Rainer Schaller "Ich bin 100 Prozent risikobereit"

Rainer Schaller hat McFit zum Markenführer der Fitnessbranche gemacht. Hier spricht er über sein Idol Arnold Schwarzenegger, seine neue Muskelschmiede auf Mallorca, Männer-WGs, die Love Parade und warum er keine Marketing-Heuschrecke ist.

Sebastian Arackal | , aktualisiert

Herr Schaller, Sie haben mit McFit die Fitnessbranche revolutioniert. Wie haben Sie das geschafft? Angefangen haben Sie mit Lebensmitteln.
Stimmt, ich war ein klassisch ausgebildeter Edeka-Kaufmann. Schon mein Opa war bei Edeka und im Laden meiner Mutter bin ich aufgewachsen. Mit einem eigenen Edeka-Laden fing ich als Selbstständiger an, später kamen noch drei weitere Läden dazu. Ausschlaggebend für mich waren die geringen Margen, der harte Verdrängungswettbewerb, der schon sehr lange im Lebensmitteleinzelhandel vorherrscht, und die begrenzten Zukunftsperspektiven. In meinem Heimatort, wo ich auch meinen Edeka-Markt betrieb, habe ich dann ein illegales Studio auf dem Dachboden meines Elternhauses eröffnet.

Das war eine neue Branche für Sie. Wie sind Sie vorgegangen? 
Ich experimentierte erst im Kleinen, kaufte gebrauchte Fitnessgeräte und beobachtete, was die Menschen wirklich wollten. Ich stellte fest: Um gut auszusehen, möchten die Leute eigentlich nur Sport treiben. Wellness-Angebote wie Sauna oder Solarium waren nicht von Nöten. Experten und Fachpresse waren dagegen felsenfest vom Wellness-Trend überzeugt. Als es trotzdem gut anlief, habe ich in Würzburg eine alte Möbelhalle umgebaut. Im Januar 1997 ging es los. Anfangs war ich Trainer, Buchhalter, Studioleiter und Reinigungskraft - alles in einem. Ich habe viel Lehrgeld gezahlt. Mein Vorteil war aber, dass ich Kraftsport schon länger als Hobby betrieben hatte. Mein Vorbild war damals Arnold Schwarzenegger.

Arnold Schwarzenegger? Der steht für extremes Bodybuilding. 
Man hat früher völlig falsch trainiert, mit viel zu schweren Gewichten und viel zu häufig.

Was genau hat Sie an Schwarzenegger fasziniert? 
Die großen Muskeln. Klassisches Bodybuilding war in. Jeder wollte so aussehen. Das hat sich inzwischen Gott sei Dank geändert. Wie auch eine Umfrage unter unseren Mitgliedern zeigt. Sportliche Vorbilder sind heute die Klitschko-Brüder, beim Aussehen belegen sie Platz zwei. Auf Platz eins ist Brad Pitt.

Die ersten Jahren waren hart für Sie. Die Konkurrenz hatte Sie schon angezählt. Wie gelang Ihnen die Wende? 
Mit der Entscheidung, ins Ruhrgebiet zu gehen. Wir haben in Bochum, Oberhausen und Essen innerhalb von eineinhalb Jahren drei Filialen eröffnet. Das war der Grundstein für den Erfolg. Von da aus ging es 2001 nach Berlin mit vier Filialen gleichzeitig. Dann expandierten wir in weitere deutsche Großstädte.

Wie wichtig war für Sie der Einstieg bei der Love Parade? 
Nachdem die Love Parade 2004 und 2005 ausgefallen war, haben wir das Event 2006 reanimiert. Wir wollten mit einem relativ kleinen Budget einen hohen Bekanntheitsgrad erzielen. Ich war bei renommierten Werbeagenturen, die mir sagten, dass man im Jahr zwischen acht bis zehn Millionen Euro braucht, um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Und das war einfach damals vom Budget nicht möglich. Wir haben uns lange überlegt, was wir denn Verrücktes machen können, um bekannter zu werden. Wir haben uns für die Love Parade entschieden. Das war ein Himmelfahrtskommando.

Bringt Ihnen denn die Love Parade die erhoffte Aufmerksamkeit?
Ja. Anfänglich hat ganz Deutschland darüber gesprochen. Aber leider sehr negativ. Erst am Veranstaltungstag selbst konnten wir beweisen, dass wir es doch können. Auch die mutige Entscheidung, von Berlin ins Ruhrgebiet zu gehen, hat sich gelohnt. Und mit letztlich 1,6 Millionen Menschen waren noch nie so viele Teilnehmer auf der Love Parade wie vergangenes Jahr in Dortmund.

