Sperrstunde im Club der Schönen und Reichen

Der Abstieg der Heyde AG kam noch schneller als der Aufstieg. Vom kaufsüchtigen Star am Neuen Markt zum Sanierungsfall. Seit April ist der IT-Dienstleister Teil der größten Insolvenzwelle der Nachkriegszeit. Junge-Karriere-Redakteur Peter Nederstigt erlebte in Bad Nauheim, was vorgeht in einem Unternehmen zwischen Leben und Tod.

Peter Nederstigt<br> Foto: Dieter Schwer | , aktualisiert

Am Morgen des 4. Juli 2000 betritt Uwe Sasse das vornehme Parkhotel im Kurpark von Bad Nauheim. Es ist der erste Arbeitstag beim IT-Dienstleister Heyde für den kräftigen Versicherungsfachmann im Anzug. Gleich hinter dem Hotel steht die restaurierte Jugendstilvilla, in der sein neuer Chef Dieter Heyde residiert. Im Speisesaal ist für 80 Leute gedeckt. So viele Mitarbeiter hat Heyde allein im Juli 2000 eingestellt. Das Neue-Markt-Unternehmen ist auf dem Weg nach oben, und Uwe Sasse denkt: "Hier bin ich richtig."

Knapp zwei Jahre später sitzt Sasse zwischen 330 Kollegen im Saal der Trinkkuranlage am anderen Ende des Kurparks, als eine blonde Frau im Kostüm die Bühne betritt. Sachlich sagt sie in die gespannte Ruhe: "Ich bin die vorläufige Insolvenzverwalterin und werde mit dem Vorstand bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens die Geschäfte führen." In den folgenden Stunden wird Angelika Amend mit Fragen bombardiert. Es ist Sasse, der an diesem Morgen mehrfach für die Insolvenzverwalterin das Wort ergreift. "Sie handelt auch in unserem Interesse", ruft er die Mitarbeiter zur Unterstützung auf.

Aufstieg kommt vor dem Fall

Drei Tage vorher, am 9. April 2002, hat Heyde-Vorstand Axel Buchholz Insolvenz beantragt – wie so viele andere. Allein im ersten Halbjahr 2002 gingen nach Angaben der Verbände Creditreform 18.800 Unternehmen Pleite, Tendenz stark steigend. "Die Öffentlichkeit hat noch gar nicht realisiert, dass es die größte Insolvenzwelle der Nachkriegszeit ist", sagt Amend. Der Abstieg Heydes von einem der 500 aufregendsten Unternehmen Europas deutete sich schon am 23. Februar 2001 an, als Gründer Dieter Heyde zurücktrat. Sein Unternehmen hatte das Jahr 2000 mit 20 Millionen Euro Verlust abgeschlossen.
27 Jahre hatte Heyde mit Logistik-Software Geld verdient und war gemächlich gewachsen. Doch im September 1998 brachte Dieter Heyde sein Unternehmen an den Neuen Markt und kaufte kräftig ein. Ende 2000 besaß er 23 Unternehmen in der ganzen Welt, von Beratungsgesellschaften über Softwarehersteller bis zur eigenen Risikokapitalgesellschaft, und beschäftigte 2.000 Mitarbeiter – ein Club der Schönen und Reichen.

Ruder zu spät herumgerissen

Mitte Mai sind noch 670 übrig, davon 250 bei der Tochter Miebach Logistic, die nicht von der Insolvenz betroffen ist. Schon 2001 hatte Heydes Nachfolger Dirk Wittenborg die meisten Tochterfirmen abgestoßen. Doch auch das Krisenprogramm Challenge H und drei Kündigungswellen brachten Heyde nicht aus den roten Zahlen. "The Integration company" war an der Integration gescheitert und konnte im März keine Gehälter zahlen.
Das Projekt von Sasse, der Aufbau einer Internet-Versicherung, ist schon vor einem Jahr eingestellt worden. Seit dem 24. April führt der 41-Jährige den ersten Betriebsrat am Hauptstandort Bad Nauheim. Sasse erzählt, dass einige Berater immer noch bei Kunden arbeiteten. Die anderen machen Urlaub oder Dienst nach Vorschrift. Auf Überstunden hat keiner mehr Lust, seit ihre Überstundenansprüche so gut wie wertlos sind.
Nur in den unteren Stockwerken der K1, einer Villa an der Küchlerstraße 1, hat zwei Wochen vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens niemand Zeit für einen Plausch. Hier sitzen Insolvenzverwaltung, Vorstand, Controlling und die Personalabteilung. Bis spätabends bereiten deren Mitarbeiter die Personalakten für die Kündigungen vor.

