Spin-offs Energiegeladene Gründungen direkt aus der Uni

Wer aus einer Hochschule heraus Unternehmer wird, ist meist erfolgreicher als andere Gründer. Weil Produkt und Geschäftsmodell oft innovativer sind, die Firmen schneller wachsen und das Team stärker zusammenhält. Ein paar Tücken haben solche Spin-offs aber dennoch.

Lara Sogorski | , aktualisiert

Energiegeladene Gründungen direkt aus der Uni

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Foto: alphaspirit/Fotolia.com

Die Gründung liegt gerade einmal ein paar Jahre zurück, und doch dürfen sich Kenny Saul, Gregor Hiesgen und Martin Spitz schon zu den Besten ihrer Branche rechnen. Die drei Maschinenbauingenieure haben ein Verfahren entwickelt, mit dem Energie aus heißen Kunststoffprodukten zurückgewonnen werden kann.

Weil in der Kunststoffherstellung sehr viel Energie verbraucht wird, rennen ihnen Firmen aus der Branche die Tür ein – nicht nur aus Deutschland. Ihre Firma SHS plus entstand schon während der Studienzeit an der Universität Duisburg-Essen. 2009 begannen die drei die technische Idee zum Verfahren zu entwickeln.

Im Mai vergangenen Jahres verließ das Trio das Dach der Hochschule, um sich komplett selbstständig zu machen. Über zu wenig Arbeit können die drei nicht klagen.

Die Sache mit dem Patent

Dass die Ingenieure so schnell Erfolg hatten, ist wohl kein Zufall. Ausgründungen aus Hochschulen, sogenannte Spin-offs, gelten in vielerlei Hinsicht als erfolgreicher im Vergleich mit Gründungen fernab eines Hörsaals. "Sie weisen eine überdurchschnittlich hohe Überlebensrate auf, haben einen sehr hohen Innovationsgrad, und die Gründerteams sind durch die gemeinsame Arbeit an der Uni oft sehr teamfähig und halten stärker zusammen", weiß Arnd Baumann, Unternehmensberater bei Die Berater - Duisburg.

Die Sache hat aber oft mindestens einen Haken. Gibt es ein Patent, das durch die Forschungsarbeit an der Hochschule entstanden ist, gehört das der Hochschule.

Für Gründer kann es mitunter teuer werden, wenn sie es trotzdem nutzen wollen. Zudem sind Spin-offs häufig so innovativ, dass Risikokapitalgeber skeptisch sind. Sie müssen sich also anderswo Kapital besorgen - doch auch dabei hilft oft der Anschluss an die Uni.

Ideen aus den Hochschulen

Wer sich überhaupt als Spin-off bezeichnen darf, das lässt sich sehr großzügig auslegen. Im engsten Sinne basiert die Unternehmensgründung auf Forschungsergebnissen, die die Gründer selbst an der Universität produziert haben. "Nach dieser Definition kommen pro Jahr aber nur ein paar hundert Gründungen zusammen", sagt Christian Rammer, stellvertretender Leiter des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Im weiteren Sinn zählt man deshalb alle Gründungen dazu, bei denen zumindest ein Gründer zuvor an der Uni tätig war, selbst wenn das Geschäftsmodell kaum etwas mit der früheren Unitätigkeit zu tun hat. Waschechte Spin-offs sind zum Beispiel Greenlab Berlin, die zwei Düngemittel zur Marktreife gebracht haben, Better-Tac, das Taxisharing ermöglicht, oder Simplora, ein Einkaufsportal für Drogerie- und Lebensmittel.

Wie viele solcher Ausgründungen es hierzulande im Jahr gibt, lässt sich nicht beziffern, forschungsbasierte Ausgründungen tauchen in öffentlichen Statistiken nicht auf. Das ZEW schätzt, dass ungefähr zweieinhalb Prozent aller deutschen Gründungen im Jahr Spin-off-Unternehmen sind. Nach Informationen des Bundeswirtschaftsministeriums wurden 2012 insgesamt 346.400 Firmen gegründet.

Die Anzahl von Unternehmensgründungen durch Wissenschaftler hängt auch von den Karriereperspektiven an den Universitäten ab. "Viele Jahre war es für junge Wissenschaftler schwierig, ihre wissenschaftliche Karriere fortzusetzen. Da auch die Nachfrage nach Forschern in der Industrie begrenzt war, wählten einige den Weg in die Selbstständigkeit", erläutert Rammer.

Heute gebe es mehr Anstellungsmöglichkeiten für junge Wissenschaftler an einer Hochschule, so sei die Zahl der Existenzgründungen durch Wissenschaftler etwas zurückgegangen.

Starkes Wachstum

Die Verbundenheit ist Segen und Fluch zugleich Wer trotzdem unter die Gründer geht, spielt zumindest nicht mit den schlechtesten Karten. Einen Hinweis darauf gibt eine Studie des ZEW aus dem vergangenen Jahr, wonach Uni-Ausgründungen ein höheres Beschäftigungswachstum um durchschnittlich 3,4 Prozentpunkte gegenüber anderen Gründungen aufweisen. Waren die Gründer selbst in der wissenschaftlichen Forschung, ist der Unterschied größer.

