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Private Lehrerausbildung Anders als der Staat

Privatschulen nehmen die Weiterbildung ihrer Pädagogen wichtiger als der Staat. Sie müssen es auch, um trotz niedrigerer Gehälter als Arbeitgeber zu überzeugen. Jährlich investieren zum Beispiel Waldorfschulen elf Millionen Euro, um das Profil speziell qualifizierter Lehrer zu stärken.

Carola Sonnet | , aktualisiert

Anders als der Staat

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Foto: corepics/Fotolia.com

Da bleibt eine Frage: Wofür braucht ein Institut, das Lehrer ausbildet, eine Schmiedewerkstatt mit Amboss, Feuerstelle und Drehbänken? Die Antwort darauf findet sich in Witten-Annen, am Institut für Waldorfpädagogik. Und nicht nur diese: Denn dort wird deutlich, was Privatschulen bei der Ausbildung ihrer Pädagogen anders machen als der Staat.

Als eine von vier Ausbildungsstätten für Waldorflehrer in Deutschland bietet das Institut in Witten-Annen so einiges: Es gibt ein Atelier, um Tonskulpturen zu formen, eine Schmiedewerkstatt mit ebenjenem Amboss und der Feuerstelle, viele Musik- und Tanzräume, einen Teich und einen großen Garten am Hang. Hier werden all jene zu Waldorflehrern ausgebildet, die schon einen Hochschulabschluss haben, das Institut bietet aber bald auch einen Vollzeit-Studiengang für Abiturienten.

Neun Millionen Euro hat sich die Waldorfschulbewegung die Lehrerbildung im vergangenen Jahr kosten lassen. Das sind 500.000 Euro mehr als im Jahr zuvor, wie aus dem Jahresbericht 2013 hervorgeht.

Stellenwert steigt

Sie steht damit nicht allein: Ganz allgemein nehme die Fortbildung von Lehrern bei vielen Schulen in freier Trägerschaft einen hohen Stellenwert ein, heißt es beim Verband der Privatschulen.

Zum einen sei es für die meisten pädagogischen Profile unbedingt nötig, dass speziell qualifizierte Lehrer dort arbeiteten – nicht zuletzt hängt daran der Ruf der Schule. Zum anderen bedeuten die Fortbildungsangebote oft eine Motivation und Kompensation für die Gehaltseinbußen. Denn im Vergleich zu Lehrern im öffentlichen Schuldienst verdienen ihre Kollegen an Privatschulen oft weniger und sind zudem nicht verbeamtet.

Gemeinschaftsaufgabe Lehrerbildung

Am Institut für Waldorf-Pädagogik nehmen es Michael Kalwa und seine Kollegen ganz genau: Die Waldorfschulen sind die einzigen Institute in freier Trägerschaft, die ihre Pädagogen selbst ausbilden. Sie sind deshalb auch die einzigen, die genau beziffern können, wie viel sie sich ihre Lehrerbildung kosten lassen.

Ein Studienplatz kostet hier zwischen 8500 und 10.000 Euro je Semester, die Kosten entsprechen in etwa dem, was der Staat seinen Hochschulen für die Lehrerausbildung überweist.

Die Studenten zahlen je nach Studiengang zwischen 175 Euro und 240 Euro im Monat. Darüber hinaus investieren die Schulen selbst pro Jahr rund zwei Millionen Euro in die Gemeinschaftsaufgabe Lehrerbildung. Das finanzieren hauptsächlich die Eltern mit ihren Beiträgen.

Die Lehreraus- und -weiterbildung hat an den Privatschulen mehr Gewicht. Ob diese aber auch mehr Geld investieren, lässt sich nicht seriös sagen. Es ist kaum vergleichbar, wie viel der Staat für das Studium an den Universitäten, das Referendariat sowie für die Weiterbildung der Lehrer ausgibt.

Zudem verschwimmen die Sphären: Viele Lehrer an freien Schulen haben ein Lehramtsstudium an einer öffentlichen Hochschule und das Referendariat im Staatsdienst absolviert, ihre Fortbildung zahlt aber die Privatschule, an der sie nun arbeiten.

Dabei wäre es so wichtig, einmal genau zu beziffern, was der Staat in die Hand nimmt, um seine Lehrer auf den Beruf vorzubereiten. Denn der hat den größten Einfluss darauf, wie viel die Schüler lernen – und damit auch, wie gut eine Schule ist.

Den Deutschen fehlt der Überblick

Das hat nicht zuletzt der derzeit einflussreichste Schulforscher, der Neuseeländer John Hattie, in seiner viel zitierten Mammutstudie gezeigt. Doch obwohl die Bildungskommissionen, Ministerien und Experten das wissen, gibt es in Deutschland keinen Überblick darüber, wie viel Geld in die Lehrerbildung fließt und welchen Stellenwert sie genießt.

Das liegt hauptsächlich am Föderalismus – Bildung ist schließlich Ländersache – und an dem Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern, das dem Bund verbietet, in diesem Bereich dauerhaft etwas zu finanzieren.

