Psychische Erkrankungen Im Job schneller lahmgelegt

Die Fehltage durch psychische Krankheiten haben in den vergangenen 15 Jahren deutlich zugenommen. Das bedeutet allerdings nicht unbedingt eine tatsächliche Zunahme dieser Krankheiten. Verändert hat sich vor allem die gesellschaftliche Wahrnehmung.

Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Im Job schneller lahmgelegt

Foto: Christa Ed/Fotolia.com

Die Krankschreibungen von Arbeitnehmern aufgrund psychischer Leiden erreichten 2012 einen neuen Höhepunkt. Das stellt der kürzlich in Berlin präsentierte DAK-Gesundheitsreport 2013 fest. Der Gesamtkrankenstand blieb 2012 im Vergleich zum Vorjahr zwar wenig verändert bei 3,8 Prozent. Dies bedeutet, dass von 1 000 Erwerbstätigen an jedem Tag des Jahres im Schnitt 38 krankgeschrieben waren.

Aber psychische Erkrankungen lagen mit einem Anteil von rund 15 Prozent erstmals an zweiter Stelle nach Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, was die Zahl der Fehltage angeht. Zwischen 1997 und 2012 hat sich die Zahl der Fehltage durch Depressionen und andere psychische Krankheiten auf 204 Tage pro 100 Versichertenjahre mehr als verdoppelt (plus 165 Prozent). Während sich 1997 nur jeder 50. Erwerbstätige wegen eines psychischen Leidens krankmeldete, war es bereits jeder 22. im Jahr 2012. Frauen waren dabei fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten legten 2012 ihrer Firma keine Krankmeldung vor. 

Wenn die Depression anklingelt

Das bedeutet allerdings nicht, wie die Autoren betonen, dass die Deutschen zu einem Volk von psychisch Kranken geworden sind. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass heute mehr Menschen psychische Störungen haben als vor 20 Jahren", sagt Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin und Mitautor des Reports. Epidemiologische Studien belegen, dass Psychische Störungen seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet sind.

"Das Bewusstsein und die Sensibilität von Ärzten und Patienten diesen Krankheiten gegenüber haben sich deutlich verändert", sagt Herbert Rebscher, Chef der DAK-Gesundheit. Viele Arbeitnehmer werden heute mit einem psychischen Leiden krankgeschrieben, während sie früher mit Diagnosen wie chronische Rückenschmerzen oder Magenbeschwerden arbeitsunfähig gewesen wären.

Der DAK-Gesundheitsreport 2013 hat nicht nur aus statistischen Daten eine Krankenstandanalyse erstellt, sondern auch rund 3 000 repräsentativ ausgewählte Arbeitnehmer befragt und Gespräche mit Ärzten geführt. Dabei standen zwei Fragestellungen im Mittelpunkt: Sind wir anders krank als früher? Gibt es neue, bisher in der Öffentlichkeit zu wenig diskutierte Gründe für den Anstieg seelischer Erkrankungen bei Arbeitsunfähigkeit?

Ständige Erreichbarkeit macht krank

Berufliche Telefonate außerhalb der Arbeitszeit sind sehr viel weniger verbreitet, als die öffentliche Debatte darüber vermuten lässt. Zwar haben neun von zehn Arbeitnehmern (87,3 Prozent) ihre Telefonnummern beim Arbeitgeber hinterlegt und sind dadurch grundsätzlich ständig erreichbar. Offenbar wird davon aber wenig Gebrauch gemacht. Über die Hälfte (51,7 Prozent) der Befragten werden nie von Kollegen oder Vorgesetzten außerhalb der Arbeitszeit angerufen. Nur ein knappes Drittel ist gelegentlich (seltener als einmal pro Woche) mit Anrufen konfrontiert.

Alarmierend ist aber, dass schon ein mittleres Ausmaß an Erreichbarkeit (bis zu einmal pro Woche) nach Feierabend mit einem erhöhten Risiko verbunden ist, an einer psychischen Störung zu erkranken. Deutlicher noch ist das bei dem Sechstel, das einmal pro Woche oder öfter außerhalb der Arbeitszeit angerufen wird. Unter den ständig erreichbaren Befragten (acht Prozent) leidet jeder Vierte unter einer Depression. Das sind rund zwei Prozent der Arbeitnehmer. "Für diese kleine Gruppe hat der Wegfall der Grenze zwischen Beruf und Privatleben einen hohen Preis", sagt Rebscher.

