Startup Sehnsucht nach einem europäischem Silicon Valley

Länder und Städte locken Gründer mit Vergünstigungen und Investitionen, trotzdem machen zahlreiche Hürden Startups das Leben schwer. Ein Streifzug durch die europäische Gründerlandschaft.

Oliver Voß, wiwo.de | , aktualisiert


"Silicon Roundabout" Old Street, London   Foto: Nigel Chadwick/Geograph

Berlin oder London – wer ist die europäische Startup-Hauptstadt?

Der Kampf der beiden Metropolen tobt seit einigen Monaten. Immer öfter nannten zuletzt prominente Investoren und Kenner der Gründerlandschaft Berlin als europäisches Pendant zum Silicon Valley. Mit dem von Groupon übernommenen Rabattportal CityDeal und dem gerade von Google für wohl mehr als 150 Millionen Euro gekauften DailyDeal gelangen zwei spektakuläre Verkäufe von deutschen Hauptstadt-Startups.
 
Doch es sind nicht nur solche oft geschmähten "copy cats" sondern zunehmend Unternehmen mit eigenen Ideen, die international Furore machen. Soundcloud entwickelt zu einer der wichtigsten Musikplattformen für Künstler, Wooga ist einer der erfolgreichsten Entwickler von Facebook-Spielen und das gerade gestartete Meinungs- und Rankingportal Amen lockte sogar den Schauspieler und Netzpromi Ashton Kutcher als Investor.

Doch auch in London tut sich einiges, Premierminister Cameron führte Steuererleichterungen für Investoren ein und will massiv in die East London Tech City investieren. Hier im Osten Londons spricht man vom "Silicon Roundabout", da sich um den Kreisverkehr an der U-Bahn Station Old Street diverse Gründer tummeln. Vom schon klassischen Internetradio Last.fm, den Entwicklern des Twitterdienstes Tweet Deck bis hin zum Moderevolutionär Lookk.

Mehr Venture Capital in England

"Hier ist ein Knotenpunkt für Startups", schwärmt Lookk-Gründer Martin Klinger. Der Österreicher ist Anfang des Jahres mit seinem Unternehmen nach London gekommen, dass damals noch den Namen Garmz trug. Modedesigner können auf der Seite Skizzen ihrer Kreationen hochladen und die Nutzer stimmen darüber was ihnen gefällt. Klinger organisiert im Anschluss die Produktion und verkauft die Stücke im Netz.
 
Ein entscheidender Grund für den Wechsel nach Großbritannien, war die Finanzierung. "Alle großen Venture Capital Geber sind hier", schwärmt Klinger. In Österreich gäbe es dagegen im Prinzip keine Investoren oder Business-Angel-Netzwerke. In Punkto Geldgeber hat London auch Berlin einiges voraus.


"Silicon Roundabout" Old Street, London   Foto: Nigel Chadwick/Geograph

"Unzureichende Finanzierungsmöglichkeiten sind ein zentrales Hemmnis für viele potenzielle Gründer in Deutschland", sagt Stephan Jacquemot, der sich bei Microsoft Deutschland um junge Unternehmen kümmert und das Förderprogramm BizSpark leitet.

Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln belegen den seit Jahren beklagten Unterschied: 2008 standen nur 0,06 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als Risikokapital für Gründungen von Hightech-Firmen zur Verfügung – das entspricht der Hälfte des EU-Durchschnitts.

"In den USA stehen pro Kopf jährlich 100 Dollar Wagniskapital zur Verfügung", sagt Jacquemot, "in Deutschland sind es umgerechnet circa fünf Dollar". Selbst China investiert bereits drei bis vier Dollar, Spitzenreiter Israel sogar 250 Dollar.

Doch in den letzten Jahren bessert sich die Situation in Deutschland zumindest etwas: Immer mehr ehemalige Gründer setzen ihr Geld ein, um in andere Startups zu investieren. Bekannte Beispiele sind der Erfinder des T-Shirt-Versands Spreadshirt, Lukasz Gadowski, seit 2008 investiert er mit seinem Team Europe Ventures in bestehende Startups und gründet eigene.

Inkubatoren sollen helfen

Einen solchen Inkubator hat auch Lars Hinrichs gestartet, HackFwd heißt der Startup-Brutkasten des Xing-Gründers. Die Gründerschmiede finanziert IT-Tüftler im Frühstadium mit 91.000 bis 191.000 Euro und verlangt dafür einheitlich 27 Prozent der Anteile.

13 Unternehmen hat HackFwd bereits hervorgebracht, wobei eines davon nicht mehr existiert. Viele davon sind Unternehmergesellschaften, die Einführung dieser auch oft Mini-GmbH, genannten Rechtsform ist für Hinrichs eine der wichtigsten Erleichterungen für Gründer in der letzten Zeit. "Es wäre sensationell, wenn wir so eine einheitliche Rechtsform für ganz Europa hätten", sagt Hinrichs. Analog zur europäischen Aktiengesellschaft SE wünscht er sich eine UG für den gesamten Binnenmarkt. Das würde viele Anwalts- und Übersetzungskosten sparen.