Der Love-Parade-Gründer Dr. Motte hat Sie als Marketing-Heuschrecke bezeichnet. 
Kritiker muss es immer geben. Dadurch wird man nur besser. Dr. Motte wird bald 50 Jahre alt, geht langsam in Pension und hat die letzten Jahre keinen Chart-Hit mehr landen können. Für mich ist die Love Parade eine kulturelle Veranstaltung. Man kann sie mögen oder nicht. Aber man muss anerkennen, dass die Love Parade die bekannteste deutsche Musikmarke der letzten 20 Jahre ist. Auf der Love Parade legen die Künstler bis heute umsonst auf. Das heißt also, wenn es eine reine Marketing-Veranstaltung wäre, würden Weltstars wie Moby oder Paul von Dyk das nicht tun. Es macht mich schon stolz, dass wir in Dortmund das beste Programm geboten haben, das die Love Parade je hatte.

Die Love Parade in Bochum fällt in diesem Sommer aus.
Das war ein Schlag ins Gesicht, ist aber nicht zu ändern. Zur Love Parade reisen 90 Prozent der Teilnehmer mit der Bahn an und der Bochumer Hauptbahnhof wird gerade umgebaut. Die nötige Infrastruktur fehlt. Wir schauen nach vorn: 2010 geht es weiter in Duisburg.

McFit wird häufig als Fitness-Aldi bezeichnet. Stört Sie das? 
Nein, unser Vorbild war früher Aldi, aber das hat sich gewandelt. Heute sehen wir H&M als Vorbild, die sehr günstig sind, aber gleichzeitig auch stylish und jung.

Lange Zeit haben Sie keine Zahlen veröffentlicht. Warum nicht? 
Wir wollten in Ruhe expandieren und erst, wenn wir tatsächlich die Nummer eins sind, die Zahlen veröffentlichen. So kam es auch und die Branche staunte.

Wie hat die Konkurrenz reagiert? 
Erstmal mit Erstarren, viele konnten nicht glauben, dass McFit die Nummer 1 am Markt ist. Die späteren Reaktionen fielen unterschiedlich aus: Die einen unternahmen nichts, die anderen verlassen die tödliche Mitte und versuchen, im Premium-Bereich mehr Leistung zu bieten.

Welche Eigenschaften zeichnen Sie als Chef aus? 
Ich kann nicht viel, aber was ich kann ist, gute Menschen zusammenzubringen und zum Team zu formen. Das reicht mir.

Arbeiten bei McFit auch Akademiker? 
Unser Team ist bunt gemischt: vom ehemaligen Handwerker bis zum Diplom-Sportlehrer. Wir wollen Trainer, die Spaß haben, mit Menschen zu arbeiten. Das kann man einem Menschen schwerer beibringen als eine Fachqualifikation.

Welche Auswirkungen hat die aktuelle Wirtschaftskrise auf McFit? 
Wir spüren die Krise, aber im positiven Sinne. In den vergangenen Monaten haben sich viele neue Mitglieder bei uns angemeldet, zahlreiche Kunden kommen von teuren Fitnessstudios. Mein Gefühl ist, die Menschen möchten in der Krise auf nichts verzichten, aber auch nicht mehr Geld ausgeben. Im Gegenteil, vielleicht sogar Geld sparen. Davon profitieren wir. Unsere derzeitige Mitgliederzahl liegt schon bei 800000.

Sie haben vor kurzem auf Mallorca Ihr erstes Studio eröffnet. Wie läuft es? 
Die Resonanz ist sehr gut. Trainingsverhalten und Motivation sind in allen Ländern gleich: Unsere Kunden wollen einfach nur gut aussehen. In Spanien ist der Narzissmus, gerade bei den männlichen Mitgliedern, noch ausgeprägter als in Deutschland.

Haben Sie neben Spanien und Österreich noch andere Länder im Visier? 
Wir schauen uns momentan jedes europäische Land genau an. Und wir können uns gut vorstellen, in den Osten zu expandieren. Beispielsweise nach Polen.

Wie sehen die Fitness-Trends der Zukunft aus? 
Es gibt zwei große Trends: Das ist die individuelle Betreuung der Mitglieder über das Internet. Wir lassen gerade ein neues Trainingsprogramm dafür programmieren. Der zweite Trend sind spezielle Studios für Midager und noch etwas ältere Personen. Die Menschen werden immer älter und im Gegensatz zu früher auch immer fitter.

Wie halten Sie sich selbst fit? 
Ich gehe drei-, viermal in der Woche ins Studio und bin dort ganz nah an den Kunden dran. Das hält jung. Ich lege sehr viel Wert auf das Äußere. Mein Vorbild ist momentan Wladimir Klitschko. Natürlich trainiere ich auch gezielt meine Stützmuskulatur wegen des Bandscheibenschadens, durch den ich zwangsläufig körperbewusster geworden bin.

