Porträt Für die rosarote Brille ist kein Platz

Beatrice Rodenstock hat mit der Tradition des Familienbetriebs gebrochen. Statt den Brillenhersteller zu übernehmen, hat sie ein eigenes Unternehmen gegründet. In diesem berät sie Unternehmer, wie sie ihr Lebenswerk sichern können.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Beatrice Rodenstock schiebt keine Bugwelle vor sich her, noch nicht mal das Geklapper hochhackiger Schuhe kündigt sie an. Leise betritt die 37-Jährige den Raum. Ihr ungeschminktes Gesicht zeigt noch Spuren einer Erkältung, mit der sie sich bei ihrer kleinen Tochter angesteckt hat. Als Accessoires reichen ihr eine schlichte Uhr am Handgelenk und ein Brilli am linken Ohrläppchen.

Was, das ist die Rodenstock? Die Erbin des deutschen Brillenimperiums, die eigentlich als mondäne Chefin à la Jette Joop die Geschicke der Traditionsfirma lenken könnte und wohl auch sollte?

Was macht eine Frau wie sie bloß in diesem winzigen Büro in der Münchener Innenstadt, das sie sich noch dazu mit einer Kollegin teilt?

Ihr Kabuff ist höchstens zehn Quadratmeter groß, eher dunkel und vollgestopft mit zwei Schreibtischen plus Besprechungstischchen, umgeben von Wackelstühlen, Marke Ikea.

Gleich gegenüber, über den Flur sitzt Vater Randolf Rodenstock, Ex-Patriarch des Optikkonzerns und bis dato noch Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. "Praktisch" findet sie ihre gemeinsame Büroetage. Besonders dann, wenn sie, die Tochter, den eigenen Vater engagiert - als Fachmann für rückzugsreife Geschäftsinhaber.

Denn die junge Frau ist zwar Chefin, doch nicht von Rodenstock. Anstatt Nachfolgerin zu sein, berät sie mit ihrer Firma Naviget Unternehmer, die sich in den Ruhestand verabschieden und ihr Lebenswerk übergeben wollen.

Und da kennt Rodenstock sich aus. Sie weiß nur zu gut um die Stolpersteine, die einer erfolgreichen Übergabe im Weg stehen: Ganz egal, ob es um Patriarchen geht, die nicht loslassen können, oder um den Ausverkauf an Finanzinvestoren.

Es ist nicht nur ihre persönliche Erfahrung, auch die einst klangvolle Marke Rodenstock hat gelitten. Das Traditionshaus mit noch rund 4 200 Mitarbeitern ist zum Spielball von Spekulanten geworden und kämpft seit Jahren ums Überleben. Nachdem Randolf Rodenstock seine Firma 2007 komplett an den Finanzinvestor Permira verkauft hatte, stieg Bridgepoint ein und verhob sich.

In einer Notoperation soll nun ein dritter Finanzinvestor, Trilantic Capital Partners, die Schulden von rund 600 Millionen Euro schultern. Für Umsatzplus sollen zusätzliche Aufträge als Lizenzhersteller sorgen. Eine rosarote Brille hatte Beatrice Rodenstock zwar noch nie auf der Nase, doch ihr Vater, der lieber Lateinlehrer geworden wäre, vom Großvater aber in die Rolle des Unternehmers gezwungen wurde, wollte seiner Tochter die Wahl lassen. Wenigstens sie sollte ihren eigenen Weg finden und gehen dürfen.

Die Bürde der Freiheit

Doch jeder Mensch ist anders: Die Freiheit, selbst zu entscheiden, für die der Vater so sehr gekämpft hatte, machte die Tochter ratlos: "Ich habe kein herausragendes Talent, wusste nie klipp und klar, ich will Ärztin oder Juristin werden", sagt sie.

So geht sie nach dem Abitur für ein praktisches Jahr zur Modefirma Cerruti nach Paris. Als ihr Vater zu Besuch kommt, eröffnet sie ihm, dass sie Soziologie studieren will. Die Gabel fällt ihm beinah aus der Hand und er schnappt nach Luft, denn er fürchtet: "Das ist doch nur ein Ausweichfach und ein Abschluss, mit dem man nichts Gescheites werden kann."

Doch die Tochter will herausfinden, was Menschen, Organisationen und die Gesellschaft antreibt und zusammenhält. Mit den Nebenfächern Psychologie und Wirtschaft glaubt sie, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, denn sie will in die Entwicklungshilfe. "Da hatte ich den Eindruck, sie hat sich diese Entscheidung sehr gut überlegt und übernimmt Verantwortung", sagt er rückblickend.

