Reklame für Arme

Eine Handvoll studentische Werbeagenturen gibt es in Deutschland. Meist arbeiten die Studenten für lau. Doch dafür bekommen sie Kontakte und Joberfahrung. Und ein bisschen Glamour. Junge Karriere hat die Pforzheimer Agentur Werbeliebe zum Foto-Shooting in München begleitet.

Simone Fuchs | , aktualisiert

Stickig ist die Luft im Studio des Fotografen Tom River in München-Schwabing, klebrig und schwer vom Geruch der Aftershaves. In der Ecke hämmert eine Musikanlage, dumpfe Bässe überlagern die Betriebsamkeit. Rohe Bretter unter der Decke, ein Tisch mit Farbspritzern, Holzbohlen auf dem Fußboden, da liegt ein Hauch von Start-up in der Luft. Und da sind sie in ihrem Element, die jungen Werber von der studentischen Agentur Werbeliebe, die "unverbrauchten Köpfe" mit den sorgfältig gegelten Beckham-Frisuren.

Es ist ihr großer Tag heute, krönender Abschluss ihres bisher umfangreichsten Projekts. Die Studenten an der Fachhochschule Pforzheim führen ein neues Produkt ein, einen schlabberigen Hausanzug mit dem Namen "Afterall". In München werden die Fotos für den Katalog geschossen. "Die meisten von uns studieren Werbung und wollen später in der Branche arbeiten", sagt Werbeliebe-Vorstand Thomas Holzki. Ein paar Design-Studenten sind außerdem bei der Agentur dabei und BWLer mit Schwerpunkt Marketing. Wirtschaftsinformatiker gestalten den Web-Auftritt. Rund 150 Mitglieder arbeiten bei Werbeliebe in unterschiedlichen Projektteams mal mehr, mal weniger eifrig mit, die Studis schmeißen ihren Laden neben den Vorlesungen.

Dicke Bretter aus dünnem Budget
Ernst nehmen alle ihre Arbeit für die Agentur: "Seit einem halben Jahr sind wir schon mit dem Afterall beschäftigt, jeden Tag einige Stunden, oft auch am Wochenende", sagt Projektleiter Michael Kurz. Zielgruppenanalysen hat das vierköpfige Team gemacht, die Marke angemeldet, sich ein Logo ausgedacht, den Society-Löwen Prinz Frederic von Anhalt als prominenten Werbeträger gewonnen und das Foto-Shooting in München organisiert.

Auftraggeber ist ein quirliger amerikanischer Tausendsassa, Ex-Musical-Tänzer und Gelegenheits-Model: Dwight Toppin will sich mit seiner Weiterentwicklung des Bequem-Looks selbstständig machen, finanziert das Projekt aus eigener Tasche. Entsprechend dünn ist das Budget, für die Positionierung der Marke Afterall stehen gerade mal 3.000 Euro zur Verfügung. Honorar bekommen die Werbeliebenden für ihre Arbeit ohnehin keines, dafür Praxiserfahrung und diesmal auch reichlich Glamour. Sogar ein dröhnender, braun-gebrutzelter RTL-Reporter auf Promi-Jagd ist aufgekreuzt und interviewt den Prinzen von Anhalt zu Viagra, Schönheitsoperationen und ehelicher Treue.

Der Fotograf Tom River hat einen Namen in der Werbebranche, der Prinz in der Society, Wichtigkeit färbt ab. Eine Mischung aus studentischem "Wir wollen was erleben" und professioneller Projektarbeit beherrscht die Stimmung.

