Reise durch Silicon Germany Wie im Goldrausch

Berlin gilt als neues Silicon Valley für Internet-Startups. Im Schatten der Hauptstadt entwickeln sich aber auch andere Regionen zu Keimzellen für junge Unternehmen. Welche Gründer in welchen Regionen am besten aufgehoben sind und welche Vorteile sie in solchen Unternehmensclustern haben.

Jens Tönnesmann, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: mascfoto/Fotolia

Internet-Marktplatz für besondere Dienstleistungen

Als sie seine Stimme hörten, trauten sie ihren Ohren kaum. "Hi, hier ist Ashton Kutcher", tönte es aus dem Telefon, "wie geht’s?" Doch nach ein paar Sätzen Small Talk hatten Floris und Edial Dekker ihre Nervosität abgelegt.

Die beiden Jungunternehmer aus Berlin erzählten dem US-Schauspieler, der durch den Einstieg in die Kult-TV-Serie "Two and a Half Men" gerade zum bestbezahlten Sitcom-Darsteller Amerikas aufgestiegen war, von ihrer Geschäftsidee: Sie hatten Gidsy gegründet – einen Internet-Marktplatz, über den Menschen besondere Dienstleistungen verkaufen können.

Hier können Weinkenner Weinproben anbieten, Billardexperten Anfängern den Umgang mit dem Queue beibringen, Hobbykünstler Plätze in Zeichenkursen verkaufen. Für ein paar Euro Gebühr, von denen Gidsy stets zehn Prozent Provision bekommt.

Kontakt gen Hollywood

Eine simple, aber bestechende Idee. Dass Kutcher sie sich anhörte, haben die Gründer den Beziehungen zu verdanken, die sie in Berlin geknüpft hatten. 

Den Kontakt gen Hollywood vermittelte ihnen ein befreundeter Jungunternehmer, mit dem sie regelmäßig beim Mittagessen über die boomende Startup-Szene in der Hauptstadt plaudern. Er reichte ihnen Kutchers E-Mail-Adresse weiter, sie schrieben dem Promi ein paar freundliche Zeilen, und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Kutcher war angetan und ließ den warmen Worten am Telefon bald Taten folgen: Nur wenige Wochen später stattete er den Dekkers in ihrem Büro in Berlin-Kreuzberg einen Besuch ab – und Gidsy mit ordentlich Startkapital aus: Rund eine Million Euro legten der Schauspieler und andere Investoren zusammen.


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Ein Gründermärchen in Zeiten, in denen Wagniskapital knapp ist – Berlins boomende Startup-Szene macht es möglich. Und die Hauptstadt zum attraktiven Nährboden für junge Unternehmer. Auch die Dekker-Brüder hätten ihre Internet-Plattform an jedem Ort der Welt gründen können, entschieden aber ganz bewusst, für diesen Schritt aus Amsterdam nach Berlin zu ziehen.

"Hier", sagt Edial Dekker, "geht es gerade zu wie in einem Goldrausch." Denn in der Hauptstadt entwickelt sich etwas, das Wissenschaftler eine "geografische Agglomeration von Akteuren, die im selben Technologiefeld agieren" nennen – auf Neudeutsch kurz: ein Cluster.

Mehrere Hundert Gründer, Geldgeber und Zulieferer, die sich auf neue Geschäftsmodelle im Internet spezialisiert haben, suchen hier nach neuen Geschäftsideen. Treffen sich spontan oder auch mal zufällig in Cafés, bei Stammtischen oder auf Veranstaltungen.

Schürfen in Kreuzberg und Mitte

So entstehen Netzwerke, in denen sich Unternehmer Experten empfehlen, Geldgeber finden und Mitarbeiter rekrutieren. Gerade für Gründer, die schlechter verdrahtet sind als gestandene Unternehmer, ist das Gold wert. 

Geschürft wird vor allem in Kreuzberg und Berlin-Mitte, jenen Stadtteilen, die in der Gründerszene nur Silicon Allee heißen – in Anspielung auf den bekanntesten Cluster der Welt, das Silicon Valley in Kalifornien.


