Sabbatical Aussteigen, um aufzusteigen

Wer ein Sabbatical macht, zeigt: Ich will Neues erleben, mich motivieren, Kraft tanken. Und Chefs lassen ihre Aussteiger immer öfter aufsteigen.

Carola Sonnet, Claudia Obmann | , aktualisiert


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"Ich bin dann mal weg"

Blasen drückten in den Schuhen, die Bandscheiben schmerzten – als Susanne Schildknecht den Jakobsweg lief, ging sie an ihre körperlichen Grenzen. Und lernte: "Je mehr man den Körper fordert, desto mehr kann er leisten."
 
Die Managerin der Deutschen Post hat ihre Schmerzen überwunden und jeden Tag mehr Kraft gewonnen. Die konnte sie nach ihrem dreimonatigen Sabbatical gut gebrauchen: Noch während sie weg war, strukturierte DHL Supply Chain um.

In diesem Unternehmensbereich, der für große Unternehmen die Lieferketten organisiert, hatte die 48-Jährige vor ihrer Abreise ein wichtiges Projekt erfolgreich abgeschlossen. In ihrer Auszeit klingelte das Telefon, es war ihr Chef. "Er fragte, ob ich nach meinem Sabbatical eine Führungsposition übernehmen möchte", erzählt die Betriebswirtin. Sie wollte und übernahm ein neues Team mit 52 Mitarbeitern.

Nach Auszeit Karriere rollen lassen

Sich den Lebenstraum erfüllen, eine Weltreise machen, Zeit mit den Kindern verbringen, ein Haus bauen oder auch einen Burnout verhindern – Motivationen für ein Sabbatical gibt es so viele, wie Leute, die es nehmen.

Eines ist jedoch klar: Wer die Arbeit für ein paar Monate hinter sich lässt, kehrt gestärkt zurück. Und kann neuerdings danach sogar Karriere machen.



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Karriereturbo statt Karriereknick

Früher war der berufliche Aufstieg oft beendet, wenn man nicht täglich im Büro saß, nicht an allen Meetings teilnahm und nicht an allen Entscheidungen beteiligt war.
 
"Früher war die Frage: Ist ein Sabbatical das Tor zum Reich der persönlichen Freiheit? Heute heißt es: Kann ein Sabbatical ein Karriereturbo sein?", sagt Beraterin Barbara Siemers. Sie hat ihre Doktorarbeit über die befristeten Auszeiten geschrieben.

Viele Arbeitgeber haben inzwischen erkannt, dass sie von einer Auszeit ihrer besten Kräfte profitieren.

Neue Gattung: der Unterbrecher

Eine Studie der Beratung Bain & Company nennt sie die "Unterbrecher" und charakterisiert diese Arbeitnehmer als "selbstsicher und reif".

So wie Louise Öfverström. Die 36-Jährige ist Chief Financial Officer (CFO) der MAN Finance und nutzte ihr Sabbat-Jahr, um in München das Möbel- und Designgeschäft "Lagom White" zu eröffnen. Um solche Großprojekte realisieren zu können, braucht man viel Mut und einen Arbeitgeber, der flexibel genug ist.


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Langzeitkonto als Variante

Zwar bieten bisher nur 13 Prozent der Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern Langzeitarbeitskonten an, auf denen Arbeitszeit angespart und dann am Stück abgebaut werden kann – die optimale Variante für ein Sabbatical.

Aber es werden mehr. Das Flexi-II-Gesetz hat die Rahmenbedingungen für Wertguthaben von Arbeitsstunden verbessert. Rund 40 000 Unternehmen insgesamt bieten die Wertguthaben inzwischen an.

Viele Arbeitnehmer profitieren davon – rund 40 Prozent nutzen ihre angehäuften Überstunden für Sabbaticals. Vorreiter sind die Chemie- und die Metallindustrie.

Mal abschalten und auftanken!

Die Hälfte der Chemie-Angestellten nutzt ein Langzeitkonto. Boten 2003 gerade mal vier Prozent der deutschen Unternehmen ihren Mitarbeiter die Möglichkeit befristet auszusteigen, vervierfachte sich diese Zahl bis 2010.

"Mit Blick auf das längere Arbeitsleben, wird es in Zukunft immer selbstverständlicher, dass sich Mitarbeiter phasenweise aus dem Berufsalltag verabschieden – um abzuschalten und aufzutanken, und dann mit frischem Schwung und Ideen zurückzukehren oder neue Aufgaben zu übernehmen", ist sich Karl von Rohr sicher.
 


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Die wenigsten trauen sich
 
Rohr ist Personalchef der Deutschen Bank und bietet den Beschäftigten schon seit über zehn Jahren mit "db zeitinvest" die Möglichkeit, Urlaubstage oder Vergütungsbestandteile in einem Fonds anzulegen. Um davon dann zum Beispiel ein bezahltes Sabbatical von bis zu einem Jahr zu finanzieren.

"Manche Kollegen haben das schon mehrfach in Anspruch genommen", sagt von Rohr. Viele Deutsche würden gerne eine solche Auszeit nehmen, die wenigsten trauen sich aber.

Zu den Mutigen gehört Markus Katterbach. Der Manager von Kraft Foods aus Bremen ist mit seinem Sohn für vier Monate durch Kanada gereist. "Mein Chef war erst mal verblüfft, als ich ihm von meinem Plan erzählt habe", sagt Katterbach, der als Manager für die Kundenbuchhaltung arbeitet.
 
