Stärken beweisen Was ist schon schwach?

Vermeintliche Schwächen lassen sich leicht in Stärken verwandeln. Wie das funktioniert beschreibt Malcolm Gladwell – einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren der Welt – in seinem neuen Buch "David und Goliath".

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert

Was ist schon schwach?

Schleuder1

Foto: gradt/Fotolia.com

Die Schwachen können die Starken besiegen. Diese Botschaft ist für einen Bestseller gut. Die Autoren der Bibel haben es vorgemacht: Der kleine Hirtenjunge David besiegt im Zweikampf den riesigen Krieger Goliath - mit einer Steinschleuder. Der Star-Journalist Malcolm Gladwell hat es nachgemacht: In seinem Buch "David und Goliath" präsentiert er Basketballer, arme Ehefrauen und Guerilla-Kämpfer, die ihre vermeintliche Unterlegenheit zur Stärke machten.

Zum Verkaufsstart der deutschen Übersetzung lässt sich Gladwell in Berlin interviewen. Er huscht durch die Lobby des Hotels, ein kleiner, hagerer Mann mit wilder Lockenmähne und orangefarbener Laufjacke, die New York Times in der Hand. Wenig später sitzt Malcolm Gladwell entspannt an einem Tisch. Er spricht leise und wirkt so, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen.

Herr Gladwell, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie "die Kunst, Übermächtige zu bezwingen". Wie kamen Sie auf die Idee?

Malcolm Gladwell: Im Mai 2009 schrieb ich im New Yorker einen Artikel über Vivek Ranadivé. Der indischstämmige Softwareunternehmer beschloss eines Tages, das Basketballteam seiner Tochter zu trainieren – obwohl er nie zuvor Basketball gespielt hatte. Außerdem war die Mannschaft ziemlich untalentiert. Die Mädchen waren weder besonders groß noch schnell, ihr Ballgefühl war unterdurchschnittlich. Trotzdem sorgte Ranadivé dafür, dass sich das Team für die Endrunde der Landesmeisterschaften qualifizierte.

Wie das?

Er wählte eine unkonventionelle Strategie. Ranadivé wusste, dass seine Mannschaft ihren Gegnerinnen unterlegen war – zumindest dann, wenn sie Basketball spielten wie jeder andere. Also: Bei Ballbesitz greifen alle an, danach rennen sie in die eigene Hälfte und ziehen sich in die Verteidigung zurück. Das konnte hier nicht funktionieren. Ranadivés Ansatz war daher, dass sein Team in jedem Spiel und über die gesamte Spielzeit hinweg Pressing spielen würde, wenn es nicht in Ballbesitz war. Mit dieser aggressiven Verteidigung fingen sie Pässe der Gegner ab und punkteten mit Korblegern.

Klingt skurril, aber clever.

Ja, und es funktionierte. Diese Geschichte fand ich faszinierend, deshalb blieb sie irgendwie hängen. Und mir fiel auf, dass ich noch viel mehr darüber schreiben konnte, warum vermeintlich Unterlegene ihre Schwächen manchmal in Stärken verwandeln. Und immer wenn man dieses Gefühl hat, dann ist das ein Zeichen dafür, dass man ein Buch schreiben kann.

In "David und Goliath" behaupten Sie, dass "wir" eine falsche Vorstellung davon haben, wer im Berufsleben, auf dem Sportplatz oder in einem Zweikampf überlegen ist. Dieses "Wir" gibt es aber in Wahrheit gar nicht – eine ziemlich clevere Verkaufsmasche.

Dahinter steckt keine Verkaufsmasche. Ich interessiere mich nun mal für die großen Fragen des Lebens, und da gehört die Auseinandersetzung zwischen Großen und Mächtigen einerseits und Kleinen und Schwachen andererseits dazu.

Ihr letztes Buch erschien vor fünf Jahren. Wie lange saßen Sie denn an "David und Goliath"?

Ewa drei Jahre. Interessanterweise brauche ich länger, je mehr Spaß ich habe. Deshalb hat dieses Buch lange gedauert – auch wenn ich nicht jeden Tag daran gearbeitet habe.

Sie leben den Traum vieler Journalisten. Seit 1996 sind Sie beim renommierten Magazin New Yorker, Ihre Bücher sind weltweite Bestseller. Sie wissen aber schon, wie gut Sie es haben?

Na klar. Von 1987 bis 1996 war ich bei der Washington Post. Dort bin ich auch jeden Tag ins Büro gegangen und hatte einen Chef, der mir gesagt hat, was ich tun soll.

Und wie sieht heute ein normaler Arbeitstag aus?

