Risiko Unwissenheit Gelbe Karte für Führungskräfte

Von Krankheit will niemand gerne etwas wissen. Schon gar nicht Manager: Viele merken nicht einmal etwas. Das zeigt eine exklusive Studie des Handelsblatts. Mediziner schlagen Alarm, Arbeitgeber reagieren. Für sie zahlt es sich aus, wenn sie ihre Führungskräfte zu Check-ups und Anti-Stress-Kursen schicken.

Claudia Obmann, Katrin Terpitz | , aktualisiert

Gelbe Karte für Führungskräfte

Foto: PictureArt/Fotolia.com

Die Diagnose beim ärztlichen Check-up war schockierend: Arteriosklerose. "Zu wenig Bewegung, schlechte Ernährung, Bluthochdruck durch Dauerstress. Ich war die typische Schlaganfallkandidatin", erzählte Monika Piel, Ex-Intendantin des WDR, jetzt dem "Stern". Ihr Arzt stellte sie vor die Wahl: "Entweder Operation – oder ich müsse mein Leben ändern." Die damals 61-Jährige entschied sich für den Rücktritt vom "Wahnsinnsjob". "Ich habe beim medizinischen Check-up die gelbe Karte bekommen."

Ein Leben unter Hochdruck – wie es viele Manager führen. Monika Piel ist noch mal glimpflich davongekommen, auch wenn ihre Karriere beendet ist. Im Schnitt findet sich bei jedem 20. Patient eines medizinischen Check-ups etwas Ernstes, von Diabetes bis Krebs. Das zeigen die Daten der Max-Grundig-Klinik, einer renommierten Diagnostik-Klinik im Schwarzwald, gleich neben dem Nobelhotel Bühlerhöhe.

Warnung vorm "tödlichen Quartett"

Pro Jahr werden dort rund 4 000 Patienten untersucht. Zwar schweigt Chefarzt Peter Maurer zu seinen Klienten aus Wirtschaft und Politik, dafür warnt er umso eindringlicher vor dem "tödlichen Quartett": Übergewicht, gesteigerter Zucker- und Insulinspiegel, schlechte Cholesterinwerte und erhöhter Blutdruck. Kommen diese vier Faktoren zusammen, steigt das Krankheitsrisiko exponentiell.

Oft ahnen die Workaholics nichts von dieser Zeitbombe. Das belegt eine Analyse des Diagnostikzentrums Fleetinsel Hamburg. Auch dorthin schicken Unternehmen, darunter Philips, Tui und Unilever, ihr Führungspersonal, dem sie regelmäßig medizinische Check-ups spendieren. Für das Handelsblatt wurden exklusiv knapp 10 000 Routine-Untersuchungen der vergangenen elf Jahre anonym ausgewertet. 80 Prozent der Untersuchten waren Männer, zwei Drittel zwischen 41 und 60 Jahre alt.

Zwar haben sich die meisten Werte verbessert – ein Zeichen dafür, dass manche Manager verstärkt auf ihre Gesundheit achten. Aber dennoch ist das Ergebnis alarmierend, wenn man bedenkt, dass diese Berufsgruppe täglich Höchstleistungen erbringen muss: 58 Prozent der untersuchten Manager waren 2012 übergewichtig. Zwölf Prozent gelten dabei als fettleibig. Noch immer weisen 56 Prozent der Check-up-Teilnehmer bedenkliche Gesamtcholesterinwerte auf, auch wenn die Anzahl derjenigen mit schlechten Blutfettwerten rückläufig ist.

Schlechte Cholesterinwerte begünstigen eine Leberzellverfettung, unter der jeder dritte untersuchte Manager leidet. Und jeder Fünfte hat ein erhöhtes Risiko, zuckerkrank zu werden. Monika Piel sagte dem Stern: "Ich habe nie eine richtige Mittagspause gemacht. Stundenlanges Sitzen, kaum frische Luft. Überall ungesundes Essen: weiße Brötchen mit dick was drauf. Kuchen, Kekse. Alles Sachen, die den Blutzuckerspiegel hochtreiben."

