Rhetorik-Verein Besser reden – mehr erreichen

Angstfrei vor Publikum sprechen üben und an der Rhetorik feilen? Das geht gut in Redeclubs, sagt Markus Krause von den Toastmasters. Er erklärt, worauf man achten sollte.

Interview: Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert

Besser reden – mehr erreichen

Überzeugend vor einem Publikum sprechen – das kann man in Redeclubs lernen.

Foto: lightpoet/Fotolia.com

Herr Krause, was macht eine gute Rede aus?

Sie hat eine klare These oder Botschaft, die das Publikum anspricht. Sie ist gut strukturiert – hat also eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss. Die Sprache ist für jeden verständlich, der Redner spricht prägnant und deutlich. In einer kurzen Rede sollte man nicht mehr als drei Argumente unterbringen, denn sonst wird es für das Publikum schwer zu folgen und sich alles zu merken.

Bei den Toastmastern in Hamburg, deren Präsident Sie waren, werden sogar die "Ähs" gezählt.

Das stimmt, auf unseren Clubabenden zählen wir, wie oft sich jemand verhaspelt. Da zählt jedes "Äh". Schließlich geht es darum, die eigene Rhetorik zu verbessern und flüssig zu sprechen.

Schreckt das nicht ab?

Die Toastmaster stehen jedem offen, der seine Rhetorik verbessern möchte. Wer als Gast zu einem Abend kommt, hört erst einmal nur zu und schaut sich den Club an. Niemand muss reden oder wird dazu gezwungen. Aber die meisten wollen es ja. Es geht ja auch nicht um die reine Statistik, sondern um ein wohlwollendes und konstruktives Feedback.

Wie funktioniert so ein Abend bei den Toastmastern?

Am Anfang wird die Frage des Tages gestellt – sie dient dem Warmwerden. Das kann etwas ganz Banales sein, etwa das Lieblingscafé in der Stadt. So erfährt man einiges über die anwesenden Menschen. Wer nicht viel sagen möchte, muss das auch nicht, aber so hat auch der Redeängstlichste zumindest einmal vor der Gruppe gesprochen. Dann beginnt der Rede-Teil. An jedem Abend gibt es drei vorbereitete Reden, die dem Toastmaster-Rhetorikprogramm entnommen sind. Der Schwierigkeitsgrad wächst mit der Erfahrung des Redners. Zweck des Äh-Zählens ist ja auch, Einsteiger an das Reden herazuführen, ohne dass sie gleich eine Rede vorbereiten müssen. Die Einsteiger zählen dann etwa anfangs die Ähs und andere Füllwörter und tragen das Ergebnis am Ende des Abends vor. Das schafft jeder und baut Redeängste ab.

Über was wird da so geredet?

Das ist ganz unterschiedlich und oft auch dem Redner überlassen. Generell sind die Clubs politisch und religiös neutral, aber das verbreitete Gerücht, es gäbe Tabu-Themen, stimmt nicht. Man darf über alles reden, aber eben angemessen und nicht predigen oder propagandieren. Thematisch frei sind auch die so genannten Stegreifreden. Hierbei werden meist ein oder zwei Stichwörter genannt. Der Redner hat 30 Sekunden Bedenkzeit und muss dann aus dem Stegreif eine Rede halten.

Das klingt schwierig. Wie lange muss die Rede sein?

Etwa ein bis zwei Minuten. Das kann mitunter sehr unterhaltsam sein. Der Kreativität sind da kaum Grenzen gesetzt: Ist das Stichwort etwa: "Finanztransaktionssteuer" und man hat von dem Thema gar keine Ahnung, kann man auch über etwas komplett anderes sprechen. Etwa so: Finanztransaktionssteuer ist ein tolles Stichwort. Das las meine Tante Erna neulich der Zeitung. Sie liest ja jeden Morgen die Zeitung... Und dann redet man eben über seine Tante Erna.

Wann und wie bekommen die Redner Feedback?

Wenn ein Mitglied eine Rede vorbereitet, gehört zur Vorbereitung auch, dass es sich einen Bewertungsredner sucht. In der Regel sind das erfahrenere Mitglieder, die den Rednern in einer eigenen Rede eine persönliche Rückmeldung geben. Der Feedback-Redner muss daher sehr gut zuhören, seine zwei bis dreiminütige Rede in wenigen Minuten schreiben und sie halten, ohne zu proben. Danach gibt es dann noch allgemeine Bewertungen: Ein anderes Mitglied ist dafür zuständig, die Zeit im Blick zu haben, ein weiteres konzentriert sich nur auf den Sprachstil. Und dann gibt es eben noch den berühmten Äh-Zähler. Generell darf Feedback nie destruktiv sein, sondern es muss positiv, wertschätzend und konstruktiv formuliert werden.

