerung gestellt



"Mein Weg führte über mein Studium nach Deutschland. Ich habe Maschinenbau studiert. In diesem Fach stößt man ständig auf deutsche Produkte. Die haben den besten Ruf. 2001 erhielt ich ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in München. Ich lernte die Sprache und zog später nach Berlin, um dort weiterzustudieren. Nach meinem Abschluss fing ich bei einer deutschen Maschinenbau-Firma an. Um deren China-Niederlassung besser führen zu können, zog ich nach Peking zurück.

Langfristig aber möchte ich in Deutschland leben. Ich schätze die Gleichheit hier. Chinas Wirtschaft wächst zwar. Aber gerade viele wohlhabende Leute haben Angst um ihr Vermögen. Was China fehlt, ist eine rechtsstaatliche Sicherheit. Heute liegen die Luftverschmutzungswerte in Peking wieder einmal über 400. Der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt bei 25. Es geht nicht zuletzt auch um meine Gesundheit. Hinzu kommen praktische Gründe, die für die Emigration sprechen. Mit einem deutschen Visum kann ich in die meisten Länder problemlos reisen. Chinesische Staatsbürger müssen oft wochenlang auf ihre Visa warten. Geld dagegen ist für mich kein Grund. Mein Gehalt ist in China sogar höher als in Deutschland, meine Lebenshaltungskosten geringer."


Andrés Tolón, 27, Journalist aus Sevilla

"Ich weiß, worauf ich mich einlasse in Deutschland. Ich habe mein Abi auf der Deutschen Schule in Sevilla gemacht. Später ging ich für ein Erasmus-Jahr nach Braunschweig, dann gab es noch ein halbjähriges Praktikum in Berlin. Jetzt bin ich zusammen mit meiner Freundin nach Frankfurt gezogen und suche einen Job.

Deutschland hat viel Natur, riesige Wälder. Vor allem mag ich diese Ernsthaftigkeit, mit der man in Deutschland arbeitet. Die Deutschen arbeiten gut und methodisch. Wenn etwas heute fertig werden muss, wird es auch tatsächlich fertig. Man hält sich an die Regeln. Und die Gehälter sind viel höher als in Spanien.

Die Regelhörigkeit kann natürlich manchmal auch nerven. Zum Beispiel finde ich es leicht übertrieben, wie die Deutschen stur an roten Fußgängerampeln stehen bleiben, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Aber daran gewöhnt man sich."

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