Ratgeber Vorsicht mit der Diagnose Burn-out

Der Begriff Burn-out hat mittlerweile seinen festen Platz im Berufsleben. Stress oder Ärger am Arbeitsplatz verleiten oft zu dieser vorschnellen Diagnose. Der Arzt Thomas Bergner nennt die tatsächlichen Symptome. Zugleich warnt er vor unseriösen Angeboten. Denn egal ob Selbsttest, Coaching oder Entspannungsreise – das Geschäft mit dem Burn-out boomt.

Sindy Heyn / Zeit.de | , aktualisiert

Herr Bergner, in den letzten Monaten gab es eine Vielzahl von Medienberichten zum Thema Burn-out. Fast hat man den Eindruck, es sei eine neue Volkskrankheit. Was versteht man aus medizinischer Sicht tatsächlich unter dem Begriff?

Burn-out ist keine so klar definierte Krankheit wie etwa ein Oberschenkelhalsbruch, sondern ein Sammelbecken für individuelle Überlastungsreaktionen. Der Begriff wird häufig gebraucht, weil er scheinbar weniger stigmatisiert als eine andere psychische Erkrankung. Die Leute meinen, wer an Burn-out leide, habe es deshalb, weil er sich zu stark engagiert hat im Beruf. Es ist so gesehen die offizielle Erlaubnis, psychisch krank zu werden. Die Auslöser sind vielfältig und können beispielsweise eine sehr hohe Arbeitsbelastung, zu hohe Wochenarbeitszeit oder auch Mobbing sein. Oft liegen die Ursachen aber tiefer. Viele Patienten haben traumatische Erlebnisse in ihrer Kindheit gehabt, deren Auswirkungen sich erst im Erwachsenenalter bemerkbar machen.

Wie kann ich feststellen, ob ich unter Burn-out leide?



Erstes Symptom ist die emotionale Erschöpfung. Man kann sie selbst diagnostizieren. Sätze wie "Ich kann nicht mehr" oder "Es macht alles keinen Sinn" sind klassisch für emotional erschöpfte Menschen. Zweites Symptom ist die sogenannte Depersonalisation. Die Betroffenen ziehen sich zurück. Das dritte Symptom ist die Leistungsabnahme. Erst wenn alle drei Symptome erfüllt sind, lässt sich die Diagnose Burn-out stellen.

Wesentliches Anzeichen für eine Erkrankung ist auch eine innerliche Unzufriedenheit. Die Betroffenen sind zwar erfolgreich, aber trotzdem höchst unzufrieden. Viele leiden auch unter körperlichen Beschwerden wie Bandscheibenprobleme, Verstopfung oder Schlafprobleme und suchen daher ihren Hausarzt auf. Eine seriöse Diagnose der eigentlichen Erkrankung kann aber nur ein Arzt oder Therapeut stellen.

Im Internet wimmelt es vor Hilfsangeboten. Es scheint, es gebe es ein großes Geschäft mit der neuen Volkskrankheit Burn-out.

Es ist natürlich erlaubt, Menschen in Not zu helfen. Aber es müssen seriöse und fundierte Angebote sein. Viele Angebote, die man im Internet und anderswo findet, erfüllen diesen Anspruch nicht und sie gehen an der tatsächlichen Ursache vorbei.

Wie beispielsweise die viel umworbenen Präventionsreisen gegen Burn-out? weiter...

Grundsätzlich ist es richtig, die Betroffenen aus ihrem gewohnten Kontext rauszuholen. Ein Ortswechsel ist also durchaus sinnvoll. Jedoch helfen die meisten angebotenen Dienstleistungen nicht gegen Burn-Out. Sie dienen der Entspannung, gehen aber an dem individuellen Krankheitsbild völlig vorbei. Massagen, Bewegungs- und Entspannungstrainings, ein EKG oder Entspannungsreisen haben mit der individuellen seelischen Erkrankung überhaupt nichts zu tun. Der Effekt nach so einer Reise ist spätestens am zweiten Arbeitstag wieder vorbei.

Das Internet bietet zudem eine Vielzahl an Selbsttest. Sind solche Tests gut und wie aussagekräftig ist so ein Ergebnis?

Solche Tests sind ohne wirklichen Nutzwert. Sie liefern den Betroffenen allenfalls Indizien in Richtung einer Diagnose, doch lässt sich diese nicht mit 20 Testfragen stellen. Der weltweit meist verwendete Test ist die Maslach Burnout Inventory. Und auch dieser Test ist problematisch, denn er beinhaltet nicht die Diagnose "kein Burn-out".

Was ist aus medizinischer Sicht von Selbsthilfegruppen oder Foren im Internet zu halten?

Grundsätzlich ist ein Austausch unter Betroffenen gut, um die Angst oder Scheu vor der Krankheit abzubauen. Doch ist gemeinsames Leiden leichter als Lösen. Eine psychische Erkrankung wie Burn-out lässt sich nicht ohne professionelle Hilfe lösen, die Selbsthilfegruppen oder Foren nicht bieten können. Das Angebot kann ergänzend genutzt werden, aber es ersetzt keine Therapie.

Was sollte man bei der Wahl des Therapeuten beachten?

Oft finden Betroffenen den Weg zum Therapeuten durch die Fachliteratur oder Mundpropaganda. Jeder gute Psychotherapeut müsste Burn-out behandeln können. Jedoch gibt es keine Qualitätskontrollen in der Branche. Letztlich sollte sich der Betroffene über die Qualifikationen und Referenzen informieren. Ich empfehle die Behandlungen bei einem Psychiater oder therapeutisch tätigem Diplom-Psychologen.

Was raten Sie Menschen, die an Burn-out leiden?

Grundsätzlich gilt, sich professionelle Hilfe zu suchen, denn Burn-out ist alles andere als harmlos.

(Zuerst erschienen bei ZEIT ONLINE)

Lesen Sie mehr zum Thema "Stressvermeidung":



Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...