Statistiken Angestellte in Deutschland wirklich an der kurzen Leine?

Die duale Berufsausbildung gilt als Erfolgsmodell. Sie sorgt für eine geringe Jugendarbeitslosigkeit und Fachkräfte. Aber sie ist auch Schuld, dass Deutschland in jeder Statistik zum Land der befristeten Jobs wird.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Angestellte in Deutschland wirklich an der kurzen Leine?

Foto: AK-DigiArt / fotolia.com

Nach der Schulzeit müssen sich junge Menschen in Deutschland entscheiden: Ausbildung oder Studium? Jedes Jahr wählen Hunderttausende eine duale Ausbildung. Drei bis vier Tage pro Woche lernen und arbeiten sie in einem Unternehmen. An den übrigen Wochentagen drücken sie die Schulbank. Weltweit ist dieses System einzigartig. Ausbildungen in anderen Ländern sind theoretischer Natur, falls es sie überhaupt gibt. Ansonsten heißt es: Studieren oder im Supermarkt Regale einräumen.

Nach der Finanzkrise zeigten sich die Probleme: Wer nicht studiert hatte, stand auf der Straße. Gerade in Südeuropa war die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen exorbitant hoch. Auch heute sind Spanien und Portugal noch keine attraktiven Arbeitsmärkte für junge Leute, selbst Akademiker haben es schwer. Mehrmals hatten Politiker deshalb überlegt, das System deutsche betriebliche Ausbildung zu exportieren.

Niedrige Jugendarbeitslosenquote

Denn auch wenn hierzulande immer mehr junge Menschen ein Studium statt einer Ausbildung beginnen, das System ist gut. Während in Griechenland und Spanien mehr als 50 Prozent der jungen Menschen keinen Job haben, hat Deutschland die europaweit niedrigste Jugendarbeitslosenquote. Die Schweiz und Norwegen folgen auf den Plätzen zwei und drei.

Hinzu kommt, dass eine Ausbildung eine gewisse Gehaltssicherheit gibt. Wer etwas von der Pike auf gelernt und entsprechende Zeugnisse hat, kann auch einen gewissen Preis verlangen. Wer binnen fünf Minuten angelernt und ersetzt werden kann, hat eine deutlich schlechtere Verhandlungsposition.

Ansturm auf freie Stellen

Entsprechend gut ist die Stimmung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Dank Wirtschaftswachstum und hoher Beschäftigung gehen rund zwei Drittel der Deutschen davon aus, dass ihr Job bombensicher ist. 28 Prozent halten eine Entlassung zumindest für nicht sehr wahrscheinlich, wie das Beratungsunternehmen Gallup ermittelte. Trotzdem sind viele überzeugt, dass sie sich noch verbessern können: Jobplattformen verzeichnen derzeit einen regelrechten Run auf freie Stellen. Und zwar nicht nur auf Positionen für Akademiker, auch gelernte Fachkräfte sind selbstbewusst auf der Suche.
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Es gibt nur eine Sache, bei der die betriebliche Ausbildung Deutschland alt aussehen lässt. Und das sind befristete Arbeitsverträge. Erst kürzlich veröffentlichte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Umfrageergebnisse, laut denen ausgerechnet junge Deutsche nichts von der guten Stimmung am Arbeitsmarkt mitbekommen.

Sie hangeln sich von einem befristeten Vertrag bis zum nächsten. Auch die Arbeitsmarktdaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeichnen ein solches Bild. Demnach gibt es nur in Frankreich, den Niederlanden, Portugal und Spanien noch mehr junge Menschen mit Zeitvertrag.

Eklatante Unterschiede im internationalen Vergleich

Laut den OECD-Daten haben mehr als 50 Prozent der jungen Deutschen im Alter bis 24 Jahren keinen unbefristeten Job. Bei den OECD-Spitzenreitern Estland und Großbritannien liegt der Anteil der befristeten Verträge bei jungen Arbeitnehmern dagegen deutlich unter 20 Prozent.

Aber woher kommt das? Die Beschäftigungszahlen sind gut, Fachkräfte gesucht, alle wollen ein System "trained in Germany" – aber der eigene Markt hält die jungen Talente an der kurzen Leine?

Azubis und regulär Angestellte wandern alle in einen Topf

"In internationalen Vergleichen wie etwa der OECD-Statistik werden häufig Ausbildungsverhältnisse und "normale" befristete Arbeitsverträge in einen Topf geworfen, weil es in anderen Ländern etwas vergleichbares wie das deutsche Ausbildungssystem nicht gibt", sagt Christian Hohendanner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Und da ein Ausbildungsverhältnis – abhängig von der Branche und eventuellen Vorkenntnissen – nun mal auf zwei bis vier Jahre befristet ist - sind allein im vergangenen Jahr mehr als 500.000 Neu-Azubis zum Heer der sogenannten atypisch Beschäftigten hinzu gekommen. Im Klartext: Was dem deutschen Arbeitsmarkt in der Praxis gut tut, schadet ihm auf dem Papier. Das ist europäische Statistik.

Vorsicht vor internationalen Vergleichen

Zieht man die Azubis ab, sind nur noch 7,4 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer ab einem Alter von 15 Jahren befristet beschäftigt. Das belegt ein entsprechender Forschungsbericht des IAB. In der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen sind 21,1 Prozent betroffen, bei den 25- bis 34-Jährigen 12,4 Prozent.

Von den 35- bis 44-Jährigen sind nur noch 6,9 Prozent befristet beschäftigt. Das mag immer noch zu viel sein. Die Werte sind jedoch deutlich besser, als alle internationalen Vergleiche glauben machen wollen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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