Fast jeder dritte Manager hat Bluthochdruck

Und wie Piel litt auch fast jeder dritte Manager, der in den letzten zehn Jahren untersucht wurde, unter Bluthochdruck – "dem größten Risikofaktor für eine Arteriosklerose, der Hauptursache für Schlaganfall und Herzinfarkt", sagt Tomas Stein. Der Kardiologe ist ärztlicher Leiter der Fleetinsel. Doch drei von vier Betroffenen wussten nichts davon, bevor die Ärzte sie aufklärten. So war es auch bei Erwin Junker.

Seit 22 Jahren lässt sich der Gründer der Junker Maschinenwerke, Weltmarktführer von Hochgeschwindigkeitsschleifmaschinen, jeden März von Chefarzt Maurer durchchecken. "Bei einem Langzeit-EKG wurde festgestellt, dass mein Herzschlag nachts 40 Sekunden aussetzte. Das war lebensbedrohlich. Ohne Check-up hätte ich gar nichts gemerkt." Dank Herzschrittmacher ist er wieder fit.

Um die Gefahr wissen, heißt aber noch nicht, entsprechend zu handeln, beobachtet Chefarzt Peter Maurer: "Viele Manager verdrängen Symptome." Sie verschließen ihre Augen vor der Gesundheitsgefahr. Dafür hat Erwin Junker kein Verständnis: "Viele sonst furchtlose Manager scheuen den Arzt – aus Angst, etwas Schlimmes zu erfahren. Das ist Selbstbetrug."

Und Karlheinz Kögel, Gründer von Media Control und Reiseveranstalter L’tur, der jedes Jahr zum Gesundheitscheck geht, ergänzt: "Wer behauptet, er fände keine Zeit für eine Untersuchung, handelt grob fahrlässig – sich selbst, seiner Familie und Firma gegenüber." Wer eine Spitzenposition anstrebt, kommt an medizinischen Checks ohnehin nicht vorbei. Viele Firmen verlangen von Bewerbern ein Gesundheitszeugnis. Richard Fudickar, Personalberater von Boyden, kennt Manager, die ihren Traumjob nicht bekamen, weil eine Krankheit entdeckt wurde. "Den Firmen war das Ausfallrisiko zu hoch."

Check-up mit Empfehlungen

Erste Adressen wie die Berliner Charité, in der sich zum Beispiel Bahn-Chef Rüdiger Grube regelmäßig durchchecken lässt, die Fleetinsel, die Deutsche Klinik für Diagnostik in Wiesbaden oder die Max-Grundig-Klinik beherbergen viele Spezialisten unter einem Dach.

Am Schluss erklärt ein Arzt alle Ergebnisse. Der Standard-Check-up kostet zwischen 1 500 und 2 500 Euro, dafür wird unter anderem ein Blutbild erstellt, werden die inneren Organe und die Gefäße per Ultraschall untersucht, je ein EKG in Ruhe und unter Belastung durchgeführt. Diverse Untersuchungen, etwa zur Krebsvorsorge, lassen sich dazubuchen.

Im Abschlussbericht heißt es etwa: "Die Leistungsuntersuchung hat ergeben, dass Sie unter den Vergleichswerten Ihrer Altersgruppe liegen. Wir empfehlen ein moderates Ausdauertraining zwei- bis dreimal pro Woche, also Schwimmen oder Joggen mit einer maximalen Herzfrequenz von 130 für eine halbe Stunde."

Die gute Nachricht: Wer drohende Zivilisationskrankheiten wie Arterienverkalkung oder Diabetes rechtzeitig erkennt, hat gute Chancen, sie abzuwenden – indem er seine Lebensweise ändert. Dazu werden von der ärztlichen Diagnose individuelle Trainingsprogramme abgeleitet, kombiniert mit Tipps für eine gesündere Ernährung.

Auch das zahlt in vielen Fällen der Arbeitgeber. "In Gesundheit zu investieren ist für Unternehmen nicht nur eine Frage sozialer Verantwortung, es ist heute auch ein wirtschaftliches Gebot", sagt Natalie Lotzmann. Sie leitet das globale Gesundheitsmanagement bei SAP. Mehr als 80 Sport- und Gesundheitskurse pro Woche und das breite Angebot an Workshops für einen besseren Umgang mit Stress für alle Mitarbeiter – "das zahlt sich aus", ist Lotzmann überzeugt.

