Porträt: Michael Vassiliadis Der die Chemiebranche rockt

Michael Vassiliadis, der Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie ist einer der einflussreichsten Gewerkschafter des Landes. Er entscheidet bei BASF, Henkel und K+S über Standorte und Arbeitsplätze mit und hat gute Drähte nach Berlin.

Jürgen Salz, Bert Losse | wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Sergej-Khackimullin/Fotolia.com

Zwischen Konzert und Besprechung

Die Band heißt No time, und der Name ist Programm. Denn die Amateurmusiker aus dem Großraum Hannover, die bevorzugt Rock- und Pop-Klassiker zum Besten geben, finden kaum Zeit zum Proben, geschweige denn für Konzerte.

"Wenn wir uns treffen und zusammen spielen, macht es immer noch viel Spaß. Aber wir treten derzeit bestenfalls mal auf privaten Geburtstagsfeiern auf", erzählt Gitarrist Michael Vassiliadis. Insbesondere Vassiliadis, Sohn eines Griechen und einer Deutschen, leidet ständig unter Zeitmangel.

Mal steht bei dem Hobbymusiker, dessen Wohnung zwölf Gitarren beherbergt, ein Termin mit der Kanzlerin an, dann wieder eine Aufsichtsratssitzung bei BASF, Henkel oder dem Düngemittelkonzern K+S.

Typ freundlicher Buchhalter

Kürzlich tagte die RAG-Stiftung, wo Vassiliadis über die Zukunft des deutschen Steinkohlebergbaus und den Börsengang des Chemiekonzerns Evonik mitentscheidet.

Der 48-Jährige, Typ freundlicher Buchhalter, ist der Chef von Deutschlands drittgrößter Gewerkschaft, der IG Bergbau, Chemie, Energie, kurz IG BCE. Öffentlich ist Vassiliadis weniger präsent als sein polternder Kollege Frank Bsirske von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi oder als der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber.


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Leise Töne
 

Der Stones- und Beatles-Fan greift zwar privat schon mal gern krachend in die Gitarrensaiten, bevorzugt aber als Arbeiterführer eher die leisen Töne. Sein Einfluss ist jedoch mindestens genauso groß wie der von Bsirske und Huber.

Vor allem in der Chemie entscheidet Vassiliadis mit, wenn um Standorte und Arbeitsplätze gerungen wird – vor und hinter den Kulissen. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Gewerkschaftsboss nicht: "Wenn es etwas zu besprechen gibt, stehen uns die Türen im Kanzleramt offen", sagt Vassiliadis.

Das Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel sei "sachlich und vertrauensvoll". Manager sind für ihn "Sparringspartner auf Augenhöhe". Der Top-Arbeitnehmervertreter pflegt einen guten Draht zu BASF-Chef Kurt Bock, Henkel-Boss Kasper Rorsted, dem K+S-Vorstandsvorsitzenden Norbert Steiner sowie zu Evonik-Chef Klaus Engel.

Aus kleinen Verhältnissen

Der gelernte Chemielaborant, der nie studierte, hat sich nach ganz oben gekämpft. Er wuchs zunächst in Essen auf, dann in einer vorwiegend von Arbeitern und Migranten bewohnten Werkssiedlung in Dormagen bei Köln, im Schatten des Bayer-Kreuzes.

Der Vater, ein griechischer Gastarbeiter, fuhr 27 Jahre lang Schichten im dortigen Bayer-Werk. Die Mutter, eine gebürtige Essenerin, gab dem Sohn mit, dass er es einmal besser haben sollte. Nach der Realschule, wo er es bis zum Schülersprecher brachte, ließ sich Vassiliadis bei Bayer ausbilden – und merkte bald, dass er vom Leben mehr erwartete als Röhrchen und chemische Elemente.


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Weg zur Spitze der IG BCE

Zu Beginn der Achtzigerjahre trat der junge Mann erst in die Gewerkschaft und dann in die SPD ein. Nach insgesamt sechs Jahren Bayer wechselte Vassiliadis 1986 als hauptamtlicher Funktionär zur damaligen IG Chemie-Papier-Keramik, wurde 1994 mit 29 Jahren der jüngste Bezirksleiter der IG Chemie und weitere drei Jahre später Büroleiter des IG- BCE-Chefs Hubertus Schmoldt, der ihn zum Nachfolger aufbaute.

