Selbstbild und Verhaltensprägung Bedrückender Blick auf die heutige Arbeitswelt

Die ganz normalen Abgründe der Arbeitswelt zeigt der Schriftsteller Philipp Schönthaler in einem bedrückenden Roman auf. Ein Gespräch über emotionale Selbstoptimierer, lückenlose Lebensläufe und die Rolle der Literatur.

Interview: Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Bedrückender Blick auf die heutige Arbeitswelt

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Foto: jessica80/Fotolia.com

Vom poetischen Titel Ihres Romans "Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn" darf man nicht auf den Inhalt schließen. Sie präsentieren darin eine hocheffiziente Welt der Produktmanager, der Coaches und Headhunter, die mit fröhlichem Gesang nichts zu schaffen haben. Ist das wirklich die Lebenswelt der so genannten Hochqualifizierten?

Mein Anspruch liegt weniger in einer realistischen Darstellung. Mir geht es eher darum zu fragen, wie diese heutige Arbeitswelt funktioniert. Wie der Diskurs der Unternehmensberater und die Ideen, die dahinter stecken, die institutionell verankerten Coachings, die Bewerbungsverfahren und Personalevaluierungen der Unternehmen das Selbstbild und Verhalten der Menschen prägen. So ist in jedem Test- oder Evaluationsbogen aus dem Personalbereich eine Erzählung darüber angelegt, wie Menschen funktionieren und funktionieren sollen.

Und entscheidend ist eben, dass die Adressierung immer eine doppelte ist: Eine Leistung wird als Istzustand registriert, aber sie wird immer auch als Potential evaluiert, das heißt als Möglichkeit und Maßgabe der Verbesserung. Ein anderes Beispiel, das mich im Roman interessiert, sind die Firmenzentralen heutiger Großkonzerne. Auch hier, in diesen transparenten Glasbauten mit atmosphärischen work spaces und Entspannungsoasen, materialisieren sich sehr präzise Vorstellungen eines erwünschten Menschen.

Die Personen ihres Romans optimieren nicht nur ihr Unternehmen oder ihre Arbeit, sondern sich selbst – zumindest versuchen sie es. Karriere-Manager Erik redet sich beim leisesten Selbstzweifel immer wieder ein, dass er gut ist, seine Trainerin Pamela bekämpft ihre Schlaflosigkeit nach neuesten Methoden im Schlaflabor, und die erfolglose Dauerbewerberin Rike geht zum Psychotherapeuten, um ihre Aufregung in den Griff zu kriegen.

Meine Romanfiguren können eben keine Grenze mehr ziehen zwischen dem beruflichen Selbst und dem privaten. Diese Grenze ist kollabiert. Und daher rührt vielleicht auch eine klaustrophobische Stimmung im Roman. Dies ist ja gerade die Logik der Management- und Coachingliteratur, dass ich immer schon selber beides in einer Person bin: Beobachter und Beobachteter, Prüfer und Prüfling.

Und Gefühle spielen in dieser Welt der totalen Effizienzsteigerung keine Rolle?

Im Gegenteil, in Management-Ratgebern gehören die emotionalen neben den kommunikativen Kompetenzen zu den Schlüsselqualifikationen. Um eine gute Führungskraft zu sein, muss ich meine Gefühle gut kennen, beherrschen und einsetzen können, um andere mitzureißen. Das entscheidende ist meiner Meinung nach, dass die Emotionen als Sozialkompetenz zu etwas Formbaren geworden sind: Emotionen lassen sich nun gleichfalls managen und das heißt eben auch effizient und besser einsetzen.

Mitarbeiterevaluationen und Bewerbertests spielen in ihrem Buch eine zentrale Rolle. Sie zitieren ausführlich aus solchen Fragebögen.

Sie sind nicht neu, werden von Personalabteilungen aber doch immer öfter eingesetzt. Im Einzelfall mag man über den Nutzen oder Nachteil dieser Verfahren streiten. Es ist jedoch wichtig festzustellen, dass diese Bewerbungs- und Evaluationsverfahren keine neutralen Medien sind, die bestimmte Leistungen objektiv aufzeichnen.

Diese Tests schaffen, indem sie eingeführt werden, auf vielfältige Weise eine Wirklichkeit, indem sie immer auch mit produzieren, was sie lediglich zu messen vorgeben. Sei es, dass die Getesteten sich nun gezielt an den Prüfungskriterien ausrichten können und müssen, sei es, dass bestimmte Bereiche überhaupt erst als quantifizier- und messbare Eigenschaften in den Blick geraten – wie es beispielsweise mit den angesprochenen Emotionen der Fall ist, die von der Managementliteratur in den 90er Jahren plötzlich als modellierbare Kompetenzen in den Fokus rücken.

