Solarbranche Das Geschäft mit der Sonne

Die Solarbranche erlebt gerade ihre erste Krise. Doch das Unternehmen Solarworld trotzt dem Abwärtstrend und stellt weiter ein. Vor allem bei Berufseinsteigern ist Solarworld sehr beliebt. Marketing und Vertrieb werden in Zukunft sogar ausgebaut.

Til Knipper | , aktualisiert

Das Schild mit der Aufschrift Vergangenheit weist bei Solarworld in den Keller unterhalb der Kantine. Dort soll sich im Halbdunkel jeder von der alten Energie verabschieden. Große Fotos zeigen die bösen fossilen Energieträger: Öl muss von einem Soldaten mit Maschinengewehr vor einer Pipeline im Irak verteidigt werden, Kohle gibt es nur zum Preis von Mondlandschaften in ehemaligen Tagebaugebieten. Der Atommüll macht sich im Lager Asse selbstständig, und die Hälfte des Erdgases entweicht aus rostigen Rohren in der Ukraine. Nebenan im Hauptgebäude des ehemaligen Wasserwerks haben sie auch gleich noch eine überdimensional große Glühbirne begraben.

Die Lösung der Zukunft, ein paar Stockwerke höher hängend, ist für Solarworld die Sonne, und sie liefert genug Energie für alle. Bei Solarworld in Bonn mögen sie solche plakativen und einfachen Botschaften: Sonne kommt, annehmen und dann rein ins (Strom-)Netz, um es im Duktus von Lukas Podolski zu sagen. Der Kölner Nationalspieler macht Werbung für das Vorzeigeunternehmen der Solarenergiebranche in Deutschland.

Auch Betriebswirte werden eingestellt

Von ihrer Vision, die Welt mit Solardächern und Freianlagen einzudecken, lassen sich Gründer und Vorstandschef Frank Asbeck und seine Mitarbeiter nicht abbringen. "Sie sollten sich für Photovoltaik begeistern können", antwortet Sitha Stübe deshalb auch auf die Frage, worauf sie bei Bewerbern besonders achtet. Die Personalchefin ist zuständig für die Zentrale in Bonn und den internationalen Vertrieb. Sie sucht vor allem Maschinenbau- und Elektotechnikingenieure und IT-Spezialisten, aber auch Betriebswirte werden regelmäßig eingestellt. Am Produktionsstandort im sächsischen Freiberg gibt es außerdem noch Stellen für Chemiker, Physiker und Verfahrenstechniker.

Über 20 Hochschulabsolventen und Young Professionals sind 2009 bei Solarworld dazugekommen. "Die Personalplanung für das kommende Jahr ist noch nicht abgeschlossen, aber es werden voraussichtlich wieder 20 bis 25 in Deutschland sein", sagt Stübe. Insgesamt arbeiten momentan 2100 Mitarbeiter bei Solarworld. "Bis Ende 2011 werden es weltweit 3000 Festangestellte sein", sagt Stübe. Dann hätte der Konzern, der auch in den USA und Südkorea eigene Produktionsstätten betreibt, seine Belegschaft innerhalb von acht Jahren versechsfacht. Wachstumspotenzial ist für die Branche in jedem Fall noch vorhanden, da die Solarindustrie derzeit nur 0,7 Prozent zur Energieerzeugung Deutschlands beiträgt.

Solarworld ist auch in der Krise profitabel

Die dynamische Entwicklung des Unternehmens hat Katharina Bachem am eigenen Leib erfahren. Die 26-Jährige hat direkt nach dem Abitur eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei Solarworld gemacht. Danach hat sie Medienwirtschaft an der Rheinischen Fachhochschule in Köln studiert. Seit September arbeitet sie fest im Marketing, wo sie auch während ihres Studiums gejobbt hat. "Als ich während meiner Lehre hier war, haben im Marketing alle alles gemacht", sagt Bachem.

Mittlerweile ist die Abteilung so groß geworden, dass jeder sein eigenes Aufgabenfeld hat. Bachem ist zuständig für die Messeauftritte in Deutschland und Europa. "Ich komme in der Welt rum und habe viel mit Menschen zu tun", sagt sie. In Absprache mit Vertrieb und Produktmanagement erarbeitet sie Messekonzepte. "Mit Messebauern, die unsere Stände entwerfen, bespreche ich dann die Umsetzung." Ein lebensgroßer Poldi aus Pappe ist immer mit dabei.

