Soziale Arbeitgeber Hehre Ziele – kaum Bewerber

Viele Menschen wünschen sich eine sinnstiftende Arbeit. Doch Karrierewege im Sozialsektor gelten als unattraktiv. Eine Studie erforscht jetzt die Ursachen.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert

Hehre Ziele – kaum Bewerber

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Foto: Diorgi/Fotolia

Eigentlich wollte Sabine Neumeyer in einem Bildungsprojekt in Indien arbeiten, als Lehrerin für benachteiligte Kinder. Doch kurz bevor sie ihren Job antrat, wurde ihr ein fester Job in der Marketingabteilung eines Unternehmens angeboten. Neumeyer entschied sich für die Sicherheit.

Acht Jahre ist das her. Die 35-Jährige hat seitdem einige Stufen auf einer absehbaren Karrierelaufbahn genommen, nur hin und wieder kommt sie ins Grübeln. "Immer wenn es bei der Arbeit mal wieder drunter und drüber geht, wenn ich Vorgaben bekomme und wenig selbst entscheiden kann, dann frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich?"

Ihre Arbeit, sagt Neumeyer, habe keinen Sinn. Außer dass sie ihrer Firma helfe, den Umsatz zu steigern.

Sozial und unattraktiv

Wie Sabine Neumeyer geht es vielen. Ob Berufseinsteiger, Berufserfahrene in der Mitte der Karriere, Jobrückkehrer oder ältere Beschäftigte kurz vor der Rente: Fast jeder sähe es gerne, wenn seine Arbeit nicht nur die Umsätze nach oben treibt, sondern auch einen höheren Sinn ergibt.

In den sozialen Berufen gäbe es solche Jobs. Allerdings glauben in Deutschland nur die wenigsten Erwerbstätigen, dass der Sozialsektor sichere Beschäftigungsverhältnisse, gute Gehälter und Aufstiegschancen zu bieten hat. Soziale Unternehmen gelten eher als unattraktive Arbeitgeber. Das geht aus einer Untersuchung der Organisation Ashoka hervor, die diese in Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung McKinsey erstellt hat.

Und keiner geht hin...

Die Studie stellt eine einfache Frage: Warum gelingt es sozialen Unternehmen nur so schwer, geeignetes Fachpersonal zu gewinnen? Immerhin ist mehr als Drittel der Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagiert.

Rund 39 Prozent wünschen sich eine Tätigkeit, die sie als sinnstiftend empfinden. Einen Job im Sozialsektor können sich aber nur wenige vorstellen.


Für die Studie wurden knapp 1800 Personen im Alter zwischen 18 und 80 Jahren mit abgeschlossener Berufsausbildung befragt. 60 Prozent von ihnen gaben an, die Karrieremöglichkeiten im Sozialsektor zu kennen. Doch nur acht Prozent wären auch bereit, für ein Unternehmen der Branche zu arbeiten.

Bei den Berufseinsteigern sind es sogar nur vier Prozent. Dabei sind viele Schüler und Studenten während ihrer Ausbildung ehrenamtlich engagiert.

Wenn es aber um einen richtigen Job geht, entscheiden sich die allermeisten für eine konventionelle Laufbahn. Warum ist das so?

Gehalt entscheidet über die Berufsrichtung

Glaubt man der Studie ist ein wichtiger Grund das Gehalt. Demnach ist eine Mehrheit der Überzeugung, dass das Gehaltsniveau in diesen Berufen nicht ausreiche.

63 Prozent der Befragten sagten, dass sie ihren Job nicht zugunsten eines sozialen Berufs aufgeben würden, wenn sie dann weniger verdienen.

Wie im öffentlichen Dienst

Tatsächlich entsprechen die Gehälter im Sozialsektor im Durchschnitt in etwa jenen im öffentlichen Dienst oder liegen knapp darunter.

Einsteiger verdienen rund 25.000 Euro brutto im Jahr, Berufserfahrene 35.000 Euro. Führungskräfte haben ein durchschnittliches Bruttojahreseinkommen von 45.000 bis 80.000 Euro, zeigt die Studie.

Für viele Fach- und Führungskräfte aus der freien Wirtschaft sind solche Löhne nicht attraktiv. Auch fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und Karriereperspektive hindern viele daran, bei einem sozialen Unternehmen anzuheuern.