2009 beerbte Vassiliadis dann Schmoldt. Zuvor hatte der aufsteigende Gewerkschafter bereits die Hauptverwaltung der IG BCE in Hannover umorganisiert. Vassiliadis führte Teamarbeit ein und sorgte für transparente Entscheidungsfindung, was besonders bei jüngeren Mitarbeitern für einen Motivationsschub sorgte.

"Heute wird in der IG BCE offener diskutiert als früher", sagt ein damaliger Weggefährte. Irgendwann zahlte Vassiliadis den Preis für sein hohes Arbeitspensum. Seine Ehe scheiterte, die beiden Söhne sieht der geschiedene Vater nur an den Wochenenden.

Super-Gewerkschaft EIWF

Der Rastlose ist inzwischen auch Präsident der Föderation Europäischer Bergbau-, Chemie und Energiegewerkschaften (EMCEF) in Brüssel. Die führt zwar keine Tarifverhandlungen, versucht aber, in Brüssel die arbeits- und sozialrechtlichen Vorstöße der EU-Kommission zu beeinflussen.

Am 16. Mai fusioniert die EMCEF mit den europäischen Gewerkschaftsdachverbänden der Metall- und Textilindustrie zur neuen Super-Gewerkschaft EIWF (European Industrial Workers Federation), die rund acht Millionen Industriebeschäftigte in Europa vertritt.


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Auf der Seite der Unternehmenchefs

Einziger Kandidat bei der Präsidentenwahl ist Michael Vassiliadis, bestätigte ein IG-BCE-Sprecher der WirtschaftsWoche. Wer dem Spitzen-Gewerkschafter konzentriert zuhört, könnte meinen, einen Unternehmer oder Arbeitgebervertreter vor sich zu haben.

Vassiliadis will die "Wettbewerbsfähigkeit der Industrie stärken", "Standortfragen mehrdimensional betrachten" und plädiert dafür, "nicht nur Verteilungsfragen, sondern auch Zukunftsinvestitionen anzugehen". Wenn es um grüne Gentechnik bei BASF oder um eine umstrittene, oberirdische Kohlenmonoxid-Pipeline bei Bayer geht, steht Vassiliadis fest an der Seite der Unternehmenschefs.

Häufig klagt der Gewerkschafter wie die Top-Manager über die Fortschrittsfeindlichkeit der Deutschen, von Klassenkampf keine Spur. Als Agitator für die Marktplätze der Republik taugt Vassiliadis nur bedingt.

Gegenmodell zu Verdi und zur IG Metall

Die IG BCE ist mit ihrem konsensorientierten Kurs seit jeher das Gegenmodell zu Verdi und zur IG Metall. Den letzten Streik in der Chemiebranche gab es 1971. Zum Schaden der Arbeitnehmer war das nicht: Schrumpften die Realeinkommen in Deutschland insgesamt von 2000 bis 2010 um 4,2 Prozent, gab es in der Chemieindustrie ein reales Plus von rund acht Prozent, zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Damit honorierten die Firmenchefs den Tariffrieden in ihren Unternehmen. Bei der aktuellen Tarifrunde – das erste Spitzengespräch findet am 7. Mai statt – fordert die IG BCE zwar stolze sechs Prozent mehr Lohn. Weder im Arbeitgeber- noch im Gewerkschafterlager glaubt allerdings jemand, dass die Tarifrunde eskaliert.
 


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Nicht auf Krawall gebürstet

Wahrscheinlich ist ein Abschluss mit einer Vier vor dem Komma. Im Gegenzug dürfte die Gewerkschaft den Unternehmen bei den Arbeitszeiten entgegenkommen. Auch während der jüngsten Rezession bürstete Vassiliadis seine Mitglieder nicht auf Krawall, sondern schmiedete mit den Arbeitgebern ein "Krisenbündnis Chemie".

