Ratgeber Sabbatical – Zeit für Andere(s)

Was wir heutzutage mit dem Begriff Sabbatical oder Sabbatjahr verbinden, wird seit alters her auch so gemeint: aufhören, innehalten. Der Begriff geht auf das hebräische Wort sabbat zurück. Das Sabat-Gebot im Alten Testament fordert, den Acker nach sechs Jahren der Nutzung ein Jahr unbestellt zu lassen, auf dass sich der Boden wieder erhole und seine ursprüngliche Fruchtbarkeit zurückgewinne. Lässt sich ohne weiteres auf unsere Arbeitswelt übertragen: Acker = Mensch und Fruchtbarkeit = Leistungsfähigkeit – Kluges Gebot!

Elke Neuhard | , aktualisiert


Bild: Richard / PIXELIO 
Obwohl laut einer aktuellen Forsa-Umfrage 38 Prozent der deutschen Arbeitnehmer ein Sabbatical einlegen würden, nutzen aus Expertensicht lediglich drei bis vier Prozent diese Möglichkeit. Aber in Zeiten steigender Arbeitsbelastung und längerer Lebensarbeitszeit ist der Gedanke einer beruflichen Auszeit für immer mehr Menschen sehr verlockend.


Bild: Richard / PIXELIO 

DEN Grund für die vorübergehende Jobabstinenz gibt es nicht; Menschen, die ein Sabbatical nehmen, wünschen sich vor allem eines: Zeit.
Zeit, für das, was bisher zu kurz gekommen ist.

Für viele spielt die Familie eine große Rolle: Frischgebackene Mütter und Väter gehen in Elternzeit, um sich intensiv um ihr Kind zu kümmern; Vollzeitmanager wollen mehr von der Entwicklung ihrer Kinder mitbekommen und Verantwortung in der Erziehung übernehmen. Auch wenn die Zahlen noch das traditionelle Rollenbild wiederspiegeln - Papa geht nach zwei Monaten Elternzeit zurück in den Job, Mama übernimmt den Betreuungspart für den Nachwuchs - die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewinnt an Bedeutung.

Andere verwirklichen lang gehegte Träume: Sie machen Reisen um die Welt, lernen – oft abseits bequemer Pauschaltouristenpfade – fremde Kulturen kennen. Wichtig ist ihnen, egal ob beim Wandern, Radeln oder Segeln, ihr eigenes Tempo zu bestimmen. Weg vom äußeren Termindruck, hinhören, wie die innere Uhr tickt!

Einige machen den Schnitt, weil sie nur mit freiem Kopf Bilanz ziehen können: Erfolg im Büro – Privatleben im Eimer! Es ist bitter und kostet viel Mut und Überwindung, sich dieses Missverhältnis einzugestehen. Sie brauchen die Zeit für eine Neuausrichtung und Justierung: wie viel Platz räumt man den Lebensbereichen ein, wie vermeidet man zukünftige Imbalanzen.

Mancher zieht kurz vor dem Ausbrennen – Burnout – die Reißleine, legt eine Pause ein, um sich körperlich zu regenerieren. Lernt Entspannungstechniken, treibt Sport und kümmert sich mit einer ausgewogenen Ernährung wieder liebevoll um sein leibliches Wohl. Taucht ab in eine vollkommen reizarme Welt, ohne Mobiltelefon und Laptop, lernt innere Kraftspender kennen, übt Schritte zu sich selbst.

Viele Arbeitnehmer nutzen die Zeit, um persönliche oder berufliche Qualifizierungsziele zu verwirklichen. Besonders Quereinsteiger wollen in der Auszeit fachlich eine Schippe drauflegen: Sprachen, Management, Organisation. Ein weiterführendes Studium, mehrtägige Seminare, die intensive Lektüre von Fachliteratur – das kostet Kraft, die nicht gleichzeitig für den beruflichen Höchsteinsatz zur Verfügung steht.

Immer wieder begegnet man erfolgreichen Menschen, die sich aus einem Gefühl der sozialen Verantwortung heraus Zeit nehmen, um der Gemeinschaft etwas von ihrem Glück zurückzugeben: Sie arbeiten in sozialen Projekten oder sammeln Gelder für caritative Einrichtungen.

Konjunkturell bedingte Auszeit: Einige Unternehmen überbrücken Krisenzeiten mit schwacher Auftragslage, indem sie ihre Mitarbeiter für eine vereinbarte Dauer freistellen und währenddessen lediglich einen Bruchteil, je nach Unternehmen bis zu 50 Prozent des Gehalts, zahlen. Klare Win-win-Situation: Der Arbeitnehmer behält seinen Job und kehrt für das Unternehmen eingearbeitet, erholt und motiviert an seinen Arbeitsplatz zurück.