Warum wurden Sie Mitglied bei den Toastmasters?

Ich bin in der Kommunikationsbranche tätig. Dabei muss ich viel präsentieren, hatte meine Nervosität noch nicht so gut im Griff. Im Internet habe ich dann die Hanseredner in Hamburg gefunden. Am ersten Abend hatte ich gleich so viel Spaß, dass ich so schnell wie möglich Mitglied wurde – und nur kurze Zeit später Präsident des Clubs.

Wie lange dauert es, bis erste Fortschritte bemerkt?

Das hängt sicher von der einzelnen Person ab. Bei mir habe ich schon nach zwei, drei Reden gemerkt, dass ich flüssiger sprechen konnte und mich sicherer gefühlt habe. Auch meine Körpersprache wurde besser. Vorher habe ich sehr steif gestanden, sehr schnell habe ich gelernt, den Raum für mich und meine Rede zu nutzen und mich auf der Bühne zu bewegen.

Warum haben Sie nicht einen Rhetorikkurs gebucht?

Das hätte ich auch tun können. Aber so würde ich nicht regelmäßig neue Menschen treffen. Für mich ist das mittlerweile mehr wie ein Hobby, eine Freizeitbeschäftigung, die viel Spaß macht, weil wir viel lachen. Ein Seminar wäre eine einmalige Sache gewesen.

Was kostet die Mitgliedschaft in einem Redeclub?

Krause: Die Kosten unterscheiden sich von Club zu Club, denn damit wird die Raummiete bezahlt. Die Clubs treffen sich ja oft in öffentlichen Räumen, Schulgebäuden, Kultureinrichtungen etwa. Keiner der Ehrenamtlichen bekommt Geld für sein Engagement. Bei den Hanserednern in Hamburg etwa zahlt man sechs Euro im Monat. Und eine einmalige Aufnahmegebühr in Höhe von 25 Euro, für die man dann aber das Grundlagenhandbuch bekommt.

Kann man auch selbst einen Club gründen?

Klar! Und auch in jeder Sprache. Meines Wissens fehlt es noch an türkischsprachigen Rednerclubs in Deutschland. Man braucht aber mindestens 20 Mitglieder, um als offizieller Toastmasters-Club anerkannt zu werden.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

In Rede- und Debattierclubs kommen Menschen zusammen, um ihre kommunikativen und rhetorischen Fähigkeiten zu trainieren. In der Regel halten verschiedene Mitglieder Stegreifreden oder Präsentationen. Die anderen geben Feedback – so schulen sich die Mitglieder gegenseitig. Ziel ist es, Angst vor dem Sprechen vor Gruppen abzubauen und selbstsicherer zu werden.

Am bekanntesten sind die Toastmasters. Die internationale Non-Profit-Organisation wurde 1924 in den USA gegründet. Die nahezu 15.000 Clubs weltweit haben mittlerweile gut 300.000 Mitglieder und stehen jedermann offen. Toastmaster International ist in den USA als gemeinnützig anerkannt. Der Verein gibt ein Rhetorikprogramm heraus, dem die einzelnen Clubs in den jeweiligen Ländern, Regionen und Städten folgen. Darin findet man etwa Tipps und Anleitungen zum Aufbau einer gelungenen Rede. Die Schwierigkeit steigert sich mit der Zeit. Jedes Mitglied bestimmt aber sein Tempo selbst. Neben der Ausbildung rhetorischer Fähigkeiten geht es bei Toastmasters auch darum, Führungsqualitäten zu erwerben.

Weit verbreitet

In Deutschland gibt es fast in jeder Großstadt einen Toastmaster-Club, der sich regelmäßig trifft. Viele Clubs sind auch englischsprachig.

Daneben gibt es noch Debattierclubs, wo Debatten wie bei einem sportlichen Wettkampf abgehalten werden. In der Regel gibt es Teams mit Pro- und Contrameinungen und eine Jury. In Deutschland gibt es solche Clubs vor allem im Umfeld von Hochschulen und Universitäten. Mehr als 60 universitäre Debattierclubs gibt es bundesweit.

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