Porträt Gegenentwurf zur Altherren-Vorstandsriege

Amel Karboul coacht Top-Manager, dabei ist die Tunesierin ihr genaues Gegenteil. Trotzdem oder gerade deshalb ist sie so erfolgreich - nicht nur im Beruf, sondern auch Privat. Ein Leben zwischen Deutschland und Tunesien, zwischen Job und Familie.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Der Oberkörper nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf den Tisch gelehnt. Amel Karboul sitzt in einem Kölner Restaurant, hat gerade erst ein Coaching abgeschlossen - ein anstrengender Termin. Sie entschuldigt sich, falls sie etwas müde wirken sollte - und gönnt sich trotzdem keine Atempause.

Stattdessen wirft sie Fragen in den Raum. Was würde sich ändern, wenn Sie die Entscheidung getroffen haben? Wenn Sie sich entschieden hätten, was wäre gut, was nicht? Muss man es überhaupt jetzt entscheiden? "Mein Job ist es, Fragen zu stellen", sagt sie und lächelt fast entschuldigend. Die 36-Jährige berät Unternehmen und coacht hochrangige Manager weltweit, in Deutschland stehen Dax-Konzerne wie Daimler, Lufthansa, SAP und Deutsche Telekom auf ihrer Kundenliste.

Für die Riege der Unternehmenslenker ist Amel Karboul schon allein durch ihren Auftritt eine Herausforderung. Sie ist das genaue Gegenteil jener Herren, die deutsche Vorstandsetagen bevölkern. Ihre durchschnittlichen Kunden sind weiß, ihre langen schwarzen Haare umrahmen hingegen braune Haut. Christlich trifft auf muslimisch, alt auf jung, Mann auf Frau.

Kaum jemand dürfte besser geeignet sein, jene Widersprüche zusammenzuführen. Denn Karboul wandelt ständig zwischen den Welten - Deutschland, Tunesien, USA - und formt aus diesen verschiedenen Perspektiven ihren ganz eigenen Blickwinkel. Sie ist eine Minderheit in der Managerwelt - und ist trotzdem oder gerade deshalb so erfolgreich.

Hilfe zur Bewältigung globaler Herausforderungen

Internationalisierung treibt die Unternehmen, nicht erst seit der Krise stehen viele vor komplexen, globalen Herausforderungen. Es sind goldene Zeiten für eine wie Karboul, die mit ihrer Firma "Change, Leadership & Partners" versucht, Perspektiven aufzuzeigen. Zu ihr kommen Manager, die für sich oder ihr Unternehmen einen neuen Weg einschlagen wollen, eine Neuordnung bewältigen müssen, die eigenen Ziele infrage stellen. Karboul geht dann auch schon mal mit einem Kunden spazieren, unterhält sich vier Stunden mit ihm über seine Ziele und Entscheidungsprobleme. Das Gespräch liegt wenig später auf drei Seiten zusammengefasst auf seinem Schreibtisch.

"Amel kann ohne Umschweife auf den Punkt kommen, weil die Kunden ihr vertrauen. Sie merken, dass Amel keine Spielchen spielt und diese auch nicht zulässt", sagt Michael Stanislawski, selbst erfahrener Coach. Ihr Ansatz nennt sich systemische Organisationsberatung: Man muss die Menschen, Mitarbeiter oder Manager in ihrem jeweiligen Umfeld sehen, um Lösungen zu finden.Zu ihr kommen aber auch Manager, die einfach von anderen lernen wollen.

Es ist ein Freitagnachmittag Ende Februar. Karboul leitet einen Workshop im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn und spricht über Learning Journeys - Reisen, die sie für Unternehmen organisiert und begleitet. Sie berichtet über Führungskräfte eines deutschen Unternehmens, die sie mit auf eine Tour durch die amerikanische Wirtschaft genommen hat.

Eine Woche lang, jeden Tag ein anderes Unternehmen, andere Manager, die sie mit ihren Fragen löchern konnten. Sie wollten erfahren, wie man in anderen Branchen Probleme löst, wie Amerikaner an Fragestellungen herangehen. Es geht nicht darum, Stereotypen zu pauken. Das Wichtigste, was sie den Kunden mit auf den Weg gibt, ist ihr eigenes Credo: "Wie verändere ich meine Haltung so, dass ich neugierig bleibe?"