Es gibt nicht wenige Kraftsportler, die mit Doping nachhelfen. 
Ich habe dazu eine ganz klare Meinung: Man muss eingestehen, dass im Sport gedopt wird. In allen Sportarten. Auch bei der Love Parade muss man zugeben, es werden Drogen genommen. Aufklärung über die Nebenwirkungen finde ich wichtiger als sich in die eigene Tasche zu lügen. Ich selbst nehme keine Drogen, ich bin strikt dagegen.

Wie und wo leben Sie? 
Mittlerweile in der eigenen Wohnung in Berlin-Mitte, ich fahre mit dem Rad zum Büro. Davor hatte ich drei Jahre lang eine 80-Quadratmeter-WG mit acht Männern. Das waren McFit-Mitarbeiter, einer war von der Love Parade. Wir hatten nur eine Dusche, ich musste morgens eine Nummer ziehen. Auch abends war es eine Herausforderung, nach einem langen Arbeitstag die Wohnung mit Kollegen zu teilen. Das funktioniert nur, wenn man wirklich ein sehr gutes Betriebsklima hat.

Und jetzt wohnen Sie allein? 
Naja, es ist noch eine Dreier-WG. Der Controller schläft immer noch bei mir. Der ist allerdings nicht so häufig da. Ich habe ab und zu die Wohnung für mich alleine.

Männer-WG-Leben mit 40 - das klingt danach, als wollten Sie nicht erwachsen werden. 
Ich bin ein sehr geselliger Mensch. Es ist nicht so, dass ich nicht erwachsen werden will, ich brauche halt wenig Luxus.

Ihr Bruder ist ein Überflieger. Hat das Ihre Persönlichkeit geprägt? 
Unheimlich. Mein Bruder war immer der Intelligenteste in der Familie. Und einen Intelligenten braucht die Familie. Er hat Medizin und Musik gleichzeitig studiert, währenddessen ich nach der Mittleren Reife wegen der schlechten Noten die Schule verließ und malochen ging. Zwischen uns gab es aber keine Konkurrenz. Er hatte andere Hobbys, ein komplett anderes Leben und dadurch haben wir uns auch nie gestritten.

Hat er Sie nicht belächelt, als Sie sich mit McFit selbständig machten? 
Belächelt nicht, er hat mich für verrückt erklärt. Aber heute ist er schon neidisch, wenn er meinen Kontoauszug sieht.

Stimmt es, dass Sie immer noch einen Edeka-Laden besitzen? 
Ja, in meinem Heimatort Schlüsselfeld - und mittlerweile lässt sich damit auch ein bisschen Geld verdienen.

In ihren Ferien touren Sie mit einem VW-Bus durch die Welt. In diesem Sommer in drei Wochen von Kathmandu nach Bangkok. Was reizt Sie daran?
 Der Weg war das Ziel, am Tag legten wir zwischen 400 und 700 Kilometer zurück. Auf den Touren haben wir schon wilde Sachen erlebt: In Pakistan wurden wir von den Taliban verfolgt und in Tibet musste ich mir bei den Behörden einen tibetanischen Führerschein besorgen. Wir reisten nicht selten durch Regionen, wo kein Tourist mehr war.

Wie ist es, wenn man als Chef so lange weg ist?
 Wenn man zurückkommt und es läuft besser als wenn man da gewesen wäre, dann hat man ein Problem als Chef.

Ist Ihnen das passiert? 
Ja, leider.

Wie hoch ist Ihre Risikobereitschaft? 
Hundert Prozent.

Woher kommt dieser Mut zum Risiko? 
Man muss selbstbewusst sein und man braucht natürlich auch ein Team auf das man sich verlassen kann.

Zur Person

Der gelernte Einzelhandelskaufmann eröffnete 1997 sein erstes McFit-Studio in Würzburg. McFit steht für günstige Mitgliedsbeiträge und die Konzentration auf Kraft- und Ausdauertraining. Wellnessangebote bieten die Studios nicht. Sogar das Duschen kostet extra - 50 Cent für fünf Minuten. Nach Startschwierigkeiten hat sich McFit etabliert und expandiert kräftig. Bei der Love Parade stieg McFit 2006 als Sponsor ein, ein paar Monate später übernahm Schaller die Loveparade Berlin GmbH komplett. Weiterer Marketing-Coup des heute 40-Jährigen: Seit Anfang 2008 werben die Box-Weltmeister Wladimir und Vitali Klitschko für McFit. Das Unternehmen ist inzwischen mit rund 800000 Mitgliedern die größte deutsche Fitnesskette. Neue Studios gibt es in Österreich und auf Mallorca. 2008 machte McFit einen Umsatz von 125 Millionen Euro. Die Firmenzentrale liegt im bayerischen Schlüsselfeld, das 6000-Seelen-Städtchen ist Schallers Heimatort.

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