Ratgeber E-Learning Wie das Internet Lernen flexibel macht

Wer sich heute weiterbilden will, dem stehen die Möglichkeiten des Internets zur Verfügung. Doch nicht jedes Angebot ist zu empfehlen. Was Kritiker sagen und worauf Interessenten achten sollten.

von Mehmet Toprak, wiwo.de | , aktualisiert

Wie das Internet Lernen flexibel macht

Foto: Piotr-Marcinski/Fotolia.com

Es ist früher Vormittag und Zamyat M. Klein ist gerade sehr entspannt. Sie sitzt auf der Terrasse eines Hotels an der Südküste der Türkei, hat das Notebook hochgefahren und genießt die Aussicht in den Garten. Das Hotel hat natürlich WLAN. So kann Klein ihre Arbeit als Leiterin eines Onlinekurses da erledigen, wo andere Urlaub machen.

Zuerst arbeitet sie alle Fragen und Beiträge der Seminarteilnehmer ab, dann gibt sie Übungen für die nächste Lektion frei. So oder so ähnlich muss man sich das vorstellen, wenn Zamyat M. Klein über ihren Job als Leiterin der Online-Akademie Oaze spricht. Neben Seminaren und Workshops für Kreative will Klein mit ihren Onlinekursen auch unerfahrenen Trainern im Seminargeschäft helfen, ihre Veranstaltungen spannend zu gestalten.

"Learning Solutions-Branche" profitiert vom E-Learning-Trend

Nicht ganz so idyllisch ist der Ausblick, den Erik Franz genießt. Sein Büro liegt in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs. Von hier aus leitet er das Deutschland-Geschäft des österreichischen Videoanbieters Video2Brain. Das Unternehmen produziert hochwertige Lernvideos, mit denen die Kundschaft den Umgang mit Software wie Adobes Bildbearbeitung Photoshop oder Microsofts Office lernen.

Aber auch Kurse zum Umgang mit Lifestyle-Gadgets wie E-Book-Reader oder Tablet-PCs finden sich unter den Hunderten von Videos. In letzter Zeit laufen vor allem die Webvideos und die auf Mobilgeräte wie Smartphones oder Tablet-PCs angepassten Versionen besonders gut.

Auch wenn Zamyat M. Klein und Erik Franz einen sehr unterschiedlichen Ausblick von ihrem Arbeitsplatz haben, das Geschäft läuft gleichermaßen gut. Beide arbeiten in einer Branche, die in den letzten Jahren gute Zuwachsraten erlebt. Nach Schätzungen des Hightech-Verbands Bitkom setzt die deutsche "Learning Solutions-Branche" pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro um. Mehr als zwei Drittel der Top 500 Unternehmen in Deutschland nutzen schon viele E-Learning-Angebote, um ihre Mitarbeiter weiterzubilden.

In der beruflichen Weiterbildung bieten beispielsweise die IHK in München und Karlsruhe eigene E-Learning-Formate an. Bei den Teilnehmern kommen die Online-Kurse offenbar gut an. "Vor ein paar Jahren noch haben nur sehr technikaffine Nutzer Webinare genutzt. Heute merkt man, dass auch Leute, die bisher nur wenig mit dem Internet am Hut hatten, Webinare besuchen", meint Stefan Loibl, Bereichsleiter Weiterbildung bei der IHK München.

Inzwischen ist das Digitale Lernen für alle Branchen, Berufe und Themenfelder verfügbar. Egal, ob es um die Ausbildung zum Industriekaufmann, Management-Fertigkeiten, das Know-how für den eigenen Weblog, Kreativitäts-Techniken oder Esoterik geht: E-Learning ist überall.

Die verschiedenen E-Learning-Formate

Um zu verstehen, warum die Branche so erfolgreich und gleichzeitig so umstritten ist, sollte man sich ansehen, was die Anbieter da eigentlich machen. Und hier muss man erst einmal das Begriffs-Wirrwarr entknoten, das in der Branche herrscht. Die einfachste Form des Digitalen Lernens ist sicherlich das Lernvideo. Der Teilnehmer sitzt vor dem Bildschirm und guckt sich an, was der Präsentator zu sagen oder zu zeigen hat.

Neuere Formen des Lernvideos sind mit interaktiven Übungen ergänzt und kommen als Videostream aus dem Web. Eine Variante ist das Webinar. Hier loggen sich der Dozent und die Teilnehmer zu einem verabredeten Zeitpunkt ein. Der Unterricht findet synchron statt, Dozent und Teilnehmer sind gleichzeitig anwesend.

Die besseren Formen des Webinars ermöglichen auch eine aktive Mitwirkung der Teilnehmer. Sie können auf Whiteboards schreiben, Dokumente gemeinsam bearbeiten oder sich per Videokonferenz-Technik in die Diskussion einschalten. Auf diese Weise entsteht das viel zitierte virtuelle Klassenzimmer.

Eine dominierende Form ist auch das Online-Seminar. Hier bekommt der Teilnehmer Videos, Grafiken und anderes Material online serviert und muss dazu Übungen ausfüllen. Im Idealfall kann er einen Online-Tutor kontaktieren, der ihm sofort Hilfestellung gibt.

