Region NRW ist Standort der Zukunft

Die Krise trifft auch das wirtschaftlich stärkste Bundesland. Doch Elite-Uni und Cluster weisen in die Zukunft. Auch kulturell hat NRW in den nächsten Jahren einiges zu bieten und wird sich in Zukunft weiterhin als Deutschlands Medienstandort Nummer eins behaupten.

gl | , aktualisiert

Die Projekte, die Oliver Peronne betreut, sind gigantisch. Der Windpark North Hoyle ist ein gutes Beispiel. Er liegt etwa acht Kilometer vor der Küste von Wales. Die Anlage hebt sich 100 Meter über die Wasseroberfläche, die Rotoren haben Durchmesser von der Länge eines Fußballfeldes. Der 35-Jährige plant Offshore-Windkraftwerke und ist für RWE Innogy tätig, eine RWE-Tochter.

Der Energiekonzern investiert viele Millionen Euro in Windkraftwerke - so wie auch andere Unternehmen. Die meisten haben ebenfalls ihren Sitz in Nordrhein-Westfalen. Denn NRW ist das wichtigste Energieland in Deutschland.

Und nicht nur das: NRW ist der führende Medienstandort, Hauptsitz von 23 der 50 umsatzstärksten deutschen Firmen, und hat europaweit die höchste Dichte an Forschungseinrichtungen vorzuweisen. Seine 18Millionen Einwohner erwirtschafteten 2007 ein Bruttoinlandsprodukt von 530 Milliarden Euro - und damit mehr als jedes andere deutsche Bundesland.

Mehr als ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung Deutschlands wird zwischen Ostwestfalen und Eifel, Niederrhein und Sauerland geschaffen. Trotz Krise ist die Wirtschaft in NRW für die Zukunft gerüstet.

Oliver Peronne arbeitet in einer Branche, die boomt. Und in der weiterhin Fachkräfte gesucht werden. Er hat an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Der 35-Jährige studierte Physische Geografie und ging dann für einige Zeit in die USA. Nun berechnet er von Hamburg aus die Kosten für Aufbau und Betrieb der Windanlagen. "Momentan prüfen wir Standorte vor der Küste der Niederlande", sagt er.

Energiewirtschaft als attraktiver Arbeitgeber

Mehr als 200000 Menschen arbeiten in NRW in der Energiewirtschaft. Die ansässigen Großkonzerne wie RWE, Eon (Düsseldorf) und Deutsche BP (Bochum) arbeiten längst nicht mehr nur mit fossilen Energieträgern wie Erdöl, Steinoder Braunkohle.

Gut 21000 Beschäftigte, also mehr als jeder zehnte, sind ähnlich wie Peronne im Bereich der regenerativen Energien tätig. Von den 2007 weltweit errichteten Windkraftanlagen kam jedes zweite Getriebe aus Nordrhein-Westfalen und in mehr als 20 Forschungseinrichtungen wird zum Thema Energie geforscht.

Weitere innovative und erfolgreiche Branchen sind in der Metropolregion angesiedelt. Doch zuletzt produzierte die Industrie an Rhein und Ruhr vor allem negative Schlagzeilen: Opel-Krise in Bochum, Arcandor-Pleite in Essen, still gelegte Thyssen-Krupp-Hochöfen in Duisburg.

Schlechte Nachrichten, zumeist aus dem Ruhrgebiet. Das Revier ist das Sorgenkind. Nach dem Krieg war es mit Kohle und Stahl noch Motor des bundesdeutschen Wachstums. Seit den 70er- und 80er-Jahren aber ging die Montanindustrie den Bach runter und noch immer knabbert das Revier an den Folgen des Strukturwandels. Im Mai 2009 lag die Arbeitslosenquote dort mit durchschnittlich 12,5 Prozent über dem Landesschnitt (zehn Prozent).

Doch es gibt auch viele positive Zeichen: 2010 wird Essen stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas sein. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers spricht von einem "Geschenk des Himmels". Der verantwortliche Kulturmanager des Festivals ist Dieter Gorny, Gründer des Musiksenders Viva.

