Schreibtisch-Forscher "Der Ein-Quadratmeter-Schrein"

Die Design-Professoren Uta Brandes und Michael Erlhoff erforschen die Geheimnisse der Schreibtischkultur weltweit. Im Interview erklären sie, warum auch in Zeiten der Globalisierung chinesische und deutsche Schreibtische nie gleich aussehen werden.

Interview: Manfred Engeser, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Margot Kessler/Pixelio

Frau Prof. Brandes, Herr Prof. Erlhoff, Sie haben Bilder von Hunderten von Schreibtischen gesammelt – aus verschiedensten Ländern und Kulturkreisen, Branchen und Berufen, von Angestellten und Managern, Männern und Frauen. Welcher Schreibtisch hat Sie am meisten beeindruckt?

Brandes: Mir fällt da ein Schreibtisch aus Hongkong ein, der mich am Anfang schockierte, mir aber mittlerweile sehr ans Herz gewachsen ist: Der ist unglaublich voll mit Fotos und Figürchen aller Art. Das Ganze wirkt wie ein Kammerspiel, in dem sich die Person letztlich selbst inszeniert. Wie man sich da noch auf die Arbeit konzentrieren kann, ist mir schleierhaft.

Arbeitet an diesem Schreibtisch ein Mann oder eine Frau?

Brandes: Natürlich eine Frau. Leider. Wieso natürlich? Wieso leider? Brandes: Ich hätte nicht gedacht, dass sich so leicht erkennen lässt, ob an einem Schreibtisch ein Mann oder einer Frau arbeitet. Da bestätigen sich alle Klischées, die man im Kopf hat.
 
Nämlich welche?

Brandes: Die Farben, die dominieren, der Nippes, der gesammelt und wie er aufgestellt wird – diese geschlechterspezifischen Erkennungsmerkmale ziehen sich stereotyp durch alle Branchen und Kulturen.


Foto: Margot Kessler/Pixelio

Und wie sieht der typische Frauenschreibtisch konkret aus?

Brandes: Pastellfarben, niedlich-süßliche Figürchen, meist Püppchen. Männerschreibtische dagegen sind aus dunklem Holz oder Metall, verziert mit kleinen Autos und Motorrädern oder Fotos mit Sportmotiven.

Erlhoff: Und die Macht der Klischées bleibt ja nicht stehen bei der Geschlechterfrage. Auch nationale Stereotypen werden permanent bestätigt. Da gibt es kaum Ausreißer.

Brandes: Das ist wie in der Mode: Alle haben den Anspruch auf Individualität, aber wenn der neueste Trend heißt: bauchnabelfrei, dann laufen eben auch die meisten so rum. Sind Plateauschuhe angesagt, laufen 90 Prozent auf diesen Dingern rum. Der Kampf zwischen Individualität und Konformität – er macht auch vor den Schreibtischen nicht halt: Da lassen sich branchenspezifische, aber auch nationale Gemeinsamkeiten feststellen, die die Vorstellungen widerspiegeln, wie ein Schreibtisch auszusehen hat. Der Schreibtisch wird zum Ein-Quadratmeter-Schrein.

Und wie unterscheiden sich nun die Schreibtische zwischen Köln und Peking?

Erlhoff: Man hat natürlich eine leise Ahnung, dass es auf dem Schreibtisch eines Chinesen anders aussieht als auf dem eines Westeuropäers. Dass es auf asiatischen Schreibtischen etwas voller ist. Aber was dort so alles zu sehen ist, wie es aufgestellt ist, das lässt einen schon staunen.

Was denn zum Beispiel?

Erlhoff: Zum Beispiel diese Dutzenden, teilweise bis zu hundert Püppchen, wir etwa auf taiwanesischen Schreibtischen aufgebaut sind. Nicht nur, dass man da kaum mehr Platz zum Arbeiten hat. Das sind hundert Augenpaare, die einen permanent anstarren, während man seinen Job zu erledigen hat. Da würde hier jeder davonlaufen vor lauter imaginärer Kontrolle.


Foto: Margot Kessler/Pixelio


Die Ausbildungswege zumindest in akademischen Berufen gleichen sich weltweit an, Asiaten und Südamerikaner studieren und arbeiten in den USA und in Europa – warum macht die Globalisierung ausgerechnet vor dem gängigsten aller Büromöbel Halt?

Erlhoff: Weil man sich weder von einer scheinbar tief verankerten kulturellen Prägung lösen kann noch von einer individuellen Verortung, auch und gerade am Arbeitsplatz. Ein Bedürfnis, das eher noch zunimmt, je mehr wir in einer Welt unsicherer sozialer Netzwerke agieren.

Aber immer mehr Unternehmen machen sich ausführliche Gedanken über ihr Erscheinungsbild, auch nach innen.