Bild: Richard / PIXELIO 

Für die allermeisten ist das Sabbatical eine wertvolle Erfahrung in ihrem Leben, die sie auf jeden Fall wiederholen würden. Auch Arbeitgeber schwärmen von den positiven Effekten, die eine Auszeit für das Unternehmen bringt:
 

  • Mitarbeiter kehren zufrieden und mit gestärkter Motivation an ihren Arbeitsplatz zurück.
  • Häufig weitet der Abstand zur Routine den Blick auf das Tagesgeschäft, so dass Wiedereinsteiger neue Ideen liefern und Verbesserungsvorschläge machen.
  • Oft befördert die Weiterbildung oder Höherqualifizierung den beruflichen Aufstieg.
  • Viele profitieren von neuen Kontakten und Netzwerken, die sie während der Auszeit geknüpft haben.
  • Jenseits der fachlichen Qualifizierung erwerben Mitarbeiter im Sabbatical oft Kenntnisse, die sie in den Arbeitsprozess einbringen können: verbesserte Sprachkenntnisse, das entscheidende Mehr an interkultureller Kompetenz und emotionaler Intelligenz.
  • Wer es geschafft hat, einen Gang zurück zu schalten, sieht vieles gelassener und kann oft in der Hitze des Gefechts überlegtere Entscheidungen treffen.
  • Wenn sich während der Zeit Perspektiven ändern und Wertmaßstäbe verschieben, wenn die Sinnhaftigkeit der Arbeit und die eigene Wirkmächtigkeit arg in Zweifel gezogen werden, kann die Entscheidung für einen beruflichen Neuanfang fallen.
  • Für den Betrieb bedeutet der befristete Wegfall der Stelle und die Kosteneinsparung eine wichtige Unterstützung in einer wirtschaftlich bedrängten Situation.

 




Bild: Richard / PIXELIO

In Deutschland haben Sie als Arbeitnehmer keinen Rechtsanspruch auf ein Sabbatical. Allerdings bieten mittlerweile einige große, international ausgerichtete Unternehmen interessierten Mitarbeitern den Ausstieg auf Zeit – mit Rückkehrgarantie und Betriebsvereinbarungen.

Wo dies nicht der Fall ist brauchen Sie viel Überzeugungskraft und Eigeninitiative, um Ihr Vorhaben zu verwirklichen. Wenn Sie auf jeden Fall zu Ihrem Arbeitsplatz zurückkehren wollen, müssen Sie Ihren Vorgesetzten einen Vorgeschmack auf die „Zeit danach“ geben.

Machen Sie deutlich, dass der Zugewinn an Fertigkeiten dem Unternehmen nützen wird und die vorrübergehende Abwesenheit rechtfertigt.
Es kann hilfreich sein, wenn Sie die Bereitschaft signalisieren, maßvollen Kontakt zu halten, auch um über Veränderungen im Betrieb auf dem Laufenden zu bleiben.
Gelingt es Ihnen, Ihren Chef mit Ihrer Begeisterung anzustecken, können die Bedingungen ausgehandelt und schriftlich fixiert werden.

Dazu gehören Abmachungen, die eine Rückkehr regeln.
Wenn Sie nicht rechtswirksam kündigen, bleibt das alte Arbeitsverhältnis bestehen.
Schließen Sie einen Sabbatical-Vertrag, der folgende Fragen klärt:

  • Unter welchen Konditionen steige ich nach dem Sabbatical wieder ein?
  • Habe ich einen Anspruch auf meinen alten Arbeitsplatz?
  • Genieße ich während der Auszeit meinen rechtlichen Kündigungsschutz?
  • Ist mein Arbeitszeitkonto über eine Insolvenzversicherung des Unternehmens gesichert?





Bild: Richard / PIXELIO 

Das Prinzip ist immer das Gleiche: Der Mitarbeiter spart Überstunden, Urlaub oder auch Teile des Gehalts auf einem Zeitkonto an, um es anschließend in ein Sabbatical umzuwandeln. Dabei haben die Unternehmer und Arbeitgeber unterschiedliche Arbeitszeitsysteme entwickelt.
 

  • Der Mitarbeiter spart auf einem Langzeitkonto Urlaubstage und Überstunden in Form von Zeitwertpapieren an. Der Geldwert der angesparten Zeit wird in einem Fond deponiert, verzinst und schafft damit die Entlohnung für die Dauer des vereinbarten Sabbaticals.

  • Schneller zum Ziel führt in der Regel ein zeitlich begrenzter Lohnverzicht, der die Auszeit vorfinanziert. „Der Arbeitnehmer verzichtet z. B. pro anvisierten Sabbatmonat auf ein Zwölftel eines Jahresgehalts und kann, sobald ein ausreichendes Gehaltsguthaben angespart worden ist, sein Sabbatical antreten. Wenn ein Arbeitnehmer also beispielsweise ein viermonatiges Sabbatical nehmen möchte, müsste er vier Jahre lang auf ein Zwölftel […] oder ein Jahr lang auf ein Drittel […] seines Jahresgehalts verzichten.

