Rechtswissenschaft: Jura: Das Prädikatsexamen erleichtert die Jobsuche

Rechtswissenschaft Jura: Das Prädikatsexamen erleichtert die Jobsuche

Nur Jura-Absolventen mit Prädikatsexamen werden Staranwalt oder Richter. Wer sich aber Wirtschafts-Know-how und Fremdsprachen aneignet, muss nicht als Winkeladvokat enden. Außerdem: Wie werde ich Fachanwalt?

Christoph Hus | , aktualisiert

Wenn Wirtschaftszeitungen über Firmenübernahmen berichten, sind die Meldungen für Jacqueline Stein-Kaempfe oft nicht mehr neu. Denn so manches Mal hat die 31-Jährige zuvor schon mehrere Wochen lang geholfen, den Kauf vorzubereiten. Stein-Kaempfe arbeitet im Frankfurter Büro der internationalen Anwaltskanzlei Freshfields. Zu deren Kunden zählen ausländische Finanzinvestoren, die sich in den deutschen Mittelstand einkaufen. Die junge Anwältin entwirft mit ihren Kollegen Verträge und sucht nach möglichen juristischen Fallstricken.

In New York machte sie einen Master of Laws

"Es ist sehr spannend, früh an der Vorbereitung von Entscheidungen beteiligt zu sein, die die Wirtschaft bewegen", sagt die Juristin. Stein-Kaempfe arbeitet seit zwei Jahren bei Freshfields. Dass sie bei einer Großkanzlei einsteigen würde, war während ihrer Ausbildung alles andere als beschlossene Sache. An ihre Karriere nach der Uni hat die Studentin kaum einen Gedanken verschwendet. Nachdem sie ihr Jura-Studium in Freiburg begonnen hatte, wollte sie erst einmal die Welt sehen. So wechselte sie für ein Semester an die Uni in Genf, ging dann nach Argentinien und studierte dort Völker- und Wirtschaftsrecht. Nach einem Zwischenstopp in Berlin trieb es sie noch einmal ins Ausland: In New York machte sie einen Master of Laws (LL.M.) und erwarb eine amerikanische Anwaltszulassung.

Dennoch hatte sie über den Anwaltsberuf kaum nachgedacht, bis sie in New York mit zwei Anwerbern von Freshfields ins Gespräch kam. Zurück in Deutschland absolvierte sie eine Referendariats-Station bei der Kanzlei. Seither schwärmt die Juristin für die Arbeit dort: "Hier kann ich meine analytischen Fähigkeiten schärfen und sehr viel lernen."

Ganz nebenbei verdient sie auch viel Geld: Im ersten Jahr kassieren Associates, wie Wirtschaftskanzleien ihre jungen Mitarbeiter nennen, bereits rund 100 000 Euro brutto. So glatt wie bei Stein-Kaempfe verläuft der Karrierebeginn bei den wenigsten jungen Juristen. Denn das Studium der Rechtswissenschaften ist per se kein Garant mehr für ein angenehmes Leben. Über Generationen hinweg galt eine Juristenausbildung als Investition in einen sicheren Job und ein hohes Einkommen. Längst ist das anders: Zu den Privilegierten gehört nur noch, wer sein Staatsexamen mit Prädikat abschließt. Wer nur durchschnittlich abschneidet, kann weder Richter noch Staatsanwalt werden.

Die Gruppe der Prädikats-Absolventen ist klein

Und auch Großkanzleien wie Freshfields winken ab, wenn sich Kandidaten ohne Auszeichnung bewerben. Die Gruppe der Prädikats-Absolventen ist klein: Mit "Voll befriedigend" oder besser schnitten im Jahr 2006 im zweiten Staatsexamen gerade einmal 16,4 Prozent der Teilnehmer ab. Die Folge: Juristen sind in zwei Gruppen gespalten. Die Vertreter der einen haben hochbezahlte Jobs in Kanzleien und Rechtsabteilungen von Unternehmen oder zumindest ein sicheres Auskommen mit hohem Prestige als Richter oder Staatsanwalt. Die Vertreter der anderen Gruppe plagen dagegen oft Existenzsorgen: Sie müssen sich notgedrungen als Anwalt selbständig machen. Diese Berufseinsteiger verdienen oft auf Hartz-IV-Niveau. Das belegen Zahlen der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). So macht der durchschnittliche Gründer einer Einzelkanzlei im Monat einen Umsatz von 1 531 Euro. Nach Abzug der fixen Kosten bleiben davon aber gerade mal 576 Euro zum Leben übrig.