Erlhoff: Abgesehen von einigen Werbeagenturen, die ihren Kreativen am liebsten weiße, leere Schreibtische verordnen und sie aus krankenhausweißen Tassen ihren Kaffee trinken lassen, schafft es kaum ein Unternehmen, das Schreibtisch-Chaos seiner Mitarbeiter in den Griff zu kriegen.

Warum ist es das so schwer?

Erlhoff: Erinnern Sie sich an all diese hochtrabenden Theorien vom nomadisierenden Büro, die vor rund 20 Jahren postuliert wurden?

Das bestätigen aber alle aktuellen wissenschaftlichen Studien. Glauben Sie nicht dran?

Erlhoff: Ich fürchte, das kann man alles vergessen. Die gelebte und dokumentierte Büropraxis verwandelt all diese Studien in graue Theorie. Jede Clean-Desk-Policy eines Unternehmens ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das zeigt spätestens der Blick in die oberste Schublade. Die Wirklichkeit setzt sich durch – selbst an den scheinbar so septischen Schreibtischen deutscher Designer wird sich immer ein Hinweis auf die Individualität seines Benutzers finden.


Foto: Margot Kessler/Pixelio

Sie wollten in Ihrer Studie auch wissen, von welchen Objekten auf Ihrem Schreibtisch sich die befragten Personen am ehesten trennen könnten. Was war das Ergebnis?

Brandes: Am ehesten würden die meisten noch auf Geschenke verzichten, die sie irgendwann einmal on Kollegen, Kunden oder Freunden bekommen haben. Aber auch davon trennen sie sich nicht – der soziale Druck ist für die meisten zu groß.

Was können Unternehmen davon lernen?

Brandes: Individualität zulassen, ohne dass es aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Wie soll das gehen? Erlhoff: Alles ist gestaltet, wird im Gebrauch aber oftmals umgestaltet. Sie haben zu Beginn unseres Gesprächs Ihr Sakko über den Stuhl gehängt – obwohl der zum Sitzen und nicht als Garderobe gedacht ist. Von solchen Hinweisen müssen Unternehmen lernen – nicht nur diesen Alltagsgebrauch tolerieren, sondern die Hinweise, die Qualitäten erkennen und für sich nutzen.

Welche Qualitäten stecken in einer Ansammlung von 83 Figürchen, die mich während der Arbeit anglotzen?

Erlhoff: Zum Beispiel Erkenntnisse über Kommunikationsverhalten: Wer kontrolliert wen, wer spielt wem was vor. Aus all diesen kleinen Hinweisen kann man doch wunderbar ablesen, wie Mitarbeiter sich ihre Schreibtische aneignen, wie sie sie nutzen. Und wie Hersteller und Unternehmen diese Schreibtische gestalten sollten, damit sie den Bedürfnissen der Benutzer gerecht werden. Grundsätzlich müssen wir den Benutzern mehr Freiräume einräumen im Umgang mit dem Schreibtisch. Da fühlt sich doch jeder wie ein eigener Schlossherr.

Die Unternehmen wollen aber eher das Gegenteil erreichen – und ihre Mitarbeiter vom Schlossherrn zum Nomaden machen, der flexibel zwischen uniformen Schreibtischen wechselt und dort möglichst keine Spuren hinterlässt, die den nächsten Mitarbeiter, der an diesen Platz kommt, in der Konzentration stören könnten.

Brandes: Natürlich kann man verstehen, dass Unternehmen auch Grenzen setzen wollen – wer will schon ständig auf die Plüschpudel-Sammlung der Kollegin glotzen müssen? Aber das Heimatgefühl ganz wegnehmen wäre kontraproduktiv. Gewisse individuelle Gestaltungsmöglichkeiten müssen bleiben – so wie man beim Einzug in eine möblierte Wohnung versucht, durch eigene Mitbringsel mehr Behaglichkeit zu schaffen.

Erlhoff: Oder denken Sie daran, wenn Sie am Flughafen am Kofferband stehen: Fast jeder entscheidet sich im Kaufhaus für einen weitgehend uniformen schwarzen Koffern – und markiert diesen zur besseren Unterscheidbarkeit mit einem individuellen Merkmal – einem Aufkleber, einem farbigen Band. Auch wenn es hilft – schöner wird so ein teurer Koffer dadurch nicht. Für die Hersteller ist das ein Graus.

Brandes: In der Automobil-Industrie gibt es ein gutes Beispiel: Mercedes hatte vor einigen Jahren ein Problem: Weil die deutschen LKW-Fahrer eigentlich lieber in einem amerikanischen Truck durch die Gegend fahren wollten, haben sie sich ihre Vehikel individuell umgestaltet, bis zur Unkenntlichkeit. Und bis Mercedes das Bedürfnis verstanden hatte – und seitdem die Deko-Elemente selbst anbietet.