Auf den Auftritt eines Sympathieträgers, eines Helden wartet der Leser Ihres Romans vergeblich. In John Lanchesters Roman "Kapital" werden die Protagonisten auch von den Zwängen einer bis ins Privatleben ökonomisierten Gesellschaft beherrscht, doch der Investmentbanker sagt am Schluss: "Ich kann mich ändern". Bei Ihnen jedoch gibt es keine Hoffnung auf einen Ausbruch aus dem Hamsterrad der dauernden Effizienzsteigerung.

Nein, mein Roman zeigt keinen Ausweg, zumindest keinen einfachen oder einen, der auf der Erzählebene der Protagonisten angelegt wäre. Er ist so gesehen unversöhnlich oder auch vielleicht auch brutal. Im Unterschied zu Lanchester geht es mir in erster Linie um die strukturellen Bedingungen des Neoliberalismus und die Gesellschaft als ganze. Eine einzelne rebellische Figur, die ihr Glück sucht und findet, mag es immer geben. Diese Lösung wäre mir hier aber zu einfach und würde davon ablenken, dass die verhandelten Themen und Mechanismen struktureller Natur sind und als solche nicht von Einzelnen auf individueller Ebene verändert werden können.

Der einzige Künstler unter den vielen Romanfiguren ist ein Schriftsteller. Aber kein echter, sondern nur ein gespielter in einem geplanten Werbeclip. Und an dem interessieren die Manager auch nur das attraktive Erscheinungsbild und seine Rolle als Verkaufsanreiz für ein Herren-Parfüm. Ist das die einzige Funktion des Künstlers in der ökonomisierten Gesellschaft?

Auch hier ging es mir um eine komplexe anstelle einer einfachen Frage oder Lösung. Denn ich glaube nicht, dass man noch davon ausgehen kann, dass die Schriftstellerei ohne Weiteres eine emanzipatorische Gegenwelt zur neoliberalen Gesellschaft darstellt und dieser ein alternatives Lebensmodell oder einen Ausweg anbieten kann. Deshalb kann ich mich auch als Schriftsteller da nicht einfach ausklinken. Die Literatur ist ja längst schon ein Objekt der allgemeinen Ökonomisierung geworden und in die wirtschaftlichen Strukturen eingebunden. Auch die Kunst ist einer Marktlogik unterworfen, in der Performanz, Erfolg oder Verkauf entscheidende Kategorien darstellen. Wenn man nach einer emanzipatorischen Rolle der Literatur fragt, muss man sie daher ausgehend von ihrer Verflochtenheit mit kapitalistischen Strukturen verhandeln.

Der Creative Director in Ihrem Roman beschreibt die Idee des Schriftsteller-Werbeclips mit den Worten „Du schreibst das Script deines Lebens“. Ein falsches Versprechen?

Das ist glaube ich eine zentrale Stelle meines Buches. Denn einerseits spielt der Gedanke der Selbstbestimmung heutzutage eine unheimlich große Rolle. Andererseits ist das Script des Lebens bei aller Wahlfreiheit, die man hat, auf vielerlei Weise vorgeschrieben. Die lückenlosen Lebensläufe heutiger Studienabgänger zeugen beispielsweise von einer unheimlichen Professionalisierung und richten sich schon früh nach den Maßgaben des Arbeitsmarktes aus.

Und da sind Schriftsteller gefragt?

Ich glaube zumindest, dass es hier einen durchaus emphatischen Ansatzpunkt für das Schreiben gibt. Denn dort, wo es um die Erzählung der Menschen über sich selbst geht, bin ich als Schriftsteller unweigerlich in meiner Kompetenz gefragt. Und in dem Maß, wie diese Erzählungen von ökonomischen und anderen Prozessen dominiert werden, kann ich hier möglicherweise intervenieren. Denn was erzählbar ist, lässt sich auch immer anders erzählen und wird auf diese Weise verhandelbar. Das Erzählen des Lebens sollten wir uns jedenfalls nicht aus der Hand nehmen lassen von Ökonomen oder durch Management-Literatur und Coaching-Ratgeber. Denn anders als diese kann die Literatur aus einer reichen Geschichte und Tradition schöpfen und muss deshalb mitreden.

Haben Sie die Welt der höheren Angestellten in Unternehmen, die Sie so detailliert beschreiben, eigentlich selbst kennengelernt? Wie haben Sie für den Roman recherchiert?

Nein, bisher habe ich die meiste Zeit an der Universität verbracht. Aber selbst da gehören Career Center und Assessment-Verfahren ja mittlerweile zum Alltag. Die wichtigste Quelle für den Stoff sind aber Ratgeber oder auch Selbstberichte erfolgreicher Manager.

Wen wollen Sie mit dem Buch ansprechen, Menschen, die selbst so ein effizienzgesteuertes Leben führen, wie ihre Romanfiguren?

Es freut und erschreckt mich jedenfalls gleichermaßen, wenn nach Lesungen Leute aus der Werbebranche oder anderen Unternehmen zu mir kommen und mir sagen: Ja, genau so ist das bei uns.

Herr Schönthaler, vielen Dank für das Gespräch.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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