Selbst wenn die Gründer aus den Rechts- und Sozialwissenschaften kommen, wachsen sie mehr. "Uni-Ausgründungen wachsen schneller, weil sie einiges an Vorarbeit gratis von der Uni mitnehmen können. Ein Wissenschaftler gründet oft erst dann ein Unternehmen, wenn die Forschungsarbeiten so weit fortgeschritten sind, dass die technische Machbarkeit sichergestellt ist", erläutert Rammer. Andere Gründer müssten sich das oft erst selbst lange und kostenintensiv erarbeiten.

Vorbildliche Hochschulen

In den vergangenen Jahren hat sich viel an den deutschen Hochschulen getan, um Gründungswillige und Gründer zu unterstützen. Vor allem seit Beginn der Initiative "Exist - Existenzgründungen aus der Wissenschaft" Ende der 1990er-Jahre sind viele Institutionen aktiv geworden.

Der Gründerradar des Deutschen Stifterverbands misst, wie sich die Hochschulen dabei darstellen. Für das Jahr 2012 wurden 54 Prozent aller Hochschulen in Deutschland erfasst. Diese ließen zusammen 49 Millionen Euro in die Gründungsförderung fließen und betreuten rund 4280 Gründungsvorhaben.

Mit Hilfe der Befragung erstellt der Stifterverband ein Ranking der Hochschulen mit Vorbildcharakter: Das Siegertreppchen erreichten dabei die Hochschule München als große Einrichtung, die Leuphana Universität Lüneburg als mittlere und die private HHL Leipzig Graduate School of Management als kleine Hochschule.

"Unter dem Dach der Hochschulen entstehen in der Regel die innovativsten Produkte, die am Ende für die Wirtschaft eines ganzen Landes von Bedeutung sein können, weil sie direkt aus den neusten Forschungsergebnissen erwachsen", sagt Alexander Kritikos, Forschungsdirektor der Querschnittsgruppe "Entrepreneurship" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

Gleichzeitig sind solche Gründungen sehr riskant. Denn wer einen ganz neuen Markt etabliert, der hat es schwer, Unterstützer zu finden. "Die Ideen sind meist so innovativ, dass sie einen langen Weg über Forschung und Entwicklung bis zur Marktreife brauchen", sagt Arnd Baumann.

Eine normale Bankenfinanzierung komme daher nicht infrage. Die Gründer sind so oft auf Risikokapital angewiesen.

Zugriff auf Fördermittel

Doch auch bei der Sucher nach Geldgebern hat die Nähe zur Hochschule Vorteile: Das Trio von SHS plus hat es mit Hilfe seiner Universität geschafft, Fördermittel zu bekommen. Die Universität half bei der Antragstellung, was die drei aber nicht vor nächtelanger eigener Arbeit bewahrte.

Am Ende konnten sie ein Fördervolumen von 500.000 Euro erzielen, das zwar zunächst in die Kasse der Uni floss, von da aber dem jungen Unternehmen zugute kam.

Nutzungsrechte und Verwertungsinteresse

Ist ein Patent im Spiel, gestaltet sich die Finanzierung oft noch schwieriger. Wagniskapitalgeber halten sich in so einem Fall häufig zurück. Denn der Prozess bis zum erteilten Patent ist lang, aufwendig und oft sehr teuer: Produkte und Verfahren, die im Rahmen der Forschung an einer Hochschule entstehen, sind nämlich immer zunächst Eigentum der jeweiligen Hochschule beziehungsweise der jeweiligen Länder und deren Verwertungsgesellschaften.

Diese hätten in der Regel ein hohes Verwertungsinteresse, und das könne teuer werden, so Baumann. Denn wollen die Gründer mit dem Produkt oder dem Verfahren selbst an den Markt gehen, müssen sie dafür Nutzungsrechte an die Hochschule zahlen.

"Problematisch ist es, wenn eine Hochschule zu schnell sehr viel Geld aus der Entwicklung machen will und so das Wachstum des Spin-offs in Gefahr bringt. Besser ist es, wenn sich die Hochschulen mit einem bestimmten Prozentsatz an der Gründung beteiligen und das Patent erst einmal kostenlos zur Verfügung stellen." Fünf bis zehn Prozent seien angemessen, die Verwaltung dieser Anteile sollte an eine separate Stelle übertragen werden.

Die Gründer Saul, Hiesgen und Spitz bekamen das Geld für ihre Patentanmeldung – immerhin mehr als 10.000 Euro – erst einmal von der Uni finanziert.

Erteilt wurde ihnen das Patent allerdings noch nicht, in diesem Fall müssten die drei an ihre Hochschule für die Erlaubnis, dass sie die Technologie nutzen dürfen, zahlen – Auslizenzierung nennt sich das.

Anschluss an die neuesten Erkenntnisse

"Wir sehen die Ausgründung als Spin-off als eine Win-win-Situation", sagt Kenny Saul. Das Unternehmen ist aktuell Auftraggeber der Universität und bekommt von ihr Laborleistungen, gleichzeitig können die Gründer mit Unterstützung der Uni Fördergelder beantragen.

Zudem gibt es für junge Forscher der Hochschule bei SHS die Möglichkeit, ihre Abschlussarbeiten zu schreiben.

"Dadurch haben wir immer den Anschluss an die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Kontakt zum Nachwuchs als potenzielle Mitarbeiter für zukünftiges Wachstum."

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