Auch er will hoch hinaus und verspricht "Leuchttürme der Kreativität" zu schaffen. Das Spektakel soll Arbeitsplätze schaffen, die Städte attraktiver machen und Unternehmen anlocken. Einige Nummern kleiner, aber nicht weniger ambitioniert ist das Projekt Phoenix West. Dort, wo einst der Stahlproduzent Hoesch seine Heimat hatte, im Dortmunder Ortsteil Hörde, entsteht ein 200 Hektar großes Gebiet mit Wohnraum für Familien.

Zudem entstehen Bürokomplexe, Labore und Produktionshallen. Junge Unternehmen der Wachstumsbranchen Mikrosystemtechnik, Nanotechnologie und Softwareentwicklung sollen sich ansiedeln. Das Land stellt Fördergelder in Millionenhöhe zur Verfügung. Die Chancen stehen gut. Dass das Konzept funktioniert, hat in den vergangenen 20 Jahren bereits der Technologiepark an der Dortmunder Universität gezeigt. Dort sitzen mittlerweile 250 Unternehmen mit 8500 Mitarbeitern.

Auch der Nachbarstadt Bochum, gebeutelt von Nokias Weggang und der Angst um Opel, geht es wieder besser. Der Blackberry-Hersteller RIM lässt neue Geräte in Bochum entwickeln und will die Belegschaft ausbauen. Schon jetzt arbeiten knapp 200 Ingenieure und Techniker im Entwicklungslabor. Der Nachwuchs wird nur wenige Meter weiter an der Ruhr-Universität ausgebildet.

RIM nutzt nicht zuletzt die Nähe zu den großen Telekommunikationsanbietern wie Deutsche Telekom (Bonn) und Vodafone (Düsseldorf). Auch für die Medizinbranche wird Bochum wichtiger, schließlich wird die Stadt Heimat des neuen Gesundheitscampus.

Neue Impulse in NRWs Hochschullandschaft

Bis 2011 soll die Fachhochschule für Gesundheitsberufe gebaut werden und dann 500 Arbeits- sowie 1000 Studienplätze für angehende Krankenpfleger, Physiotherapeuten und Hebammen bieten. Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sieht die Hochschullandschaft der Region auf einem guten Weg. Doch er will noch mehr: "Ich will, dass junge Spitzenforscher, die früher so oft ins Ausland geflüchtet sind, Bochum statt Berkeley wählen."

Im Finale der Exzellenzinitiative scheiterte die Ruhr-Universität im Herbst 2007 knapp. Eine andere NRW-Hochschule setzte sich aber durch und darf sich seitdem Elite-Uni nennen: die RWTH Aachen. Sie ist das Aushängeschild nordrhein-westfälischer Forschungspolitik und schnitt auch beim Uni-Ranking von Handelsblatt Junge Karriere hervorragend ab.

Wer in der alten Kaiserstadt seinen Abschluss als Ingenieur, Informatiker oder Naturwissenschaftler macht, hat exzellente Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Florian Graf etwa hat an der RWTH Maschinenbau studiert. In seiner Diplomarbeit forschte er über Hybridautos. Nach dem Studium landete der 29-Jährige als Entwicklungsingenieur bei Audi. Er sagt: "Der Name RWTH war sicher kein Nachteil."

Aachen feilt weiter an seinem Ruf: Ein neues Campus-Modell sieht vor, Wissenschaftler und Vertreter der Industrie Tür an Tür gemeinsam forschen zu lassen. Vorbild ist der Forschungspark der kalifornischen Stanford University im Silicon Valley, wo Konzerne wie Google, Ebay und Cisco gegründet wurden.

Im Herbst 2009 beginnen die Bauarbeiten, in wenigen Jahren soll der Campus 10000 Arbeitsplätze bieten. Selbst die Wirtschaftskrise ändert an den Plänen nichts. Im Gegenteil: Die Unternehmen, die sich im Komplex einmieten wollen, stehen Schlange. Darunter sind Konzerne wie Deutsche Post, Bosch, Siemens und Philips.