Ihre Folien sind so gradlinig wie die Rednerin. Keine Rahmen, Schnörkel, oder überfrachtete Seiten. Stattdessen weißer Grund, ihr Name, das Datum, wenige Stichworte zu dem, was sie gerade erzählt. Und private Einblicke. Auf der Folie mit dem Titel "Kernteam", die der Beamer an die Wand wirft, versucht sie die Stimmung in dem Unternehmen während der anstrengenden Vorbereitung der Reise in Worte zu fassen. Ein Bild reicht: Drei Kinder auf dem Rücksitz eines Familienvans. Sie schlafen, sichtlich erschöpft, die Wangen gerötet. Lachen geht durch die wenigen Reihen, entwaffnend offen sagt Karboul: "Meine Tochter, Nichte und Neffe, nach einem schönen Tag am Meer."

Amel Karboul hat kein Problem damit, ihr Privates nach Außen zu tragen. "Ich finde es Schwachsinn, als Karrierefrau seine Kinder zu verstecken. Meine zwei Töchter sind eine riesige Lernquelle, ich bin auch hochschwanger zu einem Dax-Vorstand gegangen und habe ein Akquisegespräch durchgezogen." Zu Beginn hat sie die Älteste sogar zu ihren Beratungsterminen mitgenommen. Wenn die Kleine gestillt werden musste, machten sie halt eine Pause. Für deutsche Manager undenkbar.

Karboul glaubt, dass ihr Background in Deutschland mehr Hindernis, als Vorteil ist. "Sowohl Vorteil, als auch Nachteil", sagt Gustav Seehusen, der mit ihr und anderen Beratern das Programm International Business Coaching aufgezogen hat. "Viele reifere, männliche Führungskräfte schätzen genau das an ihr und nehmen es an."

Zurück in Bonn. Es ist noch genug Zeit, doch die Seminarleiterin mahnt zur Eile. Karboul drückt den Rücken durch, stellt sich vor die Gruppe. "Wer will das genauer hören, Hand hoch." Etliche schnellen nach oben. Sie macht weiter. Nicht reden, handeln. Sie wird schnell ungeduldig, wirkt leicht genervt, wenn es nicht so geht, wie sie will.

Karboul, aufgewachsen in einem fünfsprachigen Haushalt, arbeitet mit internationalen Managern, wandelt ständig zwischen den Welten. Seehusen kennt ihre vielen Gesichter: "Im Deutschen fühlt sie sich manchmal eingeengt" Wenn sie im internationalen Umfeld arbeiteten und Karboul Englisch spreche, sei sie viel gelöster, lockerer und lache mehr, sagt er. Im Deutschen käme mehr Tiefgang durch. "Sie arbeitet äußerst wissenschaftlich und analytisch, nicht zuletzt auch wegen des Ingenieurstudiums", sagt Eva Nell, die ebenfalls selbstständige Beraterin ist.

Deutschland statt USA

Das Ingenieurstudium in Deutschland - es war der Türöffner in eine neue Welt. Geboren wurde sie in Tunis, als Tochter eines politischen Beamten. Nach dem Abitur will sie 1991 in den Westen gehen. Für die USA gibt es kein Visum, es ist Golfkrieg. Also wird es Deutschland - zunächst ein Schock. "Als ich am ersten Tag den Vorlesungssaal betrat, saßen da 450 Männer. Die haben mich angestarrt, als käme ich vom Mond", sagt Karboul. Auf diesen Schock hatte niemand sie vorbereitet. Nicht die Broschüren, nicht der DAAD, nicht die Eltern. "Niemand hat mir gesagt, dass in Deutschland nur Männer ein Ingenieurstudium machen." Aber Karboul macht, was sie kann: Sie kämpft. Das Studium macht ihr Spaß.

Nach dem Diplom in Karlsruhe steigt sie bei Daimler als Trainee ein. Und merkt, wie verkrustet die Strukturen in deutschen Großkonzernen damals sind. "Ausländische Trainees hatten es schwerer, danach ein Jobangebot im Unternehmen zu bekommen", sagt Karboul. Sie bekommt dennoch eines, bleibt sechs Jahre, geht dann in die Beratung, zunächst zur Boston Consulting Group, dann als geschäftsführende Gesellschafterin zur Berater- und Forschergruppe Neuwaldegg nach Wien.