Für die 550.000 Beschäftigten der Branche gab es zwar eine Nullrunde beim Lohn, dafür aber eine weitreichende Beschäftigungsgarantie. Als erstem Gewerkschaftschef gelang es Vassiliadis zudem, ein Abkommen mit der Zeitarbeitsbranche über die gleiche Bezahlung von Leih- und Stammpersonal zu erreichen.

Das mit dem Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister vereinbarte Regelwerk tritt aber erst in Kraft, wenn auch die anderen Arbeitgeberverbände der Zeitarbeitsbranche zustimmen und die weiteren DGB-Gewerkschaften in ihrem Bereich ähnliche Equal-Pay-Regeln vereinbaren.

Der Pragmatiker

"Ich bin ein Pragmatiker, der strategisch denkt", sagt Vassiliadis über sich. 2011 war der Pragmatiker mit SPD-Parteibuch auf der Klausurtagung der CDU in Mainz zu Gast und referierte dort über Industrie- und Innovationspolitik.

Im gleichen Jahr berief die Kanzlerin den Chemie-Gewerkschafter in die Ethikkommission, die klären sollte, ob der Atomausstieg innerhalb eines Jahrzehnts machbar sei. Und Vassiliadis fuhr gemeinsam mit Kanzleramtsminister Ronald Pofalla sowie Norbert Röttgen, Bundesumweltminister und NRW-Landeschef der CDU, ins Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop ein, um sich vor Ort über den deutschen Steinkohlebergbau zu informieren.
 


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Die Verbindungen des Strippenziehers

Als der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle vor etwa zwei Jahren die Subventionen für die Steinkohleförderung bereits 2014 statt 2018 auslaufen lassen wollte, intervenierte Vassiliadis bei EU-Energiekommissar Günther Oettinger, bat um einen Termin bei Brüderle und forderte die Regierung auf, "endlich mit einer Stimme zu sprechen".

Eine frühzeitige Schließung hätte mehr Arbeitslose und höhere Belastungen für die Steuerzahler bedeutet, argumentierten die Gewerkschaften. Am Ende blieb es beim Stichjahr 2018.

Manchmal klappt es mit der Interessenvertretung der Arbeitnehmer bei dem Pragmatiker allerdings nicht so ganz. So hatte Vassiliadis 1999 im Aufsichtsrat von Henkel die Ausgliederung der Chemiesparte mitgetragen. Die ging dann unter dem Namen Cognis an die Finanzinvestoren Permira und Goldman Sachs, die dem Unternehmen Schulden aufbürdeten und Arbeitsplätze abbauten.

Ausgleich für Cognis

Vassiliadis hatte der Belegschaft einen Bärendienst erwiesen. Kein Wunder, dass er 2010 im BASF-Aufsichtsrat darauf drängte, dass die Ludwigshafener bei Cognis zuschlagen. Als Permira Kasse machen wollte, bot neben BASF auch ein US-Unternehmen mit.

"Uns ist nicht egal, wo das Unternehmen hingeht", hieß es seinerzeit im Umfeld von Vassiliadis. Für 3,1 Milliarden Euro übernahm BASF schließlich die einstige Henkel-Chemie.


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Krisenkonzept für K+S

Vor einigen Jahren hat sich Vassiliadis dafür eingesetzt, dass die BASF ihre europaweiten Personal- und Finanzdienstleistungen in Berlin bündelt statt im billigeren Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei. Es ging immerhin um 600 Arbeitsplätze.

Und als beim Düngemittelkonzern K+S 2003 die Gewinne im Kalibereich einbrachen, organisierte IG-BCE-Funktionär Vassiliadis ein informelles Treffen zwischen Arbeitnehmervertretern und Vorstand. Ergebnis: Die Beschäftigten verlängerten ihre Arbeitszeit ohne Lohnausgleich; dafür sollten sie in besseren Zeiten stärker am Gewinn beteiligt werden.

"Herr Vassiliadis ist ein kluger und verlässlicher Gesprächspartner, ich arbeite gern mit ihm zusammen", lobt K+S-Vorstandschef Norbert Steiner seinen Aufsichtsrat.