Die Begeisterung lässt man sich in Bonn auch nicht durch die erste große Krise der noch jungen Branche nehmen. Nachdem in den vergangenen Jahren die Photovoltaik-Hersteller von Rekordergebnis zu Rekordergebnis eilten und so fast 50000 Arbeitsplätze in Deutschland entstanden, hat die Wirtschaftskrise den Solarboom fürs Erste unterbrochen. Gefahr droht auch noch von anderer Seite: Anfang 2010 wird die gesetzliche Förderung für Solarenergie um neun Prozent gekürzt, und die neue schwarz-gelbe Regierung plant weitere Kürzungsschritte für Mitte kommenden Jahres.

Q-Cells muss 500 Arbeitsplätze streichen

Krise, angekündigter Subventionsabbau, die billigere Konkurrenz aus Asien und ein Preisverfall von bis zu 30 Prozent bei den Solaranlagen wegen Überkapazitäten im Markt haben inzwischen schon einige Branchengrößen abstürzen lassen. Der Solarzellen-Hersteller Q-Cells aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt mutierte innerhalb kürzester Zeit vom Weltmarktführer zum Krisenfall. Der Q-Cells-Vorstand trat zu spät auf die Bremse und muss jetzt 500 Arbeitsplätze streichen.

Die in Hamburg ansässige Conergy und ihre 1700 Mitarbeiter kämpfen seit Jahren ums Überleben. Bei Solon in Berlin sieht es nicht viel besser aus. Solarworld spürt den Preisverfall auch, kommt aber verglichen mit der Konkurrenz ziemlich gut durch die Krise. Sein Ziel, erstmals die Milliardengrenze beim Umsatz zu knacken, hat Vorstandschef Frank Asbeck kürzlich noch mal bestätigt. Das ist mutig, da Solarworld nach drei Quartalen erst 634 Millionen Euro erwirtschaftet hat. Wegen der anstehenden Kürzung der gesetzlichen Einspeisevergütung rechnet die ganze Branche mit einer Jahresendrally, weil sich die Endkunden noch die Maximalförderung sichern wollen.

Verglichen mit dem Zeitraum Juli bis September 2008 ging das Ergebnis vor Steuern und Zinsen allerdings von 90,8 Millionen auf 34,7 Millionen Euro zurück. Netto verdiente Solarworld noch 16 Millionen Euro (Vorjahr: 36,1 Millionen). "Immerhin ist Solarworld noch profitabel", sagt Karsten Blumenthal, Analyst bei SES Research. Die operative Umsatzrendite von 15 Prozent sei auch immer noch sehr respektabel. "Die Zeiten mit Ebit-Margen von 30 bis 40 Prozent sind einfach vorbei", sagt Blumenthal.

Eine starke Marke

Der Grund für den Erfolg fußt auf dem Geschäftsmodell von Solarworld. Der integrierte Konzern hat eine lange Wertschöpfungskette und führt alle Stufen der Produktion selbst durch: vom Gewinn des Rohstoffs über die Herstellung der Solarzellen, den Bau der Module bis hin zum Recycling. "So verdient Solarworld auf allen Stufen mit und kann dort stärker investieren, wo hohe Margen zu erwartensind", so Blumenthal.

Der zweite Vorteil gegenüber der Konkurrenz ist, dass Solarworld schon früh angefangen hat, seine eigene Marke aufzubauen. "Dafür erhalten sie am Markt eine Prämie", sagt Analyst Blumenthal. Die Kunden seien bereit, für Solarworld-Produkte bis zu ein Drittel mehr auszugeben als für vergleichbare chinesische Geräte. Insofern werde das Unternehmen auch die bevorstehende Konsolidierung der Branche gut überstehen.

Die Abteilungen Marketing und Vertrieb will Solarworld weiter ausbauen. Gerade der Vertrieb wird immer wichtiger. Verkauften sich die Solaranlagen aufgrund der großzügigen staatlichen Förderungen lange Zeit wie von selbst, wird der Wettbewerb in den kommenden Jahren härter werden. Das gilt nicht nur für Deutschland. Auch in anderen Ländern werden die Solarsubventionen abgebaut. "Deswegen erweitern wir auch den internationalen Vertrieb", sagt Sitha Stübe.

