Quereinsteiger Lieber lehren als Autos zu bauen

Der Lehrermangel verschärft sich in Fächern wie Mathe, Informatik und den Naturwissenschaften. Immer mehr Schulen lassen Quereinsteiger ans Pult.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Lieber lehren als Autos zu bauen

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Foto: Andrey Burmakin/Fotolia.com

Fred Rasch weiß, wie man ein großes Team leitet und technische Sachverhalte erklärt. Bis vor drei Jahren hat er als Service-Ingenieur bei der Deutschen Telekom komplexe Kommunikationsnetzwerke für Unternehmen, Behörden und Ministerien aufgebaut und betreut. Bis zu 200 Mitarbeiter hörten auf sein Kommando.

Erfahrungen, die er heute in einem ganz anderen beruflichen Umfeld nutzt: Genervt von unerreichbaren Zielvorgaben und schlechter Stimmung am schrumpfenden Standort Kiel, entschied sich Rasch für den beruflichen Neustart – als Lehrer.

Heute unterrichtet der 50-Jährige Physik und Informatik am Regionalen Bildungszentrum RBZ Technik in Kiel. An der berufsbildenden Schule lernen 2600 Schüler in verschiedensten Bildungsgängen - angefangen vom berufsvorbereitenden Jahr bis zum Fachabitur. "Ich arbeite gerne mit jungen Leuten und habe schon bei der Telekom Azubis betreut", sagt Fred Rasch, der seinen Berufsalltag endlich wieder sinnvoll und erfüllend findet.

Beliebte Fächer

Bundesweit beschäftigen immer mehr Schulen Quereinsteiger wie Rasch, denn insbesondere in den Fächern Mathe, Informatik und Naturwissenschaften herrscht Lehrermangel.

Zwar studiert fast jeder zehnte Student auf Lehramt. Doch die meisten wollen später lieber Fächer wie Deutsch, Religion, Gemeinschaftskunde oder Sport unterrichten.

Auf Mathe, Physik oder technische Fächer haben dagegen nur wenige Lust. Von knapp 39.000 bestandenen Lehramtsprüfungen entfielen 2011 weniger als zehn Prozent auf eines dieser Fächer.

(K)eine Frage des Prestiges

Wer fit für ein technisches Studium ist, auf den warten in der Wirtschaft jede Menge besser bezahlte und prestigeträchtigere Jobs als ausgerechnet Lehrer: "Ich kann es jungen Leuten nicht verdenken, wenn sie später lieber tolle Autos bauen oder für einen Konzern ins Ausland gehen wollen", sagt Ralf Ströh, Schulleiter am Kieler RBZ.

Neben dem Wettbewerb um knappe Techniktalente bereiten ihm auch die grauen Schläfen seiner Kollegen Sorge. Tausende Lehrer werden in den nächsten Jahren bundesweit in den Ruhestand gehen.

Deutschlands Lehrerschaft gehört zu den ältesten in Europa, zeigt ein aktueller Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Jeder zweite der rund 800.000 Lehrer hierzulande ist demnach älter als 50 Jahre.
 
Angesichts der heranrollenden Pensionierungswelle beziffern Bildungsforscher den Einstellungsbedarf bis zum Jahr 2020 auf rund 210 000 neue Lehrkräfte - trotz Geburtenrückgang.

Gute Aussichten für erfahrene Ingenieure, Informatiker oder Naturwissenschaftler, die Lust aufs Lehramt haben: Sie dürfen in den meisten Bundesländern auch ohne pädagogisches Studium ans Lehrerpult.

Freie Plätze in Groß- und Unistädten

Allein in Nordrhein-Westfalen wurden im Schuljahr 2011/12 sechs Prozent aller offenen Stellen mit Quer- und Seiteneinsteigern aus anderen Studiengängen und Berufen besetzt.

Offene Stellen gibt es insbesondere fernab der Groß- und Universitätsstädte sowie an technisch-beruflichen Schulen. Denn die gelten als besonders anstrengend.

Mit dem Vokabular der Jugend

Wer glaube, Lehrer hätten vormittags recht und nachmittags frei, bleibt besser bei seinem alten Job, warnt RBZ-Schulleiter Ralf Ströh. Die meisten seiner Schüler sind männlich und zwischen 15 und 25 Jahre alt, viele haben einen Migrationshintergrund.