"Werte, Wisse, Wachstum"

Einen guten Draht hat Vassiliadis auch zu Klaus Engel gefunden, dem Chef des Essener Chemiekonzerns Evonik und Präsidenten des Verbandes der Chemischen Industrie. Der gebürtige Duisburger Engel und der gebürtige Essener Vassiliadis haben vor zwei Jahren gemeinsam das Buch "Werte, Wissen, Wachstum" herausgegeben, in dem fast 40 namhafte Autoren darüber schrieben, was Deutschland tun müsse, um den Aufschwung zu stabilisieren.

Auf Veranstaltungen diskutieren Engel und Vassiliadis schon mal miteinander über die Energiewende und die Zukunft des Ruhrgebiets.


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Gerangel in der RAG-Stiftung

Über die Zukunft von Evonik entscheidet Vassiliadis in der RAG-Stiftung mit. Im Kuratorium der Stiftung, die fast 75 Prozent der Anteile am Chemiekonzern Evonik hält, sitzen neben dem Gewerkschafter unter anderem auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sowie die Ministerpräsidentinnen von Nordrhein-Westfalen und des Saarlandes.

Die RAG-Stiftung organisiert die Abwicklung des subventionierten deutschen Steinkohlebergbaus und soll von 2019 an die sogenannten Ewigkeitskosten finanzieren, etwa Berg- und Grundwasserschäden. Um das Geld hereinzuholen, hat Vassiliadis kürzlich mitentschieden, Evonik möglicherweise noch im ersten Halbjahr 2012 an die Börse zu bringen.

Kein Wunschkonzert

Dem Gewerkschafter ist es aber noch nicht gelungen, auf der Suche nach einem Nachfolger für Stiftungschef Wilhelm Bonse-Geuking seinen Wunschkandidaten Werner Müller durchzusetzen.

Müller war Bundeswirtschaftsminister unter Kanzler Gerhard Schröder und von 2003 bis 2008 Chef der Ruhrkohle AG (RAG), aus der später Evonik entstand.

"Einige Kuratoren haben lange sinnvolle Lösungen blockiert, ohne selbst einen einzigen Personalvorschlag auf den Weg gebracht zu haben", klagt Vassiliadis. Die Gegner befürchteten wohl, dass Müller sein Amt zur politischen Profilierung missbrauchen könnte. Nicht immer läuft also für den Strippenzieher Vassiliadis alles nach Wunsch.


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Kritik am DGB

Das Verhältnis zu DGB-Chef Michael Sommer etwa gilt als unterkühlt: Vassiliadis hält den Dachverband der Gewerkschaften für reformbedürftig und zu teuer – und sagt das auch ganz unverblümt: "Die derzeitige Aufgabenverteilung zwischen DGB und Einzelgewerkschaften stammt aus dem Jahr 1949. Sie erscheint mir ineffizient und nicht schlüssig."

Spätestens auf dem nächsten DGB-Bundeskongress 2014 will er eine nachhaltige Organisationsreform durchsetzen. Aus der Tarifpolitik etwa solle sich der DGB besser heraushalten.

Ärger über Eon

Kürzlich ärgerte er sich zudem öffentlich darüber, dass der Düsseldorfer Energieriese Eon an den Gewerkschaften vorbei den Abbau Tausender Stellen angekündigt hatte: "Eon hatte zunächst weder mit den Arbeitnehmervertretern noch mit den Oberbürgermeistern der betroffenen Städte gesprochen. So geht das nicht – und das Unternehmen hat ja daraus auch gelernt."

Misslich für Vassiliadis ist daran auch, dass Verdi bei Eon über mehr Einfluss verfügt als die IG BCE. Beide Gewerkschaften sind im Unternehmen vertreten.

Arbeitsplatzabbau, Energiewende, Tarifverhandlungen – es sind aufreibende Zeiten für Deutschlands ersten Gewerkschaftsboss mit Migrationshintergrund. Wenn er mal wirklich abschalten will, geht Vassiliadis zu Hause in den Keller. Dort hat sich der Hobbymusiker ein eigenes Tonstudio eingerichtet, um Songs aufzunehmen – "zur Tiefenentspannung".

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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