Dass sie nicht als Ingenieurin arbeiten will, weiß sie schon im Traineeprogramm. "Zwei Jahre lang die Hinterachse eines Lkws zu konstruieren, finde ich überhaupt nicht spannend. Anspruchsvoll, aber monoton", sagt sie.

Bei Neuwaldegg bleibt sie fünf Jahre, bevor sie sich selbstständig macht. Drei Büros führt sie heute: in Köln, in Tunis und in einer Kleinstadt im US-Bundesstadt Virginia. Ihre Assistentin und die Buchhaltung arbeiten in Tunesien. Karboul hat Kunden weltweit, wegen der Kinder hat sie die USA in den vergangenen Jahren ein wenig vernachlässigt, will nun stärker in Asien Aufträge annehmen.

Karboul pendelt nicht nur im Herzen zwischen den Welten. Sie hat zwei Wohnsitze, ein Haus in Tunis, eines in Köln. Eigentlich ist es egal, wo sie wohnt. "Es macht doch keinen Unterschied, ob ich von Köln oder Tunis nach Rom fliege", sagt sie. Etwa ein halbes Jahr lebt sie in Tunis, den Rest in Köln. Die beiden Töchter sind meist dabei. Karboul hat früher Kinderbücher immer doppelt gekauft. Wenn sie unterwegs war, las sie der Tochter am Telefon oder via Skype vor, am anderen Ende konnte die Kleine die Bilder mitverfolgen. Das hat sie erst einmal eingestellt, doch wenn die 13Monate alte jüngere Tochter älter ist, führt sie das vielleicht wieder ein. "Früher hatten wir fast alles dreifach - Sommer-, Winterkleidung, Computer, Drucker", sagt Karboul. Sie hat das reduziert.

Was ist Heimat?

Ein Leben, wie Karboul es führt, wirft viele Fragen auf. Zum Beispiel, was ist Heimat für jemanden, der in einem fünfsprachigen Haushalt aufgewachsen ist und selbst mühelos zwischen Arabisch, Englisch, Deutsch und Französisch wechseln kann? "Im Beruf bin ich schon ziemlich deutsch", sagt Karboul. Zuverlässig, strukturiert, mit hohem Qualitätsanspruch. Doch im Privaten sei sie sehr arabisch geprägt. Eigentlich ist sie ein Weltbürger, so schrecklich dieses Wort auch klingt. "Wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich nicht deutsch, wenn ich in Tunesien bin, nicht tunesisch."

Ohne exakte Organisation funktioniert das Leben der Familie nicht. Ihr Mann, ein Deutscher, katholisch, selbstständig wie sie, reist genauso oft, arbeitet auch mal von Tunis aus, wenn sie und die Kinder dort sind. Sie haben einen Online-Kalender, eine Spalte für die Familie, eine für sie, eine für ihren Mann. So weiß jeder, wer wann wo ist.

Karboul versucht, im Schnitt nicht mehr als zweieinhalb Tage in der Woche von den Töchtern getrennt zu sein. Wenn sie und ihr Mann unterwegs sind, springen die Großeltern ein. Fliegen ein, aus Valencia, wo die Eltern ihres Mannes leben, oder aus Tunis. Karboul erklärt ihr Familienleben mit einem Satz, den sie auch gerne den Kunden sagt: "So kompliziert wie das klingt, ist es gar nicht."

Vita

1973 Sie wird in Tunis/Tunesien geboren.

1991 Nach dem Abitur kommt sie zum Ingenieurstudium nach Karlsruhe.

1996 Sie steigt als Trainee bei Mercedes-Benz ein.

1997 Karboul beginnt im Einkauf bei Daimler-Chrysler, kümmert sich schon hier um Innovationsmanagement.

1999 Sie wechselt in die Daimler-Chrysler Corporate University und macht parallel die erste Weiterbildung zum Thema Coaching. Weitere Ausbildungen in Europa und in den USA folgen.

2002 Karboul zieht nach Wien und wird geschäftsführende Partnerin bei der Beratungsgruppe Neuwaldegg.

2007 Sie gründet ihre Beratung Change, Leadership & Partners mit Schwerpunkt systemische Organisationsberatung und Manager-Coaching, heute hat sie Büros in Tunesien, Deutschland und in den USA.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...