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Das legendäre Technologie-Tal entstand etwa 1970 im Süden San Franciscos, rund um den Stanford Industrial Park. Der Boom der Computerindustrie und die Nähe zu Forschungsinstituten lösten einen Gründerboom aus:

Tausende neue Unternehmen wurden in den Jahrzehnten danach aus der Taufe gehoben, jede erfolgreiche Generation päppelte mit ihrem Geld die nachfolgenden Gründer.

So entstand ein sich selbst befruchtender Kreislauf von Geld und Ideen, der das Valley auf eine Größe von rund 4000 Quadratkilometern anwachsen ließ – in etwa so groß wie das Ruhrgebiet.

Schillerndes Image

Laut einer Studie der TU Darmstadt arbeiten dort heute rund eine halbe Million Menschen in etwa 7000 Technologie-Unternehmen, darunter Konzerne wie Apple und Google.

Eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie sehr Unternehmen profitieren, wenn sie in unmittelbarer Nähe zueinander heranwachsen. Vorteile, die sie aus den Netzwerken und der Infrastruktur ziehen, die dort entstehen, aber auch aus dem schillernden Image einer ganzen Region.


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Das taugt auch heute noch als Vorbild und Namenspatron für zahlreiche Cluster in Deutschland: Im Nordosten hat sich die Region rund um Greifswald zum BioCon Valley erklärt, in Mitteldeutschland ist das Solar Valley, im Südwesten das BioValley entstanden.

Mehr als 500 solcher regionalen Initiativen und Netzwerke haben Experten der Wissenschaftsakademie Acatech im Auftrag der Bundesregierung gezählt – Tendenz steigend.

Für Deutschlands Gründerszene sind diese Cluster unverzichtbar – aus Sicht der Acatec-Forscher gar die "zentralen Innovationszentren" der deutschen Wirtschaft, die dafür sorgen, dass die deutsche Ökonomie konkurrenzfähig bleibe. Anders gesagt: Nur weil die Unternehmen auf lokaler Ebene so gut zusammenarbeiten, können sie im globalen Wettbewerb bestehen.

Politik mit im Boot

Deswegen hat die Politik vor einigen Jahren begonnen, Cluster zu fördern. Das Bundesforschungsministerium etwa sponsert in seinem Spitzenclusterwettbewerb seit 2007 insgesamt 15 Cluster mit 600 Millionen Euro.

Ende Februar wird das Ministerium in Berlin eine große Cluster-Konferenz ausrichten, auf der die besten Gründerregionen prämiert werden – darunter etwa der BioEconomy-Cluster in Sachsen-Anhalt und der Cluster Elektromobilität Süd-West in Baden-Württemberg.


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Auch einige Bundesländer haben jüngst zur "Cluster-Offensive" geblasen. Deutschland, so scheint es, ist zum Cluster-Land geworden.

Dieser Cluster-Boom hat mehrere Ursachen. Junge innovative Unternehmen können sich heute oft nicht mehr vor der Haustür ihrer Endkunden ansiedeln, denn die leben meist verstreut über die ganze Welt.

Also ziehen sie dorthin, wo andere Gründer mit ähnlichen Ideen zu Hause sind. Dort entsteht mit der Zeit eine Infrastruktur, die den Aufbau neuer Unternehmen erleichtert – zum Beispiel in Inkubatoren, die sich auf eine bestimmte Technologie spezialisiert haben.

Spezialisierte Gründerzentren

Seit Mitte der 90er Jahre sind deutschlandweit mehr als 70 solcher spezialisierten Gründerzentren entstanden, wie eine Untersuchung des Ökonomen Michael Schwartz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle zeigt.

Eines der ersten war das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie Martinsried am Rande Münchens, ein Durchlauferhitzer für Biotech-Gründer. 1995 zogen hier die ersten vier Firmen ein, seitdem wuchs das Gebäude zu einem Komplex mit den Ausmaßen eines Fußballstadions heran. 


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Auch in der näheren Umgebung siedelten sich Biotech-Firmen an, der Münchner Biotech Cluster m4 entstand, er umfasst inzwischen 130 Unternehmen mit etwa 2800 Mitarbeitern.