Allerdings sind offenbar auch die sozialen Arbeitgeber nicht ganz unschuldig daran, dass ihnen Fach- und Führungspersonal fehlt. Viele Arbeitnehmer, das zeigt die Studie, suchen ihre Jobs auf konventionellem Weg: über Headhunter, Jobanzeigen in Zeitungen und Karriereportalen. Soziale Unternehmen aber fahnden nach ihrem Personal vor allem im eigenen Umfeld.

Das Argument der Firmen: Sie suchten schließlich Mitarbeiter mit hohem Einsatz für die Ideen des Unternehmens. Auf den perfekten Lebenslauf komme es nicht so sehr an. Gleichzeitig aber erreichen sie auf diesem Wege viele Bewerber nicht.

Werben mit Entwicklungsmöglichkeiten im Job

Die Macher der Studie haben 45 Sozialunternehmer befragt, die rund 500 Mitarbeiter beschäftigen. In den kommenden drei Jahren wollen sie laut der Studie 200 neue Stellen besetzen. Hierfür suchen die Unternehmen vor allem Fachleute mit Berufserfahrung. Das Manko an guter Bezahlung wollen die befragten Firmen mit mehr Entwicklungsmöglichkeiten wettmachen.

Die Autoren der Studie leiten aus ihren Ergebnissen auch Empfehlungen ab. So raten sie den sozialen Arbeitgebern, die Karrierewege und Entwicklungschancen in ihren Unternehmen für Bewerber zugänglicher und planbarer zu machen.

Gerade Berufseinsteigern müsse man Vorbilder präsentieren, an denen man sich orientieren könne. Auch Stipendien und Förderprogramme könnten helfen, damit mehr junge Leute ihr Engagement aus der Jugendzeit auch im Beruf fortsetzen. Als Beispiel für so ein Projekt nennt die Studie das Programm "Engagement mit Perspektive", das im Sommer 2012 startete und Berufseinsteigern bei der Professionalisierung ihres Engagements behilflich ist.

Qualitätssiegel soll helfen

Um Menschen in der Mitte ihres Berufslebens für eine Karriere in sozialen Unternehmen zu gewinnen, könnten Personalagenturen und Headhunter mit entsprechenden Profilen helfen. So wie es beispielsweise die Agentur Talents4Good tut. Der Headhunter vermittelt Fach- und Führungskräfte für Jobs, in denen man sich gesellschaftlich engagiert.

Um diese Stellen als solche zu deklarieren, empfehlen die Autoren der Studie zudem die Einführung eines entsprechenden Qualitätssiegels. Auch sei es notwendig, über die Gehälter in der Branche zu sprechen, schreiben die Autoren. Damit könnten die Unternehmen der Sorge begegnen, ein Wechsel sei immer mit Gehaltseinbußen verbunden.

Sabine Neumeyer kann sich trotz ihrer Zweifel dennoch nicht vorstellen, in einem sozialen Beruf zu arbeiten. Dafür müsse sich einiges ändern. "Wenn ein festes Jobangebot käme, mit entsprechenden Karrieremöglichkeiten, einem eigenen Verantwortungsbereich und einem Gehalt, das meinem jetzigem Verdienst entspricht, dann würde ich vielleicht wechseln", sagt sie.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de



Soziales Unternehmertum kam in den achtziger Jahren auf und hält sich bis heute als alternative Form des Wirtschaftens. Allerdings zeigen neuere Studien, dass nur ein kleiner Teil der Firmengründungen auch dauerhaft am Markt besteht. Vielen geht nach den Anfangsjahren finanziell die Puste aus, weil sie mit ihrem Projekt kein Geld verdienen und es ihnen nicht gelingt, dauerhaft Sponsoren oder Förderer zu finden.

Ein Forscherverbund der Stiftung Mercator spricht von einem "Nischenphänomen"; das auf Zukunftsinnovationen ausgerichtete Borderstep-Institut hält nachhaltige Start-ups zwar für innovativer, doch fehle ihnen die Größe, um ihre Innovationen zu verbreiten.

Ein sehr großes Manko ist außerdem, dass den sozialen Firmen und Organisationen erfahrenes Fach- und Führungspersonal fehlt, um Unternehmen weiterzuentwickeln.

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