"Sich als Anwalt selbständig zu machen, ist wirklich ein hartes Brot", sagt Axel Filges, Präsident der BRAK. Und selbst in den folgenden Jahren floriert das Geschäft der Gründer nur selten. Über die Hälfte der Einzelanwälte arbeitet im eigenen Wohnzimmer, weil ihr Budget für ein Büro nicht reicht. Und die Konkurrenz ist riesig: In Deutschland sind rund 147 000 Anwälte zugelassen. Damit hat sich deren Zahl in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht. Obwohl sich viele Juristen in einer wirtschaftlich schwierigen Situation befinden, haben die meisten Jura-Studenten noch immer eine Muster-Karriere im Kopf. Unter ihren beliebtesten Arbeitgebern finden sich gleich mehrere, angesehene Großkanzleien.

Die meisten Studenten würden zwar gern für das Auswärtige Amt arbeiten. Direkt danach folgen aber mit Freshfields, Hengeler Mueller, Clifford Chance und Gleiss Lutz internationale Sozietäten. "Wir arbeiten international und sind für ein breites Spektrum an Mandanten tätig", erklärt Joachim Schrey, Partner bei Clifford Chance, die Vorzüge der Großkanzleien. "Bei uns kann man viel lernen und sich Reputation erarbeiten."

Neben den renommierten Anwaltsfirmen rangieren auch einige prominente Unternehmen unter den Wunscharbeitgebern: Die Unternehmensberatung McKinsey genauso wie die Deutsche Lufthansa und der Stuttgarter Automobilbauer Porsche. Grundsätzlich bieten sich frischgebackenen Juristen drei Karrierewege, wenn sie als Angestellte arbeiten wollen.

Karriereweg Nummer eins

Erstens können sie als Anwalt in einer Kanzlei anheuern. Neben den großen internationalen Firmen suchen auch viele mittelständische Kanzleien junge Mitarbeiter. Die Kehrseite der hohen Gehälter, die Juristen hier kassieren: Die Arbeitsbelastung ist hoch.

Das bestätigt auch Freshfields-Anwältin Jacqueline Stein-Kaempfe "Wenn besonders viel zu tun ist, komme ich schon mal morgens um sechs ins Büro und gehe erst am späten Abend wieder."

Karriereweg Nummer zwei

Wer sein Staatsexamen mit Prädikat abgeschlossen hat, kann sich für den Staatsdienst bewerben. Sowohl als Staatsanwalt als auch als Richter arbeiten schon junge Juristen sehr eigenverantwortlich und selbstständig. Sie müssen aber auch mit dem Erfolgsdruck zurecht kommen, der auch in den Behörden Einzug gehalten hat. "Die Schlagzahl ist hoch", sagt Hella Asche, die seit dem vergangenen Jahr in Köln als Richterin arbeitet. Sie hat ständig rund 300 Fälle auf dem Schreibtisch. Trotz der vielen Arbeit sind Staatsdiener im Vergleich zu Anwälten in Großkanzleien schlecht bezahlt. Sie verdienen noch nicht einmal die Hälfte der Top-Gehälter.

Karriereweg Nummer drei

In den Rechtsabteilungen von Unternehmen kümmern sich Juristen darum, dass Verträge wasserdicht sind, Mitarbeiter ihre Pflichten kennen und das Unternehmen insgesamt Risiken vermeidet. Außerdem fechten die Hausjuristen Rechtsstreitigkeiten mit Kunden und Geschäftspartnern aus und beauftragen und kontrollieren externe Rechtsanwälte, die zusätzlich für das Unternehmen arbeiten. Juristen können sich hier auf wenige Hauptthemen konzentrieren und sich so spezialisieren, berichtet Ingrid Harke, die seit einem halben Jahr in der Rechtsabteilung der Lufthansa arbeitet: "Im Vergleich zu einer Kanzlei habe ich den Vorteil, sehr intensiv nur für ein einziges Unternehmen arbeiten zu können".

Steigen Juristen bei einem Unternehmen ein, verdienen sie häufig mehr Geld als Betriebswirte. So liegt das durchschnittliche Einstiegsgehalt in der Automobilindustrie zum Beispiel bei 59 860 Euro, in der Chemie-Industrie bei 53 500 Euro.

