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Sportwagen Die Wiedergeburt des "Melkus"

Sepp Melkus präsentiert zusammen mit seinem Vater auf der IAA den Nachfolger des legendären "Zonen-Ferraris". Den hat sein Großvater zu DDR-Zeiten gebaut und mehr als 100 davon verkauft. Mit der Neuauflage des Rennsportwagens möchte das Familienunternehmen jetzt durchstarten.

Marcus Pfeil | , aktualisiert

Viel Sonne hat Sepp Melkus in diesem Jahr noch nicht abbekommen. Tagsüber hat er die Werkstatt nur selten verlassen. Nur ab und an vertritt er sich ein wenig die Beine, wenn er seinen Irish Setter durch die Reihenhaussiedlung in Weißig am Stadtrand von Dresden spazieren führt. Die meiste Zeit verbringt er in der angemieteten Großgarage, zwischen den Werkbänken, den Schraubenschlüsseln und dem Prototypen.

Auf den Böcken der Torso des RS2000, vieles lässt sich schon erahnen, natürlich die Flügeltüren, das Aluminium-Chassis, den Audi-Motor, aber noch ist er unvollendet. An den Wänden hängen die technischen Zeichnungen. "So soll er aussehen", sagt Sepp Melkus. "Das wird der neue Melkus."

Das war vor zwei Monaten. Jetzt stehen zwei blank polierte Prototypen in der Messehalle fünf auf dem Gelände der IAA in Frankfurt - einer in Silber, der andere in grellem Orange. Sepp Melkus hat sogar Fördermittel beantragt, um sich die 20 Quadratmeter Standfläche leisten zu können, um den RS2000 endlich der Weltöffentlichkeit präsentieren zu können.

Ausgerechnet in der größten Autorezession der Nachkriegsgeschichte bringt die ostdeutsche Familie einen nagelneuen Sportwagen auf den Markt. RS steht für Rennsportwagen, 2000 für den Hubraum, und der Name Melkus für ein Auto, das sie endlich nicht mehr aus alten Teilen zusammenschrauben müssen - für einen nagelneuen Sportwagen, der aus vier Zylindern 270 PS rauspresst und in weniger als fünf Sekunden auf 100 beschleunigt.

Bei der ganzen Familie dreht sich alles ums Auto

Damit die zwei Vorführwagen rechtzeitig zur IAA fertig werden, haben die zehn Mitarbeiter daheim in Dresden in den vergangenen Monaten jede Menge Überstunden angehäuft. Die letzten Kinderkrankheiten mussten sie noch beseitigen. Die quietschenden Bremsen zum Beispiel, die knarrende Federung oder die Scheinwerfer, die bei Regen beschlugen. Jeder wusste, was er zu tun hatte.

Sepp Melkus führt die Geschäfte, kümmert sich um Kunden und Vermarktung. Er trägt keinen Blaumann, sondern einen dunkelblau gemusterten Pullunder über dem weißen Hemd. Er ist gerade erst 26 geworden, früher hat er Gitarre und Schlagzeug gespielt, und eigentlich wollte er an der Hochschule für bildende Künste studieren. "Die haben mich nicht genommen", sagt er. "Aber was wir hier machen, ist ja auch Kunst."

Und vielleicht kann er auch nicht anders, schließlich kann diese Familie bis heute nicht atmen, wenn nicht irgendwo Benzin in der Luft hängt. Bruder Ronny hat es bis in die Formel3 geschafft, hat sogar mal Ralf Schumacher überholt. Robert vermietet Dienstwagen, der Neffe betreibt eine Kartbahn. Die Mutter leitet das Büro der Melkus Sportwagen GmbH.

"Wir können uns ja nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigen", sagt Sepp Melkus. Aber ganz ohne geht es auch nicht, denn wer den RS2000 kauft, der kennt die Geschichte der Familie Melkus. Schließlich war Großvater Heinz Melkus so etwas wie der Niki Lauda der DDR, so hat ihn zumindest der Spiegel kürzlich genannt. 80 seiner 200 Rennen hat er gewonnen, er hat den elektronischen Fahrsimulator erfunden, und vor allem hat er den ersten und einzigen Sportwagen der DDR gebaut: den Melkus RS1000, von dem ganze 101 Modelle gebaut wurden. Ein Zweisitzer mit Flügeltüren, angefeuert von einem frisierten Wartburg-Zweitakter bis auf 170 Kilometer in der Stunde.

Höchstens eineinhalb Jahre musste man auf das 29 800 Mark teure Auto warten. Aber 1979 war Schluss, fortan verdiente die Familie ihr Geld wieder nur mit der Fahrschule. "Wir bekamen einfach keine Teile mehr", erinnert sich Sepps Vater, Peter Melkus. Dabei hätte der alte Melkus sogar ein Exportschlager werden können. Nachdem der Wagen 1974 auf der IAA in Frankfurt ausgestellt wurde, habe es Anfragen aus Brasilien, Japan, den USA und ganz Westeuropa für den gern als "Zonen-Ferrari" verspotteten Sportwagen gegeben.

Sepp Melkus mag die Vergangenheit, sonst wäre er nicht hier. Der neue Melkus soll aber kein Retroauto sein, sondern "ein hübsches Unikat", sagt er. Doch auch der RS2000 basiert auf einem Fremdfabrikat, auf einem englischen Sportwagen, den sie aber erst nennen dürfen, wenn die ersten Wagen den Ansprüchen des Lieferanten genügen.

Aus Vorhandenem bauen sie etwas Neues

Draußen vor der Einfahrt zur Garage liegen die Karosserieteile eines Lotus verstreut. "Den haben wir gekauft, um das 65 Kilogramm leichte Monocoque verwenden zu können." Ein bisschen ist es wie früher. Sie nehmen Vorhandenes und machen etwas Neues daraus. "Nur heute können wir aus dem Besten auswählen", sagt Melkus.

Das können heute aber auch die Kunden. Sie könnten sich gleich einen Lotus kaufen. "Bei unseren Stückzahlen spielt Konkurrenz keine Rolle", sagt Sepp Melkus. "Mein Großvater hat sich was getraut und es durchgezogen. Das machen wir auch. Und wie es aussieht, haben wir die nächsten Jahre gut zu tun."

25 Autos will er pro Jahr produzieren, mehr als zwei kann er mit der kleinen Mannschaft im Monat nicht bauen. "Wir müssen nicht größer sein", sagt er. Rund 100 000 Euro soll der neue Flügeltürer kosten. Die Finanzierung ist gesichert. Vater und Sohn haben zwei Investoren für ihre Sache begeistern können. Eine Bank finanziert einen Überbrückungskredit. "Und klar wollen wir damit Geld verdienen", sagt Sepp Melkus. "Ich will schon davon leben können."

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