Sprachen Chinesisch - eine Sprache der Zukunft

Wer in China erfolgreich wirtschaften will, kommt um die Sprache nicht herum. Das Bochumer Landesspracheninstitut macht Expats in weniger als einem Monat fit. Junge Karriere wollte wissen, wie.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Ni hao - die chinesische Begrüßung kennen sie. Ansonsten aber reichen ihre Kenntnisse gerade, um im Asia-Imbiss um die Ecke "Loempia bitte" zu radebrechen. Doch Speisekartenniveau genügt den 25 Leuten nicht, die sich Montagmorgen um halb neun in der dritten Etage von Gebäude West der Bochumer Ruhr-Uni versammeln.

In nur drei Wochen sollen die Teilnehmer des Intensivsprachkurses am Sinicum des Landesspracheninstituts Nordrhein-Westfalen (LSI NRW) so fit gemacht werden, dass sie nicht nur Frühlingsrolle bestellen, sondern im Reich der Mitte auch beruflich bestehen können.

Zig Gründe, ein Ziel
Die Ambitionen der 16 Männer und neun Frauen zwischen 20 und 40 sind so variantenreich wie die chinesischen Gemüsegerichte: Susanne Messmer aus Berlin will als Kulturkorrespondentin übersiedeln. Und hat es satt, in Peking immer englischsprachige Freunde anrufen zu müssen, damit die dem Taxifahrer dolmetschen, wo Messmer gerade hin will. Künftig will sie "ohne Kindermädchen klar kommen". Winfried Bernhard ist auf dem Sprung nach Suzhou. Bosch entsendet den Physiker für die nächsten drei Jahre. Und weil seine Frau Astrid nicht nur im deutschen Ghetto hocken will, büffelt sie gleich mit.

Katrin Bimesdörfer, Studentin der Sozialwissenschaften, will das nächste Semester an der Peking University verbringen. Ihre Eltern produzieren in China Schuhe. Diplom-Kaufmann Martin Elwert aus Ravensburg reist als Stipendiat nach Shanghai, um bei einer Wirtschaftsberatung ein Praktikum zu absolvieren. Ebenfalls in die Metropole am Huangpu-Fluss zieht es Wirtschaftsinformatiker Hannes Hess aus Paderborn. Er wird für Siemens VDO arbeiten.

So unterschiedlich die Jobpläne der Kursteilnehmer sind - in einem sind sich alle einig: Die wirtschaftliche Zukunft wird in chinesischen Schriftzeichen gemalt. Dass es sich für Europäer lohnt, die chinesische Sprache zu erlernen, die bereits mehr als 1,3 Milliarden Menschen in dem einen oder anderen Dialekt sprechen, steht für die Kursteilnehmer außer Frage.

Trendsprachen im Turbo-tempo
Wie blutige Anfänger tatsächlich ruck, zuck die chinesische Hochsprache Mandarin, die heute Putonghua genannt wird, erlernen, hat Sinicum-Leiter Manfred Frühauf lange erprobt. Seit Mitte der 70er Jahre gilt das LSI NRW als Topadresse für die Turbo-Vermittlung von Zukunftssprachen: Auf Russisch- und Japanisch-Kurse folgte 1980 Chinesisch, seit zwei Jahren stehen dazu Koreanisch und Persisch auf dem Stundenplan. Zu den Großkunden, die regelmäßig ihre Expats schicken, zählen Bosch und Siemens, Lufthansa, DaimlerChrysler und sogar das Auswärtige Amt. Auch die Austauschorganisationen DAAD und Inwent lassen ihre Stipendiaten im Ruhrpott trimmen.

"Wir haben nicht genügend Kapazitäten für die große Nachfrage", sagt LSI-Direktor Jochen Pleines. Studenten sollten sich sputen: Eine Umstrukturierung in 2007 soll dem bislang hochsubventionierten LSI mehr Gelder von Unternehmenskunden bringen. Gleichzeitig schrumpft der Anteil finanziell geförderter Studenten und wird sich wahrscheinlich sogar auf Sprachschüler der Region beschränken. Noch aber können Hochschüler von Hamburg bis München zum Schleuderpreis von 385 Euro das dreiwöchige Top-Sprachtraining buchen.

Der Trick mit Pinyin
Die Teilnehmer des Chinesisch-Kurses kratzt das nicht mehr - sie sind drin. Als Sinologe Frühauf der Klasse den Kursablauf erklärt, flirrt die Stimmung zwischen erwartungsvoll und skeptisch. Noch kann keiner seiner Zuhörer so recht glauben, dass nach gerade mal 100 Stunden Chinesisch-Crashkurs Grammatikgrundlagen und Vokabeln wirklich sitzen.