Morgens versuche ich zu schreiben. Produktiv und konzentriert geht das aber nur zwei bis drei Stunden, mehr schafft kaum jemand. Ich schreibe meistens in Cafés, Bibliotheken oder in meiner Wohnung. Nachmittags organisiere ich Interviews, recherchiere, denke nach.

Haben Sie überhaupt einen Schreibtisch beim New Yorker?

Nein, ich bin so gut wie nie dort. Ich mag Büros nicht besonders, institutionelle Umgebungen schränken mich ein.

Ihr Erfolg hat Ihnen nicht nur berufliche und finanzielle Freiheit gebracht, sondern auch Gegner, Skeptiker und Feinde. Einige kritisieren Sie, andere sezieren Ihre Bücher in fast manischer Akkuratesse. Wie erklären Sie sich das?

Das wirkt manchmal tatsächlich etwas obsessiv. Ich glaube, dahinter steckt ein psychologisches Phänomen. Je erfolgreicher jemand ist, desto zügelloser sind seine Kritiker. Das ist menschlich völlig nachvollziehbar. Wenn man das Erstwerk eines unbekannten Autors rezensiert, ist man noch gnädig. Man versteht, wie verwundbar er ist, denn er hat noch keine Reputation. Doch wenn es um jemanden geht, der Status hat und Erfolg – dann muss man nicht nett sein. Denn man weiß, dass die andere Person die Kritik verkraftet. Und ich kann damit sehr gut leben.

Ärgern Sie sich gar nicht drüber, wenn jemand Ihr Werk verreißt?

Kaum. Zunächst einmal ist die Anzahl der Menschen, die diese langen Rezensionen wirklich bis zum Ende lesen, überraschend gering. Meine Leser interessiert das kaum. Man darf den Einfluss der Kritiker also nicht überschätzen. Mich bringen sie nicht um den Schlaf.

Ist es überhaupt möglich, ein Buch zu schreiben, das sowohl Wissenschaftlern als auch dem Publikum zusagt?

Ich glaube nicht. Mir wird das jedenfalls nie gelingen. Aber ich kenne das von mir selbst. Ich bin ein sehr ernsthafter Läufer. Jedes Mal wenn ich Artikel darüber lese, rege ich mich über Ungenauigkeiten auf. Dann muss ich mich kneifen und mir immer wieder sagen: Hey, der Text ist nicht für mich, sondern für Laien! Genauso ist es auch mit meinen Büchern.

Suchen Sie sich Ihre Themen eigentlich danach aus, ob sie sich für Vorträge eignen?

Nein. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Und in Vorträgen funktionieren Geschichten nun mal am besten. Ich fühle mich angezogen von interessanten Geschichten. Sie sind ein Vehikel, um komplexe Ideen zu erklären. Das ist also eher ein glücklicher Zufall. Außerdem glaube ich: Wer gut schreiben will, muss Vorträge halten.

Wieso?

Man lernt, Geschichten zu erzählen. Wenn jemand ein Buch kauft, macht er das freiwillig. Bei einer Konferenz sind die Zuhörer vielleicht zufällig da oder komplett desinteressiert. Man muss also hart arbeiten, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen – und das mitunter eine ganze Stunde lang. Dabei lernt man, eine Geschichte zu erzählen.

Und wie macht man das?

Man achtet auf die Charaktere. Mein Buch "David und Goliath" ist interessant, weil die Charaktere sehr verschieden und reizvoll sind. Ich achte sehr genau darauf, welche Protagonisten ich auswähle. Sie müssen interessant sein, unwiderstehlich, müssen lebendig werden. Dafür gibt es keine Formel, sondern das ist Übungssache.

Vor einigen Monaten haben Sie sich erstmals bei Twitter angemeldet. Üben Sie dort auch?

Ja, immerhin 53 Tweets habe ich schon. Aber ich muss zugeben, dass ich den Dienst sehr sporadisch nutze.

Auch sonst verzichten Sie auf Social-Media-Aktivitäten. Weil Sie es nicht mehr nötig haben?

Ich hatte Glück. Wer sich vor dem digitalen Zeitalter einen Namen machen wollte, musste bei einer renommierten Institution sein. Ich durfte bei großen Medien wie der Washington Post oder dem New Yorker arbeiten. Das System war darauf zugeschnitten, um als Journalist bekannt zu werden. Das hat sich geändert.

Würden Sie also aktiver bloggen und twittern, wenn Sie heute am Anfang Ihrer Karriere stünden?

Definitiv! Dann hätte ich keine andere Wahl.

Finanziell haben Sie es heute ohnehin nicht mehr nötig.

Das war aber auch nie meine Motivation.

Das sagt doch jeder Erfolgreiche.

Nun ja, manche meinen es ehrlicher als andere. Deshalb mein Rat: Wer als Schriftsteller finanziell erfolgreich sein will, darf niemals versuchen, finanziell erfolgreich zu sein.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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