Porträt Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Als Spieleentwickler haben sich die Brüder Yerli weltweit einen Namen gemacht. Sie leiten die Firma Crytek. Ihre Spezialität sind Ego-Shooter. Diese verkaufen sich millionenfach.

Gero Brandenburg | , aktualisiert

Je mehr Action, desto besser. Die Brüder Avni (24), Faruk (23) und Cevat Yerli (16) verbringen jede freie Minute vor dem Rechner und zocken Computerspiele. Es ist das Jahr 1994 und das Trio entdeckt gerade die digitalen Welten. Den PC hat ihnen der Vater spendiert. Das Oberhaupt der Einwandererfamilie aus der Türkei möchte, dass seine Söhne technisch auf dem neuesten Stand sind - und legt so den Grundstein für ein Erfolgsunternehmen. "Mein Vater hatte zwar nie viel Ahnung davon, aber er hat gesagt: Alles was digital ist, hat Zukunft", erinnert sich Avni Yerli.

Er selbst studiert damals Ingenieurwissenschaften an der Fachhochschule in Coburg. Dort hat sich auch Faruk für BWL eingeschrieben. Nur Nesthäkchen Cevat geht noch zur Schule. Er ist derjenige, den der Spiele-Virus am meisten infiziert hat. Nächtelang tüftelt er an der Software, entwickelt Ideen für Computerspiele.

Von der Community zur Firma

Ab 1997 ist seine Seite crytek.com online, sie wird zur Plattform für Programmierer und Designer aus aller Welt. Die technikbegeisterte Community steht in regem Austausch miteinander und bis 1999 entstehen verschiedene Game-Versionen. Sie sind Grundlage für den Erfolg der Yerli-Brüder.

Mit ihrer Firma Crytek entwickeln sie Ego-Shooter. Allein Far Cry, das Spiel, mit dem Crytek seinen Kultstatus in der Game-Szene begründete, wurde seit 2004 mehr als 2,7 Mio. Mal verkauft. Auf der Computerspielmesse E3 in Los Angeles, wo Microsoft für das Spiel "Codename Kingdoms" gerade eine enge Zusammenarbeit mit Crytek angekünfigt hat, zählt das Unternehmen zu den wenigen deutschen Vertretern von Weltrang. 600 Mitarbeiter gibt es mittlerweile: 300 in Frankfurt, die anderen arbeiten in Entwicklungsstudios in Nottingham, Kiew und Budapest. 2010 wird der Umsatz geschätzt bei etwa 60 Mio. Euro liegen.

Von solchen Zahlen kann Ende der 90er-Jahre noch keine Rede sein. Aber die Firma gibt es schon. Der Jüngste der drei Brüder, Cevat Yerli will den Sprung wagen. Aus der Website Crytek soll die Firma Crytek werden. Und dafür braucht er seine Brüder. Also verlässt Faruk die Werbeagentur, in der er arbeitet. Avni kündigt im Ingenieurbüro. Bedenken haben sie nicht. Wenn die Brüder zusammenhalten, so glauben sie, kann nichts passieren.

Für Faruk Yerli sind die Familienbande immens wichtig: "Die Vorteile liegen im Vertrauensverhältnis zueinander. Jeder kann sich voll und ganz auf seinen Bereich konzentrieren." Wenn er in Kiew oder Budapest mit Geschäftspartnern verhandelt, ist klar, dass er auch im Namen seiner Brüder spricht. Faruk ist für das Tagesgeschäft in den Studios zuständig, Avni kümmert sich um die Strategie und Cevat ist der Entwickler. Eine Aufgabenverteilung, die in den vergangenen elf Jahren langsam entstanden ist und die sich bewährt hat.

Die bescheidenen Anfänge hat Crytek hinter sich gelassen. Im Jahr 2010 ist die Unternehmenszentrale an der Hanauer Landstraße im Osten Frankfurts. Es ist ein großes Backsteingebäude im Gewerbegebiet. Auf zwei Etagen tummeln sich die Mitarbeiter in abgedunkelten Großraumbüros. Jalousien halten das Sonnenlicht von den Monitoren fern.

