Porträt Wenn der Torwart zum Stürmer wird

Markus Baumann begann seine Karriere wie viele andere bei einem Provinzklub, damals als Torwart. Aus dem Hobby machte er seinen Beruf. Inzwischen ist er ganz oben. Er leitet den Bereich Fußball beim Sportartikelhersteller Adidas.

Joachim Hofer | , aktualisiert

Wenn andere Leute über ihren Werdegang berichten, dann erzählen sie vom Abitur, vom Studium, von Praktika. Markus Baumann aber sagt schlicht: "Ich bin gelernter Torwart."

Und das ist für den 45-Jährigen durchaus eine Schlüsselqualifikation, denn der Franke führt das weltweite Fußballgeschäft des Sportkonzerns Adidas. Die Marke mit den drei Streifen ist seit Jahrzehnten Ausstatter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Da gehört es fast zu den Einstellungsvoraussetzungen, dass der Spartenchef selbst einmal als aktiver Spieler auf dem Platz gestanden hat. Jahrelang hat Baumann den Kasten gehütet beim 1. FC Schwarzenbach an der Saale in der Bezirksliga.

Inzwischen ist der sportlich-schlanke Manager aber eher selten in Stollenschuhen zu sehen. Dabei gibt es ein nahezu perfekt gepflegtes Stadion nur fünf Minuten entfernt von seinem Büro. Im Park der Unternehmenszentrale des zweitgrößten Sportkonzerns der Welt in Herzogenaurach üben mitunter sogar Nationalmannschaften. Doch zum regelmäßigen Training fehlt Baumann die Zeit. Denn wie in der Bundesliga, so gilt auch im Geschäft mit Trikots und Fußballschuhen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Die nächste WM wird bereits vorbereitet

Während sich ganz Deutschland gerade auf die Weltmeisterschaft in Südafrika freut, die am 11. Juni beginnt, arbeitet der Manager mit seinem Team bereits intensiv an Schuhen, Bällen und Trikots für das nächste große Turnier in Brasilien. "Vor Ort in Lateinamerika geht es jetzt schon darum, die WM 2014 auf die Spur zu bringen", erklärt Baumann.

Fußball-Equipment für mehr als 1,3 Mrd. Euro will Adidas dieses Jahr verkaufen, so hat es Konzernchef Herbert Hainer seinen Investoren versprochen. Damit steht die Sparte für mehr als zehn Prozent der gesamten Erlöse des Traditionsunternehmens. Doch nicht nur deshalb ist Baumann wichtig.

Das Amt des Fußballchefs ist ein ganz besonderes: Schließlich war es der Sieg der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1954, das "Wunder von Bern", durch das Firmengründer Adolf, genannt Adi, Dassler und seine Marke rund um die Erde bekannt geworden sind. Der fränkische Schuster, ein begnadeter Tüftler, hatte das Team auf dem glitschigen Rasen im eidgenössischen Wankdorf-Stadion mit den für das regnerische Wetter idealen Schuhen und Stollen versorgt.

"Das ist der Traumjob, den ich mir immer vorgestellt habe", sagt Baumann und ergänzt: "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht." Traumhaft auch der Aufstieg des völlig uneitlen Mannes, der es von ganz unten bis zum Spartenchef gebracht hat. "Markus ist ein absoluter Experte im Fußballgeschäft, der genau weiß, was Konsumenten überall auf der Welt brauchen und wollen", sagt Baumanns Vorgänger Günter Weigl. Die zwei Manager kennen sich schon seit Jahren, Weigl führt inzwischen das Geschäft des Konzerns in den Kernmärkten Deutschland, Schweiz und Österreich.

Adidas macht Nachwuchsarbeit

Schon während des Studiums der Betriebswirtschaft in Nürnberg ist Baumann als Praktikant bei Adidas eingestiegen, hat dann als freier Mitarbeiter nach dem Mauerfall den wilden Osten Deutschlands für den Sportkonzern erschlossen. Von da an ging es im Zweijahrestakt nach oben, bis er nach der WM 2006 die Verantwortung für das Geschäft mit dem runden Leder übernahm. Es ist bei Adidas nicht ungewöhnlich, als Eigengewächs aufzusteigen. Auch Vorstandschef Herbert Hainer hat sich durch die Hierarchien gekämpft. Der Niederbayer war nach dem Studium zwar zunächst einige Jahre beim Konsumgüterkonzern Procter & Gamble. Doch dann kletterte der heute 55-Jährige die Leiter nach oben, bis er 2001 Chef wurde.