Doch Frühauf und Kollegen greifen zu einem Trick: Hanyu Pinyin - die lateinische Umschrift, die mit ihren Betonungszeichen über den Buchstaben an Französisch erinnert - ermöglicht es Nicht-Asiaten, Chinesisch zu sprechen, ohne auch nur ein einziges Schriftzeichen zu kennen. "Chinesen halten das für völlig unmöglich", sagt Lehrer Wolf Baus und grinst. Schließlich quälen sich chinesische Schüler bis zu ihrem Abitur, rund 5 000 Zeichen in ihr Hirn zu hämmern.

Doch dank Pinyin startet der Chinesisch-Unterricht à la Ruhrpott sofort mit der für europäische Ohren "schrecklichen Kunde von den Tönen": Vier verschiedene Tonlagen gilt es zu treffen und 54 Ausspracheregeln einschließlich der ungewohnten Zisch- und Nasal-Laute zu beherrschen. Um den Knoten in der Zunge zu lösen, plappern die Schüler der vier Kleingruppen ihren Lehrern Silben im Chor oder auch einzeln nach.

Danach müssen sie reihum vorlesen, um selbst die richtige Betonung zu erwischen. Da sausen auch schon mal Karateschläge durch die Luft oder wedeln Hände. Aber nicht vor Wut. Noch nicht. Die untermalenden Gesten helfen dabei, den Singsang, den die vier verschiedenen Akzentzeichen auslösen, einzuüben.

Erst als "ich" wie das Quaken eines Frosches klingt und "Hunger" stark dem Würggeräusch nach dem Genuss von zu viel Pekingente ähnelt, geben sich Frau Gu, Frau Tao, Frau Xing und Herr Zhang zufrieden. "In nur vier Stunden haben wir die gesamte chinesische Aussprache durchgenommen", staunt Susanne Messmer. Und das ist schon beinah die halbe Miete. Denn Chinesisch besteht gerade mal aus 411 Silben, die Vielfalt der Bedeutungen ergibt sich erst aus den vier Tonhöhen.

Lehrer Dingxian Zhang muss noch immer kichern, wenn die Schüler statt "Spanien" irrtümlich "Brathähnchen" artikulieren oder "Kyoto" zur "Autohupe" mutiert. Ganz nebenbei lernen sie während ihrer Sprechübungen die ersten Vokabeln von "Mutter" bis "Drache".

Büffeln bis zum Umfallen
Der erste Tag vergeht wie im Flug. Um 16.15 Uhr endet der Unterricht. Dann ziehen sich Expats wie die Bernhards aus dem 13-stöckigen Betonklotz in das nahe gelegene Golfhotel zurück. Die Firma sponsert ihnen den Sprachkurs mit Komfortunterkunft. Die Studenten, Stipendiaten und Selbstzahler pilgern derweil zum Großeinkauf ins Globus-Kaufhaus, um ihre Kühlschränke zu füllen. Sie haben sich im LSI-Internat im Fakultätsgebäude einquartiert, und die Mini-Dependance der Uni-Mensa verköstigt die Kursbesucher nur mittags.

Um 19 Uhr kommen die meisten aus ihren Ein- oder Zweibettzimmern zurück in den Klassenraum zur freiwilligen Nachhilfestunde mit Lehrer Frühauf. "Die Mischung aus Muttersprachlern und deutschen Lehrern macht's", findet Hannes Hess. "Die Chinesen achten vor allem auf die Aussprache, und die deutschen Lehrer können unsere Fragen besser nachvollziehen und klären."

Wer mag, macht sich anschließend in der Gemeinschaftsküche über das Abendessen her. Danach heißt es noch gut zwei Stunden lang den Stoff des Tages nachbereiten: Vokabeln pauken, im 320 Seiten dicken Lehrbuch schmökern und im Extremfall über der Chinesisch-Kassette einschlafen.

Meister der Deutung
Am zweiten Tag tauchen die Eleven in die Grammatik ein, die sich zum Glück als nicht allzu komplex entpuppt. Denn wie beim Buchstabenspiel Scrabble lassen sich im Chinesischen ganze Worte aneinander reihen. Um Fälle oder das Beugen von Verben braucht sich kein Schüler zu scheren. Ob Ein- oder Mehrzahl, männlich oder weiblich - was jeweils gemeint ist, ergibt sich im Chinesischen ebenso aus dem Zusammenhang wie Präsens oder Imperfekt. Selbst wer beim Bäcker wegen falscher Tonlage "fünf Wachsoldaten" bestellt, wird dennoch die gewünschte Anzahl "Sesambrötchen" bekommen - Chinesen sind wahre Meister der Interpretation.

