Selbstmotivation Multitasker halten sich für leistungsstärker

Multitasking während der Arbeit führt in der Regel zu schlechten Ergebnissen und Stress. US-Wissenschaftler schränken die bekannte These ein: Wer glaubt, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu müssen, kann seine Leistung auch steigern.

Nora Schareika, wiwo.de | , aktualisiert

Multitasker halten sich für leistungsstärker

Multitasking mach mobil

Foto: kreus/Fotolia.com

Wer zu viel auf einmal macht, ist bei der Arbeit ineffizient, gestresst – und lebt ungesund. Multitasking gilt zu Unrecht als Ausweis von besonderer Leistungsfähigkeit. Das wissen wir alle. Trotzdem erledigen wir den ganzen Tag über immer wieder mehrere Dinge parallel. Weil wir es so wollen und weil wir es aus Gewohnheit oder wegen häufiger Unterbrechungen am Arbeitsplatz gar nicht mehr anders können.

US-amerikanische Forscher vertreten jetzt aber eine neue These: Multitasking gibt es nicht, sagen sie. Mehrere Dinge gleichzeitig zu können, ist eine Illusion, die uns aber zu höheren Leistungen bringen kann, sagen der Marketingprofessor Rom Schrift und sein Doktorand Shalena Srna.

In einem Test, den die beiden Wissenschaftler der Wharton Universität in Pennsylvania durchgeführt haben, wurden zwei Gruppen gebeten, einen Videoclip zu transkribieren. Der ersten Gruppe wurde die Aufgabe als eine einzelne Tätigkeit vorgestellt, nämlich Transkribieren. Den Probanden der zweiten Gruppe wurde gesagt, sie müssten nun mehrere Dinge gleichzeitig tun, also: zuschauen, zuhören und auch noch aufschreiben. Das Ergebnis: Die zweite Gruppe schrieb mehr mit und schnitt insgesamt besser ab.

Rom Schrift stellt fest, dass Menschen unter dem Begriff Multitasking unterschiedliche Dinge verstehen. "Wenn wir denken, wir multitasken, dann wechseln wir eigentlich nur sehr schnell zwischen Aufgaben und richten dabei unsere Aufmerksamkeit immer nur auf eine."

Multitasking ist nicht mehr als ein Begriff

Wann jemand sein Handeln als Multi- oder Singletasking empfindet, hängt von Situation und Umgebung ab. Es scheint so, dass die Entscheidung, wie das eigene Tun einzuordnen ist, geradezu willkürlich geschieht. Schaut sich jemand beispielsweise auf zwei Bildschirmen zwei Fußballspiele an, die gleichzeitig stattfinden, kann es gut sein, dass er das nicht für Multitasking hält, sondern schlicht für "Fußballgucken".

Tätigkeiten sind manchmal so sehr miteinander verbunden, dass man genauso gut von einer Tätigkeit sprechen kann – zum Beispiel, jemandem zuhören und gleichzeitig Notizen machen. So etwas dann für Multitasking zu halten, erscheint vielen Menschen attraktiv, denn sie fühlen sich dadurch fähiger. Laut repräsentativen Umfragen in den USA glauben 93 Prozent der Befragten, sie seien gute oder zumindest durchschnittliche Multitasker.

Leistungseinschränkung durch Aufmerksamkeitssprünge

Das ändert freilich noch nichts am Grundproblem des Multitaskings. Das liegt ja gerade darin, dass die Aufmerksamkeit hin und her springt. Mit dem Effekt, dass Aufgaben 60 Prozent mehr Zeit benötigen und im Ergebnis gleichzeitig 40 Prozent mehr Fehler enthalten, wie der österreichische Neurowissenschaftler Bernd Hufnagl berechnet hat. Der Mainzer Arbeitspsychologe Thomas Rigotti hält es zwar für möglich, dass gefühltes Multitasking kurzfristig die Leistung erhöhen kann. "Langfristig ist diese Leistungssteigerung aber nicht aufrecht zu erhalten", sagt Rigotti. Die große Frage sei auch, ob sich Situationen wie das oben beschriebene Experiment auf den Berufsalltag übertragbar seien.

Der Arbeitspsychologe betont, dass Multitasking häufig nur subjektiv als höhere Leistung eingeschätzt wird. Eine Weile könne diese Einschätzung sogar auf andere Personen weitergereicht werden, wenn ein Arbeitnehmer etwa seinem Vorgesetzten von seiner guten Performance berichtet.

Früher oder später passierten aber Fehler, wenn zu viele Tätigkeiten nebeneinander her ausgeübt werden. "Fehler können fatal sein, wenn sie einem Piloten oder eine Pilotin oder bei der Krankenpflege unterlaufen", sagt Rigotti.

Die amerikanische Studie verweist dennoch darauf, dass die häufig vorliegende Selbsttäuschung beim Multitasking zumindest motivierend sein kann. "Wenn man anerkennt, dass eine Person mehrere Dinge gleichzeitig tut, mindert das die negativen Effekte", erklärt Shalena Srna. "Das bloße Empfinden von Multitasking verbessert die Leistung."

Das ist so zu verstehen: Wer glaubt, viele Dinge gleichzeitig zu machen, bleibt aktiver, weil er meint, eine sehr große Leistung zu erbringen. Das fördert das Durchhaltevermögen und damit die Leistung. Für wie lange das gelten kann, bleibt indes offen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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