Doch ihrem Drang zu helfen steht ihr wichtigstes Ziel - die finanzielle Unabhängigkeit - entgegen. Eine Tochter aus reichem Haus, die unbedingt auf eigenen Beinen stehen will? Kaum zu glauben. Doch sie bewegt ein starker Motivator: Angst. "Ich habe das Thema Firma sehr oft als existenziell bedrohlich empfunden", sagt sie. Schon als Kind hatte sie gespürt, dass den Vater Probleme quälen. Erst später verstand sie, was da los war.

Nachdem Großvater und Vater 14Jahre als persönlich haftende Gesellschafter mehr schlecht als recht zusammengearbeitet hatten, durfte der Sohn 1989 ganz das Ruder übernehmen. Er krempelte den Laden um: Massenentlassungen und Werksverlagerung vom Bayerischen Wald nach Malta, später nach Thailand. Es war höchste Zeit. "Mein Bruder und ich wussten genau, wir hängen da drin. Mit allem, was wir haben."

Dass ihr Vater die Trekking-Reise im Himalaya, die er seiner Frau zum 40. Geburtstag geschenkt hatte, absagen musste, ist einer von vielen Tributen. Die Tochter wollte deshalb nie "so stark vom Wohl und Wehe der Firma abhängig sein".

Der Berufseinstieg bei DaimlerChrysler

Während ihres Studiums in München merkt Beatrice, dass eine Stelle in der Organisationsentwicklung spannend und lukrativ sein könnte. Die frischgebackene Diplom-Soziologin steigt 1998 beim DaimlerChrysler-Konzern als firmeninterne Unternehmensberaterin ein. Sie soll helfen, die Kulturen der beiden Automobilhersteller zu verweben. Nebenbei studiert sie an der Elite-Uni in Sankt Gallen. "Bilanzen lesen, Gewinn- und Verlustrechnung, Finanzierung - das wollte ich noch gründlicher lernen", sagt sie.

Der MBA-Abschluss bedeutet für die Angestellte 18 Monate arbeiten und pauken rund um die Uhr, jeden Tag. Doch sie weiß auch, was wirklich wichtig ist im Leben. Als sie eines Morgens in der Schweiz erfährt, dass der Vater ihres besten Freundes gestorben ist, lässt sie alle Bücher liegen. "Knapp zwei Stunden später war sie bei mir in München", erzählt Stephan Horn. Der Nachbarssohn, der mit ihr zusammen in München-Neuhausen aufgewuchs, ist heute Anwalt.

"Auf sie ist 100-prozentig Verlass. Sie setzt immer die richtigen Prioritäten."Im Gegensatz zur langjährigen Freundschaft ist ihre Beziehung zum ersten Arbeitgeber nur kurz. Zwar gefiel ihr der Beratungsansatz, aber: "Rodenstock at Daimler-Chrysler funktionierte nicht. Zu groß, zu unbeweglich. Ich wollte mehr voranbringen und stärker die Werte leben, die ich von zuhause mitbekommen habe: Eigenverantwortung und Selbstbestimmung." Dann doch lieber Brille als Stern.

Damals wäre ein günstiger Moment für ihren Eintritt ins Familienunternehmen gewesen. Doch der Vater wollte das nicht - entweder ganz oder gar nicht. Er erwartet, dass sie es erst anderswo schafft, bevor er sie ans Steuer lässt. Damals hinterfragt Tochter Beatrice seine Entscheidung aber nicht: "Mir fehlten das Selbstvertrauen und die nötige Reife. So war ich weiter gezwungen, mir etwas Eigenes zu suchen."

Zurück in München gründet die knapp 30-Jährige mit Bekannten zum ersten Mal und stellt fest: "Das ist genau mein Ding." Aber ihre Web-Auktion für Werbung floppt und die Partner sind nicht nach ihrem Geschmack. "Es ging zu sehr um die schnelle Mark als um Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit." Sie steigt aus. "Trotzdem war das eine wichtige Erfahrung, die mich auf meiner langen Suche entscheidend vorangebracht hat."

Ein Cowboyhut weist ihr schließlich den Weg zum Traumjob. Auf dem Rückflug von Vietnam kommt sie darüber mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch. Sie erzählt von ihrem Wunsch, noch mal zu gründen. Er schreibt ihr die Telefonnummer eines Bekannten auf, der wie sie aus der internen Beratung kommt und sich ebenfalls selbstständig machen möchte. Die beiden stellen schnell fest, dass die Chemie stimmt.