Erfüllter Traum dank Chef

Die Vorgesetzten unterstützten den 47-Jährigen aber bei der Realisierung seines Traumes. "Abgeschaltet habe ich schon nach meinem letzten Arbeitstag vor der Reise", sagt der dreifache Vater.

Mit einem Wohnmobil ging es über den Transcanada Highway, von Toronto aus zuerst an den großen Seen entlang, dann durch Waldgebiete und anschließend über die Prärie.


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Into the Wild

"Traumhaft schön wurde es im Westen hinter Calgary, wo die Rocky Mountains beginnen", erzählt der Aussteiger auf Zeit.

Vater und Sohn fuhren in Nationalparks, übernachteten mitten in der Natur: "Die Geräuschkulisse im Dunkeln war wahnsinnig beeindruckend." Einige Schwarzbären begegneten ihnen auch, einmal schlich einer sogar um den Wohnwagen herum.

"Wir waren komplett abgekoppelt von der alltäglichen Reizüberflutung: kein Fernsehen, keine Zeitung, das Handy war die meiste Zeit aus. Ab und zu haben wir unseren Verwandten in Toronto Bescheid gesagt, dass wir noch leben und wo wir gerade sind."

Sorglos abreisen
 
Katterbach ging davon aus, dass seine Stelle nachbesetzt würde. Doch noch vor der Abreise bot sein Arbeitgeber ihm eine andere Position mit mehr Führungsverantwortung an.

Sich keine Sorgen um den Job machen zu müssen, ist ganz entscheidend für den Erfolg eines Sabbaticals: "In Betrieben mit starker Anwesenheitspflicht, ist ein Sabbatical eher nicht karriereförderlich", sagt Expertin Siemers.
 




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Art der Arbeitskultur entscheidet

"Wer seine Arbeit mit Hochleistungssport vergleicht, kann sich eine solche Auszeit selten leisten."

Was der Einzelne daraus mache, hänge stark von der Konkurrenz im Betrieb, vom Vorgesetzten und der Arbeitskultur ab. Der Arbeitsalltag von Unternehmensberatern zum Beispiel kommt einem Sabbatical sehr entgegen – weil sie hauptsächlich in befristeten Projekten arbeiten.

Eva Kunigk ist seit zwölf Jahren bei Booz and Company. "Ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie man trotz vieler Auszeiten richtig Karriere machen kann", sagt die Beraterin, die mittlerweile zum Principal in die mittlere Führungsebene aufgestiegen ist.

Eigenes Motto: "Leave of absence"

Bei dem Beratungsunternehmen Booz heißen die Auszeiten "leave of absence". Sie ermöglichen die Arbeitszeit, je nach persönlichen Lebensumständen, flexibel einzuteilen – oder mal ganz woanders zu arbeiten.

So ging Kunigk nach Auszeiten für Reisen und die Familie auch für ein einjähriges Sabbatical zu einem Pharma-Unternehmen, um dort das Projekt in die Tat umzusetzen, das sie vorher mit geplant hatte.


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Flexibilität und Freiraum für Top-Talente

Solche Ausflüge in die Industrie mit Rückkehrgarantie ermöglicht Booz nur Top-Talenten. Die für Personalthemen verantwortliche Partnerin Christine Rupp sagt: "Damit zeichnen wir besonders gute Mitarbeiter aus."

Die Berater hätten danach mehr Energie und Begeisterung für ihren Job. Die Rechnung scheint aufzugehen: "Ich kam zurück mit einem gefestigten Bewusstsein für den Wert meiner Arbeit und einem besseren Verständnis für die Herausforderungen meiner Klienten", erzählt die zweifache Mutter.

Booz begegne guter Leistung mit Flexibilität und Freiraum: "Das bindet natürlich die Mitarbeiter enorm an die Firma."

Breites Spannungsfeld

Trotzdem ist es gerade für Führungskräfte immer noch schwer, ein Sabbatical zu nehmen, ohne gleich zu kündigen.

Und wenn sie eins nehmen, reden die Unternehmen nicht gerne darüber. Das bestätigt Barbara Siemers: "Das Sabbatical bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einer Auszeit und der Frage nach der Leistungsfähigkeit."

Es könne immer noch passieren, dass sich Kollegen die Frage stellten, ob da jemand keine Lust mehr hat, zu arbeiten.


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Motivationsschub und neue Erkenntnisse

Und das, obwohl sich die Rückkehrer nach ihrer Auszeit viel leistungsfähiger fühlen – zusätzlich zu den neuen Erkenntnissen, die sie gewonnen haben.

Expertin Barbara Siemers erklärt den Motivationsschub, den ein Sabbatical oft für die Karriere bringe, so: "Die Menschen kommen mit einem erfrischten, wachen Blick zurück, sind nicht mehr so betriebsblind. Und sie gehen kreativer mit Problemstellungen um."
 
>>> Sabbatical: So geht's


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Überstunden abbauen


Man kann eine bezahlte Auszeit nehmen, indem man Überstunden in dieser Zeit am Stück abfeiert. Währenddessen läuft die Sozialversicherung über den Arbeitgeber.

Weniger Gehalt
Ein Jahr lang nur 75 Prozent des Gehalts bekommen, dafür neun Monate arbeiten und drei Monate freinehmen ist die zweite bezahlte Variante.

Unbezahlt
Ein Chef kann Mitarbeiter freistellen, wenn gerade wenig zu tun ist. Versichern müssen sie sich dann selbst.

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