Zu den jüngsten unter ihnen zählt Ethris. Das Unternehmen hat gerade ein Labor in Martinsried bezogen, in dem zuvor ein anderes Biotech-Unternehmen untergebracht war. Die Gründer Carsten Rudolph und Christian Plank wollen dort innovative Medikamente entwickeln, etwa eine neuartige Tumorimpfung.

Bevor die beiden ihr Unternehmen gründeten, arbeiteten sie als Forscher an den beiden Münchner Unikliniken. Das reichte ihnen nicht: "Um den Menschen wirklich helfen zu können", sagt Rudolph, "mussten wir unsere Technologien kommerzialisieren." Sprich: ein Unternehmen gründen.

Innovative Zonen im Umkreis der Forschung

Solche Entscheidungen sind es, die den Boom der Cluster zusätzlich begünstigen. Denn Deutschlands innovative Zonen entstehen oft im Umkreis von Forschungseinrichtungen, weil deren Wissenschaftler heute häufiger ausgründen als noch vor 20 Jahren.

Manche tun es gleich mehrfach – so wie Karl Leo, Professor am Institut für Angewandte Photophysik der TU Dresden. Wenn man den Physiker fragt, wie viele Unternehmen er mit aufgebaut hat, muss er erst mal überlegen: Fünf Firmen sind es, aus dem Boden gestampft in weniger als zehn Jahren. Sie alle beschäftigen sich mit organischer Elektronik, dem Spezialgebiet Leos. 


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Alle sind in Dresden gestartet – und bildeten die perfekte Keimzelle für einen Cluster, dem inzwischen mehr als 25 Forschungseinrichtungen und Unternehmen angehören. Kürzlich haben sie sich im Verbund Organic Electronics Saxony zusammengetan – um leichter Know-how auszutauschen und global erfolgreich zu sein.

Karl Leo hat gewissermaßen ein paar Bäume gepflanzt, aus denen gerade ein dichter Wald entsteht. Entscheidend ist, dass solche Wälder von selbst wachsen und nicht von übereifrigen Bürgermeistern und Wirtschaftsministern künstlich und über weite Distanzen hinweg angelegt werden.

"Politische Initiativen können das Wachstum von Clustern zwar unterstützen", sagt Dirk Fornahl, Ökonom am Zentrum für Regional- und Innovationsökonomik der Uni Bremen, "aber sie können es nicht erzwingen."

Autarke Szene

In Berlin etwa hat sich die Politik aus der Internet-Gründerszene herausgehalten – dennoch entwickelte sich ein Ökosystem, das auch funktioniert, ohne dass die Senatsverwaltung eine Gießkanne darüber hält. Dank Unternehmern wie Lukasz Gadowski.

Der hat sein erstes Startup im Jahr 2002 noch in Leipzig aufgebaut. Fünf Jahre später zog er nach Berlin und gründete den Inkubator Team Europe – eine Brutstätte für Startups, in dem bereits mehr als ein Dutzend Firmen geschlüpft sind. Sie beschäftigen über 1000 Mitarbeiter.


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Auch andere Internet-Unternehmer, die um die Jahrtausendwende mit ihren ersten Projekten zu Millionären wurden, pumpen ihr Geld in solche Startup-Fabriken. Promi Ashton Kutcher, der 2011 Geld in mehrere Berliner Startups investiert hat, verleiht der Szene den nötigen Glamour.

Das spricht sich herum und lockt andere Gründer und Geldgeber aus aller Welt an, hat Sascha Schubert beobachtet. Ihm halfen beim Aufbau seiner Spendenplattform Spendino 16 Privatinvestoren – die meisten von ihnen, natürlich, aus Berlin.

Als Mitgründer des Entrepreneurs’ Club erwartet Schubert im März 300 Jungunternehmer aus ganz Europa zum "Startup Camp". Natürlich konkurrieren viele der Unternehmen, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander ansiedeln, auch miteinander – um Mitarbeiter, Geldgeber und Kunden. Aber es kann auch Vorteile haben, wenn der schärfste Widersacher nur ein paar Straßen entfernt sitzt.