Ein neues Familienunternehmen

Inzwischen hat ihre gemeinsame Beratung Naviget zehn Mitarbeiter. Die Kunden kommen auf Empfehlung. Beatrice Rodenstock veranstaltet mit Inhabern und möglichen Nachfolgern Seminare und individuelle Coachings. Sie klärt zum Beispiel, ob eine familiäre Lösung Sinn macht oder ob es lieber ein externer Kandidat sein soll. Sie moderiert, wenn zwischen Verwandten Emotionen hochkochen und erarbeitet Ausstiegsszenarien. Ihr Vater kommt immer dann zum Einsatz, wenn der Senior einen Gesprächspartner auf Augenhöhe wünscht. "So ein über 60-Jähriger öffnet sich bei mir leichter als gegenüber einem jungen Mädchen."

Tochter Beatrice bleibt offenbar das Küken. "Ein kleines Unternehmen zu gründen, ist ja schon mal was", sagt ihr Vater gönnerhaft. "Fröhlichkeit Charme, Disziplin und Intelligenz", nennt er als ihre Haupteigenschaften seit Kindheit an. Noch nicht mal jetzt, nach dem Abschluss von zwei Studiengängen, der Geburt von zwei Kindern und zwei Firmengründungen, scheint dem Vater ein neues Merkmal hinzufügenswert.

Das sieht ihr engster Vertrauter Stephan Horn, mit dem Beatrice als Kind über die Treppengeländer der Wohnanlage rutschte, anders: "Intellektuell ist sie vom Mauerblümchen zur heute strahlenden Rose geworden. Sie ist überzeugend und durchsetzungsstark, ohne an sozialem Gefühl, Verantwortungsbewusstsein und Bodenhaftung verloren zu haben."

Sie selbst hält sich für konservativ. Und macht das an ihrem zwiespältigen Verhältnis zu ihrem bekannten Namen fest. Das erste Mal entzifferte sie ihn als Vierjährige in einem Schaufenster. "Der Ladenbesitzer war kein Onkel von mir, wie ich dachte, sondern der Optiker nebenan", erzählt die Ur-Urenkelin von Joseph Rodenstock - dem Gründer der Dynastie. Das prägt. Als Kind fühlte sie sich als Teil von etwas Großem. Doch dann, bis zum Ende ihres Studiums noch, wäre sie ihren Nachnamen gern losgeworden, hätte lieber Müller oder Meier geheißen. "In der Schule, im Bekanntenkreis - überall stand ich unter Beobachtung. Dauernd hieß es, was macht die Rodenstock?"

Als sie vor fünf Jahren heiratete, entschied sie sich trotzdem für einen Doppelnamen. "Ich wollte klassisch den Namen meines Mannes annehmen. Doch auf der anderen Seite hatte ich Naviget gegründet und das Gefühl, jetzt bin ich auch endlich jemand eigenes unter dem Namen Rodenstock. Meinen Weg zu finden und mich darüber mit meinem Namen anzufreunden, hatte mich so viel Kraft gekostet, dass ich ihn nicht mehr aufgeben wollte."

So oder so. Die Brillen-Ära ist vorbei, die Rodenstocks müssen sich entscheiden, mit welchen Werten oder Projekten ihr Name künftig verbunden sein soll - auch einer der vielen Punkte, die die Naviget-Chefin mit Klienten klärt. Einen Workshop dazu hat Beatrice ihrem Vater jüngst zum 62. Geburtstag geschenkt. Und obwohl der konkrete Zeitpunkt noch offen ist, wann ihr Vater als Geschäftsführer derjenigen Gesellschaft abrittt, die die diversen Beteiligungen der Familie verwaltet, ist sich Beatrice Rodenstock sicher: "Unsere Vermögensverwaltung wird mein Paradestück in Sachen Nachfolgeplanung."

VITA
Beatrice Rodenstock
wird in München geboren.

Nach dem Abitur geht sie als Presseassistentin zum Modehaus Cerruti 1881 nach Paris.

Ihr Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München schließt sie als Diplomsoziologin ab und steigt bei DaimlerChrysler als interne Beraterin ein. Ihre Hauptaufgabe: Fusionsfolgen mildern.

Mit Bekannten gründet sie das Online-Start-up MediaTradeCenter in München, verlässt es aber kurze Zeit später.

Sie gründet mit Bekannten die Münchener Beratungsfirma Naviget. Sie berät vor allem Geschäftsinhaber, die eine optimale Nachfolgelösung suchen.

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