Solarworld  - ein Wunscharbeitgeber bei Absolventen

Die Kunden in Italien nicht nur zu halten, sondern den Marktanteil dort stetig zu erhöhen, das ist die Aufgabe von Caroline Cilensek. Die 30-Jährige hat acht Jahre in Italien gelebt und Kultur-, Sozialwissenschaften und Sprachen studiert. Sie ist seit etwas mehr als einem Jahr bei Solarworld und hat schnell Verantwortung übertragen bekommen. "In den ersten drei Monaten habe ich gemeinsam mit Kollegen die Kunden in Italien besucht und kennengelernt", sagt Cilensek. Seitdem bearbeitet sie den italienischen Markt mit einem Kollegen weitestgehend selbstständig. "Nach kurzer Rücksprache mit unserem Vorgesetzten können wir unsere Ideen zügig umsetzen." So hat sie sich für die Zukunft vorgenommen, Marketing, Kommunikation und Internetauftritt zu verbessern, um die Bekanntheit der Marke Solarworld in Italien zu vergößern.

Eine bekannte Marke hilft aber nicht nur beim Absatz der Produkte, sondern auch beim Recruiting von Absolventen und Berufseinsteigern. Im Absolventenbarometer 2009 des Meinungsforschungsinstituts Trendence wählten angehende Ingenieure, die kurz vor dem Examen standen, Solarworld als Neueinsteiger direkt auf Platz 15 im Ranking der Wunscharbeitgeber.

"Das ist wichtig für Solarworld, weil Elektro- und Maschinenbauingenieure und Verfahrenstechniker in der ganzen Branche sehr gefragt sind", sagt Theo Bühler, Experte für den Arbeitsmarkt Erneuerbare Energien vom Wissenschaftsladen Bonn. Sitha Stübe hebt die Zusammenarbeit mit den Universitäten hervor: "Wir pflegen intensive Kontakte mit vielen Professoren und gehen auch selbst regelmäßig in die Universitäten." Viele Einsteiger finden so den Weg zu Solarworld über ihre Abschlussarbeit, die sie im Unternehmen schreiben. "Wir schreiben teilweise gemeinsam mit Lehrstühlen Themen aus, bekommen aber auch viele Initiativbewerbungen", sagt Stübe.

So war es auch bei Manuel Dormagen, 27. Der gelernte Industrieelektroniker studierte nach seiner Lehre Maschinenbau an der FH Köln. "Für meine Diplomarbeit über Montagesysteme von Solaranlagen habe ich mich direkt hier beworben", erzählt Dormagen. Danach hat Solarworld ihn Ende 2007 direkt fürs Produktmanagement übernommen. Auf eigenen Wunsch ging Dormagen nach einer kurzen Einarbeitungsphase direkt für zehn Monate nach Kalifornien zum amerikanischen Tochterunternehmen der Solarworld.

"Wir haben die hier verwendeten Montagesysteme für die USA adaptiert", sagt Dormagen. Er hat sich bei seinem Berufseinstieg bewusst für ein Unternehmen aus der Wachstumsbranche Erneuerbare Energien entschieden. "Mir ist schon im Studium klar geworden, dass ich aktiv etwas gegen den Klimawandel machen möchte", sagt Dormagen. Die dynamische Entwicklung bei Solarworld biete ihm außerdem die Möglichkeit, mit dem Unternehmen mitzuwachsen.

Das sei auch einer der Gründe, warum bei Solarworld die Mitarbeiterzufriedenheit sehr hoch sei, sagt Personalchefin Stübe. Als Beleg führt sie die Auszeichnung von Solarworld beim Wettbewerb "Great Place to Work" an, bei dem Deutschlands 100 beste Arbeitgeber gekürt werden. Neben schnellen Aufstiegsmöglichkeiten bietet die Firma ihren Mitarbeitern auch eine Erfolgsbeteilung, eine Betriebsrente, regelmäßiges Feedback und die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen.

Für die Zukunft gut gerüstet

Für Christin Goltz, 24, waren die flachen Hierarchien und die kurzen Entscheidungswege ausschlaggebend, bei Solarworld anzufangen "Man bekommt hier vom ersten Tag an jede Menge Eigenverantwortung", sagt die junge Qualitätsmanagerin. Initiative sei gefragt, gleichzeitig gebe es aber auch immer die Möglichkeit, Rücksprache mit den Vorgesetzten zu halten.

Für die Zukunft sieht man sich bei Solarworld gut gerüstet. Das gilt auch für die Netzparität, jenen Zeitpunkt, an dem Solarstrom genauso viel kostet wie herkömmlicher Strom. In Deutschland wird es voraussichtlich 2012 so weit sein; bis dahin, so die Prognose, wird die fossile Energie noch teurer und der Ökostrom günstiger werden. Dann wird aus dem Nischenmarkt ein Massengeschäft, und "Unternehmen, die dann noch am Markt sind, werden einen zweiten nachhaltigen Branchenboom erleben", sagt Theo Bühler vom Wissenschaftsladen Bonn. Es ist der Moment, auf den bei Solarworld alle hinarbeiten.

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