Im Schnitt kommen die fast 40 000 Mitarbeiter von Adidas zwar nur auf eine Unternehmenszugehörigkeit von vier Jahren. Und auch das Durchschnittsalter ist mit nur 31 sportlich jung. Doch das liegt unter anderem daran, dass der Konzern viele junge Leute für seine zahllosen neuen Shops einstellt, die überall auf der Welt entstehen. Alleine im ersten Quartal haben 16 zusätzliche Läden die Türen geöffnet. Viele der Top-Manager sind dagegen über Jahrzehnte mit dabei.

Im bodenständigen Herzogenaurach schadet es zwar nicht, wenn Mitarbeiter wie Baumann aus der Region kommen. Aber die Top-Positionen werden gerne auch mit Externen und Ausländern besetzt: Finanzchef Robin Stalker, seit 1996 an Bord, ist Neuseeländer. Logistikvorstand Glenn Bennett, der 1993 zu Adidas kam, stammt aus den USA und arbeitet von Boston aus.

Allerdings hat Markus Baumann zwischenzeitlich einmal die Fronten gewechselt und ist zum Erzrivalen Nike gegangen, um dort das Fußball-geschäft in Deutschland voranzubringen. Mehr als zwei Jahre hat es der Marketingexperte bei der US-Marke allerdings nicht ausgehalten, dann hat ihn ein attraktives Angebot von Adidas wieder zurück nach Herzogenaurach gelockt, einer Kleinstadt vor den Toren von Nürnberg.

Von seinem mit Fußballpostern der bevorstehenden WM dekorierten Büro steuert der Manager ein Team von 30 Spezialisten, das sich um alles kümmert, was mit Trikots, Kickstiefeln, Torwarthandschuhen und Fanartikeln zu tun hat. Darüber hinaus holt der verheiratete Vater von zwei Kindern aber regelmäßig die Experten aus anderen Konzernbereichen an den Tisch. "Wir entscheiden die meisten Sachen im Team", erklärt Baumann. Einmal im Quartal kommen so gut hundert Leute zusammen, vom Marketing über die PR-Leute bis zu den Lobbyisten, um ein Bild vom großen Ganzen zu bekommen.

Als Torwart, erinnert sich der Sportler, da habe er meist alleine trainieren müssen, die Feldspieler hätten ein ganz anderes Programm abgespult. Das habe ihm nie wirklich gefallen. Inzwischen versteht er sich selbst als Coach, der die unterschiedlichsten Bereiche koordiniert, um zum Erfolg zu kommen. Deutschland-Chef Weigl sieht in seinem Nachfolger einen Mannschaftsspieler: "Ihm gelingt es, sein Team hinter unserer Strategie zu vereinen und alle zu Höchstleistungen zu motivieren."

Baumann gibt seinen Leuten, vor allem denen abseits der Zentrale, die Freiheiten, um sich zu entfalten. Das ist auch nötig, denn die Freizeitkicker in Brasilien hätten schließlich ganz andere Vorlieben als etwa die Spieler in den japanischen Ligen. Beides sind aber enorm wichtige Märkte für Adidas. Nur noch etwa 40 Prozent vom Umsatz stammen aus Europa, deshalb verbringt Baumann viel Zeit mit den Adidas-Mitarbeitern in Asien und Amerika. So oft es geht schnürt der Manager bei seinen Reisen die Kickschuhe, denn nichts verbindet die Kollegen in einem Sportkonzern mehr als eine Stunde zusammen auf dem Fußballplatz.

Ein  hart umkämpfter Markt

Es ist durchaus von Vorteil, wenn die Mannschaft harmoniert, denn der Wettbewerb ist beinhart. Adidas sieht sich zwar als klare Nummer eins im Fußballgeschäft. Doch mit Konkurrent Nike, dem größten Sportkonzern der Welt, liefert sich Baumann eine immerwährende Schlacht. Beispiel Sponsoring: Mitunter greifen die Konzerne geradezu aberwitzig tief in die Kasse, um wichtige Ausrüsterverträge zu sichern. So wechselt die französische Nationalmannschaft nach der WM von den Trikots mit den drei Streifen zum Swoosh von Nike.

Den Amerikanern ist der Deal mehr als 40 Mio. Euro im Jahr wert. Umgekehrt hatte Adidas vor zwei Jahren dem Rivalen das russische Team weggeschnappt. Auch um den Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund tobte eine heftige Auseinandersetzung. Dann wäre da als Wettbewerber noch Lokalrivale Puma, der zwar deutlich kleiner ist, für den Fußball aus der Historie heraus aber eine ebenso große Rolle spielt wie für Adidas.

