Schlagfertigkeit Wenn die richtigen Worte fehlen

Die Aufzugtür gleitet auf, der Chef tritt ein. Und jetzt? Etwas sagen oder peinlich berührt auf den Boden starren? Für viele sind Smalltalk oder Reden vor Publikum der reinste Horror. Wie Sie die richtigen Worte finden.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Wenn die richtigen Worte fehlen

Foto: Kristin Gründler / fotolia.com

Machen wir ein kurzes Gedankenspiel: Ihr Unternehmen feiert Jubiläum, Mitarbeiter und Manager aus sämtlichen Niederlassungen sind vor Ort. Beim Festakt hält der Vorstandsvorsitzende eine Rede, schaut anschließend ins Publikum und entdeckt Sie. Sein Gesicht hellt sich auf und er sagt: "Ach, ich sehe, Herr/Frau Mayer ist auch hier, kommen Sie doch bitte rauf zu mir und erzählen Sie uns ..." Und das auch noch in einer Fremdsprache, weil Ihr Unternehmen international aufgestellt ist.

Fühlt sich an wie früher, "Hefte raus, Klassenarbeit", nicht wahr?

Üben, üben, üben

Dem Schweizer Rhetoriktrainer Mathias Pöhm ist genau das passiert. Urplötzlich sollte er vor versammelter Mannschaft auf Französisch parlieren – es wurde ein Desaster. Danach nahm er sich vor, dass ihm so etwas nie wieder passieren würde. Das ist ihm gelungen. Heute bringt er anderen das Reden bei.

Die gute Nachricht ist: Es geht. Reden halten kann man lernen. "Allerdings passiert das nicht von heute auf Morgen, das dauert", sagt Pöhm. Es hilft nur üben, üben, üben. Er empfiehlt: "Tun Sie, wovor Sie Angst haben – immer wieder. Reden Sie auf Geburtstagen, auf Hochzeiten, bei Meetings, wann immer es geht. Nur so geht die Nervosität weg."

Hürden lauern auch im Alltag

Die vielgepriesenen Tipps für Nervöse, sich vorzustellen, das Publikum sei nicht da oder spärlich bekleidet, könne man dagegen vergessen. "Dieser Rat 'Stellen Sie sich vor, die Zuhörer sitzen dort in Unterhosen' liest sich immer nett, aber ich habe noch keinen erlebt, bei dem das funktioniert", sagt Pöhm.

Dabei muss es nicht gleich die Rede vor dem gesamten Unternehmen sein, die einen ins Schwitzen bringt. Auch Alltagssituationen sind für viele ein Graus. "Mit einem leisen Ping öffnet sich die Aufzugstür, Sie steigen ein und nicken dem Vorstandsvorsitzenden kurz zu. Es folgt beklemmendes Schweigen und der Blick geht gen Boden oder bleibt an der Stockwerksanzeige hängen", beschreibt Thomas Skipwith eine Szene, wie sie sich täglich in zig Unternehmen ereignet.

Tauscht man Vorstandsvorsitzender gegen Mitarbeiter, passiert es jedem, der irgendwo arbeitet, wo es einen Fahrstuhl gibt. Und das mehrmals täglich.

Seiner Erfahrung nach starrt sich die Mehrheit der Liftfahrer lieber auf die Schuhspitzen, anstatt ein Gespräch zu beginnen. "Grundsätzlich fürchtet ein jeder von uns, abgelehnt zu werden oder sich lächerlich zu machen. Man könnte ja unbewusst etwas Falsches sagen oder der Vorstandsvorsitzende könnte denken: 'Was ist das für eine blöde Frage?'."

Meistern Sie die Situation

Grundsätzlich braucht es laut Skipwith für die Rede wie für den Smalltalk vier Dinge: Mut, Vorbereitung, Spontanität und eine positive mentale Einstellung. "Wenn Sie überzeugt sind, dass Sie gut ankommen werden, ist die Wahrscheinlichkeit ungleich größer, dass Sie auch tatsächlich gut ankommen. Umgekehrt kann es jedoch auch mit allergrößter Wahrscheinlichkeit peinlich für Sie werden, wenn Sie sich denken 'Ui, das wird peinlich'."

Das ist auch die Erfahrung von Rhetorik-Trainer Pöhm: "Wer sich immer sagt: 'Mir fällt nie etwas Schlagfertiges ein', dem fällt auch deutlich seltener etwas ein." Und na klar: Ohne Vorbereitung wird es nichts. Wer eine Rede halten muss und nicht vorbereitet ist, scheitert trotz gutem Willen.

Jemanden ansprechen kostet Mut

Skipwith schlägt vor, aus dem Üben der Reden kleine Mutproben zu machen: "Wer es ernst meint und wirklich mutiger werden will, sollte sich Ziele setzen. Probieren Sie es mit 'Heute werde ich mit fünf Personen Small Talk halten' oder mit 'Heute spreche ich fünf Kollegen aus der Führungsebene auf ein Thema aus unserer Industrie an'."

Man solle sich nicht entmutigen lassen, wenn es nicht gleich in fünf von fünf Fällen klappt. Am ersten Tag gelingt es vielleicht nur einmal, am darauffolgenden Tag vermutlich zwei Mal und schließlich immer öfter. Das Durchhaltevermögen entscheidet über den Erfolg.

Selbst Spontaneität lässt sich üben

Dann hat man seinen Mut zusammen genommen, ist positiv an die Sache herangegangen und dann folgt der GAU: Mitten im Vortrag kommt eine unangenehme Frage aus dem Publikum. Schon ist der Faden verloren. Die Souveränität weicht hilflosem Gestammel.

Da hilft nur Spontaneität, im Volksmund Schlagfertigkeit genannt. Doch den meisten fällt sie schwer. "90 Prozent der Menschen fallen die besten Antworten erst im Nachhinein ein", sagt Pöhm.

Regeln helfen weiter

Allerdings verhält es sich mit der Schlagfertigkeit seiner Meinung nach wie mit der Grammatik: Es gibt Regeln und Muster. Zwar könne man nicht für alles eine Wenn-dann-Regel aufstellen. Grundsätzlich aber gelte, dass die Replik immer einen Bezug zum Gesagten haben und überraschend sein muss.

Beispiel: Sie stellen gerade Ihr neues Marketingkonzept vor, als der Kollege aus dem Controlling fragt: "Wie sollen wir das denn bezahlen?" Statt "Öhm...ja, ich weiß ja auch nicht" zu sagen oder diffuse Sparvorschlägen zu unterbreiten, rät Pöhm zur Gegenfrage: "Welche Budgetgrenzen müssen wir denn einhalten?" Während der andere die Frage beantwortet, hat man selbst Zeit, sich zu sortieren. Im Fahrstuhl-Fall muss man natürlich nicht auf einen indirekten Angriff reagieren. Aber auch hier hilft Spontaneität gegen das peinliche Schweigen. Die Tasche mit der Aufschrift "Sprüngli", die Elton-John-ähnliche Brille, der fehlende 13. Stock in amerikanischen Aufzügen oder die außergewöhnliche Geschichte in der Morgenzeitung: "Es gibt allerlei Möglichkeiten, die es Ihnen erlauben, etwas zu sagen", rät Skipwith.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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