Foto: Margot Kessler/Pixelio

Wie würde der Mercedes der Schreibtische aussehen?

Erlhoff: Größer müssen sie nicht sein, aber mit mehr Raffinesse gestaltet. Die Hersteller müssten stärker in flexibleren Modulen denken. Und eben auch Areale definieren, die Platz lassen für ein bisschen persönlichen Nippes, die man etwa hinter einer mobilen Wand so platzieren könnte, dass man sie selbst sieht, aber niemand sonst damit behelligt.

Brandes: Die Arbeit rückt ja auf scheinbar überdekorierten Schreibtischen nur vermeintlich in den Hintergrund. Oft schaffen sich diese Menschen durch ihre Inszenierungen erst die Voraussetzung dafür, am Arbeitsplatz engagiert und motiviert arbeiten zu können. Die Menschen wollen sich selbst darstellen, ihre Individualität ausleben.

Wofür Arbeitgeber kaum Verständnis haben. Mitarbeiter mit einem ordentlichen, übersichtlichen Schreibtisch gelten als effizienter, erfolgreicher und beliebter beim Chef. Wer einen chaotischen Schreibtisch hat, kann lange auf die Beförderung warten. Ist das gerechtfertigt?

Erlhoff: Das Primat der Ordnung ist doch ein riesiger Denkfehler. Denn das würde den Glauben an die lineare Logik untermauern. Und wer legt überhaupt fest, was ordentlich, was unordentlich ist. Ab wann ein Schreibtisch zu voll ist? Außerdem wissen wir doch längst: Ordnung führt nicht per se zum Erfolg. Wir müssen ein Bewusstsein für die Qualität von Chaos entwickeln. Assoziative Kompetenz zulassen. Und uns klar machen, dass die besten Lösungen für Probleme meist aus Fehlern entstanden sind.

Eine willkommene Ausrede für Chaoten ...

Erlhoff: Natürlich ist einer, der in seinem Chaos versinkt nicht kreativer als einer, der Ordnung zum Selbstzweck erhebt. Aber klar ist: Wer ein Glas ordentlich hinstellen kann und Ordnung zum Selbstzweck erhebt, kann noch lange keine Menschen anleiten. Aber wem seine Unterlagen, Notizen, Zeitungsausrisse scheinbar über den Kopf wachsen, wer aber dennoch alles in kurzer Zeit wiederfindet, kann durchaus erfolgreich arbeiten – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirken mag. Neueste amerikanisch Studien zeigen: Diese Erkenntnisse sind auch bei den Chefs angekommen.


Foto: Margot Kessler/Pixelio

Es gibt auch Studien, die einen Zusammenhang zwischen Ordnung und Leistung beziehungsweise beruflichem Erfolg belegen.

Erlhoff: Zumindest in Asien und Südamerika gilt: Je höher einer in der Hierarchie geklettert ist, desto mehr steht auf einem Schreibtisch. Womöglich wirkt es auf den ersten Blick hochwertiger und etwas strukturierter als die Figürchen und Fotos seiner Untergebenen. Letztlich ist es aber nichts anderes als Nippes auf hohem Niveau.

Und was steht auf Ihrem Schreibtisch?

Brandes: Bei mir steht ein Art-Deco-Schreibfüller-Set mit einem sehr schönen Füllfederhalter. Schlimm.

Warum? Sieht hübsch aus und hat einen deutlichen Bezug zur Arbeit.

Brandes: Ist aber sinnloser Nippes – den Füller benutze ich nie, die Tintenfässer sind leer. Außerdem kann man das gute Stück leicht übersehen zwischen all dem Material, das sich wie in geologischen Schichten auf meinem Schreibtisch türmt. Alles viel zu chaotisch, mein Schreibtisch müsste vier Mal so groß sein. Aber das würde das Chaos wahrscheinlich nur weiter erhöhen. Jedes Mal in den Semesterferien unternehme ich einen Anlauf, ihn zu ordnen. Er bleibt dann etwa eine Woche aufgeräumt und fast leer – weil ich mich in der Zeit gar nicht traue, dort zu arbeiten. Dafür suche ich mir dann ein anderes Plätzchen.

Erlhoff: Bei mir Türmen sich die Akten schon mal auf wie Eisberge. Außerdem habe ich einen alten Schachcomputer auf dem Schreibtisch stehen, auf den ich niemals verzichten würde. Und den ich auch regelmäßig benutze – immer, wenn ich beim Schreiben auf andere Gedanken kommen will, spiele ich eine Partie Blitzschach. Und wenn bestimmte Kugelschreiber nicht in meiner Nähe sind, fühle ich mich katastrophal.

Zuest veröffentlicht auf wiwo.de


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