Im Vergleich zur telefonischen Erreichbarkeit empfinden die Befragten die Belastung durch E-Mails geringer. Auch wenn zwei Drittel der Beschäftigten nicht ständig per E-Mail erreichbar sind, liest mehr als jeder Zehnte (11,7 Prozent) täglich oder fast täglich dienstliche E-Mails außerhalb der Arbeitszeit. Allerdings fühlen sich zwei von drei dieser Personen nicht durch das Lesen der Mails nach Feierabend belastet. Immerhin neun Prozent checken ihre Mails mehrmals in der Woche abends oder am Wochenende.

Im vergangenen Jahr hatten die Ärzte nur bei jedem 500. Mann und jeder 330. Frau "Burnout" auf der Krankschreibung vermerkt. "Burnout ist eine Art Risikozustand und keine Krankheit", sagt Rebscher. Der Begriff sei auch durch die breite Berichterstattung in den Medien positiver besetzt und sozial akzeptierter als eine Depression. Ein Burnout, so die öffentliche Wahrnehmung, setzt voraus, dass man sehr engagiert gearbeitet habe und dadurch "ausgebrannt" sei.

Insofern habe die öffentliche Debatte aber auch generell dazu beigetragen, dass Arbeitnehmer beim Arzt eher über psychische Beschwerden sprechen. In der Öffentlichkeit wird das Thema Burnout häufig wie eine eigenständige psychische Krankheit behandelt. In der Praxis vermerken die Ärzte diese Zusatzdiagnose auf der Krankmeldung meist aber nur ergänzend unter einer Zusatzcodierung (Z 73) auf der Krankmeldung bei Depressionen und Anpassungsstörungen.

"Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung"

Unter dieser Zusatzcodierung werden "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung" erfasst. Die Zusatzcodierung wurde noch im Jahr 2004 so gut wie gar nicht auf der Krankmeldung vermerkt. Bis 2012 lässt sich ein steiler Anstieg verzeichnen. Insgesamt werden durch die Zusatzcodierung Krankschreibungen von etwa zehn Ausfalltagen pro 100 Erwerbstätige begründet. Zum Vergleich: Die Depression verursacht mit 85 Fehltagen pro 100 Arbeitnehmer mehr als acht Mal so viele Ausfalltage.

Auffällig ist, so der Bericht, dass psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt weiterhin stärker stigmatisiert werden als im vertrauten ärztlichen Gespräch. Ein Vergleich zwischen 2004 und 2012 zeigt hier keine Veränderung. Dementsprechend erwarten Betroffene von Mitarbeitern und Kollegen für psychische Probleme wenig Verständnis. "Hier besteht dringender Handlungsbedarf für Betriebe und betroffene Mitarbeiter, das Thema mehr als bisher aus der Tabuzone herauszuholen", fordert Rebscher.

Ärzte sehen Arbeitswelt als Ursache

Die in die aktuelle Studie einbezogenen Ärzte sehen, so Mitautor Hans-Dieter Nolting, die moderne Arbeitswelt sehr kritisch. Arbeitsverdichtung, Konkurrenzdruck und lange Arbeitszeiten sind nach Ansicht der Ärzte direkte Ursachen für mehr Krankschreibungen mit psychischen Diagnosen. Aus Sicht der Mediziner gibt es für nicht so leistungsfähige Mitarbeiter immer weniger Platz in der Arbeitswelt.

Prekäre und kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse verschärfen psychische Belastungen. Depressionen und andere seelische Erkrankungen werden nach Erfahrungen der Ärzte vom Patienten immer mehr als Grund für eine Krankschreibung akzeptiert. Ferner führt fehlender sozialer Rückhalt außerhalb der Arbeitswelt zu mangelnder Widerstandsfähigkeit gegenüber psychischen Beschwerden. "Ein Psychiater sagte mir: Viele meiner Patienten leiden an der Gesellschaft", berichtet Nolting. Ein Leiden, für das selbst der beste Psychiater oder Psychologe kein Heilmittel hat.

Nolting wies allerdings auch darauf hin, dass Arbeiten grundsätzlich eher heilsam bei psychischen Störungen sei. Ein depressiver Mensch rutsche ohne die Struktur, die die Arbeit dem Tagesablauf gebe, oft noch vieler tiefer. Burnout-Symptome tauchten vor allem dann auf, wenn die eigene Tätigkeit als nicht sinnhaft empfunden werde.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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