Neben dem Prinzen haben die Werbeliebenden zwei rehäugige Kommilitoninnen als Models engagiert. Yvonne und Julia sitzen in aller Seelenruhe und Banane mampfend vor dem Schminkspiegel. Der Rest wuselt hektisch durch die Gegend, legt letzte Hand an den Hausanzug, bügelt, öffnet Cola-Dosen, zieht die Handys raus und redet. Und redet. Davon etwa, was für eine "einmalige Gelegenheit" dieses Foto-Shooting für Werbeliebe ist, wie sehr die Studenten von der Arbeit bei der Agentur profitieren, was der Afterall doch für ein "einzigartiges" und "innovatives" Produkt sei, das sich durch besondere "Nutzenflexibilität" auszeichne. Viel Show ist dabei, ein bisschen Spaß wohl auch und das Gefühl, etwas Besonderes zu machen, besser als die anderen zu sein.

Der Laden läuft
Fakt ist: Nur eine Hand voll studentische Werbeagenturen existieren in Deutschland, der eingetragene Verein Werbeliebe ist eine davon. Den Vereinsstatus haben die Werbeliebenden bewusst gewählt - aus "steuerlichen Gründen" und weil sie als eigenständiges Unternehmen nicht mehr die Räume der Fachhochschule als Büro nutzen könnten. Seit vier Jahren gibt es die Nachwuchs-Agentur schon, langsam kommen die prominenteren Kunden. Anzeigen für den Studententarif der Mobilfunkfirma E-Plus haben die Werbeliebenden schon entwickelt, eine Gebrauchtwagen-Kampagne für einen Stuttgarter Mercedes-Vertrieb, Aktionen für die Aids-Hilfe.

Doch das Terrain ist genau abgesteckt: "Die eine oder andere unkonventionelle Idee kann von so einer Nachwuchs-Agentur kommen", sagt Lothar Leonhard, Präsident des Gesamtverbandes Werbeagenturen und Vorsitzender der Agentur Ogilvy & Mather. Den Profis Kunden ausspannen, das tun die Jungwerber seiner Ansicht nach nicht. "Die Herangehensweise von Werbeliebe war originell und sehr auf den Konsumenten zugeschnitten", findet auch Beate Butzert, Marketing-Gruppenleiterin bei E-Plus. Die Fachfrau zieht für längere Projekte aber ihre Stammagenturen vor - sie kennen das Unternehmen.

"Auf keinen Fall wollen wir den großen Agenturen Konkurrenz machen", betont Werbeliebe-Vorstand Thomas Holzki mindestens dreimal. Auch um Proteste der Platzhirsche zu vermeiden, werden die Profis möglichst früh in die Werbeliebe-Projekte eingebunden. "Alle wichtigen Entscheidungen besprechen wir erst mit dem Professorenbeirat, also mit Lehrenden der Fachhochschule, und dann mit dem Wirtschaftsbeirat, Kreativen aus einer Agentur", sagt Thomas. Erst wenn beide ihr Okay gegeben haben, geht der Vorschlag zum Kunden.

Kommunizieren, überreden, für sich werben, das ist das Geschäft von Werbeliebe. Mitten im Gewusel, zwischen der RTL-Kamera und den Farbtöpfen der Visagistin zieht Werbeliebe-Chef Thomas seinen Laptop aus der Tasche und spielt eine Präsentation des Vereins ab: "Wichtig für uns sind Kontakte, Kontakte, Kontakte. Wir müssen Werbeliebe bekannt machen, nur dann hilft uns die Arbeit hier auch beruflich weiter." Laut dem Pforzheimer Studenten ist die Agentur in der Branche schon so renommiert, dass die Mitarbeiter ohne Probleme Plätze fürs FH-Praxissemester finden: "Wer bei so einer Nachwuchs-Agentur mitgemacht hat, der zeigt Aktivität", sagt Ogilvy-Vorsitzender Leonhard.

Das Engagement-Plus gegenüber Mitbewerbern könnten sich junge Werber aber auch anders holen, etwa durch freie Mitarbeit in einer professionellen Agentur. E-Plus-Marketing-Fachfrau Butzert ist positiver eingestellt: "Wir können uns durchaus vorstellen, noch mal mit Werbeliebe zusammenzuarbeiten."

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