Viele Anbieter ergänzen die Seminare auch mit einer Online-Community, in der sich die Teilnehmer untereinander austauschen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, schließlich hat Lernen auch eine soziale Komponente. Das meint auch Online-Trainer Franz Grieser. Er bietet Schreibworkshops im Web, hat aber auch Erfahrung mit Präsenz-Seminaren und persönlichem Coaching.

Soziales Lernen ist wichtig

"Was im Klassenzimmer zwischen den Teilnehmern passiert, ist oft wichtiger als die Lerninhalte selbst", meint Grieser. Ein Plädoyer für das klassische Präsenz-Seminar? Nicht ganz, denn der soziale Wohlfühlfaktor kann sich auch im Web-Seminar einstellen.

Zanyat M. Klein von der Oaze-Akademie jedenfalls sagt: "Wenn man es richtig macht, dann ist gerade die Online-Community sehr erfrischend und bereichernd für die Teilnehmer." Ein weiterer Aspekt des Online-Seminars ist, dass es im Gegensatz zum typischen Webinar synchron abläuft. Der Teilnehmer bearbeitet die Lektionen wo und wann er will. Er kann sie auch jederzeit und so oft er will wiederholen. Dies gilt als einer der zentralen Vorteile von E-Learning.

Stark in der Diskussion sind derzeit die MOOCs (Massive Open Online Course). Die Grundidee dahinter: Ein Experte, zumeist ein Hochschulprofessor hält eine Vorlesung und macht diese übers Internet weltweit zugänglich. So können Tausende von Interessenten an der Expertise des Professors teilhaben.

In der Regel dürfen sie sich auch mit eigenen Beiträgen in Form von Tweets, Blogbeiträgen, Links oder Podcasts beteiligen. So soll eine gigantische Wissensgemeinschaft entstehen, die sich ständig über neue Ideen und Gedanken austauscht. Klingt gut, aber auch Kritiker melden sich zu Wort.

Einer der profiliertesten E-Learning-Kritiker ist Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung an der Hochschule Offenburg. Lankau sagt: "Die Begeisterung über MOOCs sind für mich ein Beispiel für die Hybris der Technikgläubigkeit. MOOCs vernachlässigen die sozialen, psychischen und physischen Aspekte des Lernens." Lankau lenkt auch den Blick darauf, dass es vielen Anbietern beim E-Learning weniger um didaktische Innovationen geht, sondern ums Geld. "Wer E-Learning einsetzt, muss wissen, dass die dahinter stehenden Modelle Geschäftsmodelle sind und keine didaktischen Konzepte", sagt Lankau.

Big Brother im Klassenzimmer

Und noch einen Kritikpunkt hat der Professor von der Hochschule Offenburg parat. Er verweist auf die möglichen Datenschutzprobleme bei Online-Seminaren. Denn jeder, der an einem wie auch immer gearteten Onlinekurs teilnimmt, muss sich nicht nur mit seinen persönlichen Daten anmelden, auch sein Lernverhalten wird genau registriert.

Seine Fortschritte, die Fehler, die er macht, die Übungen, die er wiederholt, die Themen und Videoclips, die besonders interessieren, alles wird online gespeichert. In Zeiten der allgegenwärtigen Online-Überwachung sollte man darüber zumindest mal kurz nachgedacht haben. Doch letztlich wird dies den Erfolg des digitalen Lernens nicht aufhalten.

Wer sich online weiterbilden will, sollte die infrage kommenden Angebote nach bestimmten Aspekten prüfen. Wichtig ist, dass der Veranstalter genaue Angaben über Inhalte und Themen des jeweiligen Kurses macht. Daneben sollte man auch wissen, wer den Kurs veranstaltet und wer als Dozent auftritt. Insbesondere bei Sprachkursen ist es wichtig zu wissen, ob die angebotenen Videos und Lehrmaterialien auf dem neuesten Stand sind und ob der jeweilige Kurs sich an einem anerkannten europäischen Sprachenzertifikat orientiert.

Tipp: Bei einem Video kann man oft schon an den Kulissen erkennen, wann ungefähr es gedreht wurde. Steht da noch ein alter Röhrenmonitor auf dem Schreibtisch? Dann ist das Video möglicherweise auch sprachlich nicht mehr auf dem neuesten Stand?

Performance testen

Fast alle seriösen Anbieter geben die Möglichkeit, Basisfunktionen auszuprobieren oder für ein oder zwei Wochen kostenlos teilzunehmen und sich erst dann zu entscheiden. Gerade die Schnupperphase kann man auch dazu nutzen, die Zuverlässigkeit und Performance des Webservers auszuprobieren.

Wenn es da zu verschiedensten Tageszeiten beim Aufrufen von Lektionen oder Start von Videoclips zu längeren Wartezeiten kommt, könnte dies ein Hinweis auf Überlastung des Servers sein. Lange Wartezeiten machen auch beim Online-Lernen keinen Spaß. Selbst dann nicht, wenn man das Online-Seminar am idyllischen Urlaubsort absolviert.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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