Realitäts-Check Traumberuf Juniorprofessor?

Die Juniorprofessur sollte den Akademikernachwuchs fördern. Doch statt festen Stellen in Lehre und Forschung, überwiegt die Unsicherheit bei den jungen Wissenschaftlern. Die Karriereaussichten sind mau, denn der Mut zur Veränderung fehlt.

Carola Sonnet | , aktualisiert

Unsicherheit ist das Letzte, was man mit dem Beruf des Professors assoziieren würde. Aber es ist das Erste, was junge Wissenschaftler in Kauf nehmen müssen, wenn sie Juniorprofessor werden. Andreas Taubert lehrt und forscht seit 2006 an der Universität Potsdam, in permanenter Unsicherheit. Weil nicht klar ist, ob er nach seinem sechsjährigen Vertrag in Potsdam bleiben kann, musste er bald nach dem Antritt der Stelle schon wieder anfangen, sich an anderen Hochschulen umzugucken.

"Das bedeutet Zeitverlust, Aufwand, Reisekosten, und oft muss ich eine Probevorlesung halten, die extra vorbereitet werden muss", erzählt der Chemiker. Sosehr er die Juniorprofessur auch schätzt - schließlich ist er sein eigener Chef und kann sich seine Forschungsthemen selbst aussuchen -, die Umsetzung der Idee nennt er "fehlerbehaftet".

Bundesweit nur 900 Junior-Stellen

Seit 2002 gibt es die Juniorprofessur. Sie sollte den akademischen Nachwuchsmarkt revolutionieren: Junge Wissenschaftler, die sonst ins Ausland abwandern würden, können sich seitdem auch ohne Habilitation Hoffnung auf einen Lehrstuhl machen. Doch übrig geblieben ist höchstens der Bruchteil einer Veränderung - die Karriereaussichten für den Nachwuchs der Hochschulen haben sich nur geringfügig geändert. Bundesweit konnten sich die Unis lediglich zu knapp 900 Junior-Stellen durchringen. Das sind nur etwa 2,3 Prozent aller Professorenstellen in Deutschland. Den größten Teil machen die Mathematiker und Naturwissenschaftler aus. Junge Leute wie Taubert.

Er studierte Chemie und promovierte 2000 in Mainz. Er arbeitete als Post-Doc in den USA, trat dann 2003 eine Habilitationsstelle in der Schweiz an. Trotz zahlreicher Angebote aus der Industrie bevorzugte Taubert die wissenschaftliche Karriere. Die Aussicht auf eine feste Stelle im Anschluss lockte.

Hochschulen sparen am Personal

Im Juni 2006 bekam er seine eigene Arbeitsgruppe, mit aller dazugehörigen Verantwortung. Die nächsten drei Jahre publizierte und lehrte er, boxte Projekte durch - wie ein normaler Professor auch. Nur für deutlich weniger Geld als ein regulärer Kollege. Denn hier liegt der Knackpunkt: Die chronisch unterfinanzierten Universitäten können mit den Nachwuchsforschern erst mal Geld sparen.

Etwa 3500 Euro brutto entspricht der Besoldungsgruppe W 1 und damit ungefähr dem Gehalt eines Realschullehrers. Taubert kommentiert das mit "W wie weniger", denn die meisten regulären Professoren werden noch entsprechend der Gruppe C bezahlt und sind mit Gehältern von etwa 4000 Euro eingestiegen.

Die Bezahlung der Juniorprofessoren bleibt über den gesamten Zeitraum der maximal sechs Jahre weitgehend gleich, die der anderen Professoren steigt. Und die älteren Kollegen meinen es nicht immer nur gut mit den Junioren. Oft vermisst Taubert die Anerkennung. "Noch grün hinter den Ohren und schon Professor", bekam er zu hören. Dabei ist Taubert auch schon 37 Jahre alt. Den klammen Hochschulen kamen die Juniorprofessuren auch aus einem anderen Grund sehr gelegen: Sie bedeuteten keine langfristige Verpflichtung und anfänglich sogar zusätzlich die finanzielle Unterstützung durch das Bundesforschungsministerium.

Nach drei Jahren werden die Nachwuchskräfte evaluiert, nach weiteren drei Jahren laufen ihre Verträge aus. Dann können die Universitäten sie übernehmen - oder sich dagegen entscheiden. Wie sich gezeigt hat, werden viele Verträge eben nicht verlängert. Für die Akademiker ist das ein empfindlicher Karriereknick. Denn Juniorprofessoren sind Spezialisten auf ihrem Gebiet und oft für den normalen Arbeitsmarkt überqualifiziert oder ungeeignet.

Auch als Privatdozenten dürfen sie nicht arbeiten ohne abgeschlossene Habilitation. Laut einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung aus dem Jahr 2007 gab ein Drittel der befragten Juniorprofessoren an, sich parallel auch noch habilitieren zu wollen. Das Modell der Alternative zur Habilitation wird so ad absurdum geführt.

Kein Mut zur Revolution

In anderen Staaten wie den USA hat sich der sogenannte "tenure track" bewährt, mit dem Universitäten sich festlegen, ihre Professoren unter der Bedingung nachweislich hoher Leistung weiterhin zu beschäftigen. Taubert würde diese Möglichkeit gerne öfter an deutschen Hochschulen sehen. Die Unis hier hätten aber noch nicht begriffen, dass der "tenure track" für sie kein größeres Risiko darstelle. Kein Professor, der nicht gut genug sei, müsse deshalb gehalten werden.

Taubert hat seine erste wissenschaftliche Evaluation überstanden und kann drei weitere Jahre in Potsdam bleiben. Aber was, wenn seine Juniorstelle nach drei weiteren Jahren nicht in eine normale Professur übergeht? Sein Zwischenfazit nach gut drei Jahren ist ernüchternd: "Den Mut zur Revolution hatte man nicht. Das hat die Idee der Juniorprofessur untergraben."

Juniorprofessur

897 Juniorprofessuren an 65 Universitäten wurden in Deutschland geschaffen. Zwei Drittel der Stellen sind besetzt.

Nach drei Jahren müssen die Nachwuchsprofs die wissenschaftliche Evaluation bestehen.

Eine Habilitation ist für eine Juniorprofessur nicht notwendig. Das kann sich jedoch als problematisch erweisen, wenn der Vertrag nicht verlängert wird.

Mit 3500 Euro brutto verdienen die Nachwuchswissenschaftler so viel wie Lehrer in der Besoldungsgruppe A 13 (Gymnasium/Realschule).

Mit 36 Prozent liegt der Frauenanteil bei Juniorprofessoren mehr als doppelt so hoch wie bei herkömmlichen Stellen.

Weitere Berufe im Realitäts-Check:

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...