Jedes Land hat eigene Verantwortliche und Zuständigkeitsbereiche und somit auch unterschiedliche Budgets für die Lehrerbildung. Die machen einen Vergleich sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich.

Familiäre Atmosphäre

Auf der anderen Seite gibt es aber auch bei den Schulen in freier Trägerschaft wenig dazu. Auch dem Verband der Privatschulen (VDP) liegen keine Zahlen über die Ausgaben von Privatschulen für die Lehreraus- und -weiterbildung vor.

Ob mehr Geld oder nicht – viele Schulen in freier Trägerschaft gehen ganz anders an die Weiterbildung ihrer Pädagogen heran. In Witten-Annen etwa herrscht fast schon eine familiäre Atmosphäre, werden 200 Studenten von 20 Dozenten betreut.

Michael Kalwa leitet den Fachbereich Musik und entwickelt gerade das neue Studienkonzept des Hauses mit: eine fünfjährige Ausbildung, die vergleichbar ist mit den Bachelor- und Masterabschlüssen von öffentlichen Hochschulen.

Es sieht zwei Jahre Studium mit ersten Praxisphasen, anschließendem Praxisjahr an einer Schule und zwei weiteren Jahren Studium am Institut vor. Der 60-Jährige hat darüber hinaus einen eigenen Studiengang für Musiklehrer entwickelt und aufgebaut.

Die Waldorfpädagogen gehen davon aus, dass Erziehung eine Kunst ist. Kalwa will seinen Studenten vermitteln, was viele Hochschulen versäumen, weil die meisten die künftigen Lehrer nicht nach ihrer Motivation fragen. "Kein Lehrer sollte seine Schüler als eine Masse wahrnehmen, die er eine Weile zu bearbeiten hat", sagt Kalwa. Und kein Pädagoge sollte seine Arbeit als einen Job begreifen, den man nach Schulschluss einfach abhaken kann. "Dazu muss man mehr lernen als Wissen, Können und Methoden", ist Kalwa überzeugt. Man müsse lernen, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Singen ist schwerer als reden

Auch deshalb führen er und seine Kollegen viele Einzelgespräche mit den Studenten. Jeder von ihnen soll das Gefühl haben, jederzeit mit jemandem sprechen zu können. "Bei 2000 Studierenden wäre diese Betreuung nicht möglich."

"Auch Lehrerbildung kann man als Kunst betrachten", findet Kalwa. Etwa ein Drittel der Ausbildung an seinem Institut ist künstlerisch: Malen, Sprachgestaltung, Eurythmie, Schauspiel, Plastizieren. "Das fördert die Persönlichkeitsbildung", bestätigt Walter Riethmüller, der beim Verband der freien Waldorfschulen für die Lehrerbildung verantwortlich ist.

"Es ist schwieriger, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu singen, als eine Rede zu halten", sagt Kalwa. Wer das lerne, schärfe seine Präsenz im Raum und stärke sein Selbstbewusstsein. "Lehrerbildung ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit", fügt Riethmüller hinzu.

Qualitätsoffensive von Bund und Ländern

Das haben auch die Verantwortlichen für die öffentlichen Schulen erkannt und die "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" als Projekt des Bundes und der Länder ins Leben gerufen (siehe Kasten). Ein großes Thema für die Lehrerbildung in den nächsten Jahren ist die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Schülern. "Das haben alle verschlafen. Wenn man sich des Themas in den Schulen nicht so annehmen kann, wie es nötig ist, leiden darunter sowohl die behinderten als auch die nicht behinderten Kinder", sagt Udo Beckmann, Vorsitzender des Lehrerverbandes VBE.

Im Januar hat die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann den Vorsitz der Kultusministerkonferenz übernommen, jenes Gremiums, das über die Qualität in der Bildung wacht und dessen Minister in ihren jeweiligen Ländern Schulpolitik machen. Sie hat die Lehrerbildung zu einem Kernthema ihrer Amtszeit erklärt.

Es ist ein heißes Eisen, das sich zu schmieden lohnt. So, wie es die angehenden Lehrer in Witten-Annen in der Werkstatt lernen.

500 Millionen Euro investiert der Bund bis 2023, um die Qualität der Lehrerausbildung zu verbessern. Für die 50 Millionen Euro je Jahr müssen die Hochschulen in einen Wettbewerb treten. Das Lehrerstudium soll damit aufgewertet und für Studenten mit besonders guten Noten attraktiver werden.

Es kann für einen Lehrer einfacher sein, von einer Schule in Portugal nach Bremen zu wechseln, als von Bayern in die Hansestadt. Deshalb sollen die Curricula vergleichbarer werden und die Bundesländer untereinander ihre Abschlüsse gegenseitig anerkennen.

Schon heute gibt es zu wenig Sonderpädagogen. Dass sich der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern aber nicht durch ein Extra-Modul im Lehramtsstudium realisieren lässt, haben die Experten verstanden. Sie stocken die Budgets auf.

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