Noch mehr bezahlen nur noch die großen Kanzleien mit mehr als 100 Angestellten. Hier verdienen Jung-Juristen im Schnitt 65 000 Euro. Doch all diese Karrierewege sind Absolventen verschlossen, wenn sie ihr Examen verhauen und nicht mit einem Prädikat abschließen. Ein Jura-Studium bedeutet also ein großes Risiko - wer kann schon im Voraus realistisch beurteilen, wie gut ihm die Examensprüfungen gelingen werden. Experten raten Jura-Studenten deshalb, nicht alles auf eine Karte zu setzen: Statt sich nur auf das Studium zu konzentrieren, sollten sie lieber möglichst viele Zusatzqualifikationen erwerben.

"Dann haben sie auf dem Arbeitsmarkt selbst dann noch gute Chancen, wenn das Staatsexamen schlechter ausfällt als erhofft", sagt zum Beispiel Astrid Tostmann, Partnerin der Personalberatung Heidrick & Struggles. Um sich für spätere Arbeitgeber interessanter und wertvoller zu machen, haben Jura-Studenten erneut die Wahl zwischen drei Möglichkeiten.

Statt in den Semesterferien in Urlaub zu fahren - lieber Praktika machen

Erstens: Was für BWL-Studenten längst selbstverständlich ist, haben Jura-Studenten noch kaum verinnerlicht. Statt in den Semesterferien in Urlaub zu fahren, sollten sie Praktika machen - bei Anwaltskanzleien oder Unternehmen. "So sammeln sie schon Erfahrung, bevor sie ihren ersten regulären Job antreten", sagt Tostmann. Außerdem zeigen sie Engagement und Neugier. Ganz nebenbei können sie auf diesem Weg gleich noch Kontakte knüpfen, die sich bei der späteren Suche nach einem Arbeitsplatz auszahlen. Denn findet ein Unternehmen während eines Praktikums Gefallen an einem Jung-Juristen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er später einen Arbeitsvertrag bekommt - selbst wenn das Prädikat im Examen fehlt.

Das gleiche gilt, wenn Jura-Studenten regelmäßig ein oder zwei Tage pro Woche in einer Kanzlei als Hilfskraft arbeiten. Zweitens: Beherrschen Juristen Fremdsprachen, steigern sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt stark. Flüssiges Englisch verlangen große Kanzleien und Unternehmen von ihren Bewerbern ohnehin. Wer zusätzlich noch weitere Sprachen beherrscht - im Idealfall sogar exotische wie Chinesisch oder Japanisch - ist für Arbeitgeber besonders interessant, weil er zu einer kleinen hochqualifizierten Mitarbeitergruppe gehört.

Ein weiterer Pluspunkt im Lebenslauf sind natürlich auch weitere akademische Titel. "Besonders gern gesehen ist ein Master of Laws von einer angesehenen angelsächsischen Hochschule", sagt Beraterin Tostmann. Diesen Titel vergeben Universitäten in England, aber auch in den Vereinigten Staaten, nach einem zwei- bis viersemestrigen Master-Studium.

Drittens: Wenn sich angehende Juristen während ihres Studiums nebenbei auch noch mit Wirtschaftsthemen beschäftigen, können sie später nicht nur in klassischen Rechtsberufen arbeiten, sondern sich auch auf viele andere Positionen bewerben. So stellt zum Beispiel der Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel immer wieder Juristen für Positionen ein, die eigentlich auf Betriebswirte zugeschnitten sind - zum Beispiel in der Personalabteilung. "Für solche Positionen suchen wir nicht ausdrücklich nach Juristen", sagt Ines Wilkens. Sie ist in der Henkel-Personalabteilung für Juristen verantwortlich. "Aber wenn die Qualifikation stimmt, stellen wir sie genauso gern ein wie Betriebswirte."

Analytisches Arbeiten, strukturiertes Denken

Sich auf eine mögliche Karriere außerhalb der üblichen Juristen-Berufe vorzubereiten, rät auch Mathieu Klos, Spezialist für Nachwuchs-Themen beim Juristen-Fachverlag Juve. "Studenten sollten sich nicht nur auf die juristischen Inhalte konzentrieren", sagt Klos. "Dann stehen ihnen später viele Türen offen." Wenn man zum Beispiel auch etwas von Betriebswirtschaft versteht, sei man mit einer juristischen Ausbildung schließlich für viele Tätigkeiten gerüstet. " Analytisches Arbeiten, strukturiertes Denken, Sprachgefühl und Genauigkeit können Juristen vielerorts anwenden", argumentiert Klos. Doch um sich mit diesen Strategien von der großen Absolventenmasse abzuheben, müssen Jura-Studenten viel Eigeninitiative an den Tag legen. Denn regelmäßige Praktika, Sprachen und Betriebswirtschafts-Kurse zählen in der Juristen-Ausbildung nicht zum Pflichtprogramm.

