Sozialverhalten Je reicher, desto gieriger

Laut einer neuen Studie verhalten sich wohlhabende Personen egoistischer. Das Ergebnis bestätigt eine ganze Reihe aktueller Untersuchungen: Demnach verdirbt Geld durchaus den Charakter.

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: endostock/Fotolia

Immer auch ein Fünkchen Wahrheit

Alle Klischees haben zwei Gemeinsamkeiten: Zum einen verkürzen sie die Wahrheit ganz erheblich – zum anderen beinhalten sie mindestens ein Körnchen Wahrheit. So ist es auch bei der alten Binsenweisheit, wonach Geld den Charakter verdirbt.

Das ist das Fazit einer neuen Studie von US-Psychologen von der Universität von Kalifornien in Berkeley. Paul Piff konzipierte dafür insgesamt sieben Experimente. Bei einem davon stellten die Wissenschaftler sich auf einen Bürgersteig und beobachteten den Verkehr.

Vor allem konzentrierten sie sich darauf, inwieweit die Autofahrer sich an die Verkehrsregeln hielten – ob sie beispielsweise die Vorfahrt beachteten oder für Fußgänger an einem Zebrastreifen hielten.

Oberschicht eher rücksichtslos

Und siehe da: Es gab einen Zusammenhang zwischen der Automarke und dem Verhalten: Die Fahrer von Unter- und Mittelklassewagen hielten sich meist an die Regeln – die Fahrer von Oberklasseautos jedoch benahmen sich wesentlich häufiger daneben.

Ähnliche Ergebnisse erhielten die Wissenschaftler in Laborexperimenten: Hier neigten Personen aus der Oberschicht häufiger zum Lügen in einer Verhandlung und zum Betrügen in einem Gewinnspiel. Mit anderen Worten: Sie waren wesentlich öfter dazu bereit, über sprichwörtliche Leichen zu gehen, um daraus einen Vorteil zu ziehen.


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Zusammenhang von Sozialstatus und Verhalten

Nun könnte man diese Studie für Zufall halten und die Methodik kritisieren. Bloß: Inzwischen häufen sich die wissenschaftlichen Untersuchungen, die auf einen Zusammenhang zwischen Sozialstatus und Verhalten schließen lassen.

Mehr noch: Dieser Mechanismus funktioniert auch umgekehrt, wie die Psychologin Jennifer Stellar in einer Studie vor wenigen Monaten herausfand.

In ihren Experimenten zeigten jene Probanden aus den unteren Schichten am meisten Empathie. Sie reagierten sogar körperlich anders.

Mitgefühl bei Unterschichten

In einem Versuch zeigte Stellar den Probanden ein Video eines krebskranken Kindes bei der Chemotherapie. Der Sinn der Sache: Das Video sollte Gefühle auslösen. Und das tat es auch – allerdings nicht bei allen Teilnehmern.

Wieder zeigten jene Probanden aus der Unterschicht am meisten Mitgefühl. Sogar messbar. Stellar nahm nämlich die Herzschläge der Freiwilligen auf. Ergebnis: Bei jenen aus der Unterschicht verlangsamte sich der Puls ganz erheblich – eine körperliche Reaktion, wenn andere unsere Hilfe brauchen.


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Empathie nicht gleichmäßig verteilt

Der langsamere Herzschlag hilft dabei, uns auf andere einzulassen, ihnen zuzuhören und sie womöglich zu trösten. Mitgefühl anderen Menschen gegenüber ist eine der wichtigsten Zutaten für ein friedliches Miteinander.

"Doch die Fähigkeit zur Empathie ist nicht in allen sozialen Schichten gleichermaßen vorhanden", schreibt Stellar, "in der Unterschicht ist sie stärker ausgeprägt."

Auf Andere achten

Die Erklärung der Wissenschaftler: Wer zur Unterschicht gehört, verfügt naturgemäß über weniger Geld und Macht. Daher könne er sein Schicksal nicht in die eigenen Hände nehmen, sondern sei von externen Einflüssen abhängig.

Diese Abhängigkeit führe dazu, dass er mehr auf andere Menschen achte – und infolgedessen auch mehr Mitgefühl mit ihnen habe. Der Umkehrschluss: Wer zur Oberschicht gehört, achtet demnach weniger auf seine Mitmenschen. Offenbar verdirbt Geld also doch den Charakter.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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