Ruhe nach dem Sturm

Das Großraumbüro im Dachgeschoss der K1 ist schon verlassen. Früher arbeiteten hier rund 20 Berater. An den Computern haben sie ein paar gelbe Haftnotizen hinterlassen. Auf einem Couchtisch in einer Ecke liegt ein Stapel Fachzeitschriften. Auf den Adressaufklebern stehen Namen von Mitarbeitern, die längst weg sind. Eine Tür führt auf das Dach eines verwaisten Rohbaus, der Teil des Heyde-Campus werden sollte. "Seit Juli 2001 wird hier nicht mehr gebaut", sagt Sasse. Nur die Tiefgarage wird genutzt. Hier steht ein Audi TT neben Mercedes und BMW. "Sicher, wir haben auch gut gelebt", sagt Sasse mit Blick auf die Dienstwagen. Jetzt hätten einige Kollegen Probleme, eine neue Stelle zu finden, weil sie nicht schlechter als bei Heyde verdienen möchten. "Wären wir alle nur ein bisschen bescheidener gewesen", meint Sasse, "hätte Heyde noch fünf Jahre weiterleben können, auch ohne neue Aufträge."
Einige Dienstwagen wurden kurz nach dem Insolvenzantrag von Manfred Pieper einkassiert, der Sasse in der K1 in die Arme läuft. Sasse berichtet von seinem Besuch beim Arbeitsamt am Vortag, meint, die Insolvenzverwaltung müsse die Mitarbeiter darauf hinweisen, wie wichtig der Datumsstempel auf der Arbeitslosenmeldung ist. Als Pieper hört, dass manche Mitarbeiter Däumchen drehen, schüttelt er den Kopf. "Jeder, der in Projekten ist, soll weiterarbeiten."
Pieper, dem die Überarbeitung im Gesicht steht, ist Geschäftsführer der Frankfurter Beratungsfirma ad tempus consulting und hält für Amend vor Ort die Stellung. Während ein Kollege dafür gesorgt hat, dass das Arbeitsamt die ausstehenden Gehälter der Heyde-Mitarbeiter übernimmt, achtet Pieper darauf, dass bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens der Geschäftsbetrieb weiterläuft und Heyde seine Schulden eintreibt. "Masse sichern" heißt das im Fachjargon.
Seine eigenen Rechnungen kann das Unternehmen nur mit Hilfe der Banken zahlen. Vor dem Aufzug zu Sasses Büro läuft ihm ein erregter Kollege über den Weg. Unter dem offenen Hemd blitzt eine Goldkette hervor. "Die Nebenkosten sind nicht bezahlt. Die Dresdner hat ohne Vorwarnung die Zahlung zurückgezogen." Uwe Sasse nimmt es mit Galgenhumor. "Als ich eben auf der Toilette war, lief das Wasser noch." Und als der Aufzug aufgeht: "Und Strom ist auch noch da."

Spott hilft gegen Frust

"Das war unser Geschäftsbereichsleiter Interne Services. Früher hat der auch eine Krawatte und Anzug getragen, aber da kamen auch noch Kunden", sagt Sasse, während er die Tür zu seinem Büro aufschließt. An den Wänden hängen Spottbotschaften, in denen Mitarbeiter ihren Frust entladen.
Ein großes Plakat zeigt SED-Kader vor einer jubelnden Menge, darüber der Schriftzug "Wir haben Euch alle lieb!". Neben Egon Krenz sind Heyde-Vorstand Axel Buchholz und sein Vorgänger Dirk Wittenborg einmontiert. Darunter in kleinerer Schrift: "Das Propagandakader des VEB Heyde verabschiedet sich von einer Dissidentin mit den besten Wünschen für die Zukunft und der Hoffnung auf Wiedervereinigung." "Das hat die Marketingabteilung einer Kollegin zum Abschied geschenkt", klärt Sasse auf, während er seine E-Mails checkt. "Seit ich den Betriebsrat führe, erhalte ich täglich 20 bis 40 Anfragen von Kollegen. Die Mitarbeiter gieren nach Informationen."

Keiner weiss was

Informationen, die auch Sasse nicht hat. "Wir wissen nur, dass es einen Interessenten gibt, der drei der rund zehn verbliebenen Geschäftsbereiche übernehmen will. Und es soll keinen Betriebsübergang geben, das heißt, der Investor übernimmt keine Pflichten wie Kündigungsfristen." Viele Mitarbeiter hätten das Gefühl, dass sich Amend zu viel um andere Fälle wie die Holzmann-Tochter Imbau und zu wenig um Heyde kümmere.
"Es herrscht eine enorme Unsicherheit darüber, was kommt. Man hat das Gefühl: Die müssten doch mehr wissen im Management, warum sagen sie das nicht", bestätigt Rainer Freund, der mit einer Tüte Haribo in Sasses Büro einschneit.
Der 46-Jährige ist Leiter des Geschäftsbereichs Business Consulting Insurance in Bonn. Seit März schreibt er nur noch Zeugnisse, statt Anzug trägt er ein T-Shirt, offenes Hemd, Jeans und Slipper. Im Juni wird er seinen neuen Job antreten. Nachdem der Vorstand die Mitarbeiter im Dezember aufgefordert hatte, auf fünf Prozent ihres Gehalts zu verzichten, hatte Freund gekündigt.

Aufräumarbeiten

Uwe Sasse hatte bisher kaum Zeit, sich um eine neue Stelle zu kümmern. Das übernehmen andere. Während er die E-Mails liest, grinst er: "Ein Kollege fragt, ob ich nicht zu den Scheichs nach Dubai gehen will. Die suchen einen Berater, der Englisch kann. Aber die könnten wenigstens das Gehalt zahlen, das ich haben will." Die Scheichs müssen noch warten. Uwe Sasse will so lange wie möglich bei Heyde bleiben. Vielleicht geht er danach zu den Scheichs nach Dubai. Und vielleicht beginnt der neue Job ja so schön wie der alte bei Heyde.

Letzte Meldung

Am 1. Juni hat das Amtsgericht Friedberg das Insolvenzverfahren der Heyde AG eröffnet und Angelika Amend zur Insolvenzverwalterin bestellt. Fünf Tage zuvor hatte ihr Vertreter Pieper sich mit dem Betriebsrat nach zweitägigen Verhandlungen auf einen Sozialplan geeinigt. Zum 15. Juni hat die Hamburger PDV Holding die Geschäftsbereiche Banken und Supply Chain gekauft. Geplant ist, sie unter den Namen Intensio und Inconso fortzuführen. 220 Heyde-Mitarbeiter werden übernommen. Die restlichen 200 suchen einen neuen Job.

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