Gesundheitsvorsorge vom Arbeitgeber

Ein Manager, der Check-up- und Sportangebote seines Unternehmens wahrnimmt, ist Ergo-Personalvorstand Ulf Mainzer. Seit zwei Jahren geht er zum Rückentraining im Fitnesszentrum der Versicherung in Düsseldorf. Ab und zu spielt er Tennis und joggt nach Feierabend. "Der Sport ist ein unentbehrlicher Ausgleich für meine vielen am Schreibtisch verbrachten Stunden", sagt Mainzer.

Der 48-Jährige achtet außerdem auf eine ausgewogenere Ernährung. "Das Ampelsystem in unserer Kantine ist super, um die Ernährung bewusster zu gestalten", sagt der Vorstand. Rot steht für Kalorienbomben wie Currywurst und Pommes. Fett- und zuckerreduzierte Gerichte sind gelb gekennzeichnet, vollwertige grün. Wer abspecken muss, kann sich der firmeneigenen Weight-Watchers-Gruppe anschließen.

Psycho-mentale Belastung

Wie ernst es Arbeitgeber mit der Gesundheitsvorsorge für ihre Manager meinen, zeigt sich so richtig erst beim Kampf gegen Stress. "Arbeitsverdichtung, ständige Erreichbarkeit und Senatoren-Status für vielfliegende Manager sind Folgen des globalen Wettbewerbs.

Die Zunahme der psycho-mentalen Belastungen dadurch wurde lange unterschätzt", sagt Natalie Lotzmann. Auch Check-up-Kliniken erweitern ihr Angebot in dieser Richtung. So gibt es in der Max-Grundig-Klinik seit einem Jahr Spezialisten für psychologische Medizin.

Eine Offensive gegen Stress hat Infineon gestartet. Medizinische Check-ups gehören für die rund 330 Führungskräfte des Konzerns zur Tagesordnung. Spätestens seit Ex-Chef Peter Bauer seinen Mitarbeitern mitteilte, dass er aus Gesundheitsgründen zurücktreten werde, ist das Thema Leistungsgrenzen von Führungskräften kein Tabu mehr.

Einige neue Anti-Stress-Programme für Manager sind gerade unter großem Zuspruch gestartet. Hartmut Hiller, Leiter der zentralen Entwicklungsabteilung mit 450 Mitarbeitern hatte Glück, einen der verlosten Plätze zu ergattern. Vor dem Programm war er schnell genervt und chronisch müde, verschlief das halbe Wochenende. Job und Privatleben waren aus dem Gleichgewicht geraten.

Bewegung bringt Leben

An vier Wochenenden traf Hiller sich mit elf Kollegen in einem Hotel im Oberbayerischen. Die Spitzenkräfte erlebten dort unter Anleitung eines Sportmediziners, wie wichtig es für ihre körperliche Leistungsfähigkeit ist, dass sich Spannung und Entspannung abwechseln. Wie es um seine Entspannungsfähigkeit bestellt ist, verdeutlichte Hiller die "Herzraten-Variabilität": Über Elektroden wird erfasst, wie gleichmäßig ein Herz im Ruhezustand schlägt. Eine hohe Gleichmäßigkeit gilt als Indikator dafür, dass man sich im Dauerstress befindet. "Meine Werte waren grottenschlecht", sagt Hiller.

Ein Schlüsselerlebnis. Der Arzt verordnete regelmäßige, moderate Bewegung. Aus Bewegungsmuffel Hiller wurde ein Nordic-Walking-Fan mit einem Faible für Obst und Gemüse und Schlaf vor Mitternacht. Morgens von sechs bis sieben walkt er nun die erste Runde, in der Mittagspause legt er einen weiteren Spaziergang ein. Der neue Lebensstil macht sich positiv bemerkbar: Der Manager fühlt sich fit und ausgeglichener. "Bewegung gehört jetzt zu meinem Leben", sagt er.

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