Rückenschmerzen Wo es wirklich wehtut

Wenn bei der Arbeit die Bedingungen nicht stimmen, sind Rückenschmerzen oft die Folge. Mit Gymnastik und ergonomischen Möbeln lässt sich einiges dagegen tun. Aber die wirklichen Ursachen sind oft psychischer Natur.

Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Wo es wirklich wehtut

Foto: puhhha/Fotolia.com

Verspannte Schultern, ein steifer Nacken oder ein stechender Schmerz in den Lendenwirbeln. Das sind die häufigsten von zahlreichen Symptomen von Deutschlands Arbeitskrankheit Nummer Eins: Rückenschmerzen. Mehr als zwei Drittel der Deutschen leiden darunter im Laufe ihres Lebens. Meist nur zeitlich begrenzt, oft aber auch dauerhaft.

Der Rücken eines Anstreichers, eines Dachdeckers oder einer Kellnerin ist besonderen Belastungen ausgesetzt, die zu Schmerzen und irgendwann gar zur Arbeitsunfähigkeit führen können. Bei Büroarbeitern kann auch das andere Extrem die Ursache sein: Bewegungsmangel durch zu langes und möglicherweise rückenunfreundliches Sitzen.

Gefährliches Sitzen

Schwedische Forscher um Elin Ekblom-Bak vom Karolinska-Institut in Stockholm haben 2010 in einer Studie im "Britisch Journal of Sports Medicine" festgestellt, dass langes Sitzen – unabhängig davon, ob man regelmäßig Sport treibt – nicht nur Rückenschmerzen verursachen kann, sondern auch ein erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes bedeutet.

Arbeitsmediziner raten daher allen sitzend arbeitenden Menschen, möglichst viel Bewegung in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. "Arbeitnehmer können etwa zum Telefonieren immer aufstehen, sich ein Stehpult ins Büro stellen oder den Drucker möglichst weit weg vom Schreibtisch positionieren", sagt Andreas Tautz von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin. So müssten sie sich immer bewegen, wenn sie ihre Ausdrucke holen.

Dynamik im Arbeitsalltag

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat eine Broschüre für "Mehr Gesundheit im Büro durch Sitz-Steh-Dynamik" veröffentlich. Mittlerweile reagieren viele Unternehmen auf diese Erkenntnisse und statten ihre Büros mit Sitz-Steh-Arbeitstischen aus, die sowohl sitzendes als auch stehendes Arbeiten ermöglichen.

Sinnvoll sind auch Bürostühle, die möglichst viele Haltungswechsel fördern. Stühle mit einer Synchronmechanik erlauben es, sich zurückzulehnen und stellen sich dabei auf die individuellen Bedürfnisse des Nutzers ein. Hochwertige Sitzmöbel lassen zudem auch seitliche Bewegungen zu. Laut einer Studie im Auftrag des Verbandes "Büro-, Sitz- und Objektmöbel" (bso) setzen mittlerweile auch 95,4 Prozent aller Unternehmen Stühle ein, die zumindest eine einfache Form des dynamischen Sitzens mit Wechseln der Sitzposition zulassen. Allerdings kommen erst bei 19,7 Prozent der Unternehmen an allen Arbeitsplätzen Drehstühle mit einer Synchronmechanik zum Einsatz.

Um Arbeiten im Stehen zu unterstützen, stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Dazu zählen Stehpulte, Caddys, Stehtische und Sitz-Steh-Arbeitstische. Das Fraunhofer IAO (Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation) hatte unter anderem im Auftrag der BAuA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) bereits untersucht, wie intensiv die verschiedenen Sitz-Steh-Konzepte genutzt werden. Demnach kommen in der Praxis eigentlich nur Sitz-Steh-Arbeitstische im nennenswerten Maß zum Einsatz. Während Stehpulte meist nur drei- bis fünfmal täglich für durchschnittlich fünf Minuten genutzt wurden, war die Nutzungsdauer an den Sitz-Steh-Arbeitstischen sechsmal höher.

Sitzende Tätigkeiten sollten aber keinesfalls vollkommen durch Arbeiten im Stehen ersetzt werden. Einseitige Belastungen führen nämlich zu vorzeitiger Ermüdung. Ziel sollte es vielmehr sein, durch Arbeits- und Arbeitsplatzgestaltung einen Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Gehen zu ermöglichen.

Ganzheitliche Analyse

Aber Rückenschmerzen müssen nicht immer körperliche Ursachen haben. "Wir wissen heute, dass psycho-soziale Befindlichkeiten einen deutlichen Einfluss haben auf die Verspannungen des muskulo-skelettalen Apparates. Hinter Rückenschmerzen kann sich auch eine depressive Verstimmung oder sogar eine Depression verstecken", sagt Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbandes Deutscher betriebs- und Werksärzte.

Unter Rückenschmerzen Leidende sollten deshalb auf der Suche nach Ursachen und zu deren Bekämpfung nicht nur die richtige Einstellung von Bürostuhl und Schreibtisch im Blick haben. "Der Rücken ist der Spiegel der Seele", sagen viele Psychotherapeuten. Über 85 Prozent der Rückenschmerzen seien mit psychischen Ursachen verbunden, heißt es beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Deswegen hat der BDP, um die Prävention zu unterstützen, eine Broschüre "Rückenbeschwerden und Psyche" für Büroarbeiter herausgebracht.