Seit gut zwei Jahren verfolgt die Landesregierung einen neuen Aspekt der Wirtschaftspolitik: die Cluster. Mit Cluster ist die regionale Kooperation von Unternehmen, Dienstleistern, Zulieferern und Hochschulen gemeint. Die enge Zusammenarbeit in einer Region soll die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Die Wirtschaftspolitik in NRW will 16 Cluster, darunter Energie, Ernährung, Kunststoff, Medien, Chemie und Biotechnologie, fördern und stärken.

Beispiel Biotechnologie: Schwerpunkt der Branche ist das Rheinland. Drei Viertel der 177 Life-Science-Firmen in NRW haben dort ihren Sitz, 66 davon in der Landeshauptstadt Düsseldorf. An der Heinrich-Heine-Universität forschen viele namhafte Experten, die Bayer-Werke in Leverkusen liegen ebenso wie Schwarz-Pharma in Monheim nur wenige Kilometer rheinabwärts.

Medienstandort Nummer eins in Deutschland

Start-ups profitieren vom Life Science Center Düsseldorf, das Kontakte zu Investoren und Büro- und Laborräume vermittelt und so ein Umfeld schafft, in dem viele gute Ideen gedeihen, von denen wiederum auch ansässige Konzerne wie Henkel profitieren. Der Konsumgüterkonzern forscht mit Biotech-Unternehmen an Enzymen, die Flecken auch bei niedrigen Temperaturen aus der Kleidung entfernen.

Gute Ideen zu entwickeln ist auch Aufgabe von Cordula Mehler und ihrem Team. Die 33-Jährige leitet das Düsseldorfer Büro von Rapp Germany. Die Werbeagentur hat Henkel als Kunden, dazu noch den Autohersteller Daihatsu und die Fluglinie Air Berlin. Die Düsseldorfer Niederlassung wurde 2005 eröffnet und zählt mittlerweile 25 Kollegen.

Mehler: "Für uns ist NRW wegen der Dichte an Unternehmen und potenziellen Kunden sehr wichtig." Das lockt auch Mitbewerber an, neben Hamburg, München und Berlin ist Düsseldorf eine der Topadressen der Werbung.

Als Medienstandort ist NRW in Deutschland unerreicht, die Branche hat hier 335000 festangestellte Mitarbeiter. In Gütersloh sitzt Bertelsmann, mit mehr als 100000 Mitarbeitern und gut 16 Milliarden Euro Umsatz die Nummer sieben der weltweit größten Medienkonzerne.

Die RTL-Gruppe in Köln, wo auch der WDR beheimatet ist, erwirtschaftet ein gutes Drittel vom Bertelsmann-Umsatz. Dazu hat auch Petra Boller, 37, beigetragen. Die Kauffrau arbeitet als Controllerin bei RTL. Als solche sucht sie für ihren Arbeitgeber nach lukrativen Geschäftsideen. Zuvor war sie bei Arvato, dem Mediendienstleister von Bertelsmann, tätig: "Dort habe ich mein Handwerk von der Pike auf gelernt."

Infos über Nordrhein-Westfalen

Mit 18 Millionen Einwohnern ist Nordrhein-Westfalen das bevölkerungsreichste Bundesland. Ein Bruttoinlandsprodukt von knapp 530 Milliarden Euro (2007) macht NRW auch wirtschaftlich zur Nummer eins in Deutschland. Wäre NRW ein eigenständiger Staat, würde dieser auf Platz 17 der leistungsstärksten Länder der Welt stehen.

Kaum eine andere Region in Europa verfügt über eine so reiche Forschungslandschaft. Dazu gehören unter anderem 59 Hochschulen, 13 Fraunhofer-Institute, elf Max-Planck-Institute und 63 Technologie- und Gründerzentren.

23 der 50 umsatzstärksten deutschen Unternehmen haben an Rhein und Ruhr ihren Hauptsitz. Das durchschnittlich verfügbare Einkommen pro Haushalt lag 2007 bei 19920 Euro (Deutschland: 18411 Euro). Der durchschnittliche Mietpreis pro Quadratmeter in NRW beträgt 5,61 Euro und liegt damit unter dem Bundesschnitt (5,91 Euro).

Allerdings variiert das Mietniveau stark: Köln zum Beispiel (7,62 Euro) ist in dieser Hinsicht nach München (9,81 Euro) die teuerste deutsche Großstadt.

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