...und belebender Konkurrenz

So wie für Fabian Siegel, der gerade Lieferheld aufbaut – einen Internet-Dienst, über den Menschen in aller Welt bei Restaurants ihrer Stadt Essen bestellen können. Lieferheld bringt über seine Server hungrige Pizzafans und fixe Pizzabäcker zusammen und kassiert dafür eine Vermittlungsprovision.

Gut ein Jahr nach dem Start zählt Lieferheld schon rund 200 Mitarbeiter, fast alle in Berlin. Ein Erfolg, der auch ein wenig mit Siegels Wettbewerber Lieferando ein paar Straßen weiter zu tun hat.


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Mit dessen Gründer geht Siegel einmal im Monat essen. Dann besprechen die beiden etwa, wie sie die Senatsverwaltung überzeugen können, leichter IT-Profis aus dem Ausland einzustellen. "Manche Dinge", sagt Siegel, "können wir zusammen eben besser erreichen."

Mitunter kommen Unternehmen gemeinsam sogar auf ganz neue Geschäftsideen – so wie Michael Schade, der Gründer des Unternehmens Fishlabs aus Hamburg.

Auch in der Hansestadt ist ein funktionierendes Ökosystem entstanden: Etwa 150 Unternehmen stellen hier Spiele für Smartphones und Internet-Browser her und beschäftigen etwa 3500 Mitarbeiter – vor acht Jahren waren es nur rund 800.

Gamecity Hamburg

Die Spieleschmieden arbeiten unter dem Dach der Initiative Gamecity zusammen, unternehmen gemeinsame Rekrutierungs-Touren durch die Republik und tauschen sich auf dem Gamecity Treff untereinander aus.

Auf einem dieser Treffen begegnete Schade vor einigen Jahren Harald Behnke. Schade besaß damals ein Unternehmen, das 3-D-Simulationen für Architekten produzierte, Behnke war Geschäftsführer von Exit Games, einem Hersteller von Handyspielen.


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Die beiden kamen ins Gespräch – kurz darauf entwickelten sie eines der ersten 3-D-Spiele für Mobiltelefone. Das Spiel kam so gut an, dass Schade sich vollständig auf 3-D-Spiele für Handys spezialisierte. Er gründete Fishlabs, das Unternehmen wuchs schnell von 8 auf 50 Mitarbeiter.

Und auch in der Wachstumsphase hat Fishlabs vom Standort Hamburg profitiert: Hier fand Schade Unternehmen, die Musik und Sprachaufnahmen für seine Spiele entwickeln, hier hat ihm ein befreundetes Unternehmen einen Autor für seine Spiele vermittelt.

Solche Synergien und das Image Hamburgs, das in der Gründerszene als Spielestadt gilt, haben vor einigen Monaten auch Felix Faber, Tobias Kringe und Christopher Lörken in die Hansestadt gelockt.

Keine Entwicklung in Freiburg

2009 hatte das Trio die Spieleschmiede Bytro Labs gegründet – in Freiburg. Die drei entwickelten ein Strategiespiel, erhielten Auszeichnungen, das Land Baden-Württemberg und die Freiburger Albert-Ludwigs-Universität förderten den Aufbau ihres Unternehmens.

Doch dann fingen die Probleme an: "Freiburg ist zwar nett und schön", erzählt Gründer Faber, "aber wir konnten dort einfach keinen guten Entwickler finden."


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Also packten die Gründer 2011 ihre Koffer und verließen den Breisgau in Richtung Hamburg. Dort besuchten sie den Human Resources Stammtisch, bei dem Spielefirmen jene Bewerber, die sie nicht einstellen, an andere Unternehmen weiterreichen.

Eine Chance, die sich die drei nicht entgehen ließen – innerhalb weniger Wochen fanden sie so den ersehnten Entwickler und konnten die Zahl ihrer Mitarbeiter verdoppeln.

Es hat Vorteile, wenn der schärfste Widersacher gleich nebenan sitzt.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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