Gegen alle Instinkte

Rückenprobleme stehen oft in direktem Zusammenhang mit dem "Betriebsklima". Dafür ist unser genetisches Erbe verantwortlich: "Auf Stress und Druck reagiert unser Körper mit dem Fluchtinstinkt: Der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz erhöht sich, die Sinne werden geschärft. In der Folge setzt der Körper Energie frei, um im Notfall die Flucht ergreifen zu können", erklärt Hiltraut Paridon, vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

Zu Urzeiten habe diese Reaktion das Überleben der Menschen gesichert. "Weil heutzutage jedoch kaum jemand die Flucht ergreift, wenn er Stress hat, staut sich die überschüssige Energie in der Muskulatur. Wird sie nicht abgebaut, kann dies auf Dauer zu schmerzhaften Muskelverspannungen führen." Im Klartext: Rückenschmerzen können ein Zeichen dafür sein, dass ein Arbeitsplatz im wahrsten Sinne des Wortes zum davon Laufen ist.

Wahl-Wachendorf empfiehlt, den möglichen psychologischen Ursachen auf den Grund zu gehen durch eine sogenannte Gefährdungsbeurteilung. Viele Arbeitnehmer wissen nicht: Sie haben einen Rechtsanspruch an den Arbeitgeber, eine Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen.

Arbeitsbedingungen prüfen

Das heißt, dass Experten, also ein Betriebsarzt und möglicherweise auch ein Ingenieur, den Arbeitsplatz systematisch unter die Lupe nehmen – inklusive räumliche Bedingungen, Organisation, Lärmbelastungen. Eine solche Gefährdungsbeurteilung ist meist mit nur geringem zeitlichem Aufwand verbunden. Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung beraten und unterstützen Unternehmen dabei. Das Ergebnis ist nicht nur eine Analyse der belastenden Faktoren, sondern in der Regel auch ein Aufstellung von Lösungsansätzen zur Besserung der Situation.

Auch Arbeitsplätze, die nach ergonomischen Gesichtspunkten gestaltet sind, können auf Dauer Rückenprobleme verursachen, wenn die psychische Gesundheit durch die Arbeitsbedingungen belastet wird, zum Beispiel durch zu hohe oder zu komplexe (aber manchmal auch zu geringe) Arbeitsanforderungen, Zeitdruck, Monotonie, häufige Unterbrechungen und fehlende Rückzugsmöglichkeiten in Großraumbüros. Es reiche nicht, empfiehlt der BDP Arbeitgebern, allein auf die Verhaltensänderung der Beschäftigten zu setzen, zum Beispiel durch Maßnahmen wie Rückenschulen oder Fitness- und Entspannungskurse. Sinnvoll sei eine Verknüpfung von Verbesserungen bei der ergonomischen Gestaltung der Arbeitsplätze und bei der Organisation der Arbeit.

Ich hab Chef!

Einen unmittelbaren Einfluss auf die psychische Gesundheit von Mitarbeitern (also auch auf ihren Rücken) hat das Führungsverhalten der Vorgesetzten: "Rückenprobleme stehen oft in direktem Zusammenhang mit dem Betriebsklima", heißt es in der BDP-Broschüre. "Entscheidend ist dabei auch die Wertschätzung, die Führungskräfte gegenüber dem eigenen Team ausstrahlen."

Dass sie ihre Leute psychisch krank machen, ist den meisten Vorgesetzten vermutlich nicht bewusst. Umso wichtiger sei es für Arbeitgeber, so fordert nicht ganz uneigennützig der Psychologenverband, den Rat von Psychologen einzuholen. Denn die können durch Information und Beratung mitwirken, dass es ein klares Bekenntnis der Unternehmensleitung und der Führungskräfte für das betriebliche Gesundheitsmanagement gibt - und dazu gehört auch ein psycho-soziales Betriebsklima mit Arbeitsbedingungen, die dafür sorgen, dass die Mitarbeiter nicht ununterbrochen ihren Fluchtreflex unterdrücken müssen.

In der real existierenden Arbeitswelt dürfte jedoch gerade die fehlende Sensibilität vieler Arbeitgeber für das körperliche und seelische Wohlbefinden ihrer Angestellten ein Hauptgrund für das Auftreten psychisch bedingter Rückenschmerzen – und gleichzeitig das entscheidende Hindernis, um das Leiden zu bekämpfen.

Anders gesagt: Ein Betrieb, der seinen Mitarbeitern psychische belastende, stressende Arbeitsbedingungen zumutet, wird vermutlich auch nicht besonders offen für den Rat von Arbeitsmedizinern oder Psychologen zur Vorbeugung und Therapie von Rückenleiden sein. Stress entsteht schließlich gerade dann, wenn man unter räumlichen und zeitlichen Bedingungen arbeiten soll, die Entspannung nicht zulassen. Im Großraumbüro vor den Augen des Chefs – der möglicherweise die eigentliche Ursache des Leids ist – wird sich kaum jemand mit Gymnastik lächerlich machen wollen.

Erweist sich der Arbeitgeber für die tieferen Ursachen der Rückenschmerzen als völlig taub, so kann möglicherweise die letzte Therapiemöglichkeit auch das Zulassen des urzeitlichen Fluchtreflexes ist: nämlich der Wechsel des Arbeitsplatzes.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...