Starke Nerven und gute Vorbereitung seien unerlässlich, um vor der Klasse zu bestehen, weiß inzwischen auch Fred Rasch: "Als Lehrer steht man unter Dauerbeobachtung. Und auch den Lärmpegel muss man aushalten können", sagt er.

Als Vater von zwei volljährigen Söhnen kommt Rasch auch außerhalb des Klassenzimmers gut mit seinen Schülern klar und versteht ihr Vokabular. Doch er kennt andere Quereinsteiger, die den Job inzwischen entnervt wieder aufgegeben haben. Auch viele der verbeamteten Lehrer verschleißen sich vorzeitig, rund 2500 scheiden bundesweit jährlich als dienstunfähig aus.

Ob man zum Lehrer taugt, zeigen Fragebögen, wie sie beispielsweise der dbb Beamtenbund, der Verband Bildung und Erziehung (VBE) oder verschiedene Schulministerien online anbieten. "Auch eine Vertretungsstelle ist ein guter Selbsttest für Wechselwillige", sagt Jörg Köpke, Gründer der Online-Stellenbörse Lehrcare.de.

Seit fünf Jahren vermittelt der ehemalige Lehrer bundesweit Lehrkräfte, darunter viele Quereinsteiger. Mehr als 10.000 Kandidaten sind aktuell in seiner Datenbank registriert.

Wer nach zwei bis drei Monaten Vertretungsdienst feststelle, dass ihm das Unterrichten nicht liege, habe noch Chancen, in seinem ursprünglichen Beruf wieder Fuß zu fassen, so Köpke. Wer dagegen seine berufliche Zukunft an der Schule sieht, dem rät er dringend dazu, sich weiterzuqualifizieren.

Schlechte Bezahlung

Denn einfach so an einer Schule anfangen, kann man trotz Lehrermangel nicht. Um eine feste Stelle oder gar Beamtenstatus zu erlangen, müssen Quereinsteiger je nach Vorbildung zunächst eines der eher schlecht bezahlten landesspezifischen Qualifizierungsprogramme durchlaufen.

Dazu kommt in der Regel noch ein Referendariat. Über die genauen Konditionen informieren die Schulministerien der Länder, doch mehr als 2000 Euro ist während der zwei bis dreijährigen Vorbereitungsphase selbst für gestandene Ingenieure mit Familie nicht drin.

Familienfreundlichkeit geht vor

Melanie Klein-Bösing hat sich davon nicht abhalten lassen. Die 34-jährige promovierte Physikerin hat am Gymnasium Paulinum in Münster einen zweijährigen berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst zur Physiklehrerin absolviert, seit August 2012 ist sie verbeamtet.

Der Entschluss zum Jobwechsel fiel bei der jungen Wissenschaftlerin, die zuvor in Münster am Institut für Kernphysik geforscht hat, während ihrer Elternzeit. "An der Universität hatte ich nur einen befristeten Vertrag und musste viel reisen", sagt sie, "das war zwar spannend, aber nicht familienkompatibel."

Als Lehrerin kann sie Kind und Job besser vereinbaren. Wenn ihre kleine Tochter in drei Jahren in die Schule kommt, wird sie im Gegensatz zu anderen berufstätigen Müttern jedenfalls keine Probleme mit der Ferienbetreuung haben.

Im Vergleich zur wissenschaftlichen Karriere muss Melanie Klein-Bösing als Lehrerin keine größeren Gehaltsabstriche machen.

Gestandene Ingenieure sollten sich vor einem Wechsel ins Lehramt aber bei den Schulbehörden ihres Bundeslandes informieren, denn meist werden ihnen nur wenige Berufsjahre angerechnet.

Krisenfester Job und lange Ferien

Auch Schulart, Schulgröße, Fächerkombination und Familienstand können zu erheblichen Unterschieden auf der Gehaltsabrechnung führen.

Faustregel: An Haupt- und Realschulen, Fachschulen oder Gymnasien starten verbeamtete Lehrer meist in den Besoldungsgruppen A12 oder A13 und können je nach Bundesland mit rund 2900 bis 3700 Euro Grundgehalt plus Familienzulagen rechnen.

Im Vergleich zu einem berufserfahrenen Projekt- oder Abteilungsleiter klingt das zwar eher mager, doch dafür entfallen für Beamte Beiträge zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Vor allem aber haben Quereinsteiger die Chance auf einen krisenfesten Job. Und um sich vom Schulalltag zu erholen, winken immerhin jährlich zwölf Wochen Ferien.

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