  • Die nordrhein-westfälische Landesregierung (und andere öffentliche Verwaltungen) bietet Sabbaticals beispielsweise für Lehrer oder andere Verwaltungsangestellte und Beamte an (§ 78 b IV LBG). Hier gibt es so genannte Drei-, Vier- oder Fünfjahresmodelle, in denen die Angestellten oder Beamten jeweils auf ein Drittel, ein Viertel oder ein Fünftel ihres Gehalts verzichten und dafür im dritten/vierten/fünften Jahr eine zwölfmonatige Freistellung erhalten, ohne dass sie auf zumindest anteilige Besoldung und sonstige besoldungsabhängige Ansprüche, vor allem die Absicherung im Krankheitsfall (Beihilfe), verzichten müssen. Was die Beamten während des Jahres machen, ob sie reisen oder sich weiterbilden oder gar nichts machen, bleibt jedem selbst überlassen.“


(Quelle: Nutzen von Zeitguthaben zur Weiterbildung und Weiterentwicklung (Hrsg): Institut der deutschen Wirtschaft Köln BEST-ZEIT)





Bild: Richard / PIXELIO 

Wenn Sie sich Ihr Sabbatical über Lohnverzicht oder Arbeitszeitkonten angespart haben, bleiben Sie für die Zeit über das Unternehmen versichert.

Mussten Sie für Ihre Auszeit allerdings unbezahlten Urlaub nehmen, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich für die Zeit selbst um Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung zu kümmern. Wenn Sie keine Einkünfte erwirtschaften, können Sie immerhin mit niedrigeren Beiträgen für die freiwillige Versicherung rechnen.

Bei Auslandsreisen sind Sie als Privatversicherter in der Regel ausreichend geschützt. Klären Sie als gesetzlich Versicherter mit Ihrer Krankenkasse ganz genau, welchen Versicherungsschutz Sie genießen; möglicherweise müssen Sie eine spezielle Police für das Ausland abschließen. Wenn Sie sich Ihr Sabbatical über Lohnverzicht oder Arbeitszeitkonten angespart haben, bleiben Sie für die Zeit über das Unternehmen versichert. Mussten Sie für Ihre Auszeit allerdings unbezahlten Urlaub nehmen, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich für die Zeit selbst um Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung zu kümmern. Wenn Sie keine Einkünfte erwirtschaften, können Sie immerhin mit niedrigeren Beiträgen für die freiwillige Versicherung rechnen. Bei Auslandsreisen sind Sie als Privatversicherter in der Regel ausreichend geschützt. Klären Sie als gesetzlich Versicherter mit Ihrer Krankenkasse ganz genau, welchen Versicherungsschutz Sie genießen; möglicherweise müssen Sie eine spezielle Police für das Ausland abschließen.


Bild: Richard / PIXELIO

http://www.arbeit.nrw.de/: Beschäftigte / Erfolgreich arbeiten / Themen anpacken / Arbeitszeitgestaltung
Hier finden Betriebe, die neue Arbeitszeitmodelle einführen und sich über die verschiedenen Grundformen der Arbeitszeitgestaltung informieren möchten, fundierte rechtliche und tarifvertraglichen Regelungen.

Best-Zeit – Sabbatical in der Praxis: Auf dieser Seite hat BEST ZEIT Beispiele für Unternehmen zusammengestellt und beschrieben, was die Sabbaticals dem Unternehmen und den Arbeitnehmern bringen und wie sie erfolgreich genutzt werden können. Diese Übersicht wird laufend ergänzt, erweitert und aktualisiert.
BEST-ZEIT Flexible Arbeitszeiten – stabile Unternehmensentwicklung ist ein Angebot des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

http://www.ratgeber-aussteigen.de/ Gabi und Christian Hajek, die seit 2003 unterwegs sind, finden dass der Komplettausstieg aus Beruf und Alltag gar nicht so unmöglich ist. In ihrem kleinen Online-Ratgeber für Aussteiger berichten sie von ihren Erfahrungen.

Buchtipp:
Barbara Hess: Sabbaticals: Auszeit vom Job. Wie Sie erfolgreich gehen und motiviert zurückkommen. Frankfurter Allgemeine Buch, 200.
Das Buch illustriert u. a. an Hand zahlreicher Beispiele wie ein Sabbatical mit dem Arbeitgeber abgestimmt werden kann und liefert Checklisten, Musterverträge sowie konkrete Verhandlungstipps für das Gespräch mit dem Chef.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...