Jeder Student muss sich selbst darum kümmern, sich solche Zusatzqualifikationen anzueignen. Trotz aller Probleme ihres Berufsstands brauchen aber selbst solche Juristen nicht den Kopf in den Sand zu stecken, die sich als Anwälte selbständig machen wollen oder sogar müssen. "Wenn sie eine klare Strategie verfolgen und sich spezialisieren, haben sie durchaus eine Chance, sich am Markt zu etablieren", ermutigt BRAK-Präsident Axel Filges potenzielle Gründer.

Vier Fachanwälte für Bank- und Kapitalmarktrecht

Eine Möglichkeit besteht darin, einen Fachanwalts-Titel zu erwerben und Mandanten so zu zeigen, dass man sich in einem Rechtsgebiet besonders gut auskennt. Während es Arbeits- und Familienrechtler bereits zu Hauf gibt, sind viele Marktnischen dagegen noch gar nicht oder nur schwach besetzt. So gibt es in ganz Deutschland zum Beispiel gerade einmal vier Fachanwälte für Bank- und Kapitalmarktrecht. Und auch auf Urheber- und Medienrecht sowie Informationstechnologierecht haben sich bislang nur vergleichsweise wenige Juristen spezialisiert.

Allerdings müssen junge Juristen langfristig planen, wenn sie selbst einen solchen Titel als Fachanwalt anstreben. Denn sie müssen zunächst mindestens drei Jahre lang als Rechtsanwalt zugelassen sein, bevor sie den Titel überhaupt beantragen können. Und sie müssen der Rechtsanwaltskammer nachweisen, die über die Fachanwaltschaftszulassung entscheidet, dass sie über besondere theoretische Kenntnisse und praktische Erfahrungen im betreffenden Rechtsgebiet verfügen.

Dazu heißt es also eifrig Fälle sammeln. Doch soviel Aufwand lohnt sich immerhin: 80 Prozent der Mandanten orientieren sich bei ihrer Anwalts-Suche nach Fachanwalts-Titeln, hat die Bundesrechtsanwaltskammer herausgefunden. Und auch finanziell zahlt sich ein solcher Titel im Briefkopf oder auf dem Türschild einmal aus: Denn Fachanwälte können deutlich höhere Honorare verlangen als andere Advokaten. Christoph Hus. Jacqueline Stein-Kaempfe fädelt bei der internationalen Anwaltskanzlei Freshfields Firmenübernahmen ein.

Wie werde ich Fachanwalt?

In 19 verschiedenen Disziplinen lässt sich ein Fachanwaltstitel erwerben. Zuletzt wurde der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht eingeführt. Der Fachanwaltstitel für Agrarrechtler ist im Gespräch. Ein Rechtsanwalt kann mehrere Titel erwerben, darf aber maximal zwei Fachanwaltsbezeichnungen in seinem Briefkopf nennen. Anwärter müssen in den letzten sechs Jahren vor Antragstellung ununterbrochen als Anwalt zugelassen und tätig gewesen sein. Lehrgänge: Die Theorie büffeln Anwälte in speziellen Fachanwaltslehrgängen, in denen sie auch schriftliche Prüfungen ablegen. Es gibt Crashkurse von drei Wochen, aber auch Kurse, die sich über ein Jahr hinziehen. Lehrgangsanbieter sind die Deutsche Anwaltakademie und das Deutsche Anwaltinstitut, Fachseminare gibt es von Fürstenberg oder von Hemmer/Econect. Einen Überblick bietet die Internetseite www.fachanwaltslehrgang.de. Kosten: hängen vom Fach ab. Das Gros liegt zwischen 1500 und 2100 Euro. Praxisnachweis: Die Anwärter müssen Fälle sammeln, also über Beratungsmandate und geführte Prozesse belegen, dass sie in den letzten drei Jahren vor der Antragstellung ausreichend Erfahrung im jeweiligen Fachgebiet gesammelt haben. Dabei definiert die Fachanwaltsordnung unterschiedliche Anforderungen für die jeweiligen Fächer. Die aktuelle Gesetzesfassung ist auf den Seiten der Bundesrechtsanwaltskammer abrufbar: http://www.brak.de/seiten/pdf/Berufsregeln/FAO_1.1.08.pdf. Fachausschüsse bei den jeweiligen Rechtsanwaltskammern prüfen die Anträge "auf Erlaubnis zum Führen einer Fachanwaltsbezeichnung" und geben ein Votum gegenüber dem Vorstand der jeweiligen Rechtsanwaltskammer ab.

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