"Silicon Roundabout" Old Street, London   Foto: Nigel Chadwick/Geograph

Eine zweite Forderung ist die bessere Förderung von Privatinvestoren auf europäischer Ebene. Venture Capital Funds können sich Investitionen von der europäischen Investitionsbank co-finanzieren lassen. Das sollte auch für Business Angels und Privatinvestoren möglich sein. "Jeder EU-Bürger sollte zudem die Möglichkeit haben, ähnlich wie in Frankreich, Privatinvestitionen in High-Tech-Gründungen steuerlich geltend zu machen", fordert Hinrichs.

Denn nach einer Untersuchung der European Private Equity and Venture Capital Association und der Beratung KPMG hat Frankreich steuerlich und rechtlich gesehen die günstigsten Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Investitions- und Risikokapital in Europa. Auf den weiteren Plätzen folgen Irland, Belgien und Großbritannien. Deutschland befindet sich dagegen in der hinteren Gruppe, noch nach Portugal, Spanien oder Polen.
 
"Französische Investoren sparen sich einen Teil der Steuer", sagt der Gründer Alexander Jorias. Mit Club Cooee bietet der 42-jährige eine 3D-Chatplattform, deren inzwischen fast eine Million Nutzer können die Räume ausgestalten und ihren Avatar einkleiden, für virtuelle Klamotten, Sofas oder Lautsprecherboxen zahlen sie von einem Cent bis fünf Euro.

Andere Länder, bessere Chancen

Jorias profitiert von den französischen Steuervergünstigungen für Wagniskapitalgeber, denn mit Generis Capital Partners und Innoven Partenaires haben gleich zwei französische VC-Gesellschaften in Cooee investiert. "Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen", sagt Jorias.

Denn es ist keine Ausnahme, dass deutsche Gründer bei der Geldsuche in Frankreich fündig werden. Innoven Partenaires ist beispielsweise auch an dem Aachener Biopharmaunternehmen Paion und dem in Berlin ansässigen Musikstreamingdienst Aupeo beteiligt.

Ganz anders ist dagegen die Situation in Großbritannien. "Die VCs streiten sich um die guten Unternehmen, für die sehe ich hier kein Finanzierungsproblem", sagt Sherry Coutu. Sie hat früher verschiedene Firmen gegründet und investiert nun als Business Angel in andere Startups. Zu Coutus Investments gehörte der DVD-Verand Lovefilm, derzeit ist sie auch an der Modeplattform Lookk beteiligt.


"Silicon Roundabout" Old Street, London   Foto: Nigel Chadwick/Geograph

Deren Gründer hatten auch überlegt, von Österreich nach Berlin zu kommen. Doch neben dem Zugang zu Wagniskapital sprach noch ein zweiter Grund für London: "Von hier kommt man viel leichter nach Amerika", sagt Klinger. Wenn beispielsweise der Guardian über ein Startup berichte, werde das auch in den USA gelesen – aber genauso in Deutschland oder Spanien.

Einen Nachteil hat die Londoner Startup-Szene im Stadtteil Shoreditch jedoch. Das Bankenviertel ist zu Fuß in weniger als einer halben Stunde erreichbar. Und trotz Krise ist die Finanzbranche als Magnet für viele umworbenen Fachkräfte noch attraktiver. "90 Prozent der Leute, die ihren Abschluss in Informatik, Ingenieurwissenschaften oder Mathematik machen, fangen danach bei einer Bank oder Beratung an", sagt der Chef des Startups Songkick Ian Hogarth gegenüber dem Magazin "Business Punk".

Schwierige Personalsuche

Und auch Personal aus dem Ausland anzuheuern ist schwieriger als man hierzulande denkt. "Die Einwanderungsbestimmungen machen es schwerer, als es sein sollte", sagt Sherry Coutu. Für die Kunstplattform Artfinder benötigte sie einen Spezialisten in Bilderkennung, der in Europa jedoch nicht zu bekommen war.

Mit Brian Fulkerson hatte das Startup dann einen Crack aus Berkeley aufgetan, der dort an selbst fahrenden Autos gebastelt hatte. Doch obwohl sie den Spezialisten aus dem Silicon Valley bereits abgeworben hatte, scheiterte der Wechsel beinahe. "Die Bürokratie hat uns sechs Monate und fast 40.000 Pfund gekostet“, sagt Coutu, "wir haben zeitweise schon überlegt, die Firma in die USA zu verlegen."

Doch nicht nur die Einwanderungspolitik einzelner Länder ist ein Problem. Bei immer mehr Unternehmen arbeiten Mitarbeiter grenzübergreifend in mehreren Ländern über das Netz zusammen. Das Arbeitsrecht sieht das jedoch oft kaum vor, wer beispielsweise Mitarbeiter in Frankreich anmelden will, muss dort erst eine lokale Niederlassung gründen. "In der Vorstellung der Politik sitzen wir alle noch an einem Ort", sagt Lars Hinrichs, "da müssen sich die Regeln der heutigen digitalen Arbeitswelt anpassen."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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