Auch der Konferenzraum ist eher dunkel. Avni Yerli sitzt entspannt am Tisch und trinkt Kaffee. Er spricht gerne über die Firma, über die Spiele und über die Leidenschaft, die ihn und seine Brüder antreibt. Und er glaubt, dass der Weg in die Selbstständigkeit für Südländer ganz selbstverständlich sei. Nur, dass Crytek kein Gemüseladen oder Taxi-Unternehmen ist, sondern eine Softwareschmiede.

Keine Zukunft in der Provinz

Avni Yerli trägt zwar Jeans, das schicke Hemd aber sorgfältig in der Hose. Mit seinen 40 Jahren ist der Erstgeborene der Yerlis etwa zehn Jahre älter als der Durchschnittsmitarbeiter. Die jungen Programmierer und Grafiker tragen fast alle T-Shirt und Kapuzenpulli und machen ihre Raucherpause vor dem Gebäude. Es wird Englisch gesprochen. Bei Crytek arbeiten Leute aus 40 Nationen.

Weil sie ihren Mitarbeitern ein internationales Umfeld bieten wollten, sind die Yerlis 2006 an den Main gezogen. Flughafen und Großstadtflair punkteten gegen fränkische Provinz. "Coburg bietet eine tolle Lebensqualität. Dorthin locken sie aber keine Mitarbeiter", sagt Avni Yerli.

Die Rhein-Main-Region gilt mit 620 Software-Unternehmen und knapp 5800 Beschäftigten als Hauptstadt der Game-Industrie. Und Frankfurt erwidert die Zuneigung. "Crytek hat sich extrem positiv entwickelt und fungiert als Botschafter für die Stadt. Die Yerli-Brüder haben eine Firma mit Weltgeltung aufgebaut", sagt Frankfurts Wirtschaftsdezernent Markus Frank.

An solches Lob müssen sich die Brüder noch gewöhnen. Obwohl es Millionen begeisterter User gibt, tut sich die deutsche Öffentlichkeit immer noch schwer mit der Game-Branche, die 2009 hierzulande einen Umsatz von 1,56 Mrd. Euro hatte. Eine Firma, die Ego-Shooter entwickelt, muss vor allem gegen das negative Image ankämpfen. Dass Crytek Gewerbesteuer zahlt und Arbeitsplätze schafft, wird zweitrangig, wenn es Gewalt an Schulen gibt. Dann werden die Spieleentwickler schnell zum Sündenbock.

Nach dem Amoklauf von Winnenden im Frühjahr 2009 standen Crytek und andere Studios tagelang am Pranger. Wegen Spielen wie Far Cry. Bei Far Cry findet sich der Spieler in einer virtuellen Welt unter Tropensonne und Palmen wieder. Die Idylle trügt. Plötzlich erscheinen skrupellose Söldner und bösartige Mutanten. Einen nach dem anderen bringt sie der ehemalige Elitesoldat Jack Carver zur Strecke. Mit Gewehr, Granate oder im Nahkampf.

Sicherlich ist dieses Spiel nichts für Zartbesaitete. Medienpädagoge Martin Geisler hält den öffentlichen Aufschrei allerdings für unbegründet: "Bei der derzeitigen Verbreitung von Computerspielen ist die Feststellung, dass ein junger Mann Shooter spielt ungefähr so vielsagend, wie die, dass er zuvor Sexfilme gesehen oder Brot gegessen hat."

Finanzielle Engpässe

Ein Grafiker, ein Programmierer und ein Designer sind die ersten Mitarbeiter, die im Jahr 2000 eingestellt werden. Möglich machen es die 70000 US-Dollar, die Crytek vom US-Chip- und Grafikkartenhersteller Nvidia bekommt, nachdem die eigenen Ersparnisse aufgebraucht und Kreditanfragen bei den Banken fehlgeschlagen sind. Ein Jahr später folgt ein noch größerer Coup: Die Brüder treffen sich in Paris mit Yves Guillemot, dem Chef des französischen Spieleherstellers Ubisoft.