Wer die Ziffern eins bis zehn beherrscht, kann sofort bis 99 weiterzählen. "Die Dozenten pushen ganz gut", findet Martin Elwert, der erst kürzlich sein Studium an der Handelshochschule in Leipzig abgeschlossen hat. "Jede Unterrichtsminute heißt es volle Konzentration, man kann nicht eine Sekunde abschweifen, sonst hat man gleich was Wichtiges verpasst."

So gelingt schon am Ende des zweiten Nachmittags vielen die erste chinesische Vorstellungsrunde, in der je zwei Teilnehmer auf die entsprechenden Fragen Namen, Beruf, Nationalität und Alter nennen. Und ihrem Gesprächspartner verraten, ob sie verheiratet sind. Gelächter erntet Hannes Hess' Banknachbarin, als sie ihm statt der beabsichtigten Frage "Haben Sie Kinder?" gleich das Angebot "Wollen Sie Kinder?" unterbreitet.

Als übler Stolperstein entpuppen sich die Zähleinheitsworte, von denen Chinesen etwa 200 im Alltag benutzen. An den 20 bis 30 wichtigsten kommen auch die LSI-Schüler nicht vorbei. Zähleinheitsworte weisen zum Beispiel darauf hin, dass die Rede von einem Tier ist oder es sich um etwas Langgestrecktes handelt. Je nach Zähleinheitswort bedeutet das folgende "lu" nämlich Hirsch, Tautropfen, Beamtengehalt oder Straße. Da hilft nur stures Auswendiglernen am Abend.

Unter Dauerfeuer
Auf die Wiederholungslektion am folgenden Vormittag folgt neuer Stoff, der über die 90-minütige Mittagspause sacken soll. Nachmittags wird erneut geübt, später gibt es Filme zu Landeskunde und kulturellen Hintergründen. So bekommen die Schüler übers Bild neue Vokabeln präsentiert und hören sich weiter in die Sprache ein.

Irgendwann raucht jedem der Kopf. Die Lücken, die sich täglich ergeben, scheinen sich bei diesem Parforceritt niemals ganz zu schließen. "Nicht mal am Samstagabend kann man es sich leisten, Party zu machen", sagt Martin Elwert nach zwei Wochen Dauerfeuer. Der Punkt, wo man alles hinschmeißen will, kommt unausweichlich. Pädagoge Baus hat für solche Fälle einen simplen Motivationstipp parat: "Nicht damit hadern, was noch nicht sitzt, sondern sich darüber freuen, was in der Kürze der Zeit schon alles klappt." Scheint zu funktionieren, denn die Abbrecherquote ist verschwindend gering.

Nach drei Wochen erreichen auch die Chinesisch-Crashkursler Messmer, Bernhard und Co. das Ziel ihrer Qualen: Alle 25 sind sprachfit für den Take-off nach Fernost. Sie kommen klar im Büro, im Restaurant, sie können Termine vereinbaren, telefonieren und Reisen organisieren. "Verhandlungen allerdings sollten Sie lieber den Profis überlassen", bremst Institutsleiter Frühauf bei der Übergabe des Zertifikats seine stolzen Schüler. "Das hat man, wenn überhaupt, erst nach etlichen Jahren Übung drauf." Aber, fährt Frühauf fort: "Sie bekommen etwas viel Wichtigeres: Sie ernten die Bewunderung der Chinesen für Ihre Mühe."

Kursangebot
Chinesisch lernen an der...

VHS: Fast 100 Volkshochschulen bieten chinesische Sprachkurse unterschiedlicher Intensität an: Das Repertoire reicht vom wöchentlichen Einführungskurs für Touristen bis hin zum Wochenendworkshop in Kleingruppen. Kursgebühr ab 90 Euro für 15 mal 90 Minuten.

Uni: Chinesischkurse gibt es an gut 30 Hochschulen. Kursgebühr für vier Semesterwochenstunden ab 120 Euro plus Semesterbeitrag.

Sprachschule: Wer sich gezielt und schnell von Berufs wegen Chinesisch beibringen muss, kann Intensivkurse beim Landesspracheninstitut in Bochum (www.lsi-nrw.de) oder beim Chinesischen Centrum in Hannover (http://chinesischeszentrum.homepage.t-online.de) belegen. Sie bieten Lektionen für Anfänger und Fortgeschrittene bis hin zu Wirtschaftschinesisch an. Die Kursgebühren variieren, Berufstätige zahlen mehr als Studenten, Arbeitslose oder Stipendiaten. Preis für Selbstzahler für drei Wochen Crashkurs: 1 420 Euro.

Wichtig für die Bewerbungsmappe: Die offizielle HSK-Prüfung zum Nachweis chinesischer Sprachkenntnisse kann nur am Chinesischen Centrum in Hannover und an der Uni Erlangen abgelegt werden.

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