Obwohl er fast täglich mit den Stars im Fußball-Business zu tun hat: Baumann gilt als bodenständig und als sehr umgänglicher Typ, mit den Kollegen ist er per Du. Er trägt Jeans, das Hemd ist offen, wie im ganzen Konzern üblich, und den Kaffee macht er auch für Besucher selbst mit seiner kleinen Maschine im Büro. Das passt zu Adidas, denn Statussymbole sind dem Unternehmen eher fremd. Baumann arbeitet seit Jahren wie Hunderte anderer Mitarbeiter auch in einem Provisorium aus weißen Containern. In neue Gebäude investiert Adidas immer erst dann, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Das Top-Management reiht sich wie selbstverständlich in die Schlangen in der Kantine ein und Flüge in der Holzklasse waren schon vor Beginn der Rezession gang und gäbe.

Die große Bühne im VIP-Bereich der Fußballstadien, nicht unwichtig für die Kontaktpflege mit den Funktionären, überlässt Baumann lieber Vorstandschef Hainer. Der sitzt im Aufsichtsrat des FC Bayern München und ist selbst ein begeisterter Spieler, hat es in seiner aktiven Laufbahn sogar noch einige Ligen weiter nach oben gebracht als Baumann. Immer mal wieder stehen die beiden aber auch zusammen auf dem Platz, zum Beispiel, wenn sie vor Pressekonferenzen mit Journalisten auf dem hauseigenen Platz kicken.

Die großen Einkaufsverbände der Sporthändler bescheinigen Baumann und seiner Truppe, dass sie im Vorfeld der WM in Südafrika ordentliche Arbeit geleistet haben. "Die sind im Fußball gut aufgestellt", lobt Intersport-Chef Klaus Jost. In WM-Jahren steige stets der Anteil der Marke an den Umsätzen der größten europäischen Sporthandelskette.

Richtig stolz ist Baumann vor allem auf seinen "Jabulani", den offiziellen Ball der WM. Unter großer Hitze verschweißt, ist die Plastikkugel rund wie kein Ball zuvor, gleichzeitig ist die Oberfläche aufgeraut für eine optimale Haftung am Schuh. Es ist ein High-Tech-Produkt, das nichts mehr mit den Lederbällen zu tun hat, mit denen Adidas in den 50ern groß geworden ist, die sich bei Regen jedoch mit Wasser vollsogen wie Baumwollsocken.

Wäre der Weltfußballverband Fifa nicht strikt dagegen, Baumanns Leute hätten auch längst Elektronik in die Bälle eingebaut. Damit ließe sich dann einwandfrei feststellen, ob ein Ball im Tor war - oder eben nicht. Auf diesem Feld sieht der Manager in den nächsten Jahren viel Raum für Neuerungen, und damit zusätzliche Umsätze. Schon jetzt müssen die Fans allerdings tief in die Tasche greifen, wenn sie den Original-Ball haben wollen: 120 Euro verlangen die Händler.

Die Weltmeisterschaft selbst wird Baumann nur zum Teil vor Ort miterleben. Die ersten zwei Wochen verfolgt er am Fernseher, erst dann reist er nach Südafrika und stellt wichtigen Kunden die Fußballausrüstung der kommenden Jahre vor. Den Ball der Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und Polen haben die Entwickler schon fast fertig und auch die Muster der Schuhe für die Nationalteams liegen bereits in den Kartons.

Die Partien am Kap kann der Fußballfan gelassen anschauen, schließlich geht gleich ein Dutzend Teams mit den Adidas-Leibchen an den Start, und mit Spanien, Argentinien und natürlich Deutschland stehen die Chancen gut, dass eines bis ins Endspiel kommt.

VITA

Markus Baumann wird 1965 in Hof/Bayern geboren.

In den Jahren 1986 bis 1990 studiert er in Nürnberg an der Fachhochschule Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing.

Bei Adidas beginnt er 1990 als freier Mitarbeiter, ein Jahr später kommt die Festanstellung in der Fußballsparte des Sportkonzerns.

Der Franke wechselt 2001 für zwei Jahre in die Deutschland-Niederlassung von Nike, dem weltgrößten Sportkonzern.

Nach seiner Rückkehr zu Adidas im Jahr 2003 ist Baumann erst für Fußballschuhe und Bälle zuständig, im Herbst 2006 übernimmt er dann das gesamte Fußballgeschäft des Konzerns.

Die Fußball-Weltmeisterschaft dieses Jahr in Südafrika ist der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. Baumanns Sparte soll so viele Schuhe, Trikots und Bälle verkaufen wie noch nie in der Geschichte des Unternehmens.

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