Von Vertrags- und Wirtschaftsrecht haben sie wenig Ahnung. Das Wenige, dass sie wissen, haben sie sich im Internet angelesen. Avni Yerli gibt offen zu: "Wir sind da ziemlich naiv drangegangen." Doch Guillemot, der mit vier Brüdern aufgewachsen ist, findet Gefallen an den Yerlis. Nach acht Stunden Verhandlungen bekommen die Newcomer den erhofften Zuschuss: 700000 Euro.

Nicht immer läuft es so glatt mit den Geldgebern. 2002 und 2003 braucht das junge Unternehmen wieder dringend Geld. Mit Mühe und Not finden die Brüder neue Investoren - ohne ihre Eigenständigkeit einzubüßen. "Lieber hätten wir die Firma vor die Wand gefahren, als die Entscheidungsgewalt aus den Händen zu geben", sagt Avni Yerli. Heute gehören der Familie 86 Prozent der Firma, den Rest halten Finanzinvestoren.

2004, nach dreijähriger Entwicklungszeit und Kosten von 5 Mio. Euro, ist Far Cry im Handel - und wird ein Riesenerfolg. Vor allem die neuartige, aufwendige Grafik begeistert die User. Mit Til Schweiger und Ralf Möller in den Hauptrollen wird das Spiel sogar verfilmt, floppt aber im Kino.

Die Yerlis sind nach ihrem Überraschungserfolg eine feste Nummer unter den weltbesten Entwicklungsstudios. Und begehrte Partner. Der Branchenriese Electronic Arts (EA) meldet sich. Bei ihrem zweiten Spiel Crysis, das die Brüder statt mit Ubisoft mit EA entwickeln und das Ende 2007 erscheint, wächst das Budget auf mehr als 15 Mio. Euro. Selbst diese Summe ist schon wieder übertroffen. Crysis 2 soll Weihnachten 2010 in die Läden kommen und hat etwa 30 Mio. Euro gekostet.

Die Story, wonach sich die Hauptfigur durch ein apokalyptisch zerstörtes New York kämpfen muss, stammt von Star-Autor Richard Morgan. Hinzu kommt ein bis zu 250 Mann starkes Team von Programmierern, Zeichnern und Designern, das drei Jahre lang am Spiel arbeitet. Der Preis: 55 Euro.

Videospiele für PC oder Konsolen wie Playstation und Xbox 360 haben allerdings Konkurrenz bekommen. Sehr gefragt sind kostenlose Online-Games. Dabei zahlt der User nur für zusätzliche Items. In diesem Segment gehören deutsche Firmen wie Gameforge zu den Marktführern. Crytek lässt derzeit im Studio Kiew sein erstes Online-Game entwickeln. Details will Avni Yerli noch nicht verraten. Aber die Unterhaltungsmaschine läuft. Ganz klar: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

VITAE

Die Brüder Avni und Faruk Yerli werden 1970 bzw. 1971 in Inisdibi in der türkischen Provinz Giresum geboren.

Die Familie zieht 1975 nach Deutschland um und lässt sich in Coburg nieder. Dort kommt Cevat Yerli (32) zur Welt.

Nach dem Abitur studiert Avni Yerli an der FH Coburg Ingenieurwissenschaften, Faruk wählt BWL. Mit Cevat verbringen sie ihre Freizeit meist vor dem Computer.

Mit ihrer Firma Crytek machen sie sich 1999 selbstständig. Ein Jahr später finden sie den ersten Geldgeber, 2001 folgt der Vertrag mit Spielehersteller Ubisoft, der ihnen 700000 Euro einbringt.

Ihr Debüt Far Cry erscheint 2004 und wird ein großer Erfolg. Bis heute verkaufte sich der Ego-Shooter 2,7 Millionen Mal. Ende 2007 folgt ihr nächstes Spiel Crysis.

Frankfurt am Main wird ab 2006 Sitz der neuen Crytek-Zentrale. Das Unternehmen hat Entwicklungsstudios in Nottingham, Kiew und Budapest.

Ende 2010 soll Crysis 2 (Kosten: 30 Mio. Euro) in den Handel